Anfang in der alten Welt

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

Verzeichnis der Abbildungen:
Alfred the Great
Alfred-Poem
Armor-Weapons
Cannon-Gunpowder
Caravan-Desert
Castle
Castle-Crusader
Cellini-Statue
Columbus-Plan
Columbus-Ship
Duke William-England
Empire-Roman
English-Cathedral
Havana-Cuba
Hunnen-Germane
Hunter
Knight-Horseback
Knight-King
Knights-Crusade
Knights-Tournament
Magna-Charta
Map-England
Marco Polo-China
Marco Polo-Khan
Medieval-Town
New World-Discovered
Montserrat-Spain
Queen Isabella-Columbus
Robin Hood-Nottingham
Roman Warrior-Roman Citizen
Roman-Emperor
Roman-Teuton
Scythe-Peasant
Soldier-Roman
Teutonic-Warrior
Teutonic-Warrior-Attack
Town-Walled
Viking-Ship
Vinland-Viking
William Caxton-Printing
Wotan

Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Grenzstreitigkeiten und Kap-Kairo-Bahn.

Der geheimnisvolle Schleier, der ĂŒber den VorgĂ€ngen am Kiwusee lieg, ist immer noch nicht gelĂŒftet. Man kann nicht gerade sagen, dass es ein erhebendes Schauspiel ist, wie die öffentliche Meinung in dieser Angelegenheit, die sie doch schliesslich auch etwas angeht, aufs Munkeln angewiesen ist. Wozu die Heimlichtuerei gut sein soll, ist eigentlich unerfindlich, sie weckt und nĂ€hrt höchstens das Misstrauen, das seit dem Zanzibarvertrag unseligen Angedenkens uns nun einmal noch in den Gliedern steckt. Und die Meldungen der „Deutsch-ostafrikanischen Zeitung“ haben diesem Misstrauen erst recht Nahrung gegeben. Nach den von dieser Zeitung hartnĂ€ckig festgehaltenen Mitteilungen soll bereits ein deutsch – englischer Vertrag vorliegen, wonach wir den EnglĂ€ndern einen Teil der Landschaft Mpororo ĂŒberlassen und ausserdem einen Streifen Landes, der es ihnen ermöglicht, die Kap-Kairo-Bahn ganz auf englischem Boden durchzufĂŒhren und so die absolute englische Vorherrschaft in Afrika auf alle Zeiten zu begrĂŒnden. Es soll nach Angabe der erwĂ€hnten Zeitung bereits ein fertiger Vertrag beim englischen Gouvernement in Nairobi liegen. Diese Mitteilungen sind so ungeheuerlich, dass man sich strĂ€ubt, ihnen Glauben zu schenken. Die offiziöse „Köln.Ztg.“ behauptete denn auch neulich auf Grund von Meldungen aus London, dass in allernĂ€chster Zeit zwischen Deutschland, England und Belgien in BrĂŒssel ĂŒber die BesitzverhĂ€ltnisse in der Gegend von Ruanda Besprechungen eröffnet werden. Ueber weiter gehende, auf die allgemeine Kongo-Politik bezĂŒgliche Abmachungen zwischen Deutschland und England sei nichts bekannt.

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England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Endlich hat die englische Regierung im Streit um die Bagdadbahn ihre Karten aufgedeckt. Das Verdienst, Klarheit in die verworrene Situation gebracht zu haben, gebĂŒhrt dem englischen StaatssekretĂ€r des AuswĂ€rtigen, Sir Edward Grey, der in der Unterhaussitzung vom 8. d. M. klipp und klar zum Ausdruck gebracht hat, wie die englische Regierung ĂŒber die Bagdadbahn denkt. Sir Grey gestand offen ein, daß rechtlich gegen den Weiterbau der Bagdadbahn, auch bis an den Persischen Golf heran, nichts einzuwenden sei; die Konzession sei der Bagdadbahngesellschaft seitens der tĂŒrkischen Regierung erteilt worden und könne von keinem Dritten, auch von England nicht, angefochten werden. Aber Tatsache bleibe es, daß die Bagdadbahn strategische und handelspolitische Bedeutung besitze und daher geeignet sei, die Lage Englands am Persischen Golf politisch und kommerziell zu gefĂ€hrden. Ganz offen erklĂ€rte Sir Grey, an welcher Stelle England einzugreifen gedenke, um der Vollendung der Bagdadbahn Hindernisse in den Weg zu legen, falls sich die TĂŒrkei weigern sollte, der englischen Regierung eine genĂŒgende Sicherheit zum Schutze der gefĂ€hrdeten englischen Interessen zu bieten. Ohne weitere Umschweife stellt Sir Grey in Aussicht, daß im WeigerungsfĂ€lle England die Bewilligung der von der tĂŒrkischen Regierung schon seit lĂ€ngerer Zeit beantragten Zollerhöhung ablehnen wĂŒrde; denn England könne es nicht billigen, daß die Mehreinnahmen aus den Zöllen zu Bahnbauten verwendet wĂŒrden, die den englischen Interessen zuwiderliefen, es sei denn, daß England die bewußte „Sicherheit“ zum Schutze seiner Interessen geboten wĂŒrde.

Worin nun diese „Sicherheit“ bestehen soll, hat Sir Grey nicht verraten, aber wer die Verhandlungen und PresseĂ€ußerungen ĂŒber die Bagdadbahn wĂ€hrend der letzten Wochen verfolgt hat, wird unschwer herausfinden, worauf Sir Grey mit diesen Worten anspielte. Eine „Sicherheit“ vor unliebsamen Ueberraschungen wĂŒrde die englische Regierung darin erblicken, wenn ihr eine Beteiligung- am Ausbau der SĂŒdstrecke der Bagdadbahn zwischen Bagdad und Bassra zugestanden wĂŒrde, denn dort im SĂŒden Mesopotamiens, in den an den Persischen Golf angrenzenden Gebieten des Zweistromlandes wĂŒnscht England Einfluß zu gewinnen, um gegen eine vom Norden drohende Ueberrumpelung in seiner Stellung am Persischen Golf gesichert zu sein.

