Ein Wettrennen im Draht-Telegraphen-Wettstreit-International

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

Der Reichspräsident und die Sieger im Internationalen Telegraphistenwettstreit

1 Staatssekretär Dr. Bredow.—2. Frau Erna Bansemer-Breslau, 1. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. 3. Meisterschafts – Preisträger Schindler-Wien. — 4. Frl. Kirndörfer-MĂĽnchen, 2. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. — 5. Jespen-Dänemark, 2. Preis im System Wheatstone. — 6. Reichspräsident Ehert.—7. Pasewaldt-Berlin, 1. Preis im System Radio. — 8. Kurt MĂĽller-Berlin, 1. Preis im System Hughes. — 9. Renate Lembardo-ltalien, 2. Preis im System Hughes. — 10. Hauersley-Dänemark, 1. Preis im System Wheatstone.

 

Der grosse internationale Telegraphistenkongress in Berlin wurde durch eine Festsitzung im Reichstag offiziell eröffnet. Zu ihr hatten sich Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, der Stadt Berlin, der elektro technischen, insbesondere der telegraphischen und funkentelegraphischen Industrie sowie zahlreiche Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern der Erde eingefunden.

Zum Wettstreit hatten sich allein aus Deutschland 213 Teilnehmer eingefunden. Aus Italien waren 73, aus den Niederlanden 9, aus Oesterreich 10, aus Russland 8. aus der Schweiz 3, aus Spanien 3, aus Portugal 8, aus Dänemark 14, aus Ungarn 4, aus Norwegen 1 erschienen. Des weiteren waren Vertreter der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, des Freistaates Danzig u. s. w. anwesend.

Zunächst begrüsste der Reichstagspräsident Loebe die Gäste und wüuschte der Veranstaltung in Anbetracht des edlen Wettstreits der geistigen und körperlichen Betätigung den bösten Erfolg. Er wies darauf hin, dass die Telegraphisten Hilfsorgane in dem Bestreben darstellen, die Menschen zu vereinigen, stellen sie ihre Kräfte doch in den Dienst der Verständigung. Staatssekretär Dr. Bredow führte aus, dass die Mailänder Telegraphisten den Ruhm beanspruchen können, den ersten internationalen Wettstreit dieser Art veranstaltet zu haben, sie waren es, die im Jahre 1899 zur Volta-Feier in Como eingeladen hatten. Zwölf Jahre später, im August 1911 wurde anlässlich des 50jährigen Bestehens des Königreichs Italien vom Ministerium der Post und Telegraphen ein grosser Wettstreit, veranstaltet, an dem mehr als zweihundert Telegraphisten aus 17 Ländern teilnahmen. Glänzende Leistungen wurden erzielt, und die hervorragend verlaufene Veranstaltung erweckte bei allen Teilnehmern den Wunsch, die Einrichtung der internationalen Telegraphistenwettbewerbe zu einer dauernden zu machen. Seitdem sind elf Jahre vergangen, und die Welt hat ihr Antlitz von Grund auf ändern müssen, ehe es möglich war, wieder an eine internationale Veranstaltung dieser Art heranzutreten.

Sechs verschiedene Apparate gibt es, die menschliche .Sprache in die Sprache des Drahtes, in Morsezeichen zu übersetzen. Und an jedem die ser Apparate, an sechzig im ganzen, erprobten die Wettstreiter Geistesgegenwart und Geschicklichkeit. Da sind drollige Pyramiden, in denen sich eilig eine Scheibe dreht, und vor ihr die schwarz-weissen Tasten eines Klaviers. Das ist der Hughes. Eine andere Maschine spuckt stotternd einen einen weissen Streifen von sich, den Telegraphisten fast in die Hände, deren Finger ganz leicht auf fünf breiten Tasten spielen: das ist der Baudot. Dann schnurrende Ungetüme, die breit einen Streifen von sich geben mit winzigen Löchern, und deren Stirn ganz wie eine Schreibmaschine ist, mit vielgliedriger Tastatur, über die schnell und sicher die Finger von Beamtinnen gleiten: das ist der Siemens-Schnelltelegraph, der die Morseschrift in Papierstreifen stanzt. In einer anderen Reihe klopfen Menschen mit lustiger Hast und komischen Werkzeugen in jeder Hand auf drei runde Scheiben los, als wollten sie ihren Willen dem Metall einhämmern; klopfen wild darauf los — telegraphieren: das ist der Wheatstone-Apparat. Auf der anderen Seite sitzen junge Leute, über grüne Formulare gebeugt, schreiben, was ihnen ein weisser Streifen mit Strichen und Punkten, der vor ihnen knatternd ans einem Morseschreiber abrollt, zu verstehen gibt; die nehmen auf am Morseapparat. Und in einem besonderen Saal werden die Ohren auf Geistesgegenwart geprüft, da arbeiten die Wettbewerber am Morseklopfer, die Funker am Summer, die Morsezeichen in Schriftsprache zu übersetzen. Und schliesslich sitzen ein paar, nur eine einzige Taste vor sich, die sie behutsam, ohne wilde Stösse, fast liebevoll drücken: die geben Morsezeichen an der gewöhnlichen Morsetaste.

MAURACH MAKAREBO 05244 MEDIKABO

Ist das die Sprache der Hottentotten? Die Sprachforscher, die in späteren Zeiten den Sinn und Inhalt dieser Worte zu ergründen suchen, werden sich vergeblich bemühen. Niemals haben sich lebende Wesen in diesen Ausdrücken verständigt. Nur kurze Zeit hat man sich ihrer bedient, nämlich während des Telegraphenwettstreits. Hierbei kam es nämlich darauf an, die Möglichkeit zu schaffen, dass im Wettbewerb keine Nation vor der anderen einen Vorteil gewinne. Nun ist es selbstverständlich, dass in der einen Sprache die Worte kürzer oder aus sonstigen Gründen leichter zu telegraphieren sind als in der anderen. Darum erfand man eine neue Sprache, zusammengestellt aus Silben, die keinen Sinn haben und denen nur die kurze Lebensdauer von wenigen Tagen beschieden sein wird. So erreichte man es, dass jeder Teilnehmer genau die gleichen Buchstaben und Silben zu telegraphieren hatte wie der andere, und dass alle unter gleichen Bedingungen arbeiten.

Die Streifen, die die verschiedenen Maschinen produzierten, durch den Willen der Telegraphisten mit Schriftzeichen bedeckt, wandelten sofort an eine Reihe langer Tische: dort arbeiteten die Preisrichter, verglichen Wort für Wort und Zahl für Zahl und jeder rote Strich, hässlich leuchtend wie eine Wunde oder wie ein Fehler im Schulheft, jeder rote Strich gab eine Reihe von Strafpunkten. Und in einem besonderen Raum sass das Preisgericht, führte lange Listen, in denen Strafpunkte gegen Wertpunkte abgewogen wurden.

Das Summen und Klopfen, das Anwachsen der sich zu unendlicher Menge ausdehnen den Papierschlangen im Saal des Postgebäudes in der Artilleriestrasse hatte sein Ende erreicht. Den Preisrichtern wurde es aber gar nicht leicht, ihr Urteil zu fällen. Nicht weniger als 72 Preise konnten verteilt werden, davon fielen annähernd 30 an Deutschland. Um den Laien einen kleinen Begriff von den Leistungen zu geben, die während des letzten Wett hewerbs erzielt worden sind, sei nur bemerkt dass eine der Preisträgerinnen, eine zarte Dame nicht weniger als 2888 Worte in der Stunde telegraphiert hat. Welche Konzentration der Gedanken, welche Energie und welche Handgeschicklichkeit gehört zu einer solchen Leistung!

Um 7 Uhr abends hatten sich die Teilnehmer am Wettbewerb im Kuppelsaal des Reichspostmuseums zusammengefunden. Der Koslecksche Bläserchor eröffnete die Feier, dann trug eine Dame das Alleluja von Händel vor. Frau Telegraphen Direktor Edith Sachs-Wolff hiess die Gäste in einer poetischen Ansprache willkommen. Dann wandte sich der Ehrenvorsitzende des Preisgerichts, Staatssekretär Bredow, nochmals an die Teilnehmer des Wettbewerbs. Geh. Postrat Kehr, der Vorsitzende des Preisgerichts, unterzog sich der Aufgabe, die lange Liste der Preisträger zu verkünden. Unter allgemeinem Jubel begrüsste er Oskar Schindler-Wien als Träger des Meisterschaftspreises, ihm fällt der silberne Ehrenpokal zu, den der Reichspräsident gestiftet hat.

Der Baudot – Länderpreis ist an Italien, der Siemens – Länderpreis an Deutschland gefallen. Der Grosse Preis fĂĽr Morseklopfer fiel ebenfalls Italien zu, der Grosse Preis fĂĽr Hughes Deutschland, der Grosse Preis fĂĽr Baudot Spanien, der Grosse Preis fĂĽr Wheatstone Dänemark, der Grosse Preis fĂĽr Siemens-Lochtaster Deutschland, der Grosse Preis fĂĽr Radiotelegraphie ebenfalls an Deutschland. Ausserordentlichen Beifall fand Frau Erna Bansemer-Breslau, die auf dem Siemens – Lochtaster die Höchstleistung, und zwar ohne jeden Fehler erreicht hatte. Ihr folgte wieder eine Dame, Fräulein Kindörfer- M ĂĽnchen, die ihr an Schnelligkeit wenig nachgab, den dritten Preis fĂĽr Siemens-Lochtaster erhielt ein Holländer van der Vliet, die fĂĽnfte Preisträgerin dieser Gruppe war wiederum eine Dame, Fräulein Elisabeth Hoffmann-Königsberg. Die fĂĽnf ersten Preise bei dem Wettbeweb mit dem Wheatstone-Apparat fielen an Dänemark, die Reihe der Preisträger fĂĽr Baudot eröffnete der Spanier Valero de Luna, sein Landsmann Rodrigues Rubio brachte es auf die gleiche Punktzahl. Es folgte der Berliner Homuth. In dieser Gruppe hatte auch der Oesterreicher Schindler es auf 4.017 Punkte gebracht. Die ersten vier Preisträger mit dem Morseklopfer sind Italiener.

Im Funksystem zeichnete sich Deutschland aus. Erster Preisträger ist Pasewaldt-Berlin, zweiter L. Freund-Berlin, dritter A. Massera-Berlin (Transradio), vierter O. Dammann, fünfter Kurt Erichsen-Breslau. Stürmisch wurde jeder einzelne Preisträger, namentlich von den Kollegen seines Landes, begrüsst; neidlos erkannte man an, dass die Frauen ganz Ausgezeichnetes im Wettbewerb geleistet hatten.

Am letzten Tage des Kongresses empfing der Reichspräsident das internationale Preisgericht und die Sieger im Telegraphistenwettstreit Der Ehrenvorsitzende des Preisgerichts Staatssekretär Bredow hielt im Namen der Teilnehmer eine Ansprache an den Reichspräsidenten, in der er die Bedeutung der Veranstaltung für die zukünftige Entwicklung des internationalen Nachrichten Verkehrs hervorhob. Die Ansprache schloss mit einem Dank an den Reichspräsidenten für die Uebernahme des Protektorats des Wettstreits und mit Üeberreichung der vom Reichsminister gestifteten Erinnerungsmedaille. Der Reichspräsident dankte, indem er die hohe Bedeutung des telegraphischen Nachrichtenverkehrs für die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen der Völker hervorhob und es mit Dank begrüsste, dass es diesem friedlichen Wettstreit gelungen ist, nach langer Entfremdung das berufsmässige Band um die Vermittler des Weltverkehrs neu zu schlingen. Als besonders erfreulich bezeichnete er es, dass auch die zweite Aufgabe dieses Wettstreits erfüllt ist, die Freude am Beruf zu stärken und hohe fachliche Leistungen zu erzielen, die überall Hochachtung und Nacheiferung erwecken werden. Die Arbeit, die hier geleistet worden ist, und die Ergebnisse, die dieser Wettstreit gezeitigt hat, müssen dazu dienen, die Beziehungen der Nationen und das Wohlergehen der Menschheit zu fördern.

Im Anschluss an den Internationalen Telegraphistenwettstreit fand eine Besichtigung der Siemenswerke statt, insbesondere des Wernerwerkes, welches seit 75 Jahren als die erste Telegraphenbauanstalt der Welt bekannt ist und wie bisher so auch heute noch an der Vervollkommnung der Telegraphie und des Fernsprechwesens rastlos arbeitet.

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