Mecklenburg

TextĂŒbersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg

Mittelalter und Renaissance

Mit der deutschen Wiederbesiedlung unter Heinrich dem Löwen beginnt Mecklenburg im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts seinen geschichtlichen Entwicklungsgang innerhalb des deutschen Raumes als Grenzland, und diese Tatsache drĂŒckt den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den beherrschenden Stempel auf. Die Menschen eines Grenzlandes sind stets KĂ€mpfer und Siedler zugleich. In der HĂ€rte und dem schwerblĂŒtigen Emst ihres Daseinskampfes verkörpern sie wohl die Pioniere jeder Kultur, aber deren tiefere Ausbildung und geistige Durchdringung mĂŒssen sie zumeist einem spĂ€teren Geschlecht ĂŒberlassen, das ĂŒber mehr Ruhe und Muße verfĂŒgen kann.

Schon der Emst ihres Kampfes macht diese Menschen schweigsam, mehr noch aber die in sich ruhende Stille der norddeutschen Landschaft, in der sich ihr Schicksal erfĂŒllt. Mag nun an Sommertagen die Sonne ĂŒber Ă€hrenschweren blaßgelben Kornfeldern, fernen blĂ€ulichgrĂŒnen WĂ€ldern und lustig rotem Mohn am Rain der staubigen Feldwege glĂ€nzen oder an trĂŒben Herbstabenden die herbe Schwermut der norddeutschen Tiefebene ihre Schleier ĂŒber die regen-zerwaschenen Fluren senken — immer atmet dieses Land eine große feiertĂ€gliche Ruhe. Und diese innere Gelassenheit teilt sich auch den Menschen mit, die es bebauen. Es liegt ihnen nicht, viel Wesen von sich selbst zu machen. Das Blendwerk marktschreierischen Eigenlobes ist ihnen fremd und verĂ€chtlich und der eigenen Leistung zu gedenken, erscheint ihnen leicht nicht nur ĂŒberflĂŒssig, sondern auch fast imehrenhaft, so stark empfinden sie die SelbstverstĂ€ndlichkeit ihres Schaffens. Diese Bescheidenheit jedoch birgt eine große Gefahr, im lauten Getriebe der Welt vergessen und ĂŒbergangen zu werden. Obwohl Mecklenburgs Leistung vor der Geschichte wahrlich nicht gering zu veranschlagen ist, gehört es auch heute infolge dieser Eigenart im Grunde noch zu den Stiefkindern des deutschen Raumes, da es niemals von seiner Arbeit sprach. Eine immer rastloser und oberflĂ€chlicher werdende Zeit aber glaubte in dem Fehlen des Eigenlobes zugleich das Fehlen eigener Schöpfungen zu sehen. So wurde Mecklenburg, noch krankend an den Nachwehen des Feudalismus und der Leibeigenschaft, im Zeitalter des Liberalismus zu einer Terra incognita, zum schlafenden Land, wo die Zeit stillzustehen schien. Einer seiner besten Söhne, John Brinckman, klagte selbst in grimmigem Spott:

„Und wenn der Zeitsturm grell vorĂŒberfuhr

Dann schnarchtest du ein wenig lauter nur . .

Bismarck schreibt man — wohl zu Unrecht — das Wort zu,

wenn die Welt einmal unter gehen sollte, so wĂŒrde er nach Mecklenburg gehen, denn dort ginge sie erst fĂŒnfundzwanzig Jahre spĂ€ter unter.

Doch selbst die zweihundert Jahre der Feudalherrschaft mit ihren verheerenden Folgen, auf welche dieser Spott gemĂŒnzt war, waren nicht Jahrhunderte des Stillstandes, sondern des tiefsten Leides und eines steten und verzweifelten Ringens um die innere Genesung und das geistige Wiedererwachen. Steigt man tiefer in die Geschichte hinab, so zeigt sich sehr bald, daß Mecklenburg einstmals seine kulturtragende Rolle im Ostseeraum wohl versehen hat, und diese Erkenntnis weist wie von selbst den Weg zu der neuen Sendung, welche Mecklenburg als Mittlerin in wirtschaftspolitischer wie kultureller Hinsicht nach der Neuordnung der VerhĂ€ltnisse im Ostsee- und im skandinavischen Raum zufallen wird. Zugleich aber enthĂŒllt die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung des Landes vollkommen eindeutig die Tatsache, daß Mecklenburg seinen Weg als echtes Bauernland begann. Und es ist sicherlich kein zufĂ€lliges Zusammentreffen, daß seine erste KulturblĂŒte verwelkte, als die Ritterschaft daran ging, eine feudale Lebensordnung aufzurichten und den Bauern unter das Joch der Leibeigenschaft zu beugen.

Schon vor der Abwanderung der germanischen StĂ€mme zur Zeit der Völkerwanderung war Mecklenburg ein Bauernland; wie die zahlreichen FundstĂ€tten lehren, ohne Zweifel dicht besiedelt, und nach den kunstgewerblichen Erzeugnissen wie dem berĂŒhmten Kesselwagen von Peckatel oder dem Horn von Wismar zu urteilen, von einer betrĂ€chtlichen Kulturhöhe. Doch mit der Völkerwanderung bricht diese Entwicklung jĂ€h ab. Das Land wird menschenleer, und im Laufe des 6. Jahrhunderts dringen slawische StĂ€mme in den verödeten Raum vor, deren kulturelles Leben noch auf recht irrtĂŒmlicher Stufe stand. Erst die deutsche Kolonisation knĂŒpft mit der VerdrĂ€ngung des Slawentums wieder an die alte Überlieferung an. Im 13. Jahrhundert, dem heroischen Jahrhundert der mecklenburgischen Geschichte, wie man es wohl genannt hat, schafft der deutsche Bauer das deutsche Land Mecklenburg neu. Nicht die Kirche ermöglicht die Kolonisation, sondern die bĂ€uerliche Siedlung schafft im Gegenteil erst die Grundlage fĂŒr das Wirken der Geistlichkeit.

Von Anbeginn an wirkte sich dabei die kulturelle Überlegenheit der deutschen Siedler entscheidend aus. An die Stelle des primitiven hölzernen Hakenpfluges der slawischen StĂ€mme trat der Eisenpflug, der auch die Bearbeitung schwererer Böden ermöglichte, ĂŒberall wird das Ackerland neu vermessen, nach deutscher Art in Hufen gelegt und an Stelle der wilden Feldgraswirtschaft der Slawen die altgermanische Dreifelderwirtschaft wieder eingefĂŒhrt, d. h. der Wechsel zwischen Winterung, Sommerung und Brache. Mutig wagte sich der deutsche Siedler jetzt auch an die Rodung der BuchenwĂ€lder auf den schweren MorĂ€nenböden, die zahlreichen mecklenburgischen Hagendörfer entstanden.

Wirtschaftlich und rechtlich galten im neuen Grenzland fĂŒr die nĂ€chsten Jahrhunderte jene VerhĂ€ltnisse, welche die Siedler aus ihrer zumeist niederdeutschen Heimat mitbrachten. Die Siedlung selbst vollzog sich im allgemeinen in der Form, daß der Landesherr als EigentĂŒmer des Grund und Bodens erfahrene MittelsmĂ€nner, die sogenannten Lokatoren — in der Mehrzahl deutsche Ritter —, mit Grund und Boden belehnte und ihnen damit gleichzeitig die Aufgabe ĂŒbertrug, auf diesem Boden die Siedler anzusetzen. Damit blieben diese wohl wirtschaftlich an den Grundherrn gebunden, persönlich jedoch frei. Der mecklenburgische Bauer des Mittelalters saß entweder als ErbpĂ€chter oder als ErbzeitpĂ€chter auf seiner Hufe. Im ersteren Falle war der Hof unkĂŒndbar, im zweiten bestand das Erbrecht nur als Gewohnheitsrecht. GebĂ€ude und Hofwehr waren in jedem Falle Eigentum des Bauern. Er genoß das Vorrecht des freien Mannes, Waffen zu tragen und vermochte als Schöffe selbst an den Gerichtstagen das Recht zu finden, ja nicht selten treffen wir ihn sogar als Schiedsrichter bei Rechtsstreitigkeiten zwischen Rittern. Die Abgaben, welche er an den Landes- und den Grundherrn wie die Geistlichkeit zu zahlen hatte, waren im allgemeinen anfangs gering und stellten keine ĂŒbermĂ€ĂŸige Belastung dar. Der Ritter als Grundherr war seinem Besitz nach fast allerorts nicht mehr als ein grĂ¶ĂŸerer Bauer. Sein Eigenbesitz an Hufen lag verstreut unter den bĂ€uerlichen Hufen, er selbst wohnte vielfach mitten im Dorfe, ja des öfteren sind sogar mehrere Rittersitze in ein und demselben Dorfe bezeugt, was nicht fĂŒr eine ĂŒbermĂ€ĂŸige GrĂ¶ĂŸe derselben noch fĂŒr prunkvolle Bauten spricht. Aus all dem ergibt sich leicht die Tatsache, daß der mecklenburgische Bauer bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hinein weit besser als seine Schicksalsgenossen in Mittel- und SĂŒddeutschland gestellt war. WĂ€hrend Frankreich schon im 14. Jahrhundert das Grauen der Jacquerie erlebt, wĂ€hrend sich in Mittel- und SĂŒddeutschland zu Beginn des 16. Jahrhunderts allerorts die gequĂ€lten und verelendeten Bauemmassen gegen ihre adeligen und geistlichen BedrĂŒcker erheben, kennt Mecklenburg bezeichnenderweise damals solche Erscheinungen ĂŒberhaupt nicht. Erst spĂ€t wird es im 18. Jahrhundert seinen Bauernkrieg unter ganz anderen Bedingungen erleben.

Erst zwischen 1550 und 1560 setzt auch in Mecklenburg allmĂ€hlich die Entwicklung zum adeligen Großbesitz und zur Entrechtung der Bauern ein. Infolge der zunehmenden Entwertung des Geldes durch den Einstrom von Silber aus den spanischen Besitzungen in SĂŒdamerika sah sich der Ritter zu einer Steigerung seiner Einnahmequellen gezwungen. Dazu kam die wirtschaftliche Konjunktur dieser Jahrzehnte als weitere mĂ€chtige Antriebskraft; England, Holland und Spanien benötigten damals in zunehmendem Umfang Getreide, wodurch sich auch fĂŒr die mecklenburgische Landwirtschaft imgeahnte neue Absatzmöglichkeiten ergaben. Die steigenden Getreidepreise aber wurden fĂŒr den Grundherrn ein stĂ€ndig stĂ€rker werdender Anreiz zur Erweiterung seiner BetriebsflĂ€che, um höhere ErtrĂ€ge zu erzielen. Anfangs warf sich der Ritter wohl, dem Beispiel Herzog Magnus II. (1477—1503) folgend, der auf eigene Rechnung Getreide nach England, Frankreich, Spanien und Portugal ausgefĂŒhrt hatte, selbst auf den Getreidehandel, indem er das Getreide seiner Bauern aufkaufte, ein Vorgang, mit dem sich zugleich der Eintritt der mecklenburgischen Ritterschaft in das Wirtschaftsleben vollzog. Einzelne ihrer Vertreter mĂŒssen es dabei schon damals zu bedeutenden Kapitalien gebracht haben, denn von Kuno Hahn auf Basedow (1540—90) wissen wir, daß er mehrfach dem Kaiser betrĂ€chtliche Summen geliehen hat.

Bald ĂŒberwog indes bei den Grundherrn naturgemĂ€ĂŸ der Wunsch nach Eigenerzeugung dieses hĂ€ndlerische Vorgehen. Die Voraussetzung fĂŒr seine Verwirklichung aber bildete eine Vermehrung des Hoflandes. Infolge der bestĂ€ndigen Finanznöte des Landesherrn war lĂ€ngst fĂŒr gutes Geld ĂŒberall im Lande die Gerichtsbarkeit auf den Grundherrn ĂŒbergegangen. Damit war diesem das wichtigste Rechtsmittel ĂŒberantwortet. Und als nun durch die großen Rostocker Rechtsgelehrten der Renaissancezeit, Friedrich Husanus und Ernst Cothmann, in zunehmendem Maße die Lehren des Römischen Rechtes Geltung erlangten, erhielt der Grundherr alle notwendigen Rechtsunterlagen, um den Bauern seines Bodens zu berauben und diesen dem eigenen Besitz hinzuzufĂŒgen. Mit dem Eindringen römischen Rechtsdenkens entwickelte sich ein neues BesitzverhĂ€ltnis. An die Stelle des Lehngutes trat jetzt vielfach das Allodialgut, das freie Eigentum eines Privatmannes, die Voraussetzung fĂŒr die Bildung jeglichen Latifundienbesitzes wie jeglichen GĂŒterschachers, und mit ihm wandelte sich auch der Besitzer nunmehr aus dem Lehnsmann und Krieger des Mittelalters zum Gutsherrn und Landwirt der beginnenden Neuzeit. Friedrich Husanus (1566—1592), der Sohn eines herzoglichen Kanzlers, der selbst umfangreiche GĂŒter besaß, stellte 1590 in einem eigenen Werke ĂŒber die Leibeigenschaft die These auf, daß kein Staat in Wahrheit ohne Sklaverei auszukommen vermöchte und suchte aus der angeblichen Tatsache der Unterjochung der wendischen Bauern durch die sĂ€chsischen Herren das Sklaventum aller mecklenburgischen Bauern abzuleiten, die somit stets als Leibeigene Frondienste geleistet hĂ€tten.

Die ungeheuerliche Verzerrung und Verdrehung der Geschichte, welche aus dieser Behauptung spricht, liegt fĂŒr uns heute klar auf der Hand, allein damals fĂŒgte sie sich allzugut in den Geist der Zeit und entsprach allzusehr dem wirtschaftlichen Vorteil der Herrenschicht, als daß sie nicht mit Begeisterung wie ein Evangelium begrĂŒĂŸt wurde. Freilich gab es zunĂ€chst noch außer dem Bauernland die durch die Reformation freigewordenen LĂ€ndereien der Klöster und genug ödes oder wieder wĂŒst gewordenes Land, das der Grundherr fĂŒr seine Zwecke in Anspruch nehmen konnte, aber der grundlegende Schritt fĂŒr die Entwicklung der Grundherrschaft mit ihrem aus dem Mittelalter ĂŒberkommenen Streubesitz zum geschlossenen Gutsbesitz der Neuzeit war mit der EinfĂŒhrung des neuen Rechtes doch getan.

Die VergrĂ¶ĂŸerung der Eigenwirtschaft des Ritters hatte zwangslĂ€ufig eine Verminderung der Zahl der abgabe- und dienstpflichtigen Bauern zur Folge, so daß die Abgaben und Dienste fĂŒr die Verbleibenden sich in gleichem Maße erhöhten. So zog ein Schritt mit unheimlicher Folgerichtigkeit den anderen auf dem Wege zum Verderben nach sich. Der Bauer, der zumeist ĂŒber keinerlei schriftliche Eigentumstitel fĂŒr seine Hufe verfĂŒgte, sondern nur das altgermanische Gewohnheitsrecht des Besitzes von altersher geltend machen konnte und zudem ohne Gemeinschaftsverband war, befand sich dabei von vornherein im Nachteil. Seine endgĂŒltige Niederlage war unvermeidlich. Der Landesherr, der einzige, der ihm schon aus ureigenem Interesse heraus Schutz gewĂ€hren konnte, vermochte dies lĂ€ngst nicht mehr, da er infolge seiner Verschuldung zum Spielball in der Hand der landgierigen StĂ€nde geworden war. Seit 1523 hatten sich diese zwecks Wahrung ihrer Rechte zu einer Union gegen den Landesherm zusammengeschlossen, in der Ritterschaft, Geistlichkeit und StĂ€dte brĂŒderlich Seite an Seite standen. Vom Jahre 1561 ab flössen nicht einmal mehr die Steuergelder in die herzogliche Renteikasse, sondern in den vom Schuldentilgungsausschuß der StĂ€nde betreuten sogenannten „freiwilligen Hilfskasten“, der als spĂ€terer Landkasten bis 1918 die eigentliche Landessteuerkasse Mecklenburgs darstellte. Trotzdem aber setzte sich der Bauer, wo er irgend konnte, mit verzweifeltem Mute zur Wehr, um sich seinen Besitz zu erhalten. Das Land sah mehr als eine Michael-Kohlhaas-Tragödie. Zahlreiche Prozesse, in denen mecklenburgische Bauern bis zum Reichskammergericht gingen, legen Zeugnis sowohl fĂŒr deren UnabhĂ€ngigkeitssinn wie fĂŒr ihre wirtschaftliche Kraft ab, und diesem zĂ€hen Widerstand ist es zu danken, daß Mecklenburgs Charakter als Bauernland bis zum DreißigjĂ€hrigen Krieg im großen ganzen gewahrt blieb.

Diese Erörterung ist nicht ohne Absicht an den Beginn dieser Untersuchung gestellt worden. Kulturgeschichte ist zugleich und in erster Linie Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Keine Kultur gedeiht im luftleeren Raum als etwas Abstraktes, sondern ist durch tausendfĂ€ltige Bande verknĂŒpft mit den rassischen und bödenmĂ€ĂŸigen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingtheiten des Raumes, aus dem sie erwĂ€chst. So sind auch die ersten Mittelpunkte des sich mit der Vollendung der deutschen Wiederbesiedlung mm in Mecklenburg entfaltenden kĂŒnstlerischen und geistigen Lebens, die Klöster und die StĂ€dte, fest gebunden an die bĂ€uerliche Struktur dieses Siedlungsgebietes.

Gerade die StĂ€dte, die im 12. und 13. Jahrhundert zumeist in Anlehnung an einstige wendische Burg- oder MarktplĂ€tze entstehen — Schwerin 1160, Rostock 1218, Wismar 1226 (?), GĂŒstrow 1228 —, stellen eine der bedeutsamsten Leistungen der deutschen Kolonisation dar. Als Kultur- und Handelszentren gewinnen sie schnell an Macht und Ausdehnung. Neben LĂŒbeck werden Rostock und Wismar, die mecklenburgischen SeestĂ€dte, durch den Rostocker Bund von 1283 zu einer der Keimzellen der Hanse. Vor allem in Oslo in Norwegen gewannen die Rostocker Kaufleute eine beherrschende Stellung. Die Bergen- und Schonenfahrt, der Handel mit den baltischen LĂ€ndern und dem russischen Stapelplatz Nowgorod, Frachten nach England und SĂŒdfrankreich machen alsbald ihre Kaufmannsgeschlechter reich. Der aufstrebende bĂŒrgerliche Erwerbssinn wie der Einfluß der damals noch allmĂ€chtigen Kirche werden hier zu den TriebkrĂ€ften der ersten Äußerungen heimischen .Kulturwillens und kĂŒnstlerischen Schaffens, wie sie sich in den gewaltigen Backsteinkirchen offenbaren. 1171 ist das GrĂŒndungsjahr des Schweriner Doms, und im gleichen Jahrhundert noch wird der Grundstein zu St. Petri in Rostock gelegt. Im 13. Jahrhundert folgen dann die drei anderen großen Pfarrkirchen Rostocks, St. Marien, St. Jakobi und St. Nikolai, die Kirchen von Wismar, an der Spitze St. Marien und St. JĂŒrgen, der altehrwĂŒrdige Dom zu GĂŒstrow, die herrliche Kirche der Cistercienserabtei zu Doberan. Alle diese ragenden Bauten sind dem Geiste der Zeit entsprechend echte Gemeinschaftsleistungen, kaum daß uns einmal wie bei der Doberaner Kirche die Namen einzelner Werkmeister ĂŒberliefert sind. Nur in Rostock wird uns verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig spĂ€t ein berĂŒhmter Kirchenbaumeister genannt, Johann Rumeschotel, der hier an der Marienkirche baute und 1408 nach Riga berufen ward, wo er die Petrikirche erbaute.

Sonst tritt das Ich, die Einzelleistung irgendeines Individuums, wie in der FrĂŒhzeit jeder echten Kultur bei dieser FĂŒlle stolzester Backsteinbauten, in der Mecklenburg alle LĂ€nder des Nordens ĂŒbertrifft, völlig in den Hintergrund. In vollendeter Weise prĂ€gt sich in ihnen der Geist jener heroischen Zeiten aus. Mit ihren wuchtigen Massen, ihren klotzigen ungefĂŒgen TĂŒrmen, die sich trotzig ĂŒber das flache norddeutsche Land recken, ihren gewaltigen Strebebögen, welche oftmals die Höhenwirkung des Gesamtbaus ins Riesenhafte steigern, sind sie Ausdruck einer stolzen Frömmigkeit sowohl wie wehrhafter Kraft. Aus ihnen spricht die gleiche Urkraft und Bodenverbundenheit niederdeutschen Stammes, die aus den stolzen Stadttoren von Rostock, Ribnitz, Teterow, Malchin, Friedland und Neubrandenburg redet. Diese Baukunst gehört ihrer inneren Haltung nach Menschen an, bei denen die Willenskraft im Vordergrund ihres Handelns und Denkens steht. Alles Spielerisch© und SelbstgefĂ€llige ist ihr fremd. Zugleich aber ist sie zutiefst der heimischen Landschaft verbunden. In ihr wahrt sich Mecklenburg in stolzer Eigenart die geistige SelbstĂ€ndigkeit seiner Landschaft wie seiner Menschen.