Es wird der ganzen Kunst der beteiligten Diplomaten bedĂŒrfen, um hier einen Ausgleich zwischen den WĂŒnschen Englands, den berechtigten Interessen der Bagdadbahngesellschaft und den Hoheitsrechten des Sultans herbeizufĂŒhren. London hat gesprochen; nun haben die Herren in Berlin und Konstantinopel das Wort.

In der TĂŒrkei ist man selbstverstĂ€ndlich wenig angenehm davon berĂŒhrt, daß England es versuchen will, Einfluß auf Entschließungen der tĂŒrkischen Regierung zu gewinnen, die mit der militĂ€rischen StĂ€rkung und Sicherung des Landes in Zusammenhang stehen. Ueber die Anlegung von Befestigungen und die Unterbringung von Truppen am sĂŒdlichen Endpunkt der Bahn, er mag nun in Kuweit oder sonstwo liegen, wĂŒnscht man in jung-tĂŒrkischen Kreisen uneingeschrĂ€nkt bestimmen zu können; hier aber möchte England mit RĂŒcksicht auf seine politischen Interessen am Persischen Golf auch ein Wort mitreden, soweit Gebiete in Frage kommen, die wie Kuweit in seine „InteressensphĂ€re“ fallen. DemgegenĂŒber hat der „Tanin“, das leitende jungtĂŒrkische Blatt in Konstantinopel, England zu verstehen gegeben, daß man bei FortfĂŒhrung der Bagdadbahn bis an den Persischen Golf gar nicht auf Kuweit angewiesen sei, sondern auch an anderer Stelle den Persischen Golf erreichen könne. Diese interessante Andeutung erinnerte mich an einen Gedanken, dem ich schon vor drei Jahren einmal in einem Artikel: „Aus dem Wetterwinkel am Persischen Golf“ (erschienen in der Zeitschrift „Der Deutsche“) Ausdruck verliehen habe. Die TĂŒrkei könnte ihre Position England gegenĂŒber in den Verhandlungen ĂŒber die Bagdadbahn viel mehr stĂ€rken, wenn es gelĂ€nge, fĂŒr den Endpunkt der Bahn einen andern Ort als Kuweit am Persischen Golf ausfindig zu machen. Dieser Platz liegt am Chor Abdallah bei der Insel Bubijan; nĂ€heres hierĂŒber enthĂ€lt der folgende Artikel:

Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?

D, O. K. 1911,17. MĂ€rz.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die TĂŒrkei, Deutschland und die WestmĂ€chte.
Deutschlands VerhĂ€ltnis zur TĂŒrkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die TĂŒrkei
Die Sorgen der tĂŒrkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen TĂŒrkei
Eine tĂŒrkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – NervositĂ€t
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges ĂŒber Kapitalanlagen in tĂŒrkischen Eisenbahnbauten und ĂŒber die Bagdadbahn

Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge

TextĂŒbersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Die Zugehörigkeit der Zwerge zu den Elben geht aus dem Namen Alberich hervor, der als Zwergkönig erscheint. Wie die Lichtelben im Freien wohnen und sich des Sonnen- und Mondenscheins freuen, so ist die Wohnung der Zwerge in den Tiefen der dunkeln Berge gelegen, sie sterben, wenn die Sonne sie bestrahlt. Von ihren aufgehenden Strahlen werden sie zu Stein verwandelt: es sind die zur Nachtzeit an den Berggipfeln haftenden, mit Sonnenaufgang schwindenden und dann die Felsenspitzen erscheinen lassenden Wolken- und Nebelgebilde.

Die Sage erzĂ€hlt, daß die kleinen Bergzwerge die Felsen bewohnten und in der Zwergenhöhle still ihr Wesen trieben. Als sie einst eine Hochzeit feiern wollten und nach ihrer Kirche auszogen, verwandelte sie ein gewaltiger Geisterbanner in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren, bannte er sie hinein. Noch jetzt sieht man sie in verschiedenen Gestalten auf den Bergspitzen stehen, und in der Mitte zeigt man das Bild eines Zwerges, der wĂ€hrend der Flucht der Übrigen zu lange im Gemache verweilte und in Stein verwandelt wurde, als er aus dem Fenster nach Hilfe umherblickte (D. S. Nr. 32). Sie sind besonders des Nachts tĂ€tig, die Sonne geht ihnen um Mitternacht auf. Das Zwergreich im mhd. Gedichte von Herzog Ernst und Laurin liegt im Berge und wird von einem sonnenhellen Karfunkel erleuchtet. Auf RĂŒgen wohnen die Zwerge in den neun Bergen unter der Erde, die durchsichtig von Anfang bis Ende sind und eigentlich rings mit Glas bewachsen. Jeder Zwerg wohnt wieder in einem glĂ€sernen HĂ€uschen, und erleuchtet wird die ganze Wohnung durch einen an der Decke hĂ€ngenden großen Kristall. Die Zwerge im MĂ€rchen Sneewittchen gehen am Tage in die Berge, hacken nach Erz und graben, nachts aber lassen sie ihre Arbeit liegen und kommen in ihr HĂ€uschen, wo das gedeckte Tischlein mit StĂŒhlchen, Tellerchen, Löffeichen, Messerchen, GĂ€belcben und Becherchen steht (K. H. M. Nr. 53). Ihre unterirdischen Höhlen sind voll kostbarer Edelsteine, Gold und Silber; wunderbares Licht strahlt von der Wölbung der Decke und aus den SeitenwĂ€nden. Die Höhle des Zwergkönigs Gibich hat WĂ€nde von blitzendem Stufenerz, die Decke ist von einem StĂŒck Schwertspat, weiß wie der Schnee. Mit gĂŒldenen Borten, mit Gold und Gestein sind die Rosen in Laurins Garten behĂ€ngen; sie geben sĂŒĂŸen Duft und lichten Schein. Vor des Berges Felsgestein steht eine grĂŒne Linde, und bunte helle Blumen stehen in BlĂŒte von jeder Farbe und Art. Lieblich durcheinander klingt der Vöglein Sang, und mancherlei Getier treibt da friedlich sein Spiel (100 ff., 900 ff.). BerĂŒhmt in der Sage ist außer dem Rosengarten in Tirol der zu Worms. Ein seidener Faden umgibt ihn, wie auch die GerichtsstĂ€tte mit SchnĂŒren umzogen ist. Aber ĂŒberreich an allen Kostbarkeiten der Welt ist das Innere des Berges selbst. Golden waren die BĂ€nke, von Edelstein gaben sie hellen Glanz. Mancherlei Spiel trieben die Zwerge. Auf der einen Seite sangen sie, auf der anderen sprangen sie, andere versuchten sich in KraftĂŒbungen; sie schleuderten den Speer und warfen den Stein. Auch mancher kunstfertige Mann ließ sich hören, Geiger, Harfner und Pfeifer. Zwei wonnigliche Zwerge traten auf, zwei kurze Fiedler; ihr Gewand war reich und schwer. Sie trugen Fiedeln in der Hand, die mehr wert waren als ein Land: sie waren rotgolden, vom Edelstein hatten sie hellen Schein, die Saiten gaben sĂŒĂŸen Ton. Dann traten zwei SĂ€nger auf, die waren geschickt im Vortragen von Gedichten; mit ritterlichen Geschichten ergötzten sie ihre GĂ€ste (1010 ff.).

