Das Deutsche Haus in St. Paul – Ein Denkmal deutschen Strebens

aus dem Kunstmuseum Hamburg.

Einer der sieben Originalwitze, aus denen die „Fliegenden Blätter“ und die anderen deutschen Witzblätter ihren Stoff zusammensetzen, ist die Bemerkung, dass drei Deutsche, ganz egal wo und wie sie Zusammentreffen, sofort einen Verein gründen. In allen möglichen Tonarten ist dieser Witz und seine Variationen behandelt, aber nur sehr selten wird die Bedeutung und Wichtigkeit dieses Charakterzuges der Deutschen für diejenige erwähnt, die ihre Heimat verlassen, um sich an fremden Gestaden ein neues Heim zu gründen.

Keinem Menschen ist es möglich, sich dem Einfluss seiner Umgebung ganz zu entziehen. Deutsche Sitten, deutsche Gebräuche, deutsche Lieder und deutsche Worte mögen einem Einwanderer noch so sehr ans Herz gewachsen sein, langsam und unmerklich verlieren sie sich, wenn sich nicht von aussen her ein Einfluss für ihre Erhaltung geltend macht. Die etwa 100 deutschen Vereine und Logen in St. Paul bilden einen dieser Einflüsse für die Erhaltung des Deutschtums, und zwar einen der stärksten. Das starke Deutschtum, die Hegemonie des deutschen Elementes, die sich in St. Paul bemerkbar macht, im politischen sowohl wie im sozialen Leben, hat die Stadt vor allem nun dem Deutschen Haus zu verdanken, dessen feierliche Eröffnung vor wenigen Monaten stattfand. Von dem Deutsch-amerikanertum St. Pauls ist eine Tat vollbracht worden, die unter den Bürgern deutscher Abstammung im ganzen Lande beherzigt werden und zur Nachahmung anspornen sollte.

Das „Deutsche Haus“ ist in St. Paul mit einem Kostenaufwand von $180,000 errichtet worden, ein imposanter Bau von schlichten, architektonisch schönen Linien, ein Bau, der der Stadt zur Zierde gereicht. Was diesem Gebäude aber für die deutschen Stammesbrüder seine hervorragende Bedeutung gibt, ist die Tatsache, dass die Deutschen hier den Beweis einer schönen Einigkeit, eines gemeinsamen Strebens einem grossen und würdigen Ziele zu gegeben haben. Ueber 50 Vereine und Logen hatten sich zusammengeschlossen, um in gemeinsamer Arbeit, mit vereinten Kräften dieses „Deutsche Haus“ zu schaffen.

Der Gedanke der Gründung eines eigenen Heimes für die deutschsprachigen Vereine St. Pauls ist schon über 30 Jahre alt. Es ist das unbestrittene Verdienst des Ordens der Hermannssöhne, den Gedanken des Hausbaues in seiner gegenwärtigen Form der Verwirklichung näher gebracht zu haben. 6 Logen fassten 1914 die ersten einleitenden Beschlüsse, dann kam der Weltkrieg und der Plan wurde vorläufig zur Seite gelegt. Anfangs 1920 wurde das Projekt wieder aufgenommen und ein in Minnesota geborener Deutschamerikaner, Rechtsanwalt Arthur Schaub von St. Paul, war es, der mit einer Handvoll Gleichgesinnter, zähe und unverzagt an der Idee der Errichtung eines Deutschen Heimes arbeitete, bis sie schliesslich ihre uneigennützige Tätigkeit vom Erfolge gekrönt sahen.

Am 25. Juli 1920 wurde der Kontrakt zum Gebäude vergeben, zwei Monate später fand mit einem grossen Festprogramm die Grundsteinlegungsfeier statt und im November 1921 die glanzvolle Eröffnung des Denkmals der Einigkeit der deutschsprachigen Bevölkerung. In Verbindung mit der Eröffnung wurde eine grosse Festwoche Ende November abgehalten, zu der tausende von Besuchern aus allen Teilen des Nordwestens nach dem Deutschen Hause kamen. Eine grosse Budenstadt mit Basar wurde errichtet und Vorstellungen, Konzerte, Vorträge und dergleichen wechselten in bunter Reihenfolge ab. Besondere Erwähnung soll hier die Tatsache finden, dass die Hälfte des Reinertrages an das Deutsche Haus fiel, während die andere Hälfte dazu Verwendung fand, um darbenden und notleidenden Kindern in Deutschland und Oesterreich ein Weihnachtsfest zu bereiten.

