Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

Selten ist das Urteil eines Preisgerichtes mit so viel Spannung erwartet worden, als der Entscheid über den Entwurf für das Bismarck-National-Denkmal auf der Elisenhöhe bei Bingerbrück. Durch der Parteien Gunst und Haß war die Angelegenheit vom ersten Tage an verwirrt. Schon gegen die Wahl der Elisenhöhe wandten sich sofort erbitterte Gegner.

Als aber am 22. Januar ds. Js. die Preisrichter auf der Elisenhöhe versammelt waren, um gewissenhaft den Ort selbst zu prüfen, ehe sie die Entwürfe aburteilten, da ging das Urteil dahin: „Der Platz ist hervorragend zur Errichtung eines Denkmals geeignet“.

Hoch genug und frei genug, um nicht durch spätere An-und Umbauten dem Blick entzogen zu werden. Und doch nicht so wolkenhoch, daß nicht ein mäßig großes Bauwerk hier zur vollen Wirkung kommen könnte. Von allen Seiten her bleibt es immer gleich schön sichtbar. Wer aber hinaufsteigt durch den stillen Wald, den mächtigen Rheinstrom zur Seite, mit dem Blick auf Binger Loch, Mäuseturm und Ruine Ehrenfels, wer droben den herrlichen Ausblick auf den weiten Rheingau und weiter den Einblick ins Rhein- und Nahetal genießt, der zweifelt nicht, daß allen künftigen Besuchern der Denkmalstätte hier weihevolle Stunden sich bieten werden. Wer hier ein Denkmal errichten will, muß sich den Forderungen dieser Situation fügen. Mancher Feinfühlige hatte es schon längst ausgesprochen: „Wie schade, daß auch diese Stelle durch ein Denkmal verschandelt werden soll“.

Aber muß denn jegliches Denkmal von Menschenhand die Natur verschimpfieren? Schon steht an jener Stelle ein kleines tempelartiges Gebäude von rund 8 m Höhe, dessen außerordentlich malerische und stimmungsvolle Wirkung einstimmig anerkannt wird. An seine Stelle einen besseren, künstlerisch vollendeten, schön gegliederten Bau zu setzen, der in den Dimensionen nicht wesentlich über das Gegebene hinausgeht, das war nach Meinung vieler die eigentliche Aufgabe, die sich für den Wettbewerb ergab. Dem gegenüber muß festgestellt werden, daß von rund 379 Wettbewerbern nur wenige so gefühlt. Auch läßt der Wortlaut des Preisausschreibens vermuten, daß bei Erlaß desselben dieser Gedankengang nicht vorherrschte. An dieser Stelle, die das Rheintal beherrscht, sahen manche schon im Geiste einen riesigen, den Hügel als Basis der eignen machtvollen Schönheit benutzenden Bau himmelhoch auftrotzen. Freilich — gefordert wird das im Preisausschreiben nicht. Ausdrücklich ward erklärt, daß jede mögliche Lösung den Künstlern freigestellt sei. Einzig die Angabe, daß 1 800 000 Mark als Maximum der Bausumme vorgesehen seien, ließ die Auffassung zu, als müsse diese Summe auch erreicht werden. In Wahrheit hatte der Denkmals-Ausschuß damit nur eine äußerste Grenze ziehen wollen. Und doch haben von den Bewerbern nicht wrenige die Grenze erreicht, manche sogar überschritten. Ein Zeichen dafür, daß unseren heutigen Künstlern vielfach das Gefühl für das „est modus in rebus“ verloren gegangen ist.

Gewaltig ist heute die Enttäuschung weitaus der meisten Wettbewerber, weil die Majorität des Preisgerichtes diesen Standpunkt grundsätzlich verwarf. „Jeder Versuch, durch übermäßige Ausdehnung eine Wirkung zu erzielen, konnte nicht den Beifall der Preisrichter finden“, so lautet das Schlußurteil der Jury.