Weil die Zwerge in den Bergen und unter der Erde wohnen, heißen sie in Norddeutschland Unterirdische, in Oldenburg Erdleute, in ThĂŒringen BergmĂ€nnlein und ErdmĂ€nnchen, in SĂŒddeutschland Erdschmiedlein; wegen ihrer friedlichen, stillen TĂ€tigkeit heißen sie das stille Volk (D. S. Nr. 30, 31). Reich an Zwergsagen sind die AlpenlĂ€nder, Norddeutschland und England.

Aus der Erde dampft der Nebel empor, Nebel lagert ĂŒber Höhlen und Bergen, daher werden die Zwerge zu Nebelwesen. An nebligen Abenden steigen die Zwerge aus dem Boden hervor, um Hochzeit zu feiern oder beerdigen unter großem Wehklagen eine Leiche. Ein Zwergkönig, der ungastliche Aufnahme gefunden hat, wĂ€chst zu riesiger GrĂ¶ĂŸe an und schwebt in Nebel aufgelöst am Absturze des Schneeberges hinan zum Zwergenstein. Der aus dem Erdloch aufsteigende Nebelrauch rĂŒhrt vom Herdfeuer der Zwerge her; wenn sie kochen und backen, steigt aus dem Loche der Berge der Dampf hervor: dann glaubt man, es will regnen (D. S. Nr. 298, 34). Im tirolischen Hochgebirge hausen die EismĂ€nnlein, die Fernerzwergl, vom weißen Nebelmantel umwallt, und herrschen ĂŒber die Eis- und Schneewelt; im Schnee sieht man ihre FĂŒĂŸe abgedrĂŒckt. Zwerghaft und greis vom Ansehen entlehnen sie die graugrĂŒne oder geibgrĂŒne Farbe ihres Gewandes vom Baummoose des Bergwaldes und von der grĂŒnen Gletschernacht, den schattenden Wetterhut von den Nebelhauben ihres Hochgebirges. Gern sitzen sie auf den Fels VorsprĂŒngen und schauen ernsten Antlitzes auf die sie umgebende unendliche Welt emporstarrender Eisnadeln und Eispyramiden, lassen sich von Nebelgestalten umtanzen, formen Wolken zu festen Ballen, verdichten sie, zerreißen sie, zerblasen sie zu Flocken, weben sie zu Schleiern und Nebeldecken, schicken sie als Höhrauch ĂŒber alle Fernen hin, brauen Wetter, schleudern Hagel, senden Lawinen in die GrĂŒnde nieder, den Hut tief im Gesicht und Wölkchen aus ihren Pfeiflein in die Luft entsendend.

Der Mantel, Hut und die FĂ€higkeit, sich unsichtbar uz machen, weist gleichfalls auf den Nebel hin (S. 99).

Durch seine Tarnkappe verbirgt sich Laurin vor Dietrich und bringt ihm zahllose Wunden bei. Laurins Vetter, Walberan, versteht es, durch Zauberkraft seine sĂ€mtlichen Mannen unsichtbar zu machen. So rĂŒcken sie gegen Bern vor, und keiner kann etwas von dem kleinen Volke sehen. Aber EĂŒnhild, Laurins Gefangene, gibt jedem der Helden einen Ring, so daß sie ihre Feinde sofort erkennen können (1555), und die Ringe, die Laurin Dietrich und seinen Gesellen gegeben hat, nehmen den hĂŒllenden Schleier von Walberans unsichtbarer Schar. Auch der Ring, den Ortnit von seiner Mutter hat, gibt ihm die Kraft, Alberich zu sehen. Dieser Ring vergleicht sich dem Flug (Schwan)-ring, der Verwandlung in Vogelgestalt oder Flugkraft verleiht (s. u. Schwanjungfrauen). Noch eiu anderer Ring oder GĂŒrtel verleiht Laurin die Kraft von zwölf MĂ€nnern (191 ff., 535 ff., 1174 ff.). Alberich hat wohl durch den Ring, nicht durch die Tarnkappe, die Kraft von zwanzig oder zwölf MĂ€nnern (Biterolf 7838). Der Schevfenberger empfĂ€ngt von einem Zwerge einen GĂŒrtel, der die StĂ€rke von zwanzig MĂ€nnern gibt, und einen Ring: solange er den habe, zerrinne sein Gut nimmermehr (D. S. Nr. 29). Im Eckenliede gibt der Zwerg Baidung, Alberichs, des frĂŒheren Herrschers, Sohn, Dietrich einen wunderbaren Stein, der seinen Besitzer gegen Hunger und Durst schĂŒtzt und die Kraft hat, seinem TrĂ€ger die WĂŒrmer eines Schlangenturmes vom Leibe zu halten.

Die GrĂ¶ĂŸe der Zwerge wird verschieden angegeben.