Trotz der schwerfĂ€lligen Wucht der Massen, mit denen sie arbeitet, wirkt diese Kirnst dennoch niemals roh. Die verschollenen Werkmeister dieser alten mecklenburgischen BauhĂŒtten wußten vielmehr sehr wohl in strengem Formensinn die gewaltigen MauerflĂ€chen durch Strebepfeiler zu gliedern und aufzuteilen und mit Glasurziegeln von sattem DunkelgrĂŒn oder tiefem Rot oder Gesimsen und Friesen in breiten Horizontalstreifen zu beleben.

Der kĂŒnstlerische Sinn, von dem diese Schöpfungen zeugen, verrĂ€t sich auch im Kircheninneren in der reichen Pfeilerbildung, in dem Schmuck der AltĂ€re, in Schnitzwerk und Bildnissen. Wie alle geistigen Regungen zunĂ€chst mit der Kirche als dem Hort der damaligen Bildung verknĂŒpft bleiben, so beginnt auch Mecklenburgs Kunst als Kirchenkunst. Die Dobefaner Altarkunst wird mit dem 14. Jahrhundert fĂŒhrend fĂŒr die gesamte weitere Entwicklung. Schon frĂŒh verraten einzelne Schöpfungen wie die BronzefĂŒnte der Rostocker Marienkirche und die Wismarer Taufe des Gießers „Apengeter ut Sassenland“ eine beachtliche Höhe des heimischen Kunstschaffens. Auch die echt deutsche Kunst der Holzschnitzerei beginnt in Schöpfungen wie dem Triumphkreuz von St. Marien zu Wismar und der Statue der Heiligen Klara aus der Ribnitzer Klosterkirche ihre ersten Triumphe auf mecklenburgischem Boden zu feiern.

Von Doberan nimmt auch die Tafelmalerei ihren Ausgang. Die Grabower Kirche birgt in dem Altar des Meisters Bertram, der auch die RĂŒckseite der FlĂŒgel des Hauptaltars im GĂŒstrower Dom gemalt hat, eine der Ă€ltesten Inkunabeln deutscher Tafelmalerei aus dem Jahre 1379, eine Arbeit, deren Schöpfer zwar ein gebĂŒrtiger Hamburger war und deren Herkunft nach LĂŒbeck weist, die aber nichtsdestotrotz doch dem niederdeutschen Raum angehört. Anders verhĂ€lt es sich bei dem Altar der Kirche der einstigen AntoniterprĂ€zeptorei Tempzin. Hier haben wir die Arbeit eines Wismarer Meisters aus dem Jahre 1411 vor uns, offensichtlich des gleichen Mannes, der in seiner Vaterstadt den Passionsaltar von St. JĂŒrgen schuf. Mit seinen zahllosen Einzelbildern, bei denen der KĂŒnstler seiner reichen Einbildungskraft freien Lauf lĂ€ĂŸt und seinen prachtvollen starken Farben, leuchtendem Zinnober, kostbarem Ultramarin und reifem Gold, stellt er ein Werk von außerordentlicher kĂŒnstlerischer Wirkung dar, einen der ersten Höhepunkte heimischen Kunstschaffens. Und daß er durchaus keine Einzelleistung war, lehrt die Tatsache, daß Rostock im gleichen Jahrhundert fĂŒr eine Weile im gesamten Ostseeraum von LĂŒbeck bis Stralsund die FĂŒhrung auf dem Gebiete der Tafelmalerei ĂŒbernimmt. Der Dreikönigsaltar aus dem einstigen Johanniskloster zu Rostock bildet die Vollendung niederdeutscher Tafelmalerei.

Auch die Altarkunst erlebt im gleichen Jahrhundert, dem Zeitalter der SpĂ€tgotik, ihre höchste Entfaltung. Der Altar der Bartscherer und WundĂ€rzte der Rostocker Marienkirche, der große Schrein des Hauptaltars im GĂŒstrower Dom, der Thomasaltar und der Hauptaltar zu St. JĂŒrgen in Wismar sind Perlen niederdeutschen mecklenburgischen Kunstschaffens, welche hinter den gleichzeitigen sĂŒddeutschen Altarschöpfungen keineswegs zurĂŒckzustehen brauchen.

Auf dem Gebiete der Holzschnitzerei ist die große Triumphkreuzgruppe der Malchiner Stadtkirche von geradezu erschĂŒtternder Realistik. Den Höhepunkt der mecklenburgischen Kunst des ausgehenden Mittelalters aber bilden unstreitig die 12 herrlichen holzgeschnitzten Apostelfiguren des GĂŒstrower Domes, die um 1530 von einem SchĂŒler des LĂŒbecker Meisters Claus Berg geschaffen worden sind. Hier hat ein ganz gottbegnadeter KĂŒnstler gearbeitet, ein Mann ebenbĂŒrtig einem Veit Stoß, und zwar imzweifelhaft ein Mecklenburger, denn in diesen Gestalten mit ihrer ungeheuren, fast barocken Bewegtheit und Ausdruckskraft schauen uns weniger die Apostel an, als echte blut- und lebensvolle Landsknechtsnaturen der Zeit, strotzend von gesunder bĂ€urischer Kraft und niederdeutscher UrwĂŒchsigkeit.

Gleichzeitig ist nun im Laufe des 15. Jahrhunderts in spĂ€ter, doch dafĂŒr um so schönerer BlĂŒte das geistige Lehen zur Entfaltung gelangt. Abgesehen von dem frĂŒhesten Zeugnis mecklenburgischen Geisteslebens, bezeichnenderweise einem Geschichtswerk, wie es der kaum vergangenen Epoche der Wiederbesiedlung mit ihrem kĂ€mpferischen Emst entsprach, der Reimchronik des Ernst von Kirchberg, liegen auch hier die ersten AnfĂ€nge auf geistlichem Gebiet. Aus dem 13. Jahrhundert ist uns das Passionsspiel des Heiligen Ludolf ĂŒberliefert. Aus dem geistigen Umkreis der Dobe-raner Cisterciensermönche stammt das berĂŒhmte Redentiner Osterspiel, das um 1464 möglicherweise von jenem Peter Kalff verfaßt wurde, der damals Hofmeister des Klosterhofes zu Redentin bei Wismar war. Die Sprache, in der es abgefaßt ist, ist niederdeutsch, und ĂŒber der geistlichen VerbrĂ€mung enthĂŒllen sich doch seine handelnden Personen als echte mecklenburgische Menschen, ein Zeichen, wie lebendig und stark die niederdeutsche Wesensart trotz aller römischen Überfremdung geblieben war. Ähnliches lehrt auch das Rostocker Liederbuch von 1478, das uns als einziges Werk die Kenntnis des niederdeutschen Volksliedes im 15. Jahrhundert vermittelt. Die weltlichen Lieder ĂŒberwiegen hier bei weitem die geistlichen.

Die Kirche wachte auch als Patron ĂŒber der GrĂŒndung der Rostocker UniversitĂ€t im Jahre 1419. Diejenigen, von denen in diesem Falle freilich die Anregung dazu ausging, waren die Landesherren, die mecklenburgischen Herzoge Johann III. und Albrecht V., welche die Errichtung einer eigenen UniversitĂ€t im Norden lĂ€ngst als ein dringendes BedĂŒrfnis erkannt hatten. Als dritte im Bunde spielte die Stadt Rostock dabei die Hauptrolle, indem sie das nötige ‚Geld zur VerfĂŒgung stellte. Mit ihren zahlreichen Klöstern und ihrer großen Anzahl von Geistlichen und Mönchen wie ihrem großen Reichtum als eine der ersten HansestĂ€dte und ihrem Ansehen als Messestadt im Norden, das ihr der seit 1390 bestehende Pfingstmarkt, eine der Ă€ltesten deutschen Handelsmessen, lieh, schien sie wie geschaffen dazu, den Resonanzboden fĂŒr eine Hochschule abzugeben. Freilich mißtraute zunĂ€chst der Papst in Rom dem ketzerischen Geist der Norddeutschen und verweigerte der neuen UniversitĂ€t die theologische FakultĂ€t, die sie erst 1432 zugebilligt erhielt. Trotzdem aber ist das Jahr 1419 von der grĂ¶ĂŸten Bedeutung fĂŒr die kulturelle Entwicklung Mecklenburgs. FĂŒr mehr denn ein Vierteljahrtausend wird Rostock als Ă€lteste UniversitĂ€t des Nordens nun zum geistigen Mittelpunkt des gesamten Ostseeraumes. Norweger haben selbst mehr als einmal die ĂŒberragende Rolle Rostocks in der Geschichte des norwegischen Geisteslebens betont. In Schweden galt Rostock fĂŒr die nĂ€chsten zweihundert Jahre trotz der im Jahre 1477 erfolgten GrĂŒndung der UniversitĂ€t Upsala als vornehmste Hochschule. Von DĂ€nemark, dessen geistiges Leben entscheidend von Rostocker Gelehrten beeinflußt und geformt wird, ganz zu schweigen. Selbst bis in die baltischen LĂ€nder reicht der Einfluß der neuen „Leuchte des Nordens“.

Die GrĂŒndung der UniversitĂ€t fiel in eine entscheidende Stunde der Geschichte des abendlĂ€ndischen Geisteslebens, in der sich an den hohen Schulen die Welten des Glaubens und des Wissens, der Religion und der Philosophie zu scheiden beginnen. In Rostock bewegte sich freilich der Lehrbetrieb wĂ€hrend des ersten Jahrhunderts der Hochschule noch ganz in den engen herkömmlichen Bahnen der Scholastik, zumal die meisten Lehrer wie der erste Rektor Petrus Stenbeke selbst Kleriker waren. In fast klösterlicher Abgeschlossenheit bildeten Lehrer und Lernende eine enge Gemeinschaft, wie es an allen mittelalterlichen UniversitĂ€ten Brauch war. Die Forschung beschrĂ€nkte sich auf die Auslegung und ErlĂ€uterung der Schriften der Alten von Aristoteles und Galen bis zu Avicenna und Thomas von Aquino. Aber obwohl wĂ€hrend des 15. Jahrhunderts BĂŒrgerkriege und Seuchen die UniversitĂ€t zweimal zu einem Auszug nötigten, erst nach Greifswald, wo 1456 eine TochteruniversitĂ€t entstand, dann nach Wismar und LĂŒbeck, gewann diese doch rasch an Ansehen und Zulauf. Mit 16 000 Studierenden in den ersten 100 Jahren nimmt sie eine der ersten Stellen unter den damaligen deutschen UniversitĂ€ten ein.

Sehr bald fehlt es ihr auch nicht an bedeutenden Gelehrten, die Rostocks Ruhm weit ĂŒber seine Mauern hinaus verbreiten. Von 1463 bis 1468 studierte der Geschichtsschreiber und Theologe Albert Krantz, ein gebĂŒrtiger Hamburger, in Rostock, wo er alsdann Professor und Rektor Magnificus wurde. Seine historischen Schriften sind auch heute noch nicht ohne Quellenwert. 1509 weilt Ulrich v. Hutten, einer der BannertrĂ€ger des Humanismus, vorĂŒbergehend an der UniversitĂ€t. Nikolaus Marschalk (ca. 1465—1525), ein gebĂŒrtiger ThĂŒringer und einer der ersten Polyhistoren des beginnenden Humanismus, verfaßt eine Reimchronik der Mecklenburgischen FĂŒrsten, schreibt eine Naturgeschichte der Wassertiere und gibt die Anatomie des Italieners Mondino da Luzzi fĂŒr die Rostocker UniversitĂ€t heraus, der als erster wieder die Sektion von Leichen empfohlen hatte. Von 1492 bis 1494 und von 1499 bis 1506 lehrt der Humanist und Dichter Hinrich Boger in Rostock, von 1501 bis 1511 der Philologe Tileman Hever-ling, der sich dadurch einen Namen erwirkt, daß er die Klassiker in niederdeutscher Sprache erlĂ€utert, und weiter finden sich unter den Gelehrten dieser Jahre Namen wie Konrad Celtes und Hermann v. d. Bussche, beides KĂŒnder der neuen humanistischen Wissenschaft. Unter den Ärzten ragt um 1514 Reimpertus Gilzheim hervor, der um diese Zeit bereits Leichen sezierte; spĂ€ter um 1525 Janus Cor-narius (1500—1558), ein SchĂŒler des Erasmus von Rotterdam, der Wiedererwecker der Hippokratischen Medizin, der unter Ausschaltung der arabischen Mittler seine SchĂŒler wieder zum Studium der klassischen medizinischen Schriften hinleitet.

Infolge des reichen geistigen Lebens, das jetzt am Ostseestrand sich entfaltete, gehörte Rostock auch zu den ersten deutschen StĂ€dten, welche sich die neue Erfindung der Buchdruckerkunst zu eigen machten. Bereits im Jahre 1475 grĂŒndeten die BrĂŒder vom Gemeinsamen Leben in Rostock eine Druckerei. Bald folgte Nikolaus Marschalk diesem Beispiel mit einer Druckerwerkstatt, in der er seine eigenen Werke herausgab, und neben ihm vor allem Ludwig Dietz, einer der bedeutendsten Buchdrucker des ganzen Nordens, dessen Erzeugnisse, etwa das berĂŒhmte „Narrenschiff“ des Sebastian Brant (Dat nye schip van Narragonien) und der Reinke de Vos, rasch die weiteste Verbreitung erlangten. Eine drucktechnische RaritĂ€t allerersten Ranges birgt infolge dieser frĂŒhen BlĂŒte auch das Rostocker Ratsarchiv in dem Ă€ltesten erhaltenen deutschen Theaterzettel aus dem Jahre 1520, auf dem ein geistliches Schauspiel angekĂŒndigt wird, das bei gutem Wetter auf dem Mittelmarkt zu Rostock aufgefĂŒhrt werden soll. Und mit der WeitlĂ€ufigkeit und dem Unternehmungsgeist der damaligen Rostocker mag es auch ZusammenhĂ€ngen, wenn ein Rostocker Kaufmann, Eier Lange, im Jahre 1519 die erste Lotterie Deutschlands in Rostock veranstaltet.

Dieses ĂŒberreich sprudelnde Leben erfuhr freilich bald darauf durch die StĂŒrme der Reformation eine jĂ€he Unterbrechung. Der Übergang von der geistlichen zur weltlichen Hochschule, wie ihn Luthers gewaltige geistige Revolution allerorten bedingte, vollzog sich in Rostock nicht ohne schwere KĂ€mpfe, die fast den Bestand der UniversitĂ€t an sich in Frage stellten. BĂŒrgerschaft und Studenten bekannten sich wohl frĂŒh zu der neuen Lehre, die in Rostock in SlĂŒter ihren VerkĂŒnder fand. Desto zĂ€her aber hielt die Mehrzahl der Professoren am alten Glauben fest, so daß die UniversitĂ€t infolge dieses Zwiespaltes zunĂ€chst verödete. Erst der bedeutendste aller mecklenburgischen FĂŒrsten, Johann Albrechtl. (1552—1576) erlöste sie aus dieser Krise und verhalf ihr zu neuem Leben. Unter ihm gelangte die Reformation in ganz Mecklenburg zur DurchfĂŒhrung. In der Formula concordiae von 1563 einigten sich Landesherr und Stadt ĂŒber die infolge der Reformation freigewordenen kirchlichen Befugnisse ĂŒber die UniversitĂ€t, der Landesherr ĂŒbernahm an Stelle der Kirche das Patronat, wĂ€hrend die Stadt Mitpatron wurde und der Hochschule weiterhin die GebĂ€ude zur VerfĂŒgung stellte. Fortan teilte sich das Kollegium nun iu zwei Gruppen, fĂŒrstliche und TĂ€tliche Professoren, die indes ein gemeinsames Konzil bildeten.

Mit Johann Albrecht I. beginnt fĂŒr Mecklenburg das Zeitalter der Renaissance. Nicht umsonst trĂ€gt der Baustil dieser Jahrzehnte seinen Namen. Und nicht umsonst stand er im Briefwechsel mit italienischen RenaissancefĂŒrsten, wie Cosimo von Medici und den Herzögen Ercole und Alfonso von Ferrara. In den baulichen Schöpfungen seiner Epoche kreuzen sich jetzt italienische und niederlĂ€ndische EinflĂŒsse. Der Machtwille des FĂŒrsten offenbart sich in prĂ€chtigen Terrakotta- und Putzbauten. Doch da der Backstein nach wie vor das Material bildet und auch die fremden Baumeister an den heimischen Werkstoff wie an einheimische Handwerker gebunden bleiben, so verleugnen die neuen Schloßbauten, die nun nach dem Willen des FĂŒrstengeschlechtes entstehen, doch niemals ihre heimische Eigenart. Das innere Gesetz der niederdeutschen Landschaft und des niederdeutschen Menschen beugt auch den fremden Einfluß, so daß die EigenstĂ€ndigkeit der mecklenburgischen Kunst durchaus gewahrt bleibt.

Der FĂŒrstenhof zu Wismar, ein wenig an einen italienischen Palazzo gemahnend, den Johann Albrecht I. 1553 durch seinen Baumeister ErhĂ€rt Altdorfer, einen Bruder des bekannten Regensburger Malers, errichten ließ, macht den Anfang dieser Bauten. Ihre Krönung bildet das stolze Schloß zu GĂŒstrow, dessen Bau nach französischen Vorbildern 1558 von Franciscus Parr begonnen wurde. Diese Schloßbauten werden zu Vorbildern fĂŒr den ganzen Norden. In Dargun erbaut sich Herzog Ulrich von Mecklenburg, ein Bruder Johann Albrechts I., ein Renaissanceschloß, 1571 errichtet Herzog Christoph das Schloß zu Gadebusch. Auch das Schweriner Schloß wird damals im Renaissancestil ausgebaut, ebenso das Schloß zu BĂŒtzow. Hie und da folgt auch der Adel, soweit er geldkrĂ€ftig genug ist, dem Beispiel des Landesherm. 1562 erbauen sich die Maltzahns in Ulrichshusen eine Burg, deren noch vorhandener Teil — das Ă€lteste erhaltene mecklenburgische Herrenhaus — an Renaissancevorbilder gemahnt. Um 1570 errichten die Holsteins in Ankershagen ein Renaissanceschloß. Auch die untergegangene Burg der Flotows in Stuer ist offensichtlich ein Renaissancebau gewesen. 1597 lassen die Hahns in Bristow die prachtvolle reichgeschmĂŒckte Renaissancekirche erstehen. Ein SchĂŒler des Utrechter Meisters Philipp Brandin, Claus Mi-dow, schafft fĂŒr die Basedower Hahns die Epitaphien und den Altaraufsatz in der Schloßkirche. Und noch spĂ€t erbaut Levin Ludwig Hahn (1668—1728) das berĂŒhmte, unlĂ€ngst leider völlig niedergebrannte Renaissanceschloß in Remplin, einen der prunkvollsten mecklenburgischen Adelssitze.

Johann Albrechts I. Hof wird jetzt zum Spiegelbild des neuen geistigen Lebens. Er selbst muß unter die bedeutendsten deutschen FĂŒrsten der Zeit gerechnet werden. Sein engster Berater, Andreas Mylius (1528—1594), ein gebĂŒrtiger Sachse, verfaßt zahlreiche Gedichte, deren Sprache wohl die der Antike ist, deren Inhalt und Empfinden jedoch durchaus modern anmuten und von einer starken Liebe zu seiner mecklenburgischen Wahlheimat und deren lĂ€ndlichem Leben zeugen. Verse wie:

„Hier wo der Warnow Wellen zart beginnen,

Der Warnow, die zu Rostocks stolzen Zinnen

Hin lenkt den Lauf . . .“

atmen die ganze stille Poesie des Warnowtales und lehren, daß ihr Schöpfer den Ehrennamen eines „Dichters der Wamow“ nicht zu Unrecht trug. Neben ihm weilten fast stĂ€ndig der berĂŒhmte Rostocker Humanist Johannes Case-lius, der Mathematiker und Astronom Tileman Stella, der Schöpfer einer Karte von Mecklenburg und vermutlich schon damals der Leibarzt Angelus Sala, von Geburt ein Italiener, am Hof. Letzterer erwarb sich als AnhĂ€nger der Lehren des Paracelsus von dem Werte der Chemie fĂŒr die Medizin und als Erfinder zahlreicher neuer Arzneimittel einen nicht unbedeutenden Ruf. DazĂŒ gesellte sich eine Schar von KĂŒnstlern, voran der Hofmaler ErhĂ€rt Gaulrap, ein SchĂŒler des jĂŒngeren Lukas Cranaeh, der flandrische Maler Peter Bökel aus Antwerpen, der hollĂ€ndische Baumeister und Bildhauer Philipp Brandin und die ursprĂŒnglich aus Italien stammende KĂŒnstlerfamilie der Parr.

Dank Johann Albrecht I. erlebte jetzt auch die Rostocker UniversitĂ€t ihre schönste BlĂŒtezeit. Studenten aus allen Teilen des Reiches wie aus Flandern und Brabant, dem skandinavischen Norden und den baltischen LĂ€ndern strömten nach Rostock. Jahrzehntelang besaßen die Norweger ihre eigene Burse in der NĂ€he des Hopfenmarktes. Die Zahl der niederlĂ€ndischen Studenten hatte schon im vergangenen Jahrhundert sich auf vierhundert belaufen. Zahlreiche FĂŒrsten, die zumeist spĂ€ter ehrenhalber jeweils das Rektorat ĂŒbernahmen, erwarben sich hier ihre Bildung, so ein Graf von Oldenburg, zwei mecklenburgische Herzoge, dĂ€nische Prinzen und brandenbĂŒrgische Markgrafen, zwei Herzoge von Braunschweig-LĂŒneburg, einer von Schleswig-Holstein, einer von Pommern und der Herzog Wilhelm von Kurland und Semgallen. Auch hohe schwedische Adelige wie der Graf Rosen fĂŒhren zuweilen das Rektorat. Schwedens großer Reichskanzler Axel Oxenstiema legte hier den Grund zu seiner Bildung. FĂŒr fast ein Jahrhundert wurden nun das beim Bau des BlĂŒcherdenkmals abgerissene Auditorium maximum mit seinem schönen Backsteingiebel auf dem Hopfenmarkt, das „Weiße Kolleg“ an der Stelle des heutigen UniversitĂ€tsgebĂ€udes und die Bursen, in denen Lehrer und Lernende in enger Gemeinschaft nach strengen, fast klösterlichen Regeln lebten, die Regentie zum Einhorn, zum Roten Löwen, zum Adler, St. Olavii oder wie sie sonst heißen mochten, um den Hopfenmarkt zum Mittelpunkt des geistigen Lebens in ganz Nordeuropa.