Eine bittere Erfahrung für viele Bewerber. Aber ist das nicht ein Charakteristikum jedes Wettbewerbes, daß der Künstler dabei nicht dem ausgesprochenen Willen eines bekannten Bauherrn, sondern der ungewissen Meinung einer unbestimmten Mehrheit gegenübersteht? Daraus resultiert dann eine unendliche Freiheit und Mannigfaltigkeit der Lösungen. In diesem Sinne ist natürlich jeder Wettbewerb eine Lotterie, aber eine Lotterie, in der auch der Verlierende gewinnt, wenn er nicht mit vorgefaßten Meinungen und übertriebenen Hoffnungen, sondern mit der Absicht an die Aufgabe herantritt, vor allem seine eigne Kraft zu stählen und aus den Erfolgen der Anderen im Falle der Niederlage zu lernen, bis auch ihm einmal der Sieg winkt. So aufgefaßt ist selbst dieser große Wettbewerb, der unendliche Opfer forcierte, ein Segen für die Künstlerschaft.

Damit soll nicht geleugnet werden, daß manchem diese Opfer bitter schwer geworden sind. Wenn heute von 379 Teilnehmern nur 20 eine materielle Entschädigung erhalten und weitere 21 durch eine lobende Erwähnung einen Trost davon getragen haben, so bleibt dem großen Rest nur eines übrig. Das stolze Bewußtsein, daß sie Zeugnis abgelegt haben für jene ideale Gesinnung, die trotz der unleugbaren materiellen Notlage in unserer Künstlerschaft steckt. Deswegen hat der Kunstausschuß des Bismarckdenkmals es für notwendig gehalten, sämtliche Entwürfe auf längere Zeit im Kunstpalast zu Düsseldorf öffentlich zugänglich zu machen, ehe sie vielleicht wieder in der Stille eines Magazinraumes oder eines Ateliers verschwinden.

Für das Preisgericht war es eine schwere Verantwortung, in wenigen Tagen diese 379 Entwürfe, zum Teil riesige Modelle, zahllose Zeichnungen, Schnitte und Grundrisse auf ihre künstlerische Qualität, wie auf ihre praktische Verwendbarkeit zu prüfen! Welche Verantwortung, insbesondere angesichts der Tatsache, daß schon vor Beginn der Sitzungen in Schrift und Druck den Preisrichtern Voreingenommenheit und allerhand unlautere Absichten vorgeworfen waren. Merkwürdigerweise haben gerade die Künstler, zu deren Gunsten die Juroren beschuldigt wurden, gar keine oder nur ganz nebensächliche Preise erhalten. Aber vergebens warten wir darauf, daß jene ungerechten Ankläger nun reuig und öffentlich Abbitte tun.



Es versteht sich, daß dem eigentlichen Preisgericht umfassende Vorarbeiten vorausgingen. Bereits seit Dezember hat ein königlicher Baurat mit drei Technikern die Kostenanschläge und die übrigen sachlichen Angaben der Wettbewerbseingänge geprüft und darüber Bericht erstattet. Es folgte die Ortsbesichtigung durch die Preisrichter auf der Elisenhöhe. Das Preisgericht setzte sich zusammen aus 4 Architekten: Theodor Fischer, Muthesius, Hoffmann-Berlin und Schumacher-Hamburg, aus drei Bildhauern: Tuaillon und Gaul-Berlin, Floßman-München , dazu aus Malern, Kunstgelehrten und dem Vorsitzenden des Gesamtausschusses. Besonderer Wert war darauf gelegt, daß der Wettbewerb möglichst nach den von den Künstler-Vereinigungen anerkannten Grundsätzen gestaltet wurde.

Wenn heute etliche Vertreter der Presse nach einem höchst flüchtigen Rundgang das Urteil des Preisgerichts als „grenzenlos verfehlt“ bezeichnen, wenn sie in ebenso viel Minuten, als jene Fachleute Stunden brauchten, eine bessere Liste der zu Prämiierenden fertig stellen, so ist das eines jener seltsamen und fast unbegreiflichen Wunder unserer heutigen Pressekultur, die im Zeichen des Schnellverkehrs Erstaunliches leistet.