Bald erreichen sie das Wachstum eines vierjĂ€hrigen Kindes, bald erscheinen sie weit kleiner, nach Spannen oder Daumen gemessen. Laurin ist drei Spannen lang, die Erdgeister, die bei Hermann von Rosenberg Hochzeit feiern, sind kaum zwei Spannen lang (D. S. Nr. 42), andere droi-viertel Elle hoch (D. S. Nr. 37). Ihrer neun können in einem Backofen dreschen. Die Zwerge sind meistens alt (S. 114), haben einen eisgrauen Bart, der bis aufs Knie reicht und eiu verrunzeltes Gesicht; Zwergkönig Gibich ist rauh von Haaren wie ein BĂ€r. Ein Höcker oder ein dicker Kopf entstellt oft die kleine Gestalt, .fahl und grau, schwarz und eisgrau ist ihre Farbe (K. H. M. Nr. 92, 165). Sie haben GĂ€nsefĂŒĂŸe, und dann trippeln sie leise wie Vögel daher und tragen lange MĂ€ntel, sie zu bedecken (D. S. Nr. 149), oder GeißfĂŒĂŸe, dann trappeln sie ziemlich laut. Das Laufen der Zwerge ĂŒber eine BrĂŒcke gleicht dem einer Schafherde (D. S. Nr. 152).

Alberich und Laurin reiten auf Rossen, die so groß sind wie eine Geis, der Zwergkönig Antilois (in Ulrichs Alexander) auf einem Rosse von Rehes GrĂ¶ĂŸe, an dessen Zaume Schellen erklingen: er zĂŒrnt auf Alexander, der ihm seinen Blumengarten verdorben hat, wie Dietrich den Laurins. Ein WichtelmĂ€nnchen reitet geradezu auf einem Reh. Die Kleidung der Zwerge gleicht oft der der Bergleute, sie tragen eine weiße Hauptkappe am Hemd, ein Leder hinten und haben Laterne, SchlĂ€gel und Hammer (D. S. Nr. 37): darum heißen sie auch lederne MĂ€nnle in Schwaben.

Es ist wohl möglich, daß manche Sagen von Zwergen und Riesen mit wirklichen eingeborenen oder feindlichen StĂ€mmen in Zusammenhang stehen. Die Tatsache, daß die Riesen (HĂŒnen) historische Namen wie Hunnen tragen, ist sehr bedeutsam, auch wenn ein gerrn. Wort hunaz (stark, krĂ€ftig vgl. xity/og) sich frĂŒhzeitig mit dem Namen des wilden Reitervolkes vermischt haben sollte. Die Volkssage hat die Erinnerung an die Riesen als ein uraltes, lĂ€ngst vergangenes Geschlecht bewahrt: vor tausend und mehr Jahren war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt (D. S. Nr. 318, 324); im Elsaß auf der Burg Niedeck waren die Ritter vor Zeiten große Riesen (D. S. Nr. 17). Die Riesen erscheinen als Heiden aus dem Steinzeitalter, die sich scheu vor den erobernden Menscheu zurĂŒckzieheu und ihren Ackerbau und die KlĂ€nge ihrer Kirchenglocken verwĂŒnschen. Die Furcht des rohen Eingeborenen vor dem zivilisierten Eindringlinge wird vortrefflich in der Sage von der Riesentochter geschildert, die den Bauern mit Ochsen und Pflug als Spielzeug in ihrer SchĂŒrze nach Hause trĂ€gt; aber die Mutter befiehlt ihr, die Sachen wieder hinzutragen; „denn“, sagte sie, „es ist ein Volk, das den Hunnen viel Schaden tun kann“ (D. S. 17, 319, 324).

In den Zwergsagen der Kelten und Germanen lebt die Erinnerung fort an ein kleines Geschlecht, die sogenannten Pfahlbauern, das Ă€ltere Rechte hatte als die Eindringenden, aber arm, dĂŒrftig, des Brotbackens unkundig, in SĂŒmpfe und Höhlen scheu zurĂŒckwich und feige und hinterlistig nur des Nachts sich aus dem Verstecke hervorwagte. In einer Reihe von Sagen sucht der Schwache den MĂ€chtigen zu ĂŒberwinden, der Kleine den Großen, und da er ihm an Körperkraft unterlegen ist, so greift er zu List und Betrug. Auch das Motiv der Raubehe — am klarsten in der Laurinsage erhalten — enthĂ€lt verblaßte Erinnerungen an KĂ€mpfe, die von StĂ€mmen kleineren Körperschlages gegen solche von grĂ¶ĂŸerem dereinst zur Urzeit in Europa gefĂŒhrt wurden. Alle Zwerge der Heldensage sind Wesen von Fleich und Blut, ganz wie die Menschen; ihre körperliche Existenz wird nirgends in Frage gestellt, und keinem Dichter fĂ€llt es ein, in ihneu auch nur im geringsten eigentlich geisterhafte Wesen zu sehen. Die Kobolde, Nixen, Unterirdischen gehören zweifellos zu den Geistern und NaturdĂ€monen, aber die in den Bergen wohnenden ZwTerge des mittleren und sĂŒdlichen Deutschland besitzen ein weit mehr körperhaftes Wesen und nĂ€hern sich so den Zwergen der Heldensage. Ihre Urbilder stammen nicht aus der Luft, noch aus den Wolken, noch aus dem Wasser, sondern von der Erde selbst; es ist fĂŒr die Ethnologen heute eine feststehende Tatsache, daß in Mitteleuropa in vorgeschichtlicher Zeit Zwerge gewohnt haben. Nur durch die ZurĂŒckfĂŒhrung der Zwerge auf jene vorgeschichtliche Bevölkerung erklĂ€ren sich ihre Beziehungen zum „Menschengeschlecht“, d. h. zu den spĂ€ter ein wandernden und sie bedrĂ€ngenden grĂ¶ĂŸeren Rassen, die vielleicht schon Arier waren. Wer von diesen Zwergen nicht getötet wurde oder sich in die Schlupfwinkel schwer zugĂ€nglicher Gebirge retten konnte, wurde unterjocht und dienstbar gemacht, und sie wurden mit der Zeit willige, fleißige, treu ergebene Diener, die gerade durch ihr kleines, aber flinkes Wesen zur Bebauung des Ackers wie zu Handwerksarbeiten geeignet waren, besonders aber als kunstfertige Schmiede scheue Bewunderung erregten; es steht fest, daß die Arier zur Zeit ihrer Einwanderung in Europa in der Steinzeit lebten und keine Kenntnis der Metalle und der Schmiedekunst besaßen (s. u. Feuergott). Der stete Kampf aber mit den um ihr Land und ihre Freiheit ringenden Zwergen, die zuletzt auch aus ihren tiefen WĂ€ldern und verschwiegenen Bergen vertrieben wurden, rief, zumal bei der hinterlistigen KriegsfĂŒhrung mit all ihren Greueln, zu denen auch der oft erwĂ€hnte Frauenraub gehört, Abscheu gemischt mit Furcht hervor. In der Sage und Poesie lebt die seltsame Erscheinung des fremdartigen Zwergvolkes weiter, seine eigenartigen, dem Germanen so ganz widersprechenden Gewohnheiten, Sitten und Handlungsweisen, zumal im Kampfe, die HeimtĂŒcke und Rachsucht, aber auch die sklavische UnterwĂŒrfigkeit und hĂŒndische Treue. So versteht man die Klage der Zwerge ĂŒber den Verlust des Landes, dessen Herren sie einst waren, ĂŒber das Vordringen einer ihnen fremden Kultur und Religion, das sie zur Auswanderung zwinge, ĂŒber die Schlechtigkeit des Menschengeschlechtes, das dafĂŒr noch werde zu bĂŒĂŸen haben und schon durch VerkĂŒrzung des Lebens bĂŒĂŸe. Nur die Ethnologie erklĂ€rt also die wesentlichsten ZĂŒge in dem sagenhaften Bilde der Zwerge: ihre Herkunft, ihre Gestalt, ihre Wohnungsart, ihr VerhĂ€ltnis zu den „Menschen“, ihre BeschĂ€ftigung und die ihnen zugeschriebenen ĂŒbernatĂŒrlichen Gaben. Aber mit diesen Gestalten der Gegenwart und Wirklichkeit verschmolzen die Seelen- und Naturgeister, die die Arier mitbrachten; erst so entstand in SĂŒddeutschland das typische Zwergbild, das uns die Sage ĂŒberliefert, und es erhielt neue Farbe und frisches Leben, als sie die mißgestalteten Hunnen und Avaren kennen lernten. Attila wird ganz wie ein Zwerg geschildert, und das Nibelungenlied spricht von „wilden Zwergen“, die mit den Hunnen verbunden waren. So ist die deutsche Zwergsage nicht aus einer, sondern aus zwei Quellen geflossen: in der Sage des norddeutschen Tieflandes ĂŒberwiegt die geisterhafte Natur der Zwerge, in den Berggegenden die natĂŒrliche, menschliche.

Noch eine andere, hierher gehörende Sagengruppe lĂ€ĂŸt sich vielleicht aus denselben ethnologischen VerhĂ€ltnissen erklĂ€ren. Gegen die stĂ€rkeren Eindringlinge suchte sich die Urbevölkerung durch Anlegen von Hecken und Verhauen zu verteidigen. Aber erbarmungslos zertrat deren Fuß der Blumen bunte Pracht und raubte mit roher Gewalt die schönen Töchter des Landes, wenn ihnen nicht die List ihrer HĂŒter zuvorkam und ihnen Spott und Schaden bereitete. So dringt im MĂ€rchen vom Dornröschen der Prinz durch die Hecke und gewinnt die Braut (K. H. M. Nr. 50; die „natursymbolische“ Deutung s. u. Mythen und MĂ€rchen); und aus denselben Schiftzhecken gegen feindliche ÜberfĂ€lle können die durch die ritterliche Dichtung des Mittelalters bekannten RosengĂ€rten stammen, der bei Worms, wo Gibich König ist, und der bei Meran, wo Laurin herrscht: ihre bisherige Deutung als alte Elfen- und Totenreiche hat nie recht befriedigt.

Pytheas von Massilia hat seltsame Kunde erfahren von den Eieressern, den Öonen, von denen noch Caesar hörte von den PferdefĂŒĂŸlern, den Hippopoden, von den Ganzohren, Panotiern, deren große Ohren den ganzen Körper bedecken und eine andere Bekleidung ĂŒberflĂŒssig machen. Es ist möglich, daß dieser Bericht eine mĂ€rchenhafte Entstellung einer Mantel- und Kapuzentracht ist, wie sie Seeanwohnern zum Schutze gegen Regen und Wind nötig sein mochte. Aber bei den PferdefĂŒĂŸlern ist man versucht, au die ganze oder halbe Roßgestalt des Nixes zu denken (S. 104). Gegen PlattfĂŒĂŸler und Langohren muß Herzog Ernst kĂ€mpfen: ihre Ohren reichen bis ĂŒber die Knöchel herab und sind so breit, daß sie sich ganz darein hĂŒllen können; sie bedĂŒrfeu keiner RĂŒstung, da die Ohrenhaut hieb-und stichfest ist (4824 ff). Vielleicht hat Pytheas Kunde von den deutschen Zwergsagen erhalten. Wenn selbst ein so verstĂ€ndiger Beurteiler wie Tacitus mythische Namen fĂŒr wirkliche VolksstĂ€mme ansieht und sogar deren geographische Lage angibt, um wieviel verzeihlicher wĂ€re ein solcher Irrtum bei dem Entdecker unserer Ahnen! Da noch heute Sage und MĂ€rchen vom Nix in Roßgestalt und vom Zwerg Langohr erzĂ€hlen, könnten wir beide ĂŒber 2400 Jahre zurĂŒck verfolgen und hĂ€tten in diesem Berichte des Pytheas die Ă€lteste direkte ErwĂ€hnung unserer Mythologie.

In der Schweiz glaubt man, das Echo rĂŒhre von den Zwergen her. Als Dietrich mit Ecke streitet, geben Berg und Tal Stimme und Antwort von sich, d. h. die in ihnen hausenden Zwerge. Große SchĂ€tze von Gold, Silber und Edelsteinen scharren sie in ihren Höhlen zusammen und bewachen sie sorgfĂ€ltig (D. S. Nr. 30, 36, 160; K. H. M. Nr. 53).

Kuodlieb hat einem Zwerge vor der Höhle eine Falle gelegt; der ist hineingeraten, und die HĂ€nde sind ihm festgeschnĂŒrt; schreiend springt er hin und her, um fortzukommen, bis er endlich ermĂŒdet und atemlos niedersinkt und wehmĂŒtig seinen Besieger um Schonung bittet: ,Schenke mir Armen das Leben, ich melde dir etwas, das dir sicherlich angenehm ist. Wenn du mich nicht tötest und mir die HĂ€nde frei machst, zeige ich dir einen Schatz, den zwei Könige haben, Immunch und sein Sohn Hartunch; diese wirst du im Kampfe besiegen und töten. Dann bleibt nur des Königs Tochter, die schöne Heriburg ĂŒbrig als Herrscherin ĂŒber das ganze Reich. Es Ist dir beschieden, sie zu gewinnen, aber nur mit großem Blutvergießen, wenn du nicht meinem Ratschlage folgst, den ich dir geben werde, wenn du mich befreit hast“. Auch im N. L. (468) wird Alberich gefesselt, und auch er bittet wie der Zwerg im Ruodlieb um Schonung (467). Wie Ruodlieb ein Schwert erhĂ€lt (S. 114), so geben Schilbung (der Zitternde, Bebende, an. skjalfa) und Nibelung Siegfried zum Lohne fĂŒr die Teilung des Nibelungenhortes König Niblungs Schwert (93). Alberich hĂŒtet den Schatz wie der Zwerg, den Ruodlieb fangt. Es ist soviel des Gesteines und Goldes, daß hundert Leiterwagen ihn nicht forttragen können, und hĂ€tte man die ganze Welt damit erkauft, er wĂ€re dennoch nicht vermindert, denn der Wunsch lag darunter, ein golden RĂŒtelein (1063/4). Auch nach dem Seyfriedsliede hĂŒten Niblings Söhne, Eugels BrĂŒder, ihres Vaters Schatz. Siegfried ladet ihn auf sein Roß und versenkt ihn heimlich im Rheine. Auf dem ersten Abenteuer, das jung Dietrich besteht, sieht er beim Verfolgen einer Hirschkuh einen Zwerg laufen; ehe er noch seine Höhle erreichen konnte, packt ihn Dietrich und schwingt ihn zu sich in den Sattel. Es ist Alberich, der berĂŒchtigte Dieb und der listigste aller Zwerge. Als Lösegeld verspricht er Nagelring, das beste aller Schwerter, und als Dietrich mißtrauisch schwankt, schwört ihm Alberich einen heiligen Eid (Thi-dreks. 16). Einen goldenen Ring und ein Schwert erhĂ€lt der Graf von Hoia von einem Zwerge, weil er ihm seinen Saal einrĂ€umt, in dem die Zwerge Hochzeit halten (D. S. Nr. 35, vgl. Nr. 303). HochberĂŒhmt sind die Zwerge als Waffenschmiede. Alberich ist nicht nur der Dieb, sondern auch der Fertiger des Schwertes, das Ruodlieb zufĂ€llt. Er gibt dem Ortnit Schwert, Panzer und Helm, er schmiedet mit drei andern Zwergen zusammen das Schwert Eckesahs und Nagelring (Thidreks. 16). Alberich oder Euglin verschafft Siegfried das Schwert Balmung, sogenannt, weil es aus der Höhle (balma) stammt, oder „Sohn des Glanzes“ (got. balms-Glanz). Wade bringt seinen Sohn Wieland zu dem berĂŒhmten Schmiede Mime in Niedersachsen, damit er dort schmieden lerne. Auch Siegfried befindet sich dort und tut den Schmiedgesolien manches Böse, schlĂ€gt und prĂŒgelt sie. Das Schwert, das Wittich, Wielands Sohn, fĂŒhrt, ist dem Meister zu Ehren Mimung genannt. Nach drei Jahren bringt Wade seinen Sohn zu zwei Zwergen im Berge Ballofa (Balve in Westfalen) und zahlt ihnen dafĂŒr, daß sie ihn zwölf Monate lang in die Lehre nĂ€hmen, eine Mark Goldes. Aber nach Ablauf des Jahres wĂŒnschen sie Wieland zu behalten und geben das Gold zurĂŒck: wenn jedoch Wade nach Jahresfrist nicht am bestimmten Tage zurĂŒckkĂ€me, sei ihnen Wielands Leben verfallen. Wade lĂ€ĂŸt sein Schwert im buschigen Moore zurĂŒck, damit sein Sohn im Falle der Not sich seines Lebens wehren könne. Als er dann noch vor dem abgemachten Tage wiederkehrt, findet er den Berg verschlossen und legt sich schlafen. Infolge starken Regens und eines Erdbebens löst sich oben von dem Berge eine Klippe, stĂŒrzt mit einem Strome von Wasser, BĂ€umen, Steinen, Schutt und Erde auf Wade herab und tötet ihn. Um don Zwergen zu entgehen, reißt Wieland das Schwert heraus, erschlĂ€gt sie, nimmt all’ ihr Schmiedezeug und all’ das Gold und Silber, bepackt sein Roß mit dem Schatze und verlĂ€ĂŸt Westfalen (Thidreks. 57 ff.). Im Arthusromane des Strickers „Daniel“ besitzt der Zwerg Juran ein wunderbares Schwert, dem keine RQstung widerstehen kann. Seine Waffe, die sogar einmal mit der sagengemĂ€fien Bezeichnung ,sahs‘ benannt wird, schneidet Stein wie Holz: er haut in einen Fels ein solches Loch, daß man da durchreiten kann; wenn sich ein Mann auch in zwölf Halsberge kleidet, so ist er doch nicht dagegen geschĂŒtzt. Er lĂ€ĂŸt sich mit Daniel in einen Zweikampf ein, dessen Preis in der Liebe einer Frau bestehen soll, darf aber sein Zauberschwert dabei nicht benutzen. Ein Kreis wird fĂŒr den Kampf beschrieben, das Schwert wird weit außerhalb desselben niedergelegt, und bald zerbricht dem Zwerge sein Schwert. Daniel setzt dem kleinen Herrn fĂŒrchterlich zu, kann ihm aber weder Helm noch Halsberg verschneiden. Da springt Juran nach dem beiseite gelegten Schwerte, Daniel aber ĂŒberholt ihn mit seinen »langen Beinen und faßt es zuerst. Vergeblich sncht der Zwerg es ihm zn entreißen, mit seiner eigenen Waffe wird ihm der Kopf abgehanen. Wie Daniels versagt auch Dietleibs Schwert vor Laurins in Drachenblut gehĂ€rtetem Panzer (185, 1373). Der drollige Wettlauf zwischen Daniel und Juran erinnert an den Alberichs und Siegfrieds, die wie die wilden Leuen an den Berg rennen, bis Siegfried seinem Gegner die Tarnkappe abgewinnt (N. L. 97, 98).

Die Zwerge sind nicht nur geschickt und klug, sondern auch heilkundig.

Kriemhild ist auf dem Drachenstein durch die dem Ungeheuer entströmende Glut ohnmĂ€chtig geworden, auch Siegfried ist die Farbe entwichen und kohlschwarz sein Mund. Da gibt Kugel Kriemhild eine Wurzel in den Mund, und sogleich ist sie genesen. Ein anderer Zwerg heilt Helfrichs Wunden, die er von Dietrich empfangen hat, mit einer Wurzel (Eckenl.). Baidung, Alberichs Sohn, gibt dem Berner eine Wnrzel, die den Zauber aufhebt, durch den Dietrichs Gegner, ein wilder Mann, unverwundbar ist. Er erzĂ€hlt ihm, daß der wilde Mann den hohlen Berg in Besitz nehmen wolle, darinnen tausend Zwerge wohnten, und daß er jeden Zwerg tote, der vor den Berg kĂ€me. Sneewittchen wird durch die Zwerge vor Krauk-heit und Tod gerettet (K. H. M. Nr. 53).

Die Gestalt des Zwergkönigs, der dem kleinen Volke vorsteht, braucht nicht erst aus der Zeit der Völkerwanderung zu stammen, sondern kann sehr wohl auf Erinnerungen an die vor den eimvandernden Deutschen ansĂ€ssige Zwergbevölkerung beruhen, die natĂŒrlich gleichfalls ein Oberhaupt gehabt haben muß.

Der jungfrĂ€ulichen Königin Virginal, die im Tiroler Hochgebirge thront, dienen viele edle Jungfrauen und Zwerge; sie benutzt den Zwerg Bibung als eiligen, zuverlĂ€ssigen Boten. Dietrichs Gesellen Wolfhart zeigt ein Zwerg einen hohlen Berg, wo viele Zwerge hausen, die alle der Virginal untertĂ€nig sind. Der Zwerg, den Dietrich vor dem wilden Manne rettet, nennt sich Baidung, Alberichs Sohn. Vor seinem Kampfe mit Vasolt kehrt Dietrich bei einem Zwergkönig Albrian ein und ĂŒbernachtet in dessen Burg. Dem Alberich gehorchen im Ortuit viele Berge und TĂ€ler, im N. L. ist er ein Dienstraann der Könige Schilbung und Nibelung. Im Ruodlieb begegnen als Zwergkönige Immunch und Hartung, in Ulrichs Alexander Antiloi8, in dem Artusromane des Pleiers Gare), Albewin, im Tandarois desselben Verfassers eine Zwergkönigin Albiun, im Seyfriedsliede Eugel und seine beiden BrĂŒder, die Söhne Königs Nibling. Laurin ist König in Tirol, nach seiner Besiegung durch Dietrich schickt der Zwerg Sintram Botschaft zu König Alberich, und dieser sendet sie weiter in andrer Zwerge Land, fernhin ĂŒber das Meer zu einem großen Herrn, der gewaltig ĂŒber alle Zwerge war, die jenseits des Meeres in den Bergen hausen. Walberan heißt dieser Zwergkönig und ist Laurins Oheim. Mit einem gewaltigen unsichtbaren Heere fĂ€hrt er von Asien nach Italien und bekriegt Dietrich; wenn nicht Laurin und Hildebrand vermittelt hĂ€tten, wĂ€re es dem Berner Übel ergangen. Sinneis ist Laurins Bruder, sein Land und Berg liegt bei dem Lebenneer, aber er genießt wenig Freuden; denn wilde WĂŒrmer verzehren ihm sein Heer, und in seiner Not bittet er Laurin um Hilfe (Wartburgkrieg; S. 112). Dem Zwergkönig Goldemar entreißt Dietrich eine geraubte Jungfrau. Auf Schloß Hardenberg an der Ruhr hĂ€lt sich König Goldemar als Hausgeist auf, spielt wunderschön Harfe, ist des Brettspieles kundig und teilt mit dem Grafen das Bett. Sein dreijĂ€hriger Aufenthalt auf dem Schlosse gilt eigentlich der schönen Schwester des Grafen, der den Zwergkönig Schwager nennt. Die Volkssage nennt ihn vielleicht König Volmar; als ein neugieriger KĂŒchenjunge ihm einmal Erbsen und Asche streute, damit er beim Fallen seine Gestalt in der Asche abdrĂŒckte, fand man den KĂŒchenjungen am andern Morgen am Bratspieße stecken. Der Zwergenherzog Eggerich rettet durch seine List Dietrich aus der Wurmhöhle, in die ihn Sigenot geworfen hat. Daß die Zwergkönige nach schönen MĂ€dchen trachten und sie in den Berg entfĂŒhren, ist durchaus mythisch; umgekehrt locken die Nibelungen, Kriemkild, Hagen und GĂŒnther, dessen rĂ€uberischer und doch feiger Charakter nur im Mythus seine ErklĂ€rung findet, Siegfried in ihr Nebel- und Totenreich. Reich ist auch die Volkssage an Zwergkönigen. Die Gemsen und Steinböcke gehören einem mĂ€chtigen Zwerge, der nicht duldet, daß seine Herde von den Menschen gelichtet wird. Als trotz seines Versprechens ein GemsjĂ€ger auf einen stolzen Leitbock anlegen will, reißt ihn der Zwerg am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund sinkt (D. S. Nr. 300, 301). Gibick (der Freigebige, GĂŒtige) ist König der Zwerge im Harz, gebietet ĂŒber Regen und herrscht in einem unterirdischen Reiche, das nicht minder glĂ€nzend ausgestattet ist als das Laurins; Gibiclieustein bei Halle und llĂŒbichenstein im Harz sind nach ihm benannt. Zwischen Walkenried und Neuhof hatten einst die Zwerge zwei Königreiche (D. S. Nr. 152). Der Zwerg, der dem Scherfenberger erscheint, hat eine goldene Krone auf dem HĂ€uptlein, und seine Geberden sind die eines Königs; er teilt ihm mit, daß ein gewaltiger König sein Genosse sei um eid großes Land: darum fĂŒhrten sie Krieg, und sein Nebenbuhler wolle es ihm mit List abgewinnen (D. S. Nr. 29). Tn einem roten scharlachfarbenen Mantel wird der König der Bergmilnnlein einem Manne sichtbar, der die Kunst verstand, Geister zu beschwören (D. S. Nr. 38). Ein alter Mann, des Namens Heiling (Nebelsohn?), herrscht als FĂŒrst ĂŒber die kleinen Zwerglein in Deutschböhmen (D. S. Nr. 151, 328). Eine Reihe deutscher Sagen erzĂ€hlt von dem Tode des Zwergkönigs, der den Genossen durch eine Botschaft mitgeteilt wird und sie zum Aufbrucho ruft: König Knoblauch ist tot! König Pingel ist tot! die alte Mutter Pumpe ist tot! Fehmöhme ist tot! (S. 78).

Wie die gefangene MĂ€hrte die Frau des Hauses wird oder als Magd und HaushĂ€lterin Dienste leistet, bis sie den Weg durchs SchlĂŒsselloch wieder frei findet und entflieht, so stellt sich um Mitternacht ein Schwarm Zwerge ein und macht sich eifrig an die unvollendet gebliebene Arbeit. Kommt mau aber plötzlich mit Licht oder streut Asche, um ihre Spur zu entdecken, so ziehen sie ab und kehren nimmer wieder. Sie verschwinden auch mit herzzerreißendem Weinen und Wehklagen, wenn man ihnen statt der alten abgetragenen Kleider neue hinlegt. In norddeutschen Sagen pflegen die Zwerge beim Abzug zu klagen: Ausgelohnt! Selten nur singen sie tanzend und hĂŒpfend:

Sind wir nicht Knaben glatt und fein,

Was sollen wir lÀnger Schuster sein?

(K. H. M. Nr. 39).

Nicht weil er ausgelohnt wird, sondern weil er sich entdeckt weiß, zieht der Zwerg und Hausgeist ab: in den Alpsagen kehrt dasselbe Motiv unzĂ€hlige Male wieder (vgl. D. S. Nr. 76).

In der Volkssage haben die Zwerge ein vollkommenes Familienleben und geordneten Hausstand. Sie haben Frauen und Kinder, aber sie mĂŒssen auch sterben.

Bei der Geburt ihrer Kinder bedĂŒrfen sie menschlicher Hilfe (D. S. Nr. 41, 68), bitten die Menschen zu Gevattern; sie feiern Hochzeiten, besuchen auch menschliche Hochzeiten (D. S. 39), verleihen und leihen Kessel, Töpfe, Teller und SchĂŒsseln (D. S. 33, 36, 154, 302), auch Brot (34), backen Brot und Kuchen (298) und trinken Bier (43). Aber das stille Volk wird durch die Errichtung der HĂ€mmer und Pochwerke vertrieben; wenn die HĂ€mmer abgingen, wollten sie wiederkommen (36). Auch das Schwören und Fluchen der Menschen, sowie deren Treulosigkeit beunruhigt sie und verjagt sie aus den geliebten Sitzen (34). Noch mehr als das Pochen der HĂ€mmer und MĂŒhlen, das Getöse der Trommeln, das Knallen der Peitschen und das laute Schreien ist ihnen das GlockengelĂ€ut verhaßt. Bei dem AbzĂŒge mĂŒssen sie oft Geld erlegen (D. S. Nr. 153), unsichtbar wie Walberans Schar ĂŒberschreiten sie die BrĂŒcke (152), lassen sich vom FĂ€hrmann gegen gute Belohnung ĂŒbersetzen und lassen sieb nie wieder sehen, oft haben sie auch Wohlstand und Gedeihen der Gegend mitgenommen.

Aber neben den erwÀhnten Mitteln, die Zwerge abzuwehren, kennt die Volkssage auch eine Elben pflege.

In Idria stellten ihnen die Bergleute tĂ€glich ein TĂŒpflein mit Speise an einen besonderen Ort. Auch kauften sie jĂ€hrlich zu gewissen Zeiten ein rotes Röcklein, der LĂ€nge nach einem Knaben gerecht, und machten ihnen ein Geschenk damit. Unterließen sie es, so wurden die Kleinen zornig und ungnĂ€dig (D. S. Nr. 38). Will man den BergmĂ€nnlein Fragen vorlegen, so muß man ihnen ein neues Tischlein hinsetzen, ein weißes * Tuch daraufdecken und SchĂŒsseln mit Milch und Honig, sowie Teilerchen und Messerchen vorlegen (D. S. Nr. 38). Eine Beichtfrage bei Burchard von Worms lautet; „Hast du kleine kindliche Bogen und Kinderstiefelchen gemacht und sie in deine Kammer oder Scheune gelegt, damit die Zwerge, Kobolde oder Schrate mit ihnen spielen, dafĂŒr Hab und Gut von andern dorthin tragen und du dadurch reicher werdest?* Der wohlbekannte Brauch, den WichtelmĂ€nnchen Spielzeug hinzulegen (z. B. Kugeln zum Hollen oder auch kleine Schuhe) oder Milch und Essen vorzusetzen, war also im 10. Jhd. ebenso lebendig wie noch heute und muß in das höchste Altertum zurĂŒckreichen (vgl. K. II. M. Nr. 39). Der Mönch von St. Gallen erzĂ€hlt im Leben Karls des Großen von einem Schrat, der das Haus eines Schmiedes besuchte und sich nachts mit Hammer und Amboß erlustigte (130).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverstÀndlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der MĂŒtter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
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