Fast symbolisch eröffnet ein Flame, der Antwerpener Kaufmannssohn Jacob Bording (1511—1560) die Reihe der großen Rostocker Gelehrten, so aufs neue die alten Beziehungen Mecklenburgs zu Flandern und Brabant, den UrsprungslĂ€ndern so mancher seiner Besiedler, bekrĂ€ftigend, gleichsam ein Beweis fĂŒr die Einheit des niederdeutschen Raumes auch in geistiger Hinsicht. Nachdem Bording in Italien und Frankreich die Arzneikunde studiert hatte, wirkte er von 1550 ab fĂŒr drei Jahre als Anatom in Rostock und verhalf dem anatomischen Studium an der UniversitĂ€t zu neuem Leben. Fast noch grĂ¶ĂŸeren Ruhm aber erwarb er sich durch seine Mitwirkung bei der Berufung des berĂŒhmten Humanisten David ChytrĂ€us (1530—1600) nach Rostock, des Reorganisators der UniversitĂ€tsstudien. Geboren als Sohn eines schwĂ€bischen Predigers namens Kochhafe, hatte dieser unter anderem auch bei Melanchthon in Wittenberg studiert. Von ungeheurer Arbeitskraft und nie erlahmendem Wissensdrang war er gleich bedeutend als Theologe wie als Geschichtsschreiber und Philologe. 1568 berief ihn der Kaiser zur Ordnung des Religionswesens nach Niederösterreich, ein Zeichen, wie weit sein Ruf schon gedrungen war und zugleich ein Beweis, daß er den Namen eines Rostocker Melanchthon nicht zu Unrecht trug.

Ihm zur Seite reihen sich wĂŒrdig der Humanist und Philologe Johannes Caselius (1533—1613) aus einer adeligen geldernschen Familie, dessen Ruhm weit ĂŒber die Grenzen des Reiches bis nach Italien reichte, und der Jurist Johann Oldendorp (1480—1567), ein Neffe des Albert Krantz und Verwandter des Nikolaus Marschalk, der erste deutsche Rechtsphilosoph und einer der grĂ¶ĂŸten deutschen Rechtsgelehrten aller Zeiten ĂŒberhaupt. Und weiter folgen in bunter Zahl Theologen wie Johannes Draconites, Juristen wie Ernst Cothmann und Johann Georg Godelmann (1559—1611), der als einer der ersten mit fĂŒr seine Zeit beispielhaftem Mut sich gegen den Hexenwahn wandte, — sowie hundert andere. Jeden von ihnen zu wĂŒrdigen, wĂŒrde den Rahmen dieser Arbeit weit ĂŒbersteigen. Nur auf einige berĂŒhmte Ärzte sei noch hingewiesen. Da ist als erster vor allem Heinrich BrueĂ€us (1530 —1593) zu nennen, gleich Bording von Geburt ein Flame, der sich um die Anatomie hoch verdient gemacht hat, in Rostock nach dem Vorbilde des genialen Anatomen Andreas Vesalius die ersten regelrechten Sektionen durchgefĂŒhrt und eine vortreffliche Arbeit ĂŒber den Scharbock (Skorbut) verfaßt hat, der unter der seefahrenden Bevölkerung der OstseekĂŒsten damals eine besondere Rolle spielte. Zu seinen SchĂŒlern gehörte kein Geringerer als der berĂŒhmte Astronom Tycho de Brahe, der von 1566 bis 1568 in Rostock studierte. Als zweiter folgt Levinus Battus (gest. 1591), gleichfalls ein Flame aus Gent, der in Rostock nicht immer ohne schĂ€dliche Übertreibung die Lehren des Paracelsus von der Anwendung der Chemie in der Medizin vertrat. Den Beschluß macht ein heute völlig Vergessener: Franz Joel Primus (1508—1579), ein gebĂŒrtiger Deutsch-Ungar, der Sohn eines Schmieds, der sich bis zum Hofapotheker in GĂŒstrow und schließlich bis zum Professor der Medizin in Greifswald hinaufarbeitete. Wenn er selbst auch nicht unmittelbar mit der Rostocker UniversitĂ€t verbunden war, so ging doch sein Hauptwerk, das sechsbĂ€ndige, in Rostock erschienene Handbuch der gesamten Medizin, aus deren geistigem Umkreis hervor und verbreitete zudem als allgemein anerkanntes Lehrbuch fĂŒr mehr als hundert Jahre Rostocks Ruhm an allen UniversitĂ€ten. Vor allem in botanischer Hinsicht brachte es wertvolle Neuerkenntnisse, sein Verfasser erweist sich als ein genauer Kenner aller mecklenburgischen Heilpflanzen und fordert fĂŒr alle Medizinstudierenden botanischen Anschauungsunterricht mit regelmĂ€ĂŸigen Exkursionen. FĂŒr dieses ganz modern anmutende naturwissenschaftliche Denken erteilte ihm die Medizinische FakultĂ€t der UniversitĂ€t Rostock ein besonderes Lob, und dieses wundert uns um so weniger, wenn wir hören, daß Rostock als erste von allen deutschen UniversitĂ€ten bereits im Jahre 1568 ĂŒber einen Botanischen Garten verfĂŒgte!

In Verbindung mit dem Aufschwung des geistigen Lebens an der UniversitĂ€t regen sich auch sonst ĂŒberall im Lande neue KrĂ€fte. In diesem Jahrhundert entstehen als Horte der Jugenderziehung die altehrwĂŒrdigen Lateinschulen, voran die Schweriner FĂŒrstenschule, die Wismarer Stadtschule von 1541, deren reizender gotischer Bau noch heute von dem Reichtum der damaligen Hansestadt zeugt, die Domschule zu GĂŒstrow (1552) und die Große Stadtschule in Rostock (1580), deren erster Rektor Nathan ChytrĂ€us wird, ein Bruder des großen Humanisten.

Auch die Schauspielkunst wird jetzt in zunehmendem Maße gepflegt. Hatte schon der Rostocker Theaterzettel von 1520 auf ungewöhnlich frĂŒhe schauspielerische Darbietungen hingewiesen, so bot weiterhin seit alters der berĂŒhmte Pfingstmarkt Gelegenheit genug zur AuffĂŒhrung von Burlesken und FastnachtsschwĂ€nken. Um die Mitte des Jahrhunderts nimmt der großen Zahl von Studenten entsprechend die studentische Schulkomödie einen großen Aufschwung. 1558 und 1574 sind uns studentische TheaterauffĂŒhrungen von Tragödien bezeugt. 1578 lĂ€ĂŸt der GĂŒst-rower Schulmeister Omichius in Rostock eine Komödie „Dionys von Syracus“ im Druck erscheinen. Im Jahre 1600 fĂŒhren Studenten auf dem Hopfenmarkt die Komödie „Cornelius relegatus“ des Hamburgers Albert Wichgrewe auf, der in Rostock studiert hatte und in seinem nach plauti-nischer Art verfaßten Lustspiel die Unsitten des damaligen studentischen Lebens geißelte. 1605 wird zu wiederholten Malen unter großem Beifall eine Komödie des Magisters Schlee „Susanna“ in der heute nicht mein: vorhandenen Johanniskirche am Steintor aufgefĂŒhrt, im folgenden Jahre gastiert auch eine Truppe englischer Berufsschauspieler in Rostock, und zur gleichen Zeit setzt der Bergenfahrer Joachim Schlue mit seiner Barockkomödie „Isaak“ der plattdeutschen Sprache ein schönes Denkmal. Auch die Musik findet jetzt in Rostock eine PflegestĂ€tte. 1614 erscheint das Sertum musicale primum des Rostocker Kantors Daniel Friderici, dessen anmutige geistliche und weltliche Kompositionen in ganz Deutschland, der Schweiz und den baltischen LĂ€ndern Verbreitung erlangten.

Noch immer aber ĂŒberstrahlt der Ruhm der Rostocker UniversitĂ€t in diesen Jahren alles andere. WĂ€hrend der ersten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts galt sie fĂŒr eine der besten Hochschulen des Reiches, zumal Rostock zunĂ€chst von den Wirren des ĂŒber Deutschland hereinbrechenden DreißigjĂ€hrigen Krieges wenig zu spĂŒren bekam. Kein Geringerer als Sven Hedin hat das Rostock der Jahre um 1600 einmal eine der bedeutendsten BildungsstĂ€tten der damaligen Welt genannt. Gerade um diese Wende erlebt die UniversitĂ€t in Magnus Pegel einen ihrer genialsten Geister, den man nicht zu Unrecht als den Rostocker Leonardo da Vinci bezeichnen kann und der bisher in seiner einzigartigen OriginalitĂ€t und GeistesfĂŒlle viel zu wenig gewĂŒrdigt worden ist, wie er denn auch von seinen Zeitgenossen gerade wegen seiner epochemachenden Erfindungen vielfach verkannt und verlacht worden ist, da diese seiner Zeit allzusehr vorauseilten. Geboren 1547 in Rostock als Sohn des Professors der Theologie Konrad Pegel, der einer alten Wismarer Familie entstammte, ward er als ein wahres Wunderkind bereits mit 9 Jahren an der UniversitĂ€t immatrikuliert und machte als Student spĂ€ter die Bekanntschaft Tycho de Brahe’s. Von 1591 bis 1605 lehrte er dann als Professor der Medizin und Mathematik in Rostock, bis ihm der Neid seiner Kollegen und geldliche Schwierigkeiten den Aufenthalt in der Stadt verleideten und er als Mathematikus an den Hof des Kaisers Rudolf II. nach Prag ging. Allein das GlĂŒck war ihm auch dort nicht hold. Sein Ende ist in Dunkel gehĂŒllt, fĂŒr das Jahr 1615 meldet eine Nachricht, er habe fast hungernd wieder in Rostock gelebt, anderen Berichten zufolge ist er zwischen 1615 und 1618 am Hofe des Herzogs Philipp II. von Pommern in Stettin gestorben.

In seinen Schriften findet sich eine FĂŒlle der bemerkenswertesten Erkenntnisse. Schon in seiner Promotionsarbeit ĂŒber die Pest trifft er die Feststellung, diese sei wie die Schwindsucht kontagiös, wobei er fĂŒr diese als erster auf die Gefahr der Tröpfcheninfektion durch Husten hinweist. In einer anderen Arbeit, der 1585 in Rostock erschienenen Mundi Diatyposis, einer Entwicklungsgeschichte des Weltalls, nimmt er Darwin voraus, indem er hier eine regelrechte Entwicklungsgeschichte der Tierwelt begrĂŒndet. Am ĂŒberraschendsten wirkt jedoch sein 1604 erschienener Thesaurus rerum selectarum, eine EncyclopĂ€die des gesamten Wissens, bezeichnenderweise streng naturwissenschaftlich gehalten, denn die Theologie hat in ihm keinen Platz. Nicht nur, daß er hier eine FĂŒlle technischer Erfindungen angibt, darunter ein Luftschiff, Unterwasserfahrzeuge, Tauchapparate, SchnellfeuergeschĂŒtze, Vorrichtungen zum Heben gesunkener Schiffe, VervielfĂ€ltigungsapparate, Hebelkraftmaschinen zur automatischen Fortbewegung von Fahrzeugen, SchiffbrĂŒcken, Automaten und tragbare Badeeinrichtungen, sondern er entwickelt hier auch unabhĂ€ngig von dem Italiener Cardano als erster deutscher Arzt eine Methode der BlutĂŒbertragung von Mensch zu Mensch, empfiehlt ein Verfahren zur KĂ€lteanaesthesie, gibt eine Methode zur endovenĂ€ren Einspritzung von Arzneimitteln an und vertritt lĂ€ngst vor der englischen Arztfamilie Chamberlen wieder den Gedanken der Zangenextraktion des lebenden Kindes. Und wie sehr alle diese epochemachenden Gedanken, die teilweise ihrer Zeit weit vorauseilten, dem geistigen Umkreis der Rostocker UniversitĂ€t verhaftet waren, lehrt die Tatsache, daß sie verkĂŒmmerten und fruchtlos blieben, sobald Magnus Pegel Rostock verließ und sich nach Prag in die dumpfe, von Aberglauben und Bigotterie durchtrĂ€nkte AtmosphĂ€re des habsburgischen Hofes begab.

Ihm ebenbĂŒrtig, ja vielleicht noch bedeutsamer fĂŒr die Geschichte des deutschen Geisteslebens ist Joachim Jun-gius (1587—1657), der zweite große Rostocker Gelehrte der Zeit. In LĂŒbeck geboren, studierte er zwei Jahre hindurch in Rostock und lehrte hier von 1619 mit einer kurzen Unterbrechung bis 1629 als Professor der Mathematik und Medizin. Verkörpert Magnus Pegel fĂŒr Rostock den Typus eines Leonardo da Vinci, so hat man Joachim Jungius wohl als den deutschen Bacon von Verulam bezeichnet. Alexander v. Humboldt zĂ€hlte zu seinen Bewunderern, und kein Geringerer als Goethe beschrieb sein Leben und stellte seine ĂŒberragende Bedeutung fĂŒr die deutsche Geistesgeschichte fest. Als Botaniker unternimmt er die ersten Schritte zur Aufstellung einer wissenschaftlichen Morphologie der Pflanzenwelt und legt den Grund zu einer allgemeinen Nomenklatur aller Pflanzen, auf der noch Linne fußt. Sein Hauptverdienst liegt auf dem Gebiete der Logik. In seiner Logica Hamburgensis gibt er eine der ersten neuzeitlichen methodischen Wissenschaftslehren. LĂ€ngst vor Descartes erkennt er die Bedeutung der Mathematik fĂŒr die Philosophie. Neben dem Astronomen Kepler ist er ohne Zweifel vor Leibniz durch sein Eintreten fĂŒr die exakte Naturbeobachtung und die induktive, d. h. von Erfahrungstatsachen ausgehende Forschungsmethode der grĂ¶ĂŸte und genialste Kopf auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften. 1622 stiftet er in Rostock nach italienischen Vorbildern eine naturwissenschaftlich-philosophische Gesellschaft, die Societas ereune-tica sive zetetica, die der Erforschung der Wahrheit aus der Vernunft dienen soll, und begrĂŒndet damit die erste Akademie der Wissenschaften in Deutschland und ganz Nordeuropa, die in Europa nur einen einzigen VorlĂ€ufer in der 1603 in Rom ins Leben gerufenen Academia dei Lynci hat. Freilich ist ihr infolge der unglĂŒcklichen ZeitlĂ€ufte des DreißigjĂ€hrigen Krieges kein allzulanges Leben beschieden, aber das Vorbild fĂŒr kommende Geschlechter war doch gegeben, und dieses Beispiel schenkte Rostock der deutschen Nation und der deutschen Wissenschaft.

Aber auch sonst ist die UniversitĂ€t damals an bedeutenden Köpfen nicht arm. Wilhelm v. Calcheim (1584—1640) erwirbt sich als VorkĂ€mpfer der deutschen Muttersprache einen Namen. Jakob Fabricius (1576—1652), Arzt, Dichter und Astronom, der Tycho de Brahe bei seinen Untersuchungen hilft, behandelt Wallenstein erfolgreich in GĂŒstrow, gewinnt seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die UniversitĂ€t und steigt schließlich, obwohl einfacher BĂ€ckersleute Kind, bis zum Leibarzt König Christians IV. von DĂ€nemark auf. Dank der LehrtĂ€tigkeit der Professoren Johannes Fabricius, Lindemann und Bohl ist Rostock damals in Deutschland fĂŒhrend im Studium der orientalischen Sprachen, Arabisch, Syrisch und ChaldĂ€isch. Der Ratsbuchdrucker Richel vermag damals sogar in arabischen Typen zu setzen. Wie schon die Gelehrtenfamilie Pegel lehrt, heftet sich die gelehrte Begabung dabei zusehends an bestimmte, fast zunftmĂ€ĂŸig eng begrenzte Sippen. Neben den Quistorp, welche mit dem großen Theologen beginnen, der durch seine Trostrede auf den in Rostock verstorbenen Völkerrechtslehrer Hugo Gro-tius berĂŒhmt geworden ist und den Bacmeister, welche durch ihre StammĂŒtter wieder an den mit einer vornehmen Italienerin vermĂ€hlten Anatomen Jacob Bording anknĂŒpfen, sind es vor allem zwei Familien, welche der UniversitĂ€t in diesem Zeitalter eine Reihe ihrer besten Vertreter schenken, die Lauremberg und die Paulli.

Wilhelm Lauremberg d. Ä., der Stammvater, macht sich als Professor der Medizin einen Namen. Von seinen drei Söhnen studiert Peter Lauremberg Astronomie, Medizin und Poesie, veröffentlicht Arbeiten ĂŒber anatomische Fragen, wird Professor der Poesie in Rostock, nachdem er bereits an der französischen UniversitĂ€t Montauban den Lehrstuhl fĂŒr Philosophie innegehabt hatte, und verfaßt ein Tagebuch, das durch seine Angaben ĂŒber seine GĂ€rten und botanischen Forschungen bemerkenswert ist. Sein Bruder Wilhelm Lauremberg d. J. erwirbt sich gleichfalls als Botaniker Ansehen. 1626 gibt er in Rostock die erste jemals in der Welt erschienene Abhandlung ĂŒber das Sammeln von Pflanzen und die Anlegung eines Herbariums heraus, die sogenannte Botanotheca, ein Buch, dessen Einfluß weit ĂŒber die Grenzen Deutschlands hinausreicht. Der höchste Ruhm aber gebĂŒhrt dem dritten der BrĂŒder, Johann Lauremberg (1590—1658). Nachdem er in Rostock Poesie, Medizin und Mathematik studiert hat, bekleidet er von 1618 bis 1623 die Professur fĂŒr Dichtkunst in Rostock. Neben einer lateinischen Tragödie „Pompeius Magnus“ gibt er 1622 ein Reallexikon heraus. Schließlich beruft ihn der König Friedrich III. von DĂ€nemark, dessen Lehrer er gewesen war, an die neubegrĂŒndete Hochschule von Soroe auf Seeland, wo er als Professor der Mathematik sein Leben beschließt. Seine hervorx-agendste Leistung, die ihm in der Geschichte der deutschen Literatur den Platz des ersten Satirikers sichert, aber stellen seine niederdeutschen, 1651 erschienenen „Veer Schertzgedichte“ dar, in denen er mit köstlichem Humor, zuweilen auch mit derben Keulcn-schlĂ€gen den französischen Modetorheiten der Zeit zu Leibe geht. Das vierte Gedicht ist eine begeisterte Lobrede auf die niederdeutsche Sprache, die er als Erbe der VĂ€ter preist, und stellt sich ebenbĂŒrtig den Schöpfungen eines Fritz Reuter und John Brinckman an die Seite.

Die zweite Familie, die Paulli, stellen der UniversitĂ€t einen Theologen, Simon Paulli, einen Mediziner, Heinrich Paulli und in dessen Sohn Simon Paulli (1603—1680), einem SchĂŒler des Joachim Jungius, ihren besten Anatomen wĂ€hrend des 17. Jahrhunderts. Außer in Rostock studierte Simon Paulli d. J. auch in Paris, Leyden, Kopenhagen und Wittenberg und erwarb sich so eine Ă€ußerst vielseitige und tiefgrĂŒndige Bildung. Rostock verdankte ihm ein regelrechtes anatomisches Theater. SpĂ€ter ging er an die UniversitĂ€t Kopenhagen und ward 1648 Leibarzt des Königs von DĂ€nemark.

FĂ€llt Simon Paulli d. J. Wirken schon in die Ausgangsperiode der BlĂŒtezeit, in der sich vor allem unter der Studentenschaft die entsittlichenden Wirkungen der langen Kriegsjahre bemerkbar machten, so gilt dies noch mehr von den drei letzten bedeutenden Geistern dieser Ära, dem Dichter AndreasTscherning (1611—1659), dem Polyhistor und Literaturhistoriker Georg Morhof (1639—1691) und dem Theologen Heinrich MĂŒller (1631 —1675). Tscheming, gleich Martin Opitz gebĂŒrtiger Schlesier aus Bunzlau, studiert in Rostock Poesie bei Peter Lauremberg, „des Vaterlandes Zier, der Weisheit Aufenthalt“, wie er ihn ein wenig plump in Versen feiert, und bekleidet hier fĂŒnfzehn Jahre hindurch die Professur fĂŒr Dichtkunst. Zahlreiche Gedichte, Übersetzungen aus dem Arabischen und Dramen entstammen seiner Feder und lassen ihn neben Opitz und Simon Dach als den bedeutendsten Renaissance-dichter der Zeit erscheinen. Sein SchĂŒler ist der in Wismar geborene Georg Morhof, der mit 21 Jahren Professor der Poesie in Rostock wird und 1665 an die neubegrĂŒndete UniversitĂ€t Kiel geht. Sein Hauptwerk „Unterricht von der teutschen Sprache und Poesie“ stellt den ersten wohlgelungenen Versuch einer Geschichte der deutschen wie der europĂ€ischen Dichtkunst dar und sein Verfasser erwirbt sich noch grĂ¶ĂŸeren Ruhm dadurch, daß er als erster den Namen Shakespeares in Deutschland bekannt macht. Heinrich MĂŒller endlich, der Sohn eines angesehenen Rostocker Kaufherrn, verfaßt als Professor der Theologie in Rostock den „Herzensspiegel“, die „Geistlichen Erquickstunden“ und andere Erbauungsschriften, die bis ins 19. Jahrhundert hinein zahllose Auflagen erleben und in ihrem geistigen Gehalt hinĂŒberleiten zu Spener und Arndt.