Die ethischen, künstlerischen und sozialen Begleiterscheinungen dieses großen Wettbewerbes noch eingehender zu erörtern, wäre verlockend. Es erscheint das beinahe wichtiger, als die Betrachtung der einzelnen preisgekrönten Entwürfe, deren Art und Bedeutung aus den beigegebenen Abbildungen ohnedies erhellt. Nur soviel sei gesagt:

Der I. Preis ist als ein Doppelerfolg zu bezeichnen. Daß einstimmig die Preisrichter ihn emporhoben, ist einerseits darin begründet, daß er wie kein anderer still und feierlich dem Raume sich einpaßt, mit bescheidener Würde alles Anmaßende und Überschwängliche, kurz, daß er viele Fehler anderer vermeidet. Man darf mit Bestimmtheit hoffen, daß er allmählich sich auch in das Herz aller derer einschmeicheln wird, die heute erstaunt zurückweichen, weil sie die erhofften Posaunenstöße modernen Sichauslebens hier nicht vernehmen. Andrerseits trägt er in sich alle Keime zukünftiger Vollendung. Die Persönlichkeit des Bildhauers, Hermann Hahn, wie des Architekten, Hermann Bestelmeyer, bieten ja dafür Gewähr, daß der Entwurf in der Ausführung jene höchste Reife erreichen kann, die ihn zu einem wirklichen, das Zufällige gegenwärtiger Schulmeinungen überdauernden Kunstwerk machen wird. Leicht trägt der Hügel diese Last. Unbeschränkt kann sich dahinter der Festplatz bis zum Waldessaum ausdehnen, unbehindert bleibt der Ausblick in die Landschaft, malerisch ist der Durchblick von der Tiefe her. Eine stimmungsvolle Schöpfung ist jene Statue Jung-Siegfrieds im Innern des altgermanischen Steinkreises. Künftige Zeiten soll er daran mahnen, daß das deutsche Volk als ein jugendlich drängendes, kämpfendes und stürmendes eintrat in den Reigen der Nationen, geführt durch Jung-Siegfri—Bismarck.

Es gibt nicht wenige, die mit voller Überzeugung diese Gesichtspunkte für die allein maßgebenden und für alle Zukunft geltenden halten. Doch läßt sich nicht verkennen, daß damit eine scharfe Absage an gewisse moderne Bestrebungen verbunden ist. All das Ringen und Streben der letzten Generation, all diese Kämpfe für eine eigene originelle Kunstweise, all dieses Sich-sehnen nach Zwanzigstem-Jahrhundertstil wird dadurch als überflüssig, ja schädlich gebrandmarkt. Nicht ohne Grund fragt man sich: Soll die große sogenannte „moderne Bewegung“ nun klanglos dahingehen? War sie nichts weiter als ein spannendes Schlußkapitel zur Kunstgeschichte des XIX. Jahrhunderts? Hat man darum „Los von Rom“, „Los von der Antike“, „Los von der Historie“ geschrieen, um nun mit stillem Entsagen nordische Steinbauten neu zu beleben? Und noch eines. Wird die künstlerische Feinheit von Hahns Entwurf, dies bescheidene Sichgenügenlassen diejenigen befriedigen, die vor allem ein Monumentalwerk ersehnten, das auch in der äußeren Größe der Bedeutung des ersten Kanzlers gerecht wird? Verlangen nicht die meisten, daß das stilisierte oder realistische Bildnis des großen Mannes zum Mittel punkt des ganzen Aufbaues gemacht wird? So wird dieser erste Preis Keim eines heftigen Streites werden, und in den nächsten Wochen dürften im deutschen Blätterwalde wilde Kampfrufe gellen, bis (vermutlich in den Maitagen) die Entscheidung fällt.

Wenn Hahns Entwurf dann nicht die Mehrheit findet, welcher unter den übrigen Preisgekrönten könnte als vollwertiger Ersatz oder gar als besseres Modell gelten? Ein II. Preis fiel ja auf F. Brantzky-Köln. Sein Entwurf hat gewisse Qualitäten mit dem vorigen gemein. Nur schiebt er die Sockelmauer in mächtigem Schwünge weit vor den Abhang des Berges und läßt aus ihr ein stattliches Reiterbildnis emporwachsen. Die Steinpfeiler werden durch schlichte Säulen ersetzt, aber leider fast bis zu 2/3 Höhe durch eine Rundmauer abgeschlossen. Links und rechts flankieren Halbtürme den Rundbau, der sich nach der Rückseite zum Festplatz öffnet, den langgestreckte festungsartige Mauern seitlich begrenzen. Das Ganze macht so den Eindruck einer alten Bergfeste, d. h. mehr fest als festlich, mehr trotzig als einladend, aber jedenfalls wuchtiger, die Landschaft mehr dominierend und doch nicht erdrückend oder gar zerstörend. Die Silhouette der Elisenhöhe würde auch beiAusführung dieses Entwurfes gewinnen.

Der andere II. Preis des Architekten Alfred Fischer-Düsseldorf (Plastik: Walter Kniebe-Düsseldorf) mag zunächst allzu einfach erscheinen. Ein griechisches Tempelchen von bescheidenen Verhältnissen, mit einem etwas unbescheidenen Dache gedeckt. Wie aber dieses Tempelchen mit seiner davor liegenden tieferen Terrasse dem Berg angefügt ist, wie sich daran der Festhof und weiterhin ein langgestreckter Festplatz angliedert, das ist ohne Zweifel sehr geschmackvoll und feinfühlig. Hier ist nicht durch anspruchsvolle Kolonnaden und pompöse Triumphbogen die Ruhe der Landschaft gestört. In dem bescheidenen Umfange, in dem klassische Motive verwendet wurden, hat das Projekt auch für ausgesprochene Deutschtümler wohl nichts durch Hellenismus Verletzendes. Denen, die aus Kreissformen den Platz entwickeln, tritt hier eine gradlinig und rechtwinklig gegliederte Lösung entgegen, die doch das gegebene Terrain nach Kräften schont. Alle Einzelheiten sind freilich nur flüchtig angedeutet. Doch darf vorausgesetzt werden, daß diese einfache Ar chitektur von jedem geschmackvollen Künstler ohne weiteres gut und richtig detailliert werden kann. Im ganzen eine kluge und ruhige Arbeit, die nicht nur auf dem Reißbrett entworfen, sondern auch im Raume empfunden ist.

In welchem Sinne ein III. Preis dem Motto: „Seid einig“ (Bernh. Bleeker und O. O. Kurz-München) zuteil wurde, bedarf nach dem Vorgesagten kaum noch der Begründung. Es ist ein reicherer Typ des ersten preisgekrönten Entwurfes, eine Übersetzung in den Hellenismus. Leider wird der dorische Rundpfeiler eine größere Schmuckentwicklung nicht zulassen.

Der andere III. Preis ist auf Rieh. Riemerschmids Kuppelbau gefallen. Dieser Entwurf hat etwas sehr Stimmungsvolles. Er besitzt ein wenig Romantik, wie sie am Rheine wohl zulässig ist. Der nicht übermäßig große, aber zu vielfacher Anbringung von Plastik und Malerei verlockende Kuppelraum ist von bescheidenen Abmessungen. Der Umriß erinnert zwar an verschiedene kirchliche Gebäude, wirkt aber doch auch ein wenig weltlich, denkmalhaft. Riemerschmid hat diese Gedächtnishalle zurückgeschoben und nach dem Bergabfall hin gegliederte Terrassen vorgelegt, an deren Fuß, in der Tiefe des heutigen Steinbruchs, ein poetisches kleines Heiligtum eingebettet ist. Im Innenraum läßt sich eine weihevolle Bildsäule, an den Wänden festlicher Schmuck anbringen und vielen wird der Gedanke sympathisch sein, daß hier des großen Dahingeschiedenen an festlichen Tagen gedacht werden kann, daß er im engeren Kreise hier durch Lied und Rede gefeiert wird, während auf dem dahinter liegenden Festplatze öffentliche Versammlungen und Festspiele stattfinden können. Mancher mag wohl den Umriß des Baues etwas straffer, die Formen etwas eigenartiger empfunden wünschen. Das wäre Sache der Durcharbeitung bei etwaiger Ausführung.

Zehn weitere Entwürfe sind mit Entschädigungen von je 2000 Mark ausgezeichnet. An zweien ist Bestelmeyer-Dresden beteiligt, einmal in Gemeinschaft mit Hahn-München. In beiden Fällen plant er einen Rundbau mit kegelförmigem Dache, wobei reicher Reliefschmuck vorgesehen ist. Georg Wrba will weniger durch Größe, als durch Anmut und Schönheit zwingen. Im Verein mit Otto Gußmann schmückt er eine festliche Halle durch Reliefs und Gemälde. Einen eleganten Kuppelbau und eine dem Terrain sehr feinfühlig angepaßte Platzanlage bietet R. Berndl-München.