Das Deutsche Haus erhebt sich an Rice Strasse, ein Hausgeviert vom Staatskapitol entfernt, und misst 85 Fuss in der Breite, 110 Fuss in der Tiefe und weist drei Stockwerke auf. Das Erdgeschoss nimmt acht Kegelbahnen, zwei Billards, einen Ratskeller, Speisezimmer, Küche, Kühlräume und Heizungsanlagen auf. Das erste Stockwerk enthält die Versammlungszimmer verschiedener Grösse mit Vorzimmern und Rauchzimmern, sowie Damenzimmer, Büroräumlichkeiten und Garderoben, während das zweite und dritte Stockwerk ein mit neue ster Bühneneinrichtung ausgestattetes grosses Auditorium mit über 1000 Sitzplätzen und Balkon auf weist.

Die Gesamtkosten des Gebäudes stellen sich aus $180,000. Pläne wurden von den bekannten deutschen Architekten Linhoff & Zeizner ausgeführt. Baumeister war John R. Schmitt. Erwähnungswert dürfte sein, dass die Inkorporationspapiere dahin lauten, dass jeder Eigentümer eines Bonds Miteigentümer des Gebäudes ist und bleibt und somit zu Dividenden berechtigt ist. Die Gesamteinkünfte des Gebäudes stellen sich nach sorgfältiger Berechnung auf ungefähr $35,000, die Ausgaben in derselben Zeit auf $18,000.

Nächst der sicheren Mietskundschaft der zahlreichen deutschen Vereine, die das Deutsche Haus zu ihrem Hauptquartier und dem Zentrum aller geselligen Zusammenkünfte machen, bilden die Aufführungen der Theatertruppe des Deutschen Hauses eine der Haupteinnahmequellen für das Haus. Die Theatertruppe, die von Herrn Schaub ins Leben gerufen und von dem seit Jahren bekannten deutschen Schauspieler Jean Wormser auf’s erfolgreichste geleitet wird, verfügt über ausgezeichnete Kräfte, die bei unermüdlichem Fleiss, sachkundiger Beihilfe und vor allem durch die Ermutigung seitens der Theaterfreunde Vorzügliches bis heute vollbrachten.

In der vor wenigen Wochen stattgefundenen ersten Jahresversammlung der Bondinhaber wurden die folgenden 11 Herren als Direktoren des Deutschen Hauses gewählt, nachdem über 100,000 Stimmen während der beiden Wahltage im Deutschen Hause abgegeben wurden (Jeder $10-Bond berechtigte den Inhaber zu 11 Stimmen): Otto P. Anacker, H. A. Dreves, Wm. Foelsen, F. Hafner. Alois Krenner, Carl Nimis, George Ries, Arthur Schaub, Albert Schlesinger, Max Tasler und Hugo Volkenannt. Die 11 neugewählten Mitglieder der Verwaltungsbehörde, die die Geschäfte des Deutschen Hauses im neuen Amtsjahr 1922/23 leiten wird, nahmen dann die Direktorenwahl vor, die folgendes Ergebnis hatte: Otto Anacker, Präsident; W. Foelsen, Vize-Präsident; Hugo Volkenannt, Schatzmeister; F. Hafner, Sekretät. Zur Hausverwaltung zählen ferner noch das Finanzkomitee mit H. A. Dreves als Vorsitzer; das Hauskomitee mit O. P. Anacker als Vorsitzer; das Vergnügungskomitee mit Arthur Schaub und das Presse- und Propagandako mitee mit Hans de N. Weiz als Vorsitzer.

Ueberblickt man das Wirken des deutschen Volkselementes in Minnesota, so muss zugestanden werden, dass die Deutschen alle Ursache haben stolz zu sein. Noch ist die Arbeit der Deutschamerikaner nicht vollendet; sie hat erst begonnen. Der ganze Bau des Landes wird so fest und unvergänglich werden, wie sein Fundament es ist, das zum grossen Teile von deutschen Männern gelegt wurde.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
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Eine Hamburger Überseewoche
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August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone
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