Der Reichtum dieses geistigen Lebens spiegelt sich indes auch noch in anderen Tatsachen. 1614 wird in Rostock eine regelrechte UniversitĂ€tsbibliothek gegrĂŒndet. Gleichzeitig ist Rostock damals neben Leipzig, Frankfurt, Köln und Wittenberg die grĂ¶ĂŸte deutsche Verlagsstadt. Nach den Meßkatalogen bringt der Rostocker Verleger Johann Hallervord zwischen 1613 und 1645 nicht weniger als 943 Neuerscheinungen heraus. Auch die Spuren einer Zeitung finden sich schon frĂŒh, um 1620, in Rostock, nachdem 1609 in Augsburg die erste deutsche Zeitung erschienen war. 1628 erhĂ€lt der Buchdrucker Moritz Sachs ein Ratsprivileg, „Avisen“ zu drucken, 1640 gibt der aus DĂ€nemark zugewanderte UniversitĂ€tsbuckdrucker Kil eine „Ordinari wöchentliche Postzeitung“ heraus. Und dieses Bild einer hohen KulturblĂŒte und einer starken geistigen Kraft erhĂ€lt einen charakteristischen Abschluß durch die Tatsache, daß in Rostock in diesen Jahren unmittelbar vor der großen Katastrophe des DreißigjĂ€hrigen Krieges auch in politischer Hinsicht noch ein starkes Wollen lebt. Bei der letzten großen diplomatischen Unternehmung der Hanse, dem BĂŒndnis mit den aufstrebenden Niederlanden, ist Rostock die treibende Kraft und der Rostocker Ratssyndikus Domann fĂŒhrt als Syndikus der Hanse die Verhandlungen im Haag. Freilich verdunkeln bereits die schweren Schatten des heraufziehenden Krieges dieses Bild, und dieser Krieg, der nun dreißig Jahre lang die deutschen Gaue verwĂŒstete, verhinderte auch das Inkrafttreten dieses BĂŒndnisses. Aber der Glanz des kulturellen Lebens am Ostseestrand bot doch einen ebenso ungewöhnlichen wie reizvollen Anblick in diesen fĂŒr das Deutsche Reich so trĂŒben Jahren, und sein Einfluß wirkte vor allem in Skandinavien noch lange fort.

Mecklenburg – Feudalismus und Leibeigenschaft

WĂ€hrend an der Rostocker UniversitĂ€t noch immer die Wissenschaften blĂŒhten, so daß die Stadt wie eine friedliche Insel inmitten eines sturmgepeitschten Meeres erschien, wĂŒtete unterdes seit 1618 im Reich und in Böhmen bereits der DreißigjĂ€hrige Krieg. Doch erst fast ein Jahrzehnt spĂ€ter, 1627, griff das Kriegsfeuer auch auf Mecklenburg ĂŒber. Tilly’s und Wallensteins bunte Scharen von wallonischen und spanischen Pikenieren und KĂŒraßreitern, Kroaten, Dalmatinern und Wallachen durchzogen die mecklenburgischen Ämter; die Herzoge in Schwerin und GĂŒstrow flohen außer Landes. Aber noch immer war der Druck nicht allzu hart. Ja mit der Erhebung Wallensteins (1583—1634) zum Herzog von Mecklenburg schien fĂŒr kurze Zeit sogar der Grund zu einer neuen BlĂŒte gelegt zu werden. Zum ersten Male bekam Mecklenburg, in dem bislang die Eigensucht der StĂ€nde wie die eigene Geldnot der Macht des Landesherrn enge Grenzen gezogen hatte, die eiserne Faust eines absoluten FĂŒrsten zu spĂŒren, der den Übermut und den Stolz der Ritterschaft zu bĂ€ndigen wußte, eine geregelte Armenversorgung und ein einheitliches Maß-und Gewichtsystem einfĂŒhrte, eine Postordnung schuf und das Gerichtswesen neu ordnete. Der alte Plan, der schon Johann Albrecht I. und seinen Kartographen Tileman Stella beschĂ€ftigt hatte, durch einen großen Kanal den Schweriner See mit dem Stromsystem der Elbe und der Ostsee zu verbinden und damit Mecklenburg eine beherrschende Stellung als Mittlerin im europĂ€ischen Handel zwischen Nord- und Mitteleuropa zu sichern, taucht jetzt wieder auf und beschĂ€ftigt den neuen Landesherm, der die große wirtschaftspolitische Bedeutung dieses Raumes erkennt, eingehend. Einer der gebildetsten und aufgeklĂ€rtesten MĂ€nner des damaligen Mecklenburg, Gebhard v. Moltke (1567—1647) auf Toitenwinkel bei Rostock, in dessen Kopf lĂ€ngst Ă€hnliche PlĂ€ne zu einer durchgreifenden Reform an Haupt und Gliedern geschlummert hatten, stellte sich Wallenstein als KammerprĂ€sident zur VerfĂŒgung. Doch die Zeit war fĂŒr derartige PlĂ€ne noch lĂ€ngst nicht reif, die Herrschaft des FriedlĂ€nders blieb historisch gesehen nur eine Episode und Gebhard v. Moltke bezahlte die KĂŒhnheit seines Denkens mit dem Verlust seiner GĂŒter.

Mit Wallensteins Sturz und dem Eingreifen der Schweden beginnt Mecklenburgs eigentliche Leidenszeit, die in wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Hinsicht von Folgen begleitet sein wird, wie sie so einschneidend und tragisch kaum eine andere deutsche Landschaft durch den Krieg erfahren hat. Infolge der zunehmenden sittlichen Verwilderung und Verrohung der Studenten versank das UniversitĂ€tsleben allmĂ€hlich fĂŒr Jahrzehnte in völliger Bedeutungslosigkeit. Der Schwedenzoll, den die vorgeblichen Erlöser aus dem Norden in WarnemĂŒnde erhoben, ruinierte den blĂŒhenden Rostocker Handel. WĂ€hrend die Rostocker Flotte am Ende des ersten Jahrzehntes des Krieges noch 123 Schiffe zĂ€hlte, belief sie sich hundert Jahre spĂ€ter nur mehr auf 31! Furchtbare Seuchen zehnteten die Bevölkerung in den StĂ€dten, wie denn schon 1631 der wallensteinisehe Obrist Wengiersky aus Wismar seinem Herrn berichtete, daß dort viele HĂ€user infolge der Pest leer stĂ€nden. Die furchtbarsten Folgen aber zeitigte die Vernichtung des Bauernstandes auf dem flachen Lande, der dem WĂŒten der entmenschten kaiserlichen und schwedischen Soldateska nahezu völlig schutzlos preisgegeben war. Schon vor dem Kriege bedroht durch die Landgier der Ritterschaft wie eine gewisse Landflucht, die sich in der Abwanderung der nicht erbberechtigten Bauernsöhne in die StĂ€dte geĂ€ußert hatte, ward er jetzt in seiner wirtschaftlichen Kraft bis ins Mark getroffen. Damit erfolgte eine entscheidende Umgestaltung aller menschlichen und gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse.

Fast ĂŒberall im Lande wurden die vor dem Kriege so blĂŒhenden und behĂ€bigen Bauerndörfer entvölkert, viele blieben fĂŒr immer wĂŒst, auf den brach liegenden Äckern schoß geil das Unkraut empor und um die niedergebrannte Hof wehr streifte in den NĂ€chten der Wolf, wĂ€hrend sich die Reste der Bevölkerung gleich wilden Tieren schutzsuchend in den WĂ€ldern verborgen hielten. FĂ€lle von Menschenfresserei sind unter den Hungernden mehrfach wohl bezeugt. Die schlimmsten Jahre wurden 1637 und 1638, als die kaiserlichen Truppen des Grafen Gallas und die Schweden Baners wiederholt das Land ĂŒberfluteten. „Dörfer und Felder sind mit krepiertem Vieh besĂ€t, die HĂ€user voll toter Menschen, der Jammer ist nicht zu beschreiben“, berichtete 1638 der Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg an den schwedischen Reichskanzler Oxenstierna. Auch der Adel wurde jetzt in seinem Besitzstand hart getroffen. AltberĂŒhmte Herrensitze wie Ulrichshusen und die Flotow’sche Burg Stuer gingen in Flammen auf, Familien wie die Pentz und die LĂŒtzow bĂŒĂŸten einen Großteil ihres Vermögens ein, andere wie die Adrum verschwanden ĂŒberhaupt völlig in dieser Zeit. Neue Geschlechter traten an ihre Stelle, schwedische Offiziere oder GlĂŒcksritter, welche die Wogen des Krieges emporgespĂŒlt hatten, gewiß nicht immer zum Vorteil des ganzen Standes. Als 1648 die Glocken zu MĂŒnster und OsnabrĂŒck den Frieden einlĂ€uteten, glich Mecklenburg einer WĂŒste. Im Amt Schwerin lagen 54 vom Hundert aller Bauernstellen wĂŒst, im Amt Hagenow gab es von 1054 Bauemstellen, die man dort im Jahre 1603 gezĂ€hlt hatte, noch 706. Im Amt LĂŒbz waren von den 333 Bauern schon 1640 nur noch 27 ĂŒbrig geblieben, im Amt Dargun von 227 noch 31. Im Stargarder Land, das besonders schwer gelitten hatte, war fast die ganze Bevölkerung ausgerottet worden. Insgesamt waren von einer Bevölkerung von rund 300000 Menschen, die vor dem Kriege im Lande gelebt hatten, kaum 40—50 000 ĂŒbrig geblieben.

Landesherr wie Ritterschaft sahen sich somit bei Kriegsende vor das bei dem Menschenmangel doppelt schwierige Problem der Wiederbesiedlung des Landes gestellt. Sie ließen es an Versuchen mit den vielfach von ihren Höfen geflĂŒchteten Bauern, einstigen Soldaten und selbst Fremden, vor allem DĂ€nen, nicht fehlen. Aber vielfach waren die Siedler untauglich und verliefen sich wieder, an anderen Orten war die Verödung zu groß, so daß immer noch weite Strecken einstmals fruchtbaren Ackerbodens wĂŒst blieben. Endlich fand sich auch nicht weder unter den StĂ€nden noch bei der Landesherrschaft der Mann, der ernsthaft eine umfassende Lösung dieses Problems versucht hĂ€tte, sondern man verfiel sehr bald auf einen nĂ€herliegenden und bequemeren Weg. FĂŒr die Landesherrschaft, deren Kassen ohnehin stets leer gewesen waren wie fĂŒr den verarmten Grundherrn brachte die Verödung des Landes einen schwerwiegenden Ausfall an Abgaben und Diensten mit sich. DemgegenĂŒber schien es angesichts der unvollkommenen und mĂŒhseligen Versuche zur Ansetzung neuer Bauern offensichtlich ein weit besseres Mittel zur Abhilfe zu geben: Innerhalb des menschenleer gewordenen Landes große zusammenhĂ€ngende BetriebsflĂ€chen zu schaffen, die von wenigen Mittelpunkten aus rationell bewirtschaftet werden konnten. Deutlich prĂ€gt sich die rasche Ausbreitung dieses Bestrebens in der steigenden Zahl der Amtshöfe im Domanium, dem Besitz des Landesherrn aus. WĂ€hrend es um 1600 nur etwa 50 von diesen gegeben hatte, betrug ihre Zahl am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Entwicklung abgeschlossen war, rund 400! Und das Domanium, fĂŒr das wir allein genaue Zahlen besitzen, blieb noch weit hinter dem Gebiet der Ritterschaft und der LandstĂ€nde zurĂŒck. Diese Stunde ist die Geburtsstunde der mecklenburgischen Gutswirtschaft. Aus der mittelalterlichen Grundherrschaft mit ihrem verstreuten Hufenbesitz entwickelt sich nun ein großrĂ€umiges geschlossenes kapitalistisches Unternehmen. Das charakteristischste Merkmal fĂŒr den grundlegenden Wandel, der sich vollzogen hat, ist das Verschwinden der bĂ€uerlichen Hufe der Kolonisationszeit als des Ausdrucks einer bĂ€uerlich bestimmten Wirtschaftsordnung. Sie verliert jetzt in der 2. HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts ihre einstige Bedeutung als FlĂ€chen-, Wirtschafts- und Steuereinheit vollkommen. Fortan werden nur mehr ArbeitskrĂ€fte und Nutztiere besteuert. Dieses Merkmal aber wird zugleich bereits zum Ausdruck der schweren sozialen Schuld, deren Schatten ĂŒber der Geburtsstunde der neuen Wirtschaftsordnung liegen.

Bereits im Jahre 1607 hatte der Landtag zu GĂŒstrow den Bauern die Erbzinsgerechtigkeit aberkannt und damit einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Wege der allmĂ€hlichen Entrechtung des einst freien Bauernstandes getan. Auf dem Landtag zu Slernberg im Jahre 1621 hatten die StĂ€nde alsdann es verstanden, gegen die Übernahme einer neuer liehen landesherrlichen Schuld das Eigentumsrecht an sĂ€mtlichen bĂ€uerlichen Hufen in ihrem Gebiet zu erwerben und damit die Rechtsgrundlage fĂŒr jegliche Bauernlegung zu erkaufen. Nun brachte die Kriegsnot den unvermeidlichen Abschluß dieser Entwicklung. Als infolge der Entvölkerung des Landes die Beschaffung von ArbeitskrĂ€ften immer schwieriger ward, da die ĂŒbrig gebliebenen Bauern sich in steigendem Maße den angesichts ihrer geringen Zahl bis ins UnertrĂ€gliche angewachsenen Frondiensten durch die Flucht zu entziehen suchten, ging der Herzog Gustav Adolf von Mecklenburg-GĂŒstrow kurzerhand dazu ĂŒber, in der Gesindeordnung von 1654 sĂ€mtliche Bauern fĂŒr leibeigen zu erklĂ€ren. Damit war zum ersten Male die ErbuntertĂ€nigkeit des mecklenburgischen Bauern gleichsam öffentlich proklamiert worden.

Der Bauer, der TrĂ€ger der Landarbeit, wird jetzt zum Ausbeutungsobjekt herabgewĂŒrdigt. KĂŒnftig ist er der Scholle des Grundherrn verfallen (glebae adscribitur). Mit der Scholle wechselt er den Herrn. Dieser erhĂ€lt das VerfĂŒgungsrecht ĂŒber alle LebensĂ€ußerungen des Untertanen, selbst ĂŒber dessen Gattenwahl und Eheschließung. Die alte bĂ€uerliche Dorfgemeinschaft verschwand. Aus dem freien Bauern, dem RĂŒckgrat des mecklenburgischen Volkstums, wurde ein unfreier Tagelöhner und Landarbeiter. FĂŒr mehr denn zweihundert Jahre galt nun das böse Wort, das der Dichter Hoffmann v. Fallersleben geprĂ€gt hat:

„Wir Mecklenburger sind nur Herrn und Knechte, nichts als die Luft ist uns gemein.“

WĂ€hrend die Lebenshaltung des Bauern jetzt planmĂ€ĂŸig durch seinen Fronherrn eingeschrĂ€nkt wurde, wurden die Dienste, die er zu leisten hatte, die Abgaben an Pacht-, Monats- und Armengeld sowohl wie die Hand- und Spanndienste, die Stellung von ArbeitskrĂ€ften und Zugtieren, stĂ€ndig erhöht. Um das Jahr 1550 hatten sie im Domanium einen Tag in der Woche betragen, um 1700 beliefen sie sich dort bereits auf vier Wochentage. Und das Domanium verfuhr noch milde im Vergleich zur Ritterschaft und den LandstĂ€nden. Hier legte man sich in manchen FĂ€llen alsbald in der BedrĂŒckung der Leibeigenen ĂŒberhaupt keine Schranken mehr auf, so daß schließlich dem Bauern fĂŒr seine eigenen Arbeiten oftmals nur Sonn- und Feiertage oder selbst mondhelle NĂ€chte ĂŒbrigblieben. Sicherlich erfĂŒllte die Leibeigenschaft fĂŒr ihre Zeit eine soziale Funktion, indem sie das durch den Krieg gestörte VerhĂ€ltnis zwischen zwei wirtschaftlich und sozial miteinander verbundenen Schichten neu regelte und dem sich entfaltenden kapitalistischen Gutsbetrieb eine neue Arbeitsverfassung lieh. Unzweifelhaft bot sie auch dem wirtschaftlich schwĂ€cheren Teil einen gewissen Versorgungsschutz. Und ebenso unzweifelhaft steht die Tatsache fest, daß durchaus nicht jeder Gutsherr die ihm verliehene Gewalt mißbrauchte, daß vielmehr die Zahl derer, die in patriarchalischer Weise sich um das Wohlergehen ihrer Leute bekĂŒmmerten, die Zahl der Leuteschinder und Tyrannen bei weitem ĂŒbertraf. MĂ€nner wie Graf Friedrich v. Hahn, Landrat v. Rieben-Ihlenfeld und Landrat v. Bamer-BĂŒlow sorgten wie wahre VĂ€ter fĂŒr ihre Tagelölmer. Aber die Leibeigenschaft war nicht organisch gewachsen, sondern von einer bevorrechteten Schicht der Masse der Bevölkerung aufgezwungen, und da sie fremdem römischem Rechtsdenken entsprungen war, blieb sie ihrem Wesen nach dem LebensgefĂŒhl des mecklenburgischen Menschen unverstĂ€ndlich. Und was am bedenklichsten war, sie versetzte demjenigen Stand, der in volksmĂ€ĂŸiger wie wehr- und steuerpolitischer Hinsicht noch stets der wertvollste fĂŒr jedes Land gewesen ist, einen entscheidenden Schlag. Dieser Umstand fiel um so schwerer ins Gewicht, je mehr nun einzelne Gutsherren sich der ihnen verliehenen schrankenlosen Gewalt bedienten, um in ihren Bereichen auch die letzten Überreste des noch unabhĂ€ngigen Bauerntums auszurotten und die Bauernhöfe zu legen.

Diese Entwicklung ist auf das engste verknĂŒpft mit der EinfĂŒhrung einer neuen intensiven Wirtschaftsform im Gutsbetrieb an Stelle der altgermanischen Dreifelderwirtschaft, in deren Folge angesichts des raschen Steigens der Erzeugung ein zunehmendes BedĂŒrfnis nach neuen ArbeitskrĂ€ften wie nach einer Erweiterung der BetriebsflĂ€che eintrat. Der neue Großbetrieb mit seiner stark vermehrten Viehhaltung nötigte den Besitzer bald dazu, sich nach neuen Methoden der Bewirtschaftung umzusehen, da die Dreifelderwirtschaft nur HalmfrĂŒchte, aber kein Futter lieferte. Ausgangs des 17. Jahrhunderts begann daher der KammerprĂ€sident Baron Sala, ein Nachfahre des berĂŒhmten herzoglichen Leibarztes, sich fĂŒr die holsteinische Koppelwirtschaft zu interessieren und unternahm den Versuch, sie auf seinen GĂŒtern im Amte Dargun einzufĂŒhren. Doch dieser Versuch ward mit allzu unzulĂ€nglichen Mitteln begonnen, so daß er schon 1685 wieder aufgegeben wurde. Erst fĂŒnfzehn Jahre spĂ€ter, um das Jahr 1700, griff der Oberlanddrost Friedrich v. d. LĂŒhe, einer der bedeutendsten mecklenburgischen wie deutschen Landwirte ĂŒberhaupt, diese Bestrebungen wieder auf, indem er zunĂ€chst auf seinem Gute Panzow bei Wismar, spĂ€ter, 1705 auch auf seinen anderen GĂŒtern, Wendisch-Mulsow, Kirch-Mulsow und Neuen-Pohrstorff zwecks intensiverer Bodennutzung die holsteinische Koppelwirtschaft einfĂŒhrte und das Gutsland in Koppeln einteilte. Das neue Feldsystem, das sich unter Anpassung an die Gegebenheiten des heimischen Bodens und Klimas aus der Koppelwirtschaft entwickelte, die mecklenburgische Schlagwirtschaft mit zunĂ€chst 12 SchlĂ€gen — Brache, dreimal Sommerkorn, mit Stallmist gedĂŒngte Brache, zweimal Winterkorn, einmal Sommerkom oder Erbsen, dreimal Weide — hatte nahezu eine Verdoppelung der AussaatflĂ€che zur Folge und dank der verbesserten Bodenbearbeitung eine mengenmĂ€ĂŸige Steigerung aller ErtrĂ€ge, so daß es sich durch diese Erfolge sogleich selbst rechtfertigte. Trotzdem setzte es sich wie alles Neue in Mecklenburg nur langsam durch, zumal die Landwirtschaft in den drei Jahrzehnten seit 1705 schwer unter den Wirren des Nordischen Krieges und der Karl-Leopold-Zeit zu leiden hatte. Als erster folgte der hannoversche Minister Graf Andreas Gottlieb v. Bern-storff auf Wedendorf und DreilĂŒtzow, einer der aufgeschlossensten und besten Köpfe der damaligen Ritterschaft, dem Beispiele v. d. LĂŒhe’s. Um 1730 weiter die Hahns, der Reichsgraf v. Sala und Herr v. Bassewitz-Dalwitz. Erst um die Mitte des Jahrhunderts hatte sich das neue System fast ĂŒberall durchgesetzt. Damit wurde — wie so oft auch spĂ€ter noch — die mecklenburgische Landwirtschaft, vor allem im Hinblick auf den sich nun mĂ€chtig steigernden Anbau von Weizen, fĂŒhrend fĂŒr ganz Norddeutschland. Pommern, die Mark Brandenburg, Schlesien und Ostpreußen folgten ihrem Beispiel. Der englische Reisende Nugent bezeugt den berechtigten Stolz der mecklenburgischen Landleute auf ihre fortgeschrittene Wirtschaftsform, und noch um 1820 kennzeichnet ein englischer Regierungsbericht Mecklenburg als dasjenige norddeutsche Gebiet, das als einziges völlig die neuzeitliche Form der intensiven Bewirtschaftung durchgefĂŒhrt habe.

Auch die Viehzucht zog aus diesem Aufschwung großen Nutzen. Am wenigsten vielleicht die Rinderzucht, die einmal behindert war durch die von 1644 an fĂŒr mehr als 100 Jahre im Lande grassierende Rinderpest und zum zweiten durch die Einrichtung der „HollĂ€nderei“, d. h. der Verpachtung der gesamten Viehhaltung zum Zwecke der Butter- und KĂ€segewinnung an einen besonderen Unternehmer, den sogenannten HollĂ€nder. StĂ€rker schon die Schafzucht, um die sich Herr v. Moltke auf Schorssow durch die EinfĂŒhrung spanischer Merinoschafe verdient machte, und am meisten die Pferdezucht. Damals ward Mecklenburg zum klassischen Land der Pferdezucht fĂŒr Deutschland. Schon im Mittel-alter begegnen uns vereinzelt GestĂŒte wie das der Halms in Basedow im Jahre 1479. Herzog Johann Albrecht I. veredelte dann als erster die heimische Zucht bewußt durch die Zufuhr orientalischen, vor allem arabischen, ungarischen und spanischen Blutes. Dank seiner FĂŒrsorge entstanden in Settin bei Crivitz und im Dewinkel bei GĂŒstrow die ersten großen GestĂŒte, ausnahmslos freilich WildgestĂŒte, bei denen die Stutenherden gleich ihren wilden Almen in den benachbarten ausgedehnten Waldungen weideten. Wie auf allen Gebieten, so schlug der DreißigjĂ€hrige Krieg auch der jungen Zucht schwere Wunden. Doch unmittelbar nach der Beendigung des Krieges nahm Herzog Gustav Adolf von Mecklenburg-GĂŒstrow die zĂŒchterischen Bestrebungen wieder auf. Sein „neapolitanisches GestĂŒt“, auf zwei in Rom gekauften neapolitanischen Rapphengsten nebst arabischem, tĂŒrkischem und spanischem Material sowie dĂ€nischen, friesischen und preußischen Pferden basierend, ward eine der PflanzstĂ€tten des altmecklenburgischen Pferdes. Eine Zeitlang zĂŒchtete man der Mode entsprechend auf Farben, Schimmel im GestĂŒt Schwaan, gelbe Kutschpferde mit schwarzer MĂ€hne in Feldberg. Schon 1693 besaß die mecklenburgische Zucht einen so guten Ruf, daß westfĂ€lische PferdehĂ€ndler die weite Reise nicht scheuten, um ihre Stuten von mecklenburgischen Hengsten decken zu lassen. Auf den sich bildenden GroßgĂŒtern wie etwa in Ivenack wurden zahlreiche neue GestĂŒte eingerichtet. Dazu gewinnt die Zucht um die Jahrhundertwende 1700 eine stetig sich festigende EigenstĂ€ndigkeit. Die fremde Blutzufuhr hört aĂŒf, der Schlag des altmecklenburgischen Pferdes, des „Sadelpierds“, steht fertig vor uns. Seine HauptvorzĂŒge sind Leichtigkeit und Ausdauer. WĂ€hrend des ganzen 18. Jahrhunderts gilt diese Rasse neben den holsteinischen Pferden als die beste Deutschlands. Mecklenburgische Hengste gehen damals in alle Welt, in die preußischen LandgestĂŒte so gut wie 1772 nach Rußland in das GestĂŒt des Grafen Orlow, des ZĂŒchters des weltberĂŒhmten Orlowtrabers, zu dessen Ahnherrn somit auch mecklenburgische Pferde gehören.

Diesen wirtschaftlichen Fortschritten entsprachen freilich die sozialen VerhĂ€ltnisse keineswegs. Noch immer lagen hier Ritterschaft und Landesherr in erbitterter Fehde. Die erstere hielt fest an ihren liberalistisch eigennĂŒtzigen Interessen und ließ nur den eigenen Vorteil gelten, der letztere verzehrte sieh in dem vergeblichen Streben, die Bauern gemĂ€ĂŸ den GrundsĂ€tzen des Merkantilismus, die das Jahrhundert beherrschten, vor den Übergriffen des Adels zu schĂŒtzen und von neuem einen leistungsfĂ€higen Bauernstand als RĂŒckhalt der Volles Wirtschaft zu schaffen. Karl Leopold (1713—1747), unstreitig nicht der begabteste, wohl aber der eigenwilligste und tatkrĂ€ftigste aller mecklenburgischen Herzoge, macht noch einmal den Versuch, die Entwicklung aufzuhalten, um auch in Mecklenburg dem Gedanken der absoluten FĂŒrstengewalt zum Durchbruch zu verhelfen. Zwei große PlĂ€ne kennzeichnen seine Ära: Die Schaffung eines starken stehenden Heeres und die Befreiung der Bauern. FĂŒr beide mangelte es jedoch an den notwendigen realen Voraussetzungen. Vor allem der zweite Gedanke war allzusehr auch aus dem eigensĂŒchtigen Wunsch geboren, nicht nur dem Staate seine Grundlage wiederzugeben, sondern gleichzeitig dadurch mit einem Schlage die eigenen leeren Kassen zu fĂŒllen, indem er die Bauernbefreiung mit Hilfe des Freikaufes von der Leibeigenschaft und den Frondiensten durchzufĂŒhren trachtete. Das aber war eine Utopie, da die Mehrzahl der Bauern bereits so verarmt waren, daß sie die Kaufsumme gar nicht mehr aufzubringen vermochten. Obendrein waren weder der Herzog noch sein Berater Luben v. Wulffen die MĂ€nner, ein solches Unternehmen mit der nötigen Willenskraft und Klugheit durchzufĂŒhren. Es fehlte ihnen wohl nicht an hohen PlĂ€nen, doch vor allem der Herzog ließ sich nicht so sehr von kĂŒhler Überlegenheit als von der Leidenschaft seiner ungezĂŒgelten Triebe leiten, so daß sein politisches Handeln oftmals die notwendige Stetigkeit vermissen ließ. Auch war die Stunde zu spĂ€t gewĂ€hlt, die Ritterschaft, zu deren FĂŒhrern der bereits erwĂ€hnte Oberlanddrost v. d. LĂŒhe gehörte, war bereits zu stark. GegenĂŒber dem Versuch des Herzogs, gestĂŒtzt auf seine Verwandtschaft mit Peter dem Großen mit Hilfe russischer Truppen sein absolutes Regime im Lande aufzurichten, erbat und erhielt sie die Hilfe des Reiches, und der Herzog mußte schließlich trotz des Sieges seiner Truppen bei WalsmĂŒhlen im Jahre 1719 der Übermacht der Reichsexekutionstruppen weichen. Noch gab er sich nicht geschlagen. 1733 versuchte er noch einmal, seine PlĂ€ne zu verwirklichen, indem er die Bauern und das Landvolk zum offenen Kampf gegen den Adel aufrief. Die mecklenburgischen Bauern hatten ihren Herzog noch nicht vergessen, zu Zehntausenden folgten sie unter der FĂŒhrung der Geistlichen und der herzoglichen JĂ€ger und Förster seinem Ruf. Mecklenburgs Bauernkrieg begann, aber er endete nicht minder tragisch als zweihundert Jahre zuvor der Kampf der Bauern im Reich. Wiederum rief der Adel fremde Truppen, meist Hannoveraner, ins Land, und vor dem Pelotonfeuer und den Artilleriesalven der regulĂ€ren Truppen stoben die Bauemmilizen des Herzogs in der Lewitz bei Schwerin auseinander. Karl Leopold endete sein Leben als Gefangener in der Festung Dömitz, und ĂŒber die unglĂŒcklichen Bauern brach mit voller Wucht das Strafgericht ihrer BedrĂŒcker und Ausbeuter herein.

Sein Nachfolger Herzog Christian Ludwig II. aber schloß nun 1755 mit den StĂ€nden zu Rostock den Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich ab und unterschrieb damit das Todesurteil aller absolutistischen Bestrebungen der mecklenburgischen Landesherrschaft. Dieses Staatsgrundgesetz schloß Mecklenburg von der Entwicklung aller anderen deutschen LĂ€nder im 19. Jahrhundert aus. Nicht nur, daß jetzt die AbhĂ€ngigkeit des Landesherrn von den StĂ€nden, die durch den Landtag vertreten wurden, verewigt wurde, sondern es erfolgte auch die Aufteilung des gesamten Staatsgebietes zur Nutznießung unter drei Grundherren, den Landesherrn, die Ritterschaft und die Landschaft, d. h. die LandstĂ€dte, wobei sich die Ritterschaft wie stets die fettesten Bissen zu sichern wußte. Als Norm fĂŒr die Steuerfestsetzung wurde auf Grund des Erbvergleiches die Bonitierung, d. h. die AbschĂ€tzung des Bodens nach seiner ErtragsfĂ€higkeit, nach der Scheffelaussaat eingefĂŒhrt, das Ă€lteste deutsche Klassifikationssystem zur Steuerfestsetzung, das einheitlich fĂŒr ein ganzes Land galt. Zugleich bestĂ€tigte der Erbvergleich nicht nur alle bisherigen Vorrechte der Ritterschaft, sondern legalisierte auch geradezu das Bauernlegen. Nur das Legen ganzer Dörfer sollte verboten sein, aber bezeichnenderweise enthielt dieser Passus den Zusatz, „in der Regel“. Auch wußte man sich in diesem Falle sehr leicht zu helfen, indem man die Mehrzahl der Bauern eines Dorfes legte und nur drei oder vier Bauernstellen bestehen ließ, die dann, da man selbstverstĂ€ndlich nur Stellen mit gutem Boden legte, auf ihren kargen Äckern sowieso nicht mehr lebensfĂ€hig waren. Im ĂŒbrigen ging der Geist, den dieses Staatsgrundgesetz atmete, sehr deutlich aus dem Absatz 326 hervor, der ausdrĂŒcklich besagte, daß die Landesgerichte sich nicht anmaßen sollten, die Bauern wider den Gutsherrn zu schĂŒtzen.

Die neue Wirtschaftsform, welche den Anreiz schuf, und der Erbvergleich, der die rechtlichen Handhaben lieferte, bildeten die Grundlage der sich jetzt ausbreitenden Unsitte des Bauernlegens, des „Bauernschlachtens“, wie die daran interessierten Zeitgenossen es zynisch bezeichneten.

Die Folge war die zunehmende Entvölkerung des flachen Landes, das schon durch den DreißigjĂ€hrigen Krieg in seinem Bevölkerungsstand so schwer gelitten hatte. Mecklenburg erhielt sein heutiges Gesicht, die weiten GutsflĂ€chen, auf denen sich verstreut die Herrensitze erhoben, umgeben von den Lehmkaten der Leibeigenen. Im 17. Jahrhundert hatte man im Gebiet der Ritterschaft, fĂŒr das diese Betrachtung zunĂ€chst gilt, rund 12 000 Bauernstellen gezĂ€hlt, 1669 galt noch die gleiche Zahl, wenn auch zweifelsohne viele Stellen infolge der Kriegsnöte nicht mehr besetzt waren und bereits wĂŒst lagen. Im Jahre 1729 gab es noch 6235 Bauernstellen, 1755 noch 4900, 1776 waren noch 2631 ĂŒbrig geblieben und im Jahre 1794 zĂ€hlte die Bauernschaft im adeligen Gebiet noch ganze 1953 selbstĂ€ndige Bauern. Einzelne Zahlen reden eine besonders eindringliche Sprache. Im Amte Hagenow verringerte sich in den Jahren zwischen 1703 und 1751 die Zahl der Bauernstellen von 436 auf 132. Ähnliche VerhĂ€ltnisse galten im Amte Malchin, der Hochburg der Hahns. Insgesamt wurden in Mecklenburg-Schwerin zwischen 1755 und 1782 wider jedes Recht 49 Bauerndörfer beseitigt! Im Amt Mirow verringerte sich in einem Zeitraum von rund 100 Jahren zwischen 1606 und 1708 die Zahl der Bauernstellen im Dorfe Peetsch von 22 auf 9, in Gaarz von 14 auf 4, im Amt Stargard in Bredenfelde von 27 auf 2, in Hinrichshagen von 25 auf 3, in KĂ€belich von 28 auf 9 und in Warbende und KĂŒssow blieben von 20 und 12 Bauern ĂŒberhaupt keine mehr ĂŒbrig. Angesichts dieser Zahlen kann man es verstehen, wenn Stein in einem Briefe aus dem Jahre 1802 die Wohnung des mecklenburgischen Edelmannes mit der Höhle eines blutdĂŒrstigen Raubtiers verglich, das alles Land um sich veröde.

Was aber als Fronknechte und Tagelöhner auf den adeligen GĂŒtern blieb, das seufzte, sofern der Herr unbarmherzig und unverstĂ€ndig gesonnen war, nur zu oft unter untragbaren Lasten. Matthias Claudius bat in seinem „Neu-jahrswunsch des armen Invaliden Görgel“ den Leiden des mecklenburgischen Landvolkes erschĂŒtternden Ausdruck geliehen, wenn er da sagt:

„Gehn viele sehr gebĂŒckt

Und welken in Elend und in MĂŒh’,

Und andere ziehen daran und melken Wie an dem lieben Vieh!

Und ist doch nicht zu defendieren Und gar ein böser Brauch.

Die Bauern geh’n ja nicht auf Vieren Und sind doch Menschen auch . . .“

 

FĂŒr diese Leute gab es kein Recht mehr. Sie waren völlig der Gnade oder Ungnade ihrer Besitzer ausgeliefert. Ein Grabow auf Sukewitz konnte 1723 einen Leibeigenen fĂŒr 80 Taler an den Landmarschall v. Putbus verkaufen. Auch der Rostocker Jurist Mantzel bezeugt, daß man Leibeigene wie ein StĂŒck Vieh handelte, obwohl dies offiziell verboten war. Dort wo die Qual und die Leiden allzu unertrĂ€glich wurden, kam es wohl zu bösem Aufruhr, zu Rottierung und Gewalttat, wie denn 1761 der verhaßte Wirtschaftsschreiber von Heiddorf von erbitterten Leibeigenen erschlagen ward und in der Folge mehrere Schreiber und Vögte im Amte Schwaan ermordet wurden. Die Mehrzahl jedoch fĂŒgte sich mit dumpfer Ergebenheit in ihr Los, zumal die Strafen fĂŒr Widerspenstige unmenschlich hart waren. Die Peitsche, welche der menschenfreundliche Wariner Drost v. Suckow unverhohlen ein Mordinstrument nannte, wurde fleißig ge-handhabt. Daneben gab es noch das Gantenlegen, bei dem der Delinquent in den Block gespannt und derart öffentlich zur Schau gestellt wurde. So legte sich die Leibeigenschaft wie ein Fluch, ein lĂ€hmender Alp ĂŒber das ganze Land. Der einst so tĂŒchtige und stolze Bauernstand versank in sittlicher Verrohung, Armseligkeit, Stumpfsinn und GleichgĂŒltigkeit. Bei der Aufteilung des Landes in verschiedene Gebiete, die jeweils anderen Polizeiherren unterstanden und angesichts der Tatsache, daß das Polizeiwesen vor allem im Gebiete der Ritterschaft fast völlig im Argen lag, nahm die allgemeine Unsicherheit erschreckend zu. Die zweite HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts und das beginnende 19. Jahrhundert sahen zahlreiche große RĂ€uber- und Wilddiebsbanden, vielfach aus Juden bestehend oder mit jĂŒdischen Hehlern im Bunde. Manche Mitglieder der Ritterschaft aber zogen aus ) diesen VerhĂ€ltnissen nur die eine Folgerung, daß man die ZĂŒgel noch fester anziehen mĂŒsse, daß die Leibeigenschaft das einzige und beste Mittel sei, um das „rohe, tĂŒckische und faule Landvolk“ im Zaum zu halten, wie der Baron v. d. Kettenburg dem englischen Reisenden Nugent auseinandersetzte. Selbst ein so hervorragender Mann wie der Professor fĂŒr Landwirtschaft Lorenz Karsten in Rostock huldigte anfangs noch Ă€hnlichen Überzeugungen. Die Besten jedoch, in denen noch der Bauernstolz der Ahnen lebte, der sie die Knechtschaft als Schande empfinden ließ, wan-derten aus. Tausende blĂŒhender Bauernsöhne flĂŒchteten ĂŒber die Grenze und gingen als Arbeiter nach Hamburg. Friedrich d. Gr. konnte zahlreiche mecklenburgische Bauern im Warthe- und Netzebruch ansiedeln, und Tausende wurden gleich Heringen zusammengepreßt auf Schiffen von Hamburg aus nach Rußland verfrachtet, um das Wolgagebiet zu erschließen. Wir besitzen aus diesem Jahrhundert kaum zuverlĂ€ssige Zahlen ĂŒber die Höhe dieser Menschenverluste, doch die wiederholten scharfen Auswanderungsverbote von 1654, 1760 und 1763 sprechen eine beredte Sprache. Und in jedem Falle waren es wie bei jeder Auswanderung die tĂŒchtigen und lebenskrĂ€ftigen Elemente, welche auf diese Weise dem Lande verloren gingen.

Um so auffallender wirkt der glĂ€nzende Ă€ußere Zuschnitt der sich nun auf den GĂŒtern entfaltenden adeligen Kultur. Wo der Besitzer materiell gut genug gestellt war, entstanden mm inmitten der Lehmkaten der Leibeigenen als Ausdruck der neuen völlig auf Genuß und ReprĂ€sentation abgestellten aristokratischen Lebensordnung prachtvolle Herrensitze, deren Glanz bei weitem den Lebenszuschnitt etwa des mĂ€rkischen und pommerschen Adels der gleichen Zeit ĂŒbertraf. Den Anfang dieser Bauten macht Schloß Rossewitz bei Laage, das der berĂŒhmte hugenottische Baumeister und Bildhauer Dieussart im Jahre 1657 fĂŒr den in schwedischen Diensten stehenden Generalmajor v. Vieregge errichtete. War Dieussart, der Schöpfer des schönen Grabdenkmals des Geheimen Rates Ulrich v. Passow im GĂŒstrower Dom, bereits ein Vertreter des frĂŒhen Barock, so herrschte am Ausgange des 17. Jahrhunderts bei den Schloßbauten zu Goldenbow und Remplin noch der Renaissancestil vor. Erst mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts setzt sich in Bauten wie den Schlössern zu Neustadt und Ivenack die französische Palastarchitektur voll in Mecklenburg durch, hie und da wie beim Schloß des Grafen Both-mer in KlĂŒtz sich freilich auch kreuzend mit englischen Vorbildern. Die schönsten und berĂŒhmtesten mecklenburgischen Adelssitze verdanken dieser Zeit ihre Entstehung. Die Hahns erbauen Diekhof und Faulenrost in französischem Geschmack, die Bernstorffs errichten sich 1730 in Drei-lĂŒtzow ein prĂ€chtiges Haus, ebenso die Bassewitz’ in Prebbe-rede und die Maltzahns in Cummerow. 1770 erbaut Adam v. BlĂŒcher GĂŒtzkow, die reichste und geschlossenste Anlage des Rokoko in Mecklenburg. Um 1800 erfolgt dann der Übergang zum Klassizismus. 1806 beginnt Baron Labes, der spĂ€tere Adoptivsohn des Grafen Schlitz, mit dem Bau der Burg Schlitz, einer der hervorragendsten Leistungen deutscher Landschafts- und Gartenkunst. 1808 errichtet sich der HofjĂ€germeister v. Moltke in Schorssow einen reizvollen Landsitz, 1830 entsteht das Landhaus Stavenslust bei GĂŒstrow, nach zeitgenössischen Schilderungen zu erteilen in seiner ursprĂŒnglichen Gestalt ein Juwel des spĂ€ten Klassizismus. Trotz der fremden französischen, englischen und hollĂ€ndischen Vorbilder, trotz der Tatsache, daß damals vielfach italienische Werkleute die prachtvollen Stuckdecken im Inneren dieser HerrenhĂ€user schufen, aber wirken diese Bauten dennoch niemals fremd, sondern fĂŒgen sich stets in den Rahmen der heimischen Landschaft ein, da bei ihnen ĂŒber aller kĂŒhlen Eleganz der fremden Bauweise doch immer weder die Wucht und Schwere des alten Niedersachsenhauses der Vorfahren durchbricht.

Etwas BehĂ€biges und Wohlhabendes geht von diesen HĂ€usern aus, und behĂ€big und breit, ja oftmals allzu breit ist auch der Lebenszuschnitt ihrer Besitzer. Französisch gestutzte Parks, französische Moden und Zeitschriften, die ĂŒber Köln bezogen wurden, galonierte Dienerschaft, Prunkkarossen, rauschende Jagdfeste mit kostspieligem Feuerwerk sind jetzt nichts Seltenes mehr. WĂ€hrend sonst der deutsche Adel dieses galanten Jahrhunderts seine Augen auf Paris und Versailles richtet, nimmt der mecklenburgische Adel sich zumeist seine englischen Standesgenossen zum Vorbild, die Ă€hnlich wie er als adelige Oligarchie durch das Parlament das Land wie den Herrscher regieren. Die Lebensformen der jagdliebenden, hunde- und pferdezĂŒchtenden „landed gentry“ werden das Ideal des mecklenburgischen Edelmannes. Wer es sich leisten kann, schickt seine Söhne wohl auf eine Bildungsreise nach England, und wer gar etwa von dort eine Frau mit heimbrachte, dem war fortan der erste Platz in der Gesellschaft gewiß. Allein obwohl die sogenannten Bildungsreisen der Söhne des Adels in Mecklenburg weit hĂ€ufiger sind als etwa beim preußischen Adel, der im Waffendienst seines Königs aufging und seine besten Söhne auf den Schlachtfeldern des SiebenjĂ€hrigen Krieges ließ, obwohl die jungen Adeligen weit hĂ€ufiger als anderswo hier einige Semester an der UniversitĂ€t verbrachten, blieb dem Adel in seiner Mehrzahl das geistige Leben der Zeit noch fremd. Nur wenige ragen als Förderer des geistigen Lebens ĂŒber die Masse ihrer Standesgenossen hinaus, an der Spitze zwei Hahns, Ludwig Achaz, der Erbauer von Diekhof, der dort eine reichhaltige Bibliothek einrichtete, und der Erblandmarschall Friedrich Graf Hahn (1742—1805), der nicht nur mit 58 Dörfern und GĂŒtern der grĂ¶ĂŸte Grundbesitzer Mecklenburgs war, sondern auch einer der bedeutendsten MĂ€nner seiner Zeit, der sich tun die Hebung deutschen Geistes im Kampf gegen die auslĂ€ndischen Modetorheiten der Zeit ein unsterbliches Verdienst erworben hat. Herder, der auf ihn die Ode Orion dichtete, zĂ€hlte zu seinen Freunden so gut wie die Astronomen Herrschei und Bode. Sein Lieblingsgebiet war die Astronomie. Im Park von Remplin wurde auf seine Veranlassung die erste Sternwarte in Mecklenburg errichtet, die er mit einem Riesenteleskop ausstatten ließ; ebenso richtete er dort ein chemisches Laboratorium und eine 12000 BĂ€nde zĂ€hlende Bibliothek ein und legte einen botanischen Garten an. Gemeinsam mit dem Astronomen Bode gab er die Astronomischen JahrbĂŒcher sowie einen neuen Himmelsatlas heraus und noch heute trĂ€gt ein großes Mondgebirge seinen Namen. Auch in sozialer Hinsicht suchte er vorbildlich zu wirken, indem er sich um die Verbesserung des Volksschulwesens auf seinen GĂŒtern bemĂŒhte, fĂŒr seine Leibeigenen einen besonderen Arzt und einen Chirurgen anstellte und eine unentgeltliche Krankenbehandlung ein-fĂŒhrte. In diesem Zusammenhang muß auch noch einer anderen sozialen Tat gedacht werden, der 1801 erfolgten GrĂŒndung einer Vieh-Versicherungskasse durch Landrat v. Rieben-Ihlenfeld fĂŒr die Tagelöhner seiner BegĂŒtenmg.

Doch solche Erscheinungen blieben Ausnahmen. Sie fanden selten Nachahmer, denn wenn ein Kettenburg sich mit mĂ€ĂŸigem GlĂŒck als Dramatiker versuchte, Graf Karl Hahn, der Sohn des vorerwĂ€hnten, in Remplin mit unsinniger Verschwendung ein Privattheater erbaute, und Georg Ludwig v. Oertzen sich im Kittendorfer Schloßpark gleichfalls eine Sternwarte errichten ließ, so waren das nichts als die Launen mĂŒĂŸiger und ĂŒbersĂ€ttigter Landjunker. Und was sonst unter dem Adel an staatsmĂ€nnischer oder militĂ€rischer Begabung, an Abenteurerlust und Tatendrang die engen Grenzen der heimischen VerhĂ€ltnisse sprengte, dessen KrĂ€fte kamen nur selten der Heimat, sondern meist fremden MĂ€chten, Sachsen-Polen, Preußen, DĂ€nemark, Hannover oder Schweden zu gute. BlĂŒcher und Moltke, die unter der großen Zahl des in fremdem Dienst befindlichen Adels zu oberst stehen, freilich dienten als Mecklenburgs grĂ¶ĂŸte Söhne der deutschen Sache, doch die Zahl derer, die sich in außer deutschen Diensten verbrauchten, ist weit grĂ¶ĂŸer.

Schon im 16. Jahrhundert macht sich Joachim Maltzahn (1492—1556), der Jugendfreund Huttens, in den. italienischen Kriegen als Feldherr einen Namen. Unstreitig ist er einer der grĂ¶ĂŸten Mecklenburger aller Zeiten, da er zur Seele des Kampfes der deutschen FĂŒrsten gegen die spanisch-habsburgische Weltmacht Karls V. wird. Im 17. Jahrhundert finden wir einen Strahlendorff als Reichsvizekanzler und einen Barner als Generalfeldzeugmeister im Dienst des habsburgischen Kaiserstaates, wĂ€hrend Joachim Christoph v. Moltke, den Gustav Adolf seinen „lieben Vetter“ nannte, sich als schwedischer Reitergeneral hohen Ruhm erwarb. Im 18. Jahrhundert wird ein ZĂŒle auf ZĂŒhr sĂ€chsisch-polnischer Generalfeldmarschall, Ludwig Wilhelm v. Moltke Feldmarschall in österreichischen Diensten wĂ€hrend der schlesischen Kriege, und Adolf Nikolaus v. Buccow aus heute erloschenem Geschlecht bringt es gleichzeitig im gleichen Dienst bis zum General der Kavallerie. Ein Graf Bothmer vertritt Preußen als Gesandter in London und der Graf Andreas Gottlieb v. Bernstorff (1649 —1726) auf Wedendorf und DreilĂŒtzow verhilft als hannoverscher Premierminister dem WeifenfĂŒrsten Georg I. zum englischen Thron. Auch in die Dienste der NiederlĂ€ndisch-Ostindischen Kompanie wird mancher verarmte mecklenburgische Adlige verschlagen, so vor allem der in Rostock geborene Joachim Nikolaus v. Dessin (1704—1761), der in Kapstadt bis zum SekretĂ€r der Waisenkammer und Nachlaßbehörde aufsteigt, die erste öffentliche Bibliothek in SĂŒdafrika begrĂŒndet, die Grundlage der heutigen SĂŒdafrikanischen Bibliothek, und eine GemĂ€lde- sowie eine Naturaliensammlung anlegt. Ferner der 1750 verstorbene Julius Valentin Stein, der einer alten Rostocker Familie entstammte, Kriegsdienste in der hollĂ€ndischen Kolonialarmee nahm, Kommandant von Batavia wurde und schließlich bis zum Gouverneur von Ceylon aufstieg.

Am stĂ€rksten aber ist die Anziehungskraft, welche DĂ€nemark, damals noch im Besitze von Norwegen, Holstein und Oldenburg und ein beachtlicher Faktor im großen Spiel der europĂ€ischen Politik, auf die Söhne des mecklenburgischen Adels ausĂŒbt. Hatte im 16. und 17. Jahrhundert die Rostocker UniversitĂ€t das dĂ€nische Geistesleben geformt, so beeinflußt wĂ€hrend des 18. Jahrhunderts der mecklenburgische Adel entscheidend das politische Geschick des dĂ€nischen Staates. Praktisch wird DĂ€nemark damals von Mecklenburgern regiert, die fast alle wichtigen Stellen im Heer, am Hofe und in der Beamtenschaft einnehmen. Zeitweilig gilt Deutsch infolge des Einflusses der mecklenburgischen GĂŒnstlinge am Kopenhagener Hof als vornehmste Fremdsprache. Allein eine Familie wie die Moltkes stellen nicht nur in dem Grafen Adam Gottlob Moltke, dem GĂŒnstling König Friedrichs V. von DĂ€nemark, einen der berĂŒhmtesten MĂ€zene der schönen KĂŒnste in DĂ€nemark, sondern weiterhin noch 6 Minister, 2 OberhofmarschĂ€lle, 4 Generale und einen Admiral. Die Plessen schenken DĂ€nemark einen General, einen Premier- und einen Finanzminister sowie einen Oberkammerherrn. Auch die Barners liefern der dĂ€nischen Armee eine ganze Reihe hoher Offiziere. Ein Reventlow wird 1708 dĂ€nischer Minister, seine Tochter Anna Sophie 1721 sogar Königin von DĂ€nemark. Von den Oertzens nehmen schon im 17. Jahrhundert verschiedene dĂ€nische Dienste, Balthasar v. Oertzen (1675 —1723) wird General und Kommandeur der dĂ€nischen Leibgarde zu Pferd, sein Sohn Friedrich Geheimer Rat des Königs und Graf. Nicht minder zahlreich und ehrenvoll sind die BlĂŒchers vertreten, ein Bruder des berĂŒhmten Marschall VorwĂ€rts wird dĂ€nischer Kammerherr, ein Vetter, Konrad Daniel Graf BlĂŒcher af Altona (1764—1845) dĂ€nischer OberprĂ€sident von Altona und einer der tĂŒchtigsten Verwaltungsbeamten des Königreiches. Von den Hahns beherrscht Vincenz Joachim Hahn (1632—1680) als dĂ€nischer Oberhof- und Ober JĂ€germeister und allmĂ€chtiger GĂŒnstling König Christians V. das gesamte öffentliche Leben DĂ€nemarks. Sein Neffe Ludwig Staats Hahn (1657—1730) wird dĂ€nischer Oberlanddrost von Oldenburg. Sogar der Sproß einer Rostocker BĂŒrgerfamilie, Heinrich Karl Schimmelmann (1724—1782), der sich durch geschickte Spekulationen ein Riesenvermögen erwirbt, bringt es bis zum dĂ€nischen Finanzminister und Lensgrafen af Lindenborg. Und daran reihen sich v. d. LĂŒhe’s und BĂŒlows, Bassewitz’ und Pritzbuers, Gamms und Ba-rolds in schier endloser Folge. Am höchsten aber steigen die Bernstorffs. Graf Johann Hartwig v. Bernstor ff (1712—1772) wird von 1751 bis 1770 als Minister der AuswĂ€rtigen Angelegenheiten der leitende Staatsmann DĂ€nemarks. Friedrich d. Gr. nennt ihn das „Orakel Europas“. Unzweifelhaft ist er einer der bedeutendsten StaatsmĂ€nner des Jahrhunderts. Richtungweisend hebt er bereits auf seinen seelĂ€ndischen GĂŒtern die Leibeigenschaft auf und fĂŒhrt eine Art Erbpacht fĂŒr seine Bauern ein. Sein Neffe und Nachfolger in der FĂŒhrung der dĂ€nischen StaatsgeschĂ€fte, Graf Andreas Petrus v. Bernstorff (1735—1797) vollendet dann dieses Werk, indem er 1784 die dĂ€nische Bauernschaft aus den Fesseln der Leibeigenschaft befreit und damit die Grundlage fĂŒr den heute so wohlhabenden dĂ€nischen Bauernstand legt.

Scheint es fast so, als ob er mit dieser Tat die soziale Schuld seiner mecklenburgischen Standesgenossen sĂŒhnen wollte, so blieb es doch auf das tiefste zu bedauern, daß soviel Begabung und Kraft nicht der Heimat, sondern einem fremden, wenn auch stammverwandten Volke zu gute kam. Der Adel auf den heimischen Herrensitzen aber blieb zumeist in engem Denken befangen. Freilich gab es in Mecklenburg nicht die ĂŒblen Schranzennaturen der kleinen deutschen Höfe, da die Ritterschaft nach wie vor in schroffer Fronde gegenĂŒber dem Landesherrn verharrte und auf den Landtagen selbstherrlich nach eigenem GutdĂŒnken ĂŒber die Geschicke des Landes entschied. Allein das Übel der Leibeigenschaft demoralisierte vielfach nicht nur die Knechte, sondern auch die Herren, soweit diese sittlich weniger gefestigte Charaktere waren. Wem trotz des allgemeinen Zeitgeistes der AufklĂ€rung die bestehenden ZustĂ€nde nicht als menschenunwĂŒrdig und reformbedĂŒrftig erschienen, der mußte schon von eigenartiger Wesensart sein. Die allgemeine Sittlichkeit stand ohne Zweifel tiefer denn je, gerade das ius primae noctis ist durchaus nicht nur eine Erfindung liberalistischer Zeitungsschreiber. Neben einer rĂŒcksichtslosen Verachtung alles Geistigen ĂŒberwucherten in diesem Jahrhundert ein starker Hang zu breitem Lebensgenuß und ein toller Hochmut und Adelsstolz alles andere. John Brinckmans Verse aus seinen Neuen Mecklenburgischen Liedern passen vortrefflich hierher, wenn er da ruft:

„Nun her den Kopf vom wilden Schwein,

Nun Austern her und TrĂŒffel,

Und jeder Gast muß adlig sein . . “

Die Flotows erzĂ€hlten mit Behagen von sich die Anekdote, daß Adam bereits am ersten Tage nach seiner Erschaffung gesagt habe: „Guten Tag, Flotow, na, bist du auch schon da?“ Auf den Landtagen der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts erschienen noch viele Ritter bewaffnet wie in den Tagen des Faustrechtes. Der Reichsgraf v. Sala erschlug in diesen Jahren im Zorn straflos einen Bedienten. Ein v. d. LĂŒhe auf Mulsow wollte noch 1755 bei den Verhandlungen ĂŒber den Erbvergleich die Vertreter der LandstĂ€nde kurzerhand zum Fenster hinaus werfen, weil sie der Ritterschaft nicht parieren wollten. Auch sonst blieben Sitte und Gebaren trotz der Ă€ußeren Kultur oft noch roh genug. Der Graf Schlitz-Karstorff bemerkt in seinen DenkwĂŒrdigkeiten noch ĂŒber den Landtag der Jahre um 1800, dessen Mitglieder hĂ€tten weniger die Gabe des Redens als die des Schreiens besessen und sich weniger durch Bildung als durch Muskelkraft ausgezeichnet.

Charakteristisch ist zudem oft eine rasche Vergeudung als Folge eines Lebens, das keine höhere Pflichten gegenĂŒber FĂŒrsten und Volk kannte, sondern nur die Befriedigung des eigenen Vorteils. Zahlreiche GĂŒter gehen jetzt rasch von einer Hand in die andere ĂŒber. Mit der Bauernlegung hatte der Adel selbst das innere VerhĂ€ltnis zur Scholle eingebĂŒĂŸt und seine GĂŒter zum Objekt der Bodenspekulation gemacht, die besonders wilde Formen annahm, als nach der Überwindung der durch den SiebenjĂ€hrigen Krieg herauf -beschworenen Krise der Landwirtschaft gegen Ende des Jahrhunderts eine Hochkonjimktur in der Getreideausfuhr einsetzte und die Landwirtschaft enorme Verdienste erzielte. Fast ĂŒberall lĂ€ĂŸt sich dabei ein unaufhaltsames Sinken des cdten Feudaladels feststellen, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Der jĂ€heste Sturz vollzieht sich bei dem letzten Sproß der berĂŒhmten reichsgrĂ€flichen Familie v. Sala, der 1781 Bankrott macht und 1806 in einer Scheune in Klein-Plasten als Gutsarmer stirbt. Aber auch sonst geht bei vielen altadeligen Familien alles den Krebsgang. Die Hessen bĂŒĂŸen die StĂ€dte BrĂŒel und LĂŒbz ein, die v. d. LĂŒhe SĂŒlze und Marlow, die BĂŒlow GrevesmĂŒhlen. Vor allem die Kriegsnöte des SiebenjĂ€hrigen Krieges wirken verheerend auf den Besitzstand vieler Familien. In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts geraten die Vieregge’schen GĂŒter mit dem kunstgeschichtlich berĂŒhmten Schloß Rossewitz in Konkurs. 1816 verlieren die Hahns infolge der Verschwendungssucht des fĂŒr seine Theaterleidenschaft bekannten Grafen Karl Hahn-Neuhaus einen betrĂ€chtlichen Teil ihrer GĂŒter, darunter Remplin, im gleichen Jahre bĂŒĂŸen auch die Moltkes im Schorssower Konkurs ihren stattlichen Landbesitz ein. Immer stĂ€rker schiebt sich das bĂŒrgerliche Element, vielfach aus reich gewordenen PĂ€chtern adeliger GĂŒter bestehend, in die Ritterschaft ein, da es zumeist wirtschaftlich erheblich tĂŒchtiger ist. Familien wie die Eckermann, die Hillmann, Pogge, Paetow, Stever werden Ausdruck eines neuen Typus des mecklenburgischen Gutsbesitzers, der den wirtschaftlichen Fortschritt vertritt. Freilich fehlt hier der Zeit entsprechend auch die ĂŒble Erscheinung jĂŒdischer Gutsherren nun nicht mehr. Nach den Freiheitskriegen erscheint der herzogliche Finanzrat Israel Jacobson als mehrfacher Großgrundbesitzer.

Das geistige Leben aber, das noch im ersten Jahrzehnt des 30jĂ€hrigen Krieges so reich geblĂŒht hatte, verkĂŒmmert jetzt angesichts des lĂ€hmenden Druckes der Leibeigenschaft und des Verschwindens des Bauerntums auf dem Lande wie des alten kraftvollen BĂŒrgersinnes der Hansezeit in den StĂ€dten. Die UniversitĂ€t war in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts noch in Deutschland (freilich nicht zum Vorteil ihrer geistigen Aufgeschlossenheit!) durch Theologen wie Albrecht v. Krackevitz (1674—1732), den Schöpfer des Mecklenburgischen Landeskatechismus und Franz Albert Aepinus (1673—1750) als Hochburg der lutherischen Orthodoxie bekannt und in allen orthodoxen Kreisen berĂŒhmt. Doch seit dem Jahre 1760 siechte sie an der Spaltung in zwei UniversitĂ€ten, eine TĂ€tliche in Rostock und eine herzogliche in BĂŒtzow, dahin, die auf Grund theologischer Streitigkeiten entstanden war, da die Rostocker Professoren sich geweigert hatten, einen von Herzog Friedrich dem Frommen (1756—1785) berufenen Vertreter des Pietismus in ihrer Mitte aufzunehmen. Gewiß fehlt es ihr auch jetzt nicht an tĂŒchtigen Gelehrten. Ernst Mantzel (1699—1768) macht sich um die Bearbeitung des mecklenburgischen Rechtes wie um die Sammlung und Veröffentlichung von Urkunden zur Geschichte der UniversitĂ€t verdient. Wenzeslaus Karsten (1732 — 1787), ein Bruder Lorenz Karstens, der an der BĂŒtzower Hochschule lehrte, konnte fĂŒr einen der ersten Mathematiker der Zeit gelten. Der Physiker Franz Ulrich Aepinus (1724—1802), der sich durch seine Forschungen auf dem Gebiete der ElektrizitĂ€t einen Namen macht und der Entdecker der Influenz und der ThermoelektrizitĂ€t wird, erhĂ€lt einen Ruf an die kaiserlich-russische Akademie nach Petersburg und wird Erzieher des spĂ€teren Zaren Paul. Olav Gerhard Tychsen (1734—1815), geboren in Tondem als Sohn eines aus Norwegen eingewanderten Unteroffiziers, der sich durch eisernen Fleiß bis zum UniversitĂ€tsprofessor empor arbeitet, wird der BegrĂŒnder der Rostocker UniversitĂ€tsbibliothek in ihrer heutigen Gestalt und einer der bedeutendsten Orientalisten der Zeit. Als „BĂŒtzower Oedipus“ erwirbt er sich den Ruhm eines der ersten großen deutschen VorkĂ€mpfer des Antisemitismus, indem er bei seinen Forschungen ĂŒber das Judentum bereits die rassischen Grundlagen dieses Problems vorausahnt. Unter den Ärzten sind neben Christian Eschenbach (1721—1788), der als erster die gerichtliche Medizin als Sondergebiet behandelt, vor allem zwei Mitglieder der berĂŒhmten mecklenburgischen Ärztefamilie der Detharding bemerkenswert. Georg Detharding (1671—1747) fördert den anatomischen Unterricht an der UniversitĂ€t, nimmt selbst Sektionen von Leichen vor, immer noch eine Seltenheit in dieser Zeit und empfiehlt 1714 als erster wieder die Anwendung des Luftröhrenschnittes bei Erstickungsgefahr. Sein Ruf verschafft ihm schließlich eine Professur an der UniversitĂ€t Kopenhagen. Sein Sohn Georg Christian Detharding (1699—1784) erwirbt sich als tĂŒchtiger Praktiker die WertschĂ€tzung weitester Kreise. An sie reiht sich wĂŒrdig der Anatom Wilhelm Josephi (1763 —1845), der 1790 von Göttingen nach Rostock berufen wird und liier ein modernes anatomisches Theater einrichtet, das in der einstigen Cursorei der Juristen am Alten Markt untergebracht wird. FĂŒr sein Hauptwerk, den „Grundriß der MilitĂ€r-Staatsarzneikunde“ wird er vom preußischen König mit einem Diamentring ausgezeichnet.

Doch all diese MĂ€nner zehren in diesem Jahrhundert des Stillstandes im Grunde nurmehr von der großen Vergangenheit der UniversitĂ€t. Rostock ist nicht mehr wie frĂŒher der Mittelpunkt des geistigen Lebens im Ostseeraum. Der große Rostocker Brand des Jahres 1677 hatte auch der UniversitĂ€t durch die Vernichtung der 4000 BĂ€nde zĂ€hlenden Bibliothek und des KollegiengebĂ€udes am Alten Markt einen schweren Schlag versetzt. Die Zahl ihrer Studenten sinkt mit jedem Jahrzehnt. Der Fremden, welche die Hochschule aufsuchen, werden immer weniger. Zumeist sind die Studenten jetzt gebĂŒrtige Mecklenburger, und auf die ZustĂ€nde innerhalb der Studentenschaft wirft ein anonym in LĂŒbeck erschienener SchlĂŒsselroman „Der verliebte und galante Student“ ein wenig gĂŒnstiges Licht. Vollends untragbar gestalteten sich die VerhĂ€ltnisse nach der Spaltung, da das Land fĂŒr zwei UniversitĂ€ten einfach zu klein war.

Auch die besten Köpfe der Literatur dieser Zeit hoben sich nur selten ĂŒber das Mittelmaß hinaus. Der Rostocker Dichter Diedrich Georg Babst, der das Plattdeutsche wieder in der Literatm* zu Ehren zu bringen suchte und dessen Gedichte Goethe nicht ungĂŒnstig beurteilte, oder der sentimentale Dichter Ludwig Gotthard Kosegarten blieben doch im Grunde Sterne zweiten Ranges. Nur wenige erwarben sich wirklichen Ruhm und behaupteten auch fĂŒrderhin ihren Platz in der deutschen Geistesgeschichte. Sie stehen dafĂŒr freilich um so höher. Als erster ist in dieser Reihe Christian Ludwig Liscow (1701—1760) zu nennen, ein Pastorensohn aus Wittenburg, der eine Zeitlang als diplomatischer Beauftragter in den Diensten Herzog Karl Leopolds stand. Nach Johann Lauremberg ist er einer der ersten deutschen Satiriker, und sein Kampf gegen die Weitschweifigkeit und VerwĂ€sserung des zeitgenössischen Stils reiht ihn ein unter die VorlĂ€ufer Lessings. Von der grĂ¶ĂŸten Bedeutung fĂŒr die deutsche Kulturgeschichte wurde ein anderer Mecklenburger, der Dichter Johann Heinrich V o ß (1751—1826) aus Sommerstorf bei Waren, der Enkel eines freigelassenen Leibeigenen. Seine Übertragungen der Ilias und Odyssee ins Deutsche sichern ihm WeltberĂŒhmtheit fĂŒr alle Zeiten. Zugleich aber ward er durch Gedichte wie das bekannte „Die Leibeigenen“ fĂŒr seine Zeit zu einem der bittersten AnklĂ€ger des Übels der Leibeigenschaft. Als Ă€ußerst fruchtbarer philosophischer und dramatischer Schriftsteller wie als Verfasser des „Lorenz Stark“, des ersten deutschen Familienromans von bleibendem Wert, erwarb sich endlich Johann Jacob Engel (1741—1802) aus Parchim einen bleibenden Namen.

Eine kurze, aber dafĂŒr um so glanzvollere BlĂŒtezeit erlebte die Theaterkultur Mecklenburgs unter dem kunstsinnigen Herzog Christian Ludwig II. (1747—1756), der auch den Grundstock zu der ĂŒberaus reichen Sammlung niederlĂ€ndischer Maler in Schwerin legte. Nachdem unter dem letzten Herrscher der GĂŒstrower Linie, Herzog Gustav Adolf (1654—1695), von dem auch zahlreiche geistliche Dichtungen von großer GemĂŒtstiefe und Innigkeit ĂŒberliefert sind, eine Zeitlang GĂŒstrow eine HeimstĂ€tte gepflegter Schauspielkunst gewesen war, wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts das Schweriner Hoftheater dank der Truppe des berĂŒhmten Schauspieldirektors Johann Friedrich Schönemann (1704—1782) eine der besten BĂŒhnen des damaligen Deutschland. Schönemann, ein SchĂŒler der Neuberin, der in Schwerin wie in Rostock fĂŒr den Hof spielte, erwarb sich ein hohes Verdienst um die Bildung des guten deutschen Geschmacks. 1753 stiftete eines der begabtesten Mitglieder seiner Truppe, der Schauspieler Eckhoff, der sich auch selbst als BĂŒhnenautor betĂ€tigte und den Lessing als Schauspielergenie bezeichnete, eine Theaterakademie in Schwerin, eines der ersten theaterwissenschaftlichen Institute in Deutschland ĂŒberhaupt. Der ganze Hof war damals von der Theaterleidenschaft erfaßt, die Erbprinzessin Luise Friederike, eine geborene Prinzessin von WĂŒrttemberg-Stuttgart und die Prinzessin Ulrike von Mecklenburg beschĂ€ftigten sich damit, französische Dramen ins Deutsche zu ĂŒbertragen, und wenn auch all diese Bestrebungen nur einem engen Kreis zugute kamen, da das damalige Theater ausschließlich Hoftheater war, so blieb doch die Tatsache der fĂŒhrenden Rolle Schwerins im Theaterwesen höchst bemerkenswert. Freilich riß diese verheißungsvolle Entwicklung mit dem Tode des fĂŒrstlichen MĂ€zens jĂ€h ab, da dessen Nachfolger Friedrich der Fromme in der BĂŒhnenkunst nur einen Fallstrick des Teufels erblickte.

Auf einem anderen Gebiet aber trat dafĂŒr in diesem fĂŒr Mecklenburg so dĂŒsteren Jahrhundert das trotz aller BedrĂŒckung nie erlahmende BedĂŒrfnis nach geistiger Anregung und Belehrung um so deutlicher hervor, auf dem der Presse. Das Jahrhundert der AufklĂ€rung zeitigte ĂŒberall in Deutschland das Entstehen regelrechter Zeitungen, und gerade Mecklenburg stand hierbei den anderen LĂ€ndern des Reiches keineswegs nach, obwohl hier unstreitig die VerhĂ€ltnisse am schwierigsten und ungĂŒnstigsten waren. Unter dem Titel „Curieuser Extract der neuesten Zeitungen“ grĂŒndet hier schon 1711 in Rostock der Ratsbuchdrucker Weppling, dessen Nachfolger spĂ€ter Adler ward, die nachmalige „Rostocker Zeitung“. 1749 erscheinen in Schwerin zum ersten Mal die „Mecklenburgischen Nachrichten“. Im gleichen Jahr erhĂ€lt auch Wismar eine Zeitung, die freilich ein Jahr darauf bereits wieder einging, nachdem hier schon frĂŒh um das Jahr 1700 der Stadtbuchdrucker Martini eine politische Zeitung zu grĂŒnden versucht hatte, die verboten worden war. 1750 hat ein neuerlicher Versuch einer ZeitungsgrĂŒndung in Wismar keinen besseren Erfolg. 1752 ruft der Buchdrucker Röse die „Rostockschen Nachrichten und Anzeigen“ ins Leben, die auf Anregung des BĂŒrgermeisters und Geschichtsschreibers Heinrich Nettelbladt auch BeitrĂ€ge ĂŒber die Geschichte der Stadt brachten. SpĂ€ter ĂŒbernimmt der Ratsbuchdrucker MĂŒller die Zeitung, deren gelehrte Beilage nun der Prediger und Rektor Niehenck betreut. 1757 grĂŒndet der Hofbuchdrucker BĂ€rensprung die heutige „Mecklenburgische Zeitung“ in Schwerin. Seit 1783 erscheint dann auch endlich in Wismar eine lebenskrĂ€ftige Zeitung, die „Wismarschen privilegierten wöchentlichen Anzeigen“, seit 1795 mit den „Politischen Neuigkeiten“ als Beilage, aus denen sich das heutige „Mecklenburger Tageblatt“ entwickelt hat.

Offenbart sich schon in all diesen oft mehr als gewagten Unternehmungen eine FĂŒUe von Idealismus und Opfersinn, so gilt das noch mehr fĂŒr die ĂŒberraschend große Zahl der verschiedenartigsten gelehrten oder unterhaltenden Zeitschriften, die wĂ€hrend dieses Jahrhunderts in Mecklenburg herausgegeben wurden. Von den Fachzeitschriften abgesehen, lassen sich nicht weniger als 23 verschiedene derartige GrĂŒndungen in Rostock, Schwerin, GĂŒstrow, Wismar und Parchim feststellen, denen zumeist freilich angesichts der starken Konkurrenz und des mangelnden Widerhalls in dem noch nicht genĂŒgend wiedererstarkten BĂŒrgertum kein langes Dasein beschieden war. Den Anfang macht auch hier Rostock als UniversitĂ€tsstadt mit den „Annales Litterarii Mecklenburgenses“ von 1722 und dem bekannten ..Rostocker Etwas“ des Professors Mantzel (Etwas von gelehrten Ro-stockschen Sachen). 1751 gab der praktische Arzt Dr. Möller in Wismar eine gelehrte Zeitung heraus, ein Jahr spĂ€ter versuchte der Philosoph Angelius Johann Aepinus, ein Bruder des Physikers und Sohn des großen Theologen, in Rostock eine Ă€hnliche GrĂŒndung. Endlich schuf 1762 der Theologe Professor Quistorp die „Neuen Berichte von gelehrten Sachen“. Die unglĂŒckselige NeugrĂŒndung der BĂŒtzower UniversitĂ€t zeitigte gleich drei Journale, die nicht eben gut beleumdeten „BĂŒtzower BlĂ€tter“ des Konsistorial-rates Reinhard, eines argen orthodoxen Frömmlers, Professor Mantzels „BĂŒtzow’sche Ruhestunden“ und Professor Tychsens „BĂŒtzowische Nebenstunden“. Einen bleibenden Platz in der Literatur ihrer Zeit erwarben sich indes nur die von 1788 bis 1807 erscheinenden „Annalen“ der Rostocker Akademie, fĂŒr welche der Philosoph Professor Eschenbach, ein Bruder des Mediziners, verantwortlich zeichnete. Von der Unzahl der unterhaltenden Zeitschriften, welche sich an ein breiteres Publikum wenden wollten, können im Rahmen dieser Betrachtung nur wenige ErwĂ€hnung finden, so das von 1791 bis 1792 erscheinende „Rostock’sche Wochenblatt“ des bekannten Anatomen Wilhelm Josephi und die bei BĂ€rensprung in Schwerin verlegte „Monatsschrift von und fĂŒr Mecklenburg“, ferner das „Magazin fĂŒr Naturkunde“ und das in BĂŒtzow erscheinende „DiĂ€tetische Wochenblatt“ des Medizinprofessors Graumann.

Mecklenburg – Das 19. Jahrhundert und die neuere Zeit

Die Entwicklung der Landwirtschaft

Bereits im Mittelalter hatte Mecklenburg mit seinen blĂŒhenden und wohlhabenden Bauerndörfern und seinen in wirtschaftlicher wie kultureller Hinsicht gleich bedeutsamen SeestĂ€dten, von denen Rostock die Ă€lteste Handelsmesse des Nordens bildete, durchaus seine EigenstĂ€ndigkeit als Wirtschaftsgebiet bewiesen. Im Jahre 1552 hatten sĂŒddeutsche Kaufleute ĂŒber den mecklenburgischen Wirtschaftsraum die erste Einzelkarte Norddeutschlands hersteilen lassen, ein Zeichen, wie hoch man schon damals im Reich dessen Bedeutung als BrĂŒcke zwischen den großen Zentren des Handels im Norden und SĂŒden veranschlagte. Weit stĂ€rker aber stellte gerade das fĂŒr Mecklenburg politisch und sozial so dunkle 18. Jahrhundert indirekt die wirtschaftliche EigenstĂ€ndigkeit dieses Raumes unter Beweis, denn nur ihr allein hatte Mecklenburg es zu verdanken, wenn es dieses Jahrhundert ĂŒberhaupt ĂŒberdauerte.

Die bisherige Betrachtung galt allein dem Gebiet der Ritterschaft, doch darĂŒber darf man nicht außer acht lassen, daß das Domanium, der dem Landesherrn gehörige Bereich, im allgemeinen ein bei weitem andersgeartetes Bild bot. Das Herzogshaus war schon aus volks- wie wehrund steuerpolitischen RĂŒcksichten heraus im Grunde stets dem Bauernstand freundlich gesonnen gewesen, da ein gesunder Bauernstand die einzige Macht gebildet hĂ€tte, auf die es sich gegen die Anmaßung der Ritterschaft stĂŒtzen konnte. Freilich fehlte es ihm seit dem Abschluß des unseligen Erbvergleiches an der notwendigen Macht, solchen Anschauungen gleich den Hohenzollern im ganzen Lande Geltung zu verschaffen, allein dafĂŒr ließ es sich umsomehr im eigenen Gebiet die Hebung des Bauernstandes angelegen sein. So zeitigt diese Politik fĂŒr Mecklenburg schon im Jahre 1753 wĂ€hrend der Regierungszeit Herzog Christian Ludwig II. (1747—1756) unter dem Einfluß des bauernfreundlichen Kammerdirektors Wachenhusen in der sogenannten BĂŒdnersiedlung den ersten grĂ¶ĂŸeren Versuch zu innerer Kolonisation. Um der nach den Wirren der Karl-Leopold-Zeit einsetzenden Massenauswandenmg nach Rußland zu steuern, suchte man zielbewußt im Domanium in den BĂŒdnerstellen einen neuen lebensfĂ€lligen Kleinbesitz zu schaffen, der die Ă€rmeren Teile der Landbevölkerung fest an die heimische Scholle band. Diesem BemĂŒhen blieben Erfolge auch nicht versagt. Im Jahre 1800 gab es bereits 4000 derartiger Stellen, drei Jahrzehnte spĂ€ter 5300. 1801 wurden von neuem aus einstigen Bauernhufen eine betrĂ€chtliche Reihe von BĂŒdnereien geschaffen, 1809 die ganze Siedlung neu geregelt. Auch das Strelitz’sche Gebiet blieb am Ausgang des 18. Jahrhunderts hinter dieser Entwicklung nicht zurĂŒck. Sieben neue Siedlungsdörfer wurden dort angelegt. Nur die Ritterschaft strĂ€ubte sich, wie nicht anders zu erwarten, krampfhaft gegen alle derartigen Bestrebungen, da sie fĂŒr ihre großen BegĂŒterungen fĂŒrchtete.

Dieser Gegensatz wirkte um so auffĂ€lliger, als die Zeit immer stĂ€rker gegen das Fundament der feudalaristokratischen Lebensordnung, die Leibeigenschaft, Sturm zu laufen begann. Schon der Kammerdirektor Wachenhusen hatte diese als das Haupthindernis allen Fortschrittes bezeichnet. Und diese Stimmen mehrten sich, je mehr die naturrechtlichen Lehren der AufklĂ€rung auch in Mecklenburg vor allem in den Kreisen der Gebildeten Eingang gewannen. 1781 hielt anlĂ€ĂŸlich einer zu Ehren des Herzogshauses veranstalteten Festlichkeit der Rostocker Professor der Morkl und der Rechte Jakob Friedrich Rönnberg (1738 —1809), der sich als Verfechter der Menschenrechte fĂŒhlte, eine aufsehenerregende Rede ĂŒber die Notwendigkeit der Aufhebung der Leibeigenschaft und deren Umwandlung in eine Art Erbpacht. Die Monatsschrift „Von und fĂŒr Mecklenburg“ als Vertreterin des aufgeklĂ€rten BĂŒrgertums stieß in das gleiche Horn. Von noch tiefgehenderem Einfluß war 1784 Karl Leopold Eggers’ Schrift â€žĂŒber die gegenwĂ€rtige Beschaffenheit und mögliche Aufhebung der Leibeigenschaft“. Selbst der Adel fehlte jetzt in diesem Chorus nicht mehr. An der Spitze neben einem Baron Langermann und einem v. Engel einer der bedeutendsten Vertreter der damaligen Domanialverwaltung, der Geheime Rat Klaus Detlof v. Oertzen (1736—1822) in BĂŒtzow, der sich auch auf landwirtschaftlichem Gebiet durch die Veredelung der Schafzucht und die EinfĂŒhrung der Impfung des Rindviehs zur BekĂ€mpfung der Kuhpocken große Verdienste erwarb.

Schon 1778 fielen im Domanium infolgedessen die Hofdienste fĂŒr die Bauern fort. Im Jahre 1783 gingen der Baron Biel auf Stoffersdorf und Herr v.’BĂŒlow in Wahr-storf und Hohenkirchen dazu ĂŒber, ihre Bauern freizulassen und in ErbpĂ€chter umzuwandeln. Freilich handelte es sich bei beiden bezeichnenderweise um Adelige, die im auswĂ€rtigen Dienst standen. Die Französische Revolution, deren letzte AuslĂ€ufer in den Rostocker und GĂŒstrower Butterkrawallen selbst bis nach Mecklenburg brandeten, ließ die Hoffnungen aller AufgeklĂ€rten noch höher schwellen. 1790 hob der erste mecklenburgische Gutsbesitzer, Hofrat Schnelle auf Gottmannsförde, die Leibeigenschaft auf, doch noch 26 Jahre sollten vergehen, bevor sich ein echter Ritter, der Erblandmarschall Ferdinand v. Maltzahn, zu diesem Schritt entschloß.

FĂŒrs Erste galt noch immer fĂŒr den weitaus grĂ¶ĂŸten Teil Mecklenburgs das Bild, das im Jahre 1811 eine anonym erschienene Schrift von seiner Bevölkerung entworfen hatte. Danach bestand diese zumeist aus „unmutigen Leibeigenen, hungrigen Tagelöhnern, elenden KossĂ€ten und wenigen ausgemergelten Bauern“. Das PortrĂ€t des Gutsherrn liefert dazu der Graf Schlitz-Karstorff in seinen Memoiren, wenn er dort einen Herrn v. M. auf Detershagen schildert: Einen himmelhohen Mann im langen roten Rock, in der Rechten einen langen dicken KnĂŒppel, der des öfteren bereits entzwei geprĂŒgelt sein mußte, denn an den Bruchstellen war er reichlich mit Leder umwickelt. Die Kriegsnöte der Franzosenzeit und der wirtschaftliche Druck der Kontinentalsperre hatten eine neuerliche Verschlechterung aller LebensverhĂ€ltnisse zur Folge. Die allgemeine Unsicherheit nahm erschreckend zu; die großen Diebsbanden jĂŒdischer Hehler, der Schön Afrömchen und Blind Leibchen, setzten das flache Land in Unruhe und Schrecken, bis 1812 die Errichtung eines regelrechten herzoglichen Gendarmeriekorps allmĂ€hlich diesem Unwesen Einhalt gebot.

WĂ€hrend in anderen Gebieten Europas die französische Oberherrschaft vielfach den neuen politischen Ideen zum Durchbruch verhalf, verharrten die mecklenburgischen StĂ€nde nach wie vor in ihrer schroffen Ablehnung jeder Neuordnung, somit wohl ein Bild stolzen UnabhĂ€ngigkeitssinnes gegenĂŒber den fremden BedrĂŒckern bietend, andcrerseits aber auch das Abbild jeder Reaktion. Wohl Ă€ußerte 1808 Herzog Friedrich Franz I. (1785—1837) die Absicht, die Leibeigenschaft aufzuheben, doch die reforma-torische Partei, voran der Erbprinz Friedrich Ludwig (1778—1819), der im Sinne Rousseaus erzogen war, ein wohl einsichtiger aber nicht eben fester Charakter und der Warmer Drost v. Suckow, sein Mentor, waren zu schwach, um ihren Ansichten Geltung verschaffen zu können. Erst nach den Freiheitskriegen ward diese Frage auf das DrĂ€ngen der Landschaft, also der bĂŒrgerlichen Vertreter der LandstĂ€dte, endlich ernsthaft angepackt. Die Ritterschaft, an der Spitze als HĂ€upter der Reaktion die Grafen v. Schlitz und v. Bothmer, fĂŒr die noch 1816 das Wort Leibeigenschaft nichts war als „die gehĂ€ssige Bezeichnung einer an sich zum großen Teil wohltĂ€tigen Einrichtung“, strĂ€ubte sich freilich in der Mehrzahl immer noch auf das Heftigste gegen jede Reform. Doch dank dem Geschick des Kammerrates Heinrich Ludolf v. Lehsten gelang es schließlich nach zweijĂ€hrigen Verhandlungen auf den Landtagen der Jahre 1818 und 1819 auf Grund des Gesetzes vom 18. Januar 1820 die Aufhebung der Leibeigenschaft durchzusetzen.

Bildete dieses Gesetz einen Markstein in der innerpolitischen und sozialen Entwicklung des Landes, so war der Grund zu dem neuerlichen Aufschwung der mecklenburgischen Landwirtschaft, des Hauptzweiges der heimischen Wirtschaft, schon weit frĂŒher gelegt worden. Das Hauptverdienst dafĂŒr gebĂŒhrt einem Manne, der heute fast völlig in Vergessenheit geraten ist: Franz Christian Lorenz Karsten (1751—1829). Geboren als Sohn eines ritter-schaftlichen GutspĂ€chters, war er anfangs Professor der Landwirtschaft in BĂŒtzow, spĂ€ter, nach der Wiedervereinigung der beiden Hochschulen, in Rostock. Bereits 1785 trat er mit einer Abhandlung â€žĂŒber den Zustand der gegenwĂ€rtigen AufklĂ€rung in der Ökonomie“ fĂŒr eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft ein. 1793 begrĂŒndete er in Rostock aus eigenen und geliehenen Mitteln auf dem linken Warnowufer vor dem Kröpeliner Tor eine landwirtschaftliche Versuchs- und Lehranstalt, Neuenwerder benannt, die erste derartige Lehranstalt auf deutschem Boden ĂŒberhaupt. Ihr Zweck sollte darin bestehen, den mecklenburgischen Landwirten, vor aUem dem Nachwuchs, die Kenntnis wissenschaftlicher Betriebsmethoden zu vermitteln. Aber auch in praktischer Hinsicht bemĂŒhte er sich um die EinfĂŒhrung aller möglichen Neuerungen und Verbesserungen. Auf ihn gehen 1797 die ersten Versuche zur DĂŒnenbepflanzung in WarnemĂŒnde zurĂŒck. Weiterhin beschĂ€ftigten ihn Untersuchungen ĂŒber die Fruchtfolge so gut wie ĂŒber die Herstellung feuerfester DĂ€cher fĂŒr landwirtschaftliche GebĂ€ude. Er empfahl einen Kartoffelpflug und eine Dreschmaschine, wie sie damals Pastor Pessler konstruiert hatte. Und all dieses rastlose Streben ist um so höher zu bewundern, als er stĂ€ndig mit den furchtbarsten finanziellen Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen hatte, um sein Neuenwerder zu erhalten, und zudem ein Großteil seines Schaffens in die Kriegsnöte der Franzosenzeit fiel. Ohne Zweifel war er einer der grĂ¶ĂŸten Idealisten seiner Zeit. Erst nach jahrelangem bitterem Ringen wußte er sich durchzusetzen, wĂ€hrend ein anderes Lehrinstitut, die 1804 begrĂŒndete Landwirtschaftsschule des Gutsbesitzers Karl Schröder in Sophienhof der Not der Kriegsjahre von 1806/07 zum Opfer fiel. Dann freilich gewann er einen Ruf, der bis weit ĂŒber die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinausging. Die russische UniversitĂ€t Kasan, an der damals zwei berĂŒhmte Landsleute Karstens, Christian v. FrĂ€hn und Friedrich Franz Erdmann, als Orientalisten lehrten, bemĂŒhte sich, ihn als Lehrer zu gewinnen. Der König von DĂ€nemark, der Herzog v. Holstein-Beck interessierten sich fĂŒr seine Arbeiten. Den grĂ¶ĂŸten Ruhm aber erwarb er sich durch die GrĂŒndung des ersten landwirtschaftlichen Berufs-Verbandes in Mecklenburg, der Mecklenburgischen Landwirtschaftlichen Gesellschaft, die er 1798 gemeinsam mit dem Grafen Schlitz-Kar-storff ins Leben rief und die 1817 zum Patriotischen Verein erweitert wurde.

Der neue Verein, fĂŒr den Lorenz Karsten seit 1805 auch eine Fachzeitschrift, die nachmaligen „Annalen“ des Patriotischen Vereins, herausgab und den er als GeneralsekretĂ€r bis an sein Lebensende betreute, wurde einer der beiden Grundpfeiler der kĂŒnftigen Entwicklung der Landwirtschaft. Zum ersten Mal war nun die Basis fĂŒr eine Zusammenarbeit aller mecklenburgischen Großgrundbesitzer gegeben. Allerorts regte sich neues Leben. Die Schaffung des Wollmarktes in GĂŒstrow im Jahre 1819 lieh der Schafzucht mĂ€chtigen Auftrieb. In Rostock suchte Friedrich Hennings 1821 mit seiner „Landwirtschaftskammer“ fĂŒr eine Modernisierung der Betriebsmethoden zu wirken, und Dr. Gerke auf Frauenmark, einer der bekanntesten Gutsbesitzer, veröffentlichte em zweibĂ€ndiges Werk ĂŒber seine landwirtschaftlichen Erfahrungen.

Der zweite Grundpfeiler des Aufschwunges, die Schaffung eines gemeinschaftlichen Kreditinstitutes, war in seiner Entstehung auf das engste mit der landwirtschaftlichen Konjunktur verknĂŒpft. Ausgangs des 18. Jahrhunderts hatten der Verfall der spanischen und portugiesischen Landwirtschaft, die beginnende Industrialisierung Englands sowie eine Reihe von Mißernten in Mitteleuropa fĂŒr die mecklenburgische Landwirtschaft eine noch nicht dagewesene Hochkonjunktur zur Folge gehabt. Sie bot Anreiz genug zu einer immer stĂ€rkeren Intensivierung, wie sie bereits durch die holsteinische Koppelwirtschaft eingeleitet worden war und bewirkte schließlich eine stete betrĂ€chtliche Überproduktion, die ausschließlich auf den Export angewiesen war. Um so heftiger imd folgenschwerer war der RĂŒckschlag, als die Besetzung des Landes durch französische Truppen 1806, die napoleonische Kontinentalsperre und endlich um 1820 die englische Schutzzollpolitik fast alle bisherigen AbsatzmĂ€rkte versperrten. 1811 befanden sich bereits 60 ritter-schaftliche LandgĂŒter in Konkurs. Seit 1806 bestand ein Moratorium, das immer von neuem verlĂ€ngert werden mußte. Und fĂŒr den verarmten Landmann fehlte es dabei angesichts der herkömmlichen Kapitalarmut des Landes und des Mangels an grĂ¶ĂŸeren leistungsfĂ€higen Bankinstituten an jeder Kreditmöglichkeit. Dieser Lage verdankte im Jahre 1819 der Ritterschaftliche Kreditverein seine Entstehung, um dessen Schöpfung sich besonders der Ritterschaftsassessor Georg v. BlĂŒcher auf Wasdow verdient machte. Nunmehr besaß nicht nur der finanziell bedĂŒrftige Landwirt Aussicht auf wirksame Hilfe, die es ihm ermöglichte, Krisenzeiten zu ĂŒberwinden, sondern es standen jetzt auch denjenigen, welche ihre Wirtschaft zu verbessern und auszubauen wĂŒnschten, die dafĂŒr notwendigen Kapitalien zur VerfĂŒgung.

Auf dieser Basis entfaltete sich eine neue BlĂŒte in der Landwirtschaft. Vor allem die mecklenburgische Pferdezucht erlebte jetzt ihre grĂ¶ĂŸte Zeit. 1812 war das LandgestĂŒt Redefin geschaffen worden zur zĂŒchterischen Betreuung der im bĂ€uerlichen Besitz befindlichen Stuten. Um 1820 begannen die BrĂŒder v. Biel auf Zierow und Weitendorf zur Veredelung der Zucht in großem Umfange englisches Vollblut einzufĂŒhren. Baron Gottlieb v. Biel-Zier ow (gest. 1831), der sich auch theoretisch in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten mit der Zucht des edlen Pferdes beschĂ€ftigte, wurde geradezu der Vater der mecklenburgischen Vollblutzucht. In Zierow und Weitendorf, beim Grafen Hahn in Basedow und beim Grafen Plessen in Ivenack, wo der weltberĂŒhmte Schimmelhengst Herodot deckte, entstanden große GestĂŒte, die sich nur noch mit der Vollblutzucht befaßten und vielfach von englischen Stallmeistern betreut wurden. 1822 wurde ein Verein zur Hebung der mecklenburgischen Pferdezucht ins Leben gerufen und die erste Rennbahn ganz Deutschlands in Doberan angelegt, auf der noch im gleichen Jahre die ersten Wettrennen gelaufen wurden. 1827 erhielt auch GĂŒstrow eine Rennbahn, 1828 Neubrandenburg. 1829 schuf sich Graf Hahn in Basedow eine eigene Rennbahn. Um 1830 war die mecklenburgische Pferdezucht auf ihrem Höhepunkte angelangt. Mecklenburgische Hengste waren in ganz Deutschland, Frankreich und Belgien geschĂ€tzt. Um so jĂ€her war der Absturz von dieser Höhe infolge zu starker ÜberzĂŒchtung und Verfeinerung. Als Abhilfe versuchte man wahllos mit Kaltblut zurĂŒckzukreuzen, doch die Folge war nur ein grauenhafter Mischmasch aller möglichen SchlĂ€ge, zu dessen Überwindung es Jahrzehnte bedurfte.

In sozialer Hinsicht war es dabei fĂŒr die gesamte fernere Entwicklung höchst charakteristisch, wie von dem soeben behandelten Gebiet abgesehen, aller Fortschritt zumeist nicht vom Adel, sondern von den bĂŒrgerlichen Besitzern ausging. Der alte Feudaladel ging immer weiter zurĂŒck. Von 83 altadeligen landgesessenen Familien, die 1755 den Erbvergleich unterzeichnet hatten, befanden sich 1909 nur noch 33 im Besitz ihrer GĂŒter. Dagegen wurden MĂ€nner wie Dr. Samuel Schnelle auf Buchholz, bei dem der Dichter Hoffmann v. Fallersleben fĂŒr eine Zeitlang eine Zuflucht fand, der mißtrauischen Polizei gegenĂŒber als Kuhhirt bezeichnet, und Theodor Stever auf Wustrow im Verein mit den FĂŒhrern der Rostocker Liberalen, den BrĂŒdern Julius und Moritz Wiggers, zu TrĂ€gern nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des politischen Fortschritts, dem Erstarken des BĂŒrgertums in diesem Jahrhundert entsprechend. Selbst auf dem Gebiete des Pferdesportes ĂŒberflĂŒgelten die bĂŒrgerlichen Besitzer allmĂ€hlich den Adel. 1843 wurde Heinrich Stever auf Niekrenz der erfolgreichste Rennreiter Deutschlands.

Vor allem aber ist es hier notwendig, einer Familie zu gedenken, welche Mecklenburg eine Reihe seiner bedeutendsten MĂ€nner geschenkt hat, der Pogges. Der Stammvater der Dynastie, Karl Pogge auf Roggow (1763—1831) hatte begonnen als PĂ€chter des Grafen v. Wallmoden-Gimborn. Eng befreundet mit Johann Heinrich v. ThĂŒnen, konnte er fĂŒr einen der tĂŒchtigsten und fortschrittlichsten Landwirte der Zeit gelten. Er nahm die erste Wiesenbekarrung in Mecklenburg vor und legte mit einer von den GĂŒtern des FĂŒrsten Lichnowsky in Schlesien bezogenen Merinoherde die erste StammschĂ€ferei in Mecklenburg an. Seine Söhne, Friedrich Pogge auf Zierstorf (1791—1843) und Johann Pogge auf Roggow (1793—1854) setzten diese Überlieferung wĂŒrdig fort. Der erstere studierte bei Lorenz Karsten in Rostock die Landwirtschaft, grĂŒndete gleichfalls eine berĂŒhmte StammschĂ€ferei, welche zum Ausgangspunkt der gesamten mecklenburgischen Edelschafzucht wurde, fĂŒhrte die Berieselung in Mecklenburg ein, gehörte mit Baron Gottlieb Biel zu den BegrĂŒndern der heimischen Vollblutzucht und machte sich in politischer Hinsicht durch seine BemĂŒhungen um die Hebung des einstmals leibeigenen Bauernstandes einen Namen. Der zweite, den der Generalleutnant Graf Schlieffen auf Schwandt als eine in vieler Hinsicht unĂŒbertroffene Persönlichkeit bezeichnete, wurde im VormĂ€rz zum unerschĂŒtterlichen VorkĂ€mpfer fĂŒr eine mecklenburgische Verfassung. Daneben wirkte er bahnbrechend in der Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen im Betrieb und vertrat als erster in Theorie und Praxis den Gedanken, Feldbahnen anzulegen. Noch grĂ¶ĂŸeren Ruhm erwarb sich der Sohn Friedrich Pogges, Paul Pogge auf Zierstorf (1838—1884), der als Afrikaforscher die Erschließung Innerafrikas einleitete. Neben dem Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg gehört er zu den bedeutendsten Pionieren des deutschen Kolonialgedankens, die Mecklenburg dem Reich schenkte.

Wie im 18. Jahrhundert ĂŒberwog noch immer der wirtschaftliche Fortschritt. In sozialer Hinsicht hatte dagegen auch die Aufhebung der Leibeigenschaft keine wesentliche Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter zur Folge gehabt. Gewiß war der Bauer jetzt rechtlich frei, aber den Besitzstand seiner Vorfahren, der ihm das Leben in der Freiheit erst wert gemacht hĂ€tte, hatte ihm die Reform nicht gegeben. Infolge der Bestimmung, daß diejenigen, denen der Gutsherr kĂŒndigte, entweder als Heimatlose ins Landesarbeitshaus ĂŒberwiesen oder zwangsweise einem anderen Herrn zugewiesen werden sollten, war der Bauer wie der Tagelöhner noch immer der WillkĂŒr des Gutsherrn ausgeliefert. Und was dessen Ansichten und Sitten betraf, so paßten sie sich nur langsam und zögernd den Forderungen der Zeit an, wie es bei dem konservativen Sinn des Landmannes nicht anders zu erwarten war. Wohl hatte Mecklenburg 1813 im Freiheitskampf als erstes außerpreußisches Land ein erhebendes Beispiel der Vaterlandsliebe gegeben. Wohl fehlte es nicht an mancher bedeutsamen Gestalt in der Ritterschaft, wie dem geistigen Vater des BlĂŒcherdenkmals in Rostock, August v. Preen auf Dummerstorf, dem bekannten landwirtschaftlichen Schriftsteller Christian v. Ferber, dem Kunsthistoriker Graf Schack, dem Vizekanzler Karl Friedrich v. Both, dem Komponisten v. Flotow oder jenem Hermann v. Maltzahn, der als Naturforscher europĂ€ischen Ruf gewann. Allein fĂŒr eine betrĂ€chtliche Zahl ihrer Standesgenossen galt leider noch immer das Wort des Dichters Hoffmann v. Fallersleben:

„Wir sind mit dem zufrieden,

Mit dem, was uns beschieden

Die alte gute Zeit . . .“

Die Verfassung von 1849 blieb eine rasch verwehendes Zwischenspiel, das kaum merkliche Spuren zurĂŒckließ. Friedrich der Große hatte bereits seinem Spott ĂŒber das staatlose Junkertum in Mecklenburg die Ziegel schießen lassen, Bismarck meinte, bei einer derartigen UnabhĂ€ngigkeit eines einzelnen Standes könne kein Staat bestehen, Treitschke nannte das altstĂ€ndische Mecklenburg ein Chaos von Privatinteressen. Doch viele der adeligen Herren auf den großen GĂŒtern fuhren unbekĂŒmmert fort, der Zeit und ihren Errungenschaften Fehde anzusagen. Sie stemmten sich gegen den Bau von Chausseen zur verkehrstechnischen Erschließung des Landes, weil sie das Eindringen des Siedlungsgedankens fĂŒrchteten. Sie versteiften sich stolz auf ihre wendische Abkunft, als sei es eine Schande, von deutschen Rittern zu stammen. Sie fuhren fort, nach alter Sitte Bauern zu legen. Ein 1849 erlassenes Verbot dieses Unwesens wurde 1851 wieder aufgehoben. Nur Dörfer mit 3 und weniger Bauern sollten nicht mehr gelegt werden. Zwischen 1820 und 1858 verringerte sich die Zahl der ritterschaftlichen Bauern weiter von 1434 auf 1333. Mecklenburg blieb fĂŒrs Erste das Land der „Normaljunker“. Selbst die PrĂŒgelstrafe feierte nach dem 48er Jahr ihre Auferstehung. Noch 1846 sagten etliche „Ritter“ der Stadt Hagenow regelrecht Fehde an; ein v. Ahrenstorff ĂŒberfiel nach alter Raubritterart Mirow, weil dessen BĂŒrger einen seiner Reitknechte angehalten hatten, und ein Plan wie der Friedrich Pogges auf Zierstorf, durch die Abhaltung von Bauernversammlungen die Masse der mecklenburgischen Landbevölkerung mit den wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Zeit bekannt zu machen, erregte im Landtag bei den Herren im roten Frack, den adeligen Gutsbesitzern, nur GelĂ€chter.

DafĂŒr schlugen unbekannte TĂ€ter 1828 einen Plessen auf Nepersdorf im Bette buchstĂ€blich mit KnĂŒppeln tot. Der unmenschliche Gutsbesitzer Haberlandt wurde 1838 von seinen Tagelöhnern mit Scheren, Messern und Nadeln langsam zu Tode gefoltert. Im Revolutionsjahr von 1848 entlud sich der Haß des gequĂ€lten Landvolkes in mannigfacher Weise. In Torgelow ward das Schloß des Herrn v. Behr-Negendanck niedergebrannt, der Besitzer von Alt-SĂŒhrkow, Lembke, das Vorbild fĂŒr Fritz Reuters „Pomuchelskopp“, mußte sein Gut verlassen. Und noch 1868 fĂŒhrten Tagelöhner den imbeliebten GrĂ€fl. Hahn’schen PĂ€chter in Dem-zin gewaltsam nach Malchin vor Gericht.

Solche Akte waren AusbrĂŒche einer wilden Verzweiflung. Zumeist aber Ă€ußerte sich die Unzufriedenheit mit den bestehenden VerhĂ€ltnissen in anderer, noch weit verhĂ€ngnisvollerer Weise. Das Problem der Landflucht taucht jetzt in seinem ganzen furchtbaren und tödlichen Ernst auf. Ohne Zweifel handelte es sich zum Teil um eine Folgeerscheinung der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung. Um die Jahrhundertmitte entstand beim Übergang Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat ein starker Bedarf an industriellen ArbeitskrĂ€ften. FĂŒr dessen Deckung bildeten die rein agrarischen, bevölkerungspolitisch meist leistungsfĂ€higen Gebiete gewissermaßen das naturgegebene Reservoir, zumal die Landwirtschaft sich gegenĂŒber der Industrie bei dem Kampf um die ArbeitskrĂ€fte, was die Löhne anbelangte, stets im Nachteil befand. Aber in Mecklenburg erhielt das Problem doch noch ein besonderes Gewicht erst durch die soziale Schuld der Vergangenheit. Die ungesunde Verteilung des Bodenbesitzes und der soziale Unverstand mancher Großgrundbesitzer trugen nun, wo die Industrie dem armen Tagelöhner bessere Lebens- und Verdienstmöglichkeiten zu bieten schien, FrĂŒchte, die sich wider die Nutznießer dieser MißstĂ€nde selbst kehrten. Die oftmals menschenunwĂŒrdigen, halbzerfallenen und windschiefen Lehmkaten der lĂ€ndlichen Arbeiter, die weit schlechter untergebracht waren als das Vieh ihres Herren, die meist völlig im argen liegenden SchulverhĂ€ltnisse, das Fehlen auch der elementarsten Bil-dungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten bewirkten bei jenem Teil der Landbevölkerung, der noch Tatenlust und Unternehmungsgeist besaß, eine massenweise Abwanderung in die StĂ€dte. WĂ€hrend im Domanium die Bevölkerung in den Jahren von 1819 bis 1851 um 65 000 Köpfe zunahm und dieser Zahl nur eine Abnahme von 14 000 Köpfen gegenĂŒberstand, gehörte die Ritterschaft bald zu den am dĂŒnnsten bevölkerten Gebieten ganz Deutschlands. 1851 lebten hier 150511 Menschen, 1890: 127 636, 1905: 125 732. Am deutlichsten kam diese Entwicklung in der stĂ€ndigen Abnahme der Zahl der Landarbeiter zum Ausdruck. 1907 zĂ€hlte man deren noch 107 847, 1925 nurmehr 97 706. Weltkrieg und Inflation hatten nur ein vorĂŒbergehendes Nachlassen aus ErnĂ€hrungsrĂŒcksichten gezeitigt. Insgesamt wanderten in den Jahren zwischen 1871 imd 1900 80 000 Menschen vom Lande in die heimischen StĂ€dte und 120 000 in die Fremde. Dabei betrug die Gesamteinwohnerzahl Mecklenburgs im Jahre 1871 360 000 Menschen! Und diese Frage ward um so brennender, als infolge des steigenden Anbaues von HackfrĂŒchten gleichzeitig sich ein erhöhter Bedarf an landwirtschaftlichen ArbeitskrĂ€ften bemerkbar machte, der nun durch das zweischneidige Hilfsmittel land- und bald auch volksfremder Wanderarbeiter gedeckt werden mußte.

Ganz eindeutig trat dabei immer wieder zutage, daß das gesamte Problem im Grunde eine Frage der Wohnung und damit der allgemeinen kulturellen Lebensbedingungen war. Einzelne erfreuliche Ausnahmen, BegĂŒterungen wie das dem Kammerherrn Graf Bassewitz gehörige LĂŒhburg oder das BlĂŒchersche JĂŒrgenstorf oder die Sloman’sche Besitzung Bellin bestĂ€tigten nur diese Behauptung. Denn die hier gezeigte Einsicht war nicht die Regel. So weitete sich denn angesichts des seit 1815 sich stĂ€ndig mehrenden BevölkerungsĂŒberschusses die Landflucht vielfach zur Auswanderung nach Ubersee ans. John Brinckman verfaßte dagegen im AuftrĂ€ge des Patriotischen Vereins seine „Fastelabendpredigt för Jehann, de nah Amerika fĂŒhrt will“, die in 10 000 Exemplaren im ganzen Lande verbreitet wurde. Aber des Dichters mahnendes „Jehann bliew hier, bliew hier Jehann“ nutzte nicht viel, um so mehr als dieser an anderer Stelle mit den bitteren Versen:

„Sie weigern mir den eigenen Herd Sie haben immer recht . . . .“ selbst