Friedrich v. Thiersch gibt einen schlicht behandelten Turm von quadratischer Grundform, der mit seinem Unterbau sich der Silhouette rheinischer Burgen anpaßt, im einzelnen aber, besonders auch durch Dasios Reliefschmuck, festlich und heiter wirkt. In dem Entwurf von Johann und Rieh. Miller-Pasing wird ein stattlicher, ins Vieleck übergehender turmartiger Bau von einer Säulenhalle in Hufeisenform umschlossen. Größere Dimensionen wählen Biber und Klemm, deren Projekt etwas stark an Burgruine gemahnt. Der vortreffliche Entwurf von E. Schütz, O. und R. Kohtz scheint über den für die Elisenhöhe zulässigen Maßstab hinauszugehen.

Max Läuger-Karlsruhe bringt feierliche klassische Säulenhallen als Umrahmung eines sehr wohlgegliederten Festplatzes. PaulPfann und Pfeifer-München nehmen nochmals den Gedanken des altgermanischen Steinkreises auf, allerdings in zierlichen, fast biedermeierischen Proportionen.

Unter den angekauften Entwürfen befindet sich ein solcher von Kreis-Düsseldorf. Kreis gehört mit seiner Serie von Projekten wohl zu denen, die am intensivsten mit dieser Denkmalsaufgabe sich beschäftigt haben. Es wäre unrecht, hier mit wenigen Worten seine imposanten Entwürfe abzutun. Ihrer Bedeutung und den Gründen, warum sie wider Erwarten nicht in erster Linie unter den Preisgekrönten erscheinen, muß bei anderer Gelegenheit an der Hand reichen Abbildungsmaterials nachgegangen werden. Angekauft wurden außerdem die Entwürfe von Kirchbauer und C. Burger-Aachen, Pechstein, H. Schmidt und Wünsche in Berlin, Baumgarten und Amberg in Berlin.

Daß viele, die zu den Besten in der deutschen Künstlerschaft zählen, hier erfolglos mitgekämpft, ist bekannt. Bei Eröffnung der Ausstellung am 11. Februar sollen ihre Namen, soweit jene beistimmen, genannt werden — denn in solchem Kampfe mitgestritten zu haben, ist in jedem Falle rühmlich, auch für den Unterlegenen. Die öffentliche Ausstellung wird auch Gelegenheit bieten, den Vorzügen dieser Werke noch gerecht zu werden.

Max Schmid.

Nachdem im vorstehenden die Gesichtspunkte, die bei der Preisverteilung maßgebend waren, von einem Mitgliededer Jury dargelegt sind, mögen, um den Streit der Meinungen zu kennzeichnen, noch einige Abschnitte aus den Äußerungen der Kunstreferenten zweier angesehenen Tagesblätter Aufnahme finden.

Dr. Fritz Stahl-Berlin schreibt im „Berliner Tageblatt“ u. a. folgendes:

„Der Gedanke, dem großen Kanzler am Rhein ein Denkmal zu errichten, erscheint so selbstverständlich, die Aufgabe, die damit der deutschen Kunst gestellt wurde, ist so groß und fördernd, daß die verhältnismäßig geringe Anteilnahme der Nation an dieser Angelegenheit auffallen muß. Sie wird dadurch bewiesen, daß trotz der großen Propaganda die Mittel für dieses Monument bei weitem noch nicht zusammengebracht worden sind. Nur die Werbekraft eines schönen Entwurfes wird das noch ändern können.

Einen solchen Entwurf hat die erste Konkurrenz nicht gebracht. Es gibt zwar noch kein Bismarckmonument, das offiziell den Namen eines Nationaldenkmals führt, den die Urheber dieses Planes gewählt haben. Aber Hugo Lederers Hamburger Bildsäule hat sich, ohne ernannt zu sein, diese Stellung errungen. Und kein Werk wird sie aus ihr verdrängen, das sie nicht übertrifft, das nicht wenigstens neben ihr bestehen kann. Mit diesem Maßstab muß man also messen.

Der Gesamteindruck der Konkurrenz-Entwürfe ist schlecht; die Ablehnung steigert sich bei wiederholter Betrachtung bis zum Ekel. Der gute Geschmack, nein, schon der gesunde Menschenverstand wird auf Schritt und Tritt schwer beleidigt. Das ist nicht mehr Verehrung, das ist Vergötzung, was hier von Hunderten mit dem Helden getrieben wird. Und es ist unmöglich, dieses schwüle Pathos auch nur für ehrlich zu halten. In den meisten Fällen wenigstens handelt es sich um denselben kalten Wahnsinn, dem wir auch sonst in der Kunst von heute oft begegnen.

Von der Pyramide und dem Obelisken über die orientalische Grabmoschee, den antiken Tempel und die Kirche aller Stile bis zum modernen Wasserturm gibt es keine monumentale Bauform, mit der es nicht jemand versucht hätte. Es ist eine wahre Orgie polytechnischer Architektur. Und die Bildhauer? Der Ausgangspunkt ist zumeist Lederers Bismarck. Fast alle sind sie von diesem Bilde besessen. Die einen machen es nach, die andern suchen es zu vermeiden und zu übertrumpfen. Dazu brauchen sie andere Muster kolossaler Plastik; urchaldäische Sitzbilder, ägyptische Pharaonen und Sphinxe, chinesische Buddhas. Armer Bismarck! Oder sie stellen ihn auf irgend ein Vieh. Oder sie bauen ihn als Turm. Man könnte Seiten mit der Aufzählung der greulichsten Verzerrungen füllen. Es ist so schlimm, daß man jede menschliche Darstellung des Helden, selbst eine konventionelle, aufatmend, wie das erlösende Aufwachen aus einem schlechten Traume begrüßt.

Der begreifliche Widerwillen gegen das ganze kolossalische Getue führte die Jury zu einer prinzipiellen Ablehnung, zu der in einzelnen Fällen, wo es sich um talentvolle Leistungen handelte, die Überschreitung der Mittel überdies gezwungen haben mag.

Sie hat, wenigstens mit den Hauptpreisen, nur solche Entwürfe gekrönt, die sich in maßvoller Größe und in anständigen Formen bewegen. Alle haben bei sonst oft unbestreitbaren Vorzügen den Fehler, daß sie keine Beziehung zu dem Platz, der Landschaft, dem Helden haben, irgendwo für irgendwen errichtet werden könnten oder nirgends und für keinen passen würden.

Riemerschmids Rundbau, mit den barocken Voluten und der grünen Kuppel, ist ausgesprochen Münchnerisch. Der Fischer-Kniebesche antike Tempel wäre vielleicht am Golf von Neapel an seiner Stelle. Der runde Brunnenhof mit der doppelten Säulenreihe von Kurz-Bleeker paßt nur auf eine flache Terrasse und würd nur oben wirken. Dasselbe gilt von dem Pfeilerrund Hermann Hahns mit dem Jungsiegfried, das den ersten Preis erhalten hat, und dessen Vorzüge ich zu würdigen weiß. Bleibt nur Brantzkys Entwurf, dessen Unterbau ein großes Relief Bismarcks als Panzerreiter zeigt, und das mit diesem Unterbau die Form des Hügels ausnützt und mit diesem Relief die Bestimmung des Monumentes anzeigt. Aber, selbst wenn das Relief viel besser wird, als es ist, und auch der Säulenbau, in dem übrigens noch ein Bismarck steht, charaktervoller durchgebildet wird, mehr als gutes Mittelmaß kann das Ganze auch nie sein.

Für heute ist es wichtig, zu fragen, was nun weiter für die Sache des Bismarck am Rhein geschehen soll. Daß die Prämierung dieser Entwürfe praktische Konsequenzen hat, halte ich für ausgeschlossen. Aber die Konkurrenz, die dem Komitee hunderttausend Mark und den beteiligten Künstlern vielleicht mehr als eine Million kostet, hat doch die Frage wenigstens geklärt.

Ich meine, das Komitee müßte nun zuerst noch einmal die Platzfrage erörtern. Vielleicht kommt es dann zu dem Resultat, einen anderen zu wählen, was am besten durch eine Künstlerkommission geschehen würde. Dann müßte eine engere Konkurrenz zwischen den Urhebern der talentvollsten Arbeiten den endgültigen Entwurf schaffen, den Entwurf, der genug Werbekraft hat, um die Angelegenheit dieses Denkmals wirklich zu einer nationalen zu machen. Wer ein Freund der Denkmalsidee ist, muß geradezu davor warnen, mit einer Ausstellung der diesmal preisgekrönten Entwürfe in deutschen Städten eine Propaganda machen zu wollen, wie das geplant war. Das würde der Sache nicht nützen.“

»Berliner Tageblatt«, Fritz Stahl.

Dr. Max Osborn – Berlin äußert sich in der „B. Z. am Mittag“ u. a. wie folgt :

„Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es keine leichte Arbeit ist, aus Hunderten von Entwürfen das Richtige oder auch nur das relativ Beste herauszufischen, und wer in die endlose Flut der Zeichnungen, Grundrisse, Pläne und Modelle getaucht ist, die im Düsseldorfer Kunstpalast nicht weniger als 64 Säle füllen, wer all die wüste Verstiegenheit, den Dilettantismus, den Wahnwitz durchwandert hat, der sich hier breit macht, wird verstehen, daß die Juroren diesmal besonders saure Arbeit hatten. Aber es handelt sich nicht etwa um einzelne Fehlgriffe, über die niemand zetern würde, sondern um das sonderbare und falsche Prinzip, dem das Preisgericht gefolgt ist [. . . etwas möglichst Leichtes, Nichtwuchtiges auszuwählen].

So kam die Jury auf den für mich unverständlichen Gedanken, den Entwurf Hermann Hahns in München mit dem stolzen ersten Preise zu krönen. Ich verehre und liebe Hahn, aber was er hier in Vorschlag bringt, ist einfach unmöglich. Er modellierte eine halbnackte Jung-Siegfried-Gestalt, die den rechten Fuß auf einen Block setzt und mit den Händen ein Schwert auf seine Schärfe prüft. Und ringsum ließ er sich von dem Architekten Hermann Bestelmeyer einen Pfeilerrundgang bauen. Zwischen dieser Umrahmung und der Figur sollen große Bäume angepflanzt werden. Das Ganze ist leicht, spielerisch, fast zierlich. Ein Bismarckdenkmal, dessen Hauptmotiv nicht Kraft, sondern — Eleganz ist! Wie eine Osteria müßte es sich den Rheinfahrern drunten präsentieren.

Aber die Jury hat sich nicht damit begnügt, ihr anfechtbares Prinzip in diesem einen Falle zu befolgen. Sie hat es sich bei allen anderen Preisen, bei fast sämtlichen „Ankäufen“ und „Entschädigungen“ zur Richtschnur genommen. Und darin liegt eine Ungerechtigkeit. Sie hat z. B. mit Bedacht die prachtvollen Architekturwerke, die man als Werke von Bruno Schmitz und von Lederer erkennt, umgangen. Sie hat sich zu den ausgezeichneten Vorschlägen von Wilhelm Kreis, der eine ganze Reihe von Zeichnungen eingesandt hat, so verhalten, daß sie davon — einen Entwurf „ankaufte“; Das ist fast kränkend.

Es herrschte also die ausgesprochene Absicht, die eigene und kraftvolle architektonische Monumentalsprache, die sich in Deutschland zu unserer Freude immer schöner und freier entwickelt hat, bei dieser Aufgabe nicht zu Worte kommen zu lassen, ihr auch nicht in zweiter und dritter Reihe einen Platz anzubieten. Man muß sich wrohl vorstellen, daß die Juroren durch die ungeheuren, fratzenhaften Götzenbilder, die in Massen aufmarschierten, wütend gemacht wurden und nun die Reaktion erlebten, daß sie nur das Leise und Zurückhaltende als geschmackvoll empfanden. Aber daß sie in solcher Stimmung einem biedermeierisch – gräzisierenden Tempelchen, einem Landhäuschen, einem gleichgültigen Türmchen usw. Preise und Ehrungen verliehen, bleibt gleichwohl unbegreiflich.

Nein, hier muß ein ganz anderer Ton angeschlagen werden! Nicht subtile Feinheit des Geschmacks, sondern gehaltene Kraft muß hier siegen. Ein Werk, das ohne billige „Volkstümlichkeit“ sich ohne weiteres der Nation einprägt als Sinnbild des gewaltigen Lebenswerkes, das dadurch gefeiert werden soll. Hierzu aber ist bisher noch nicht ein Anfang gemacht, noch nicht einmal ein Weg gefunden!

»B. Z. AM MITTAG«. MAX OSBORN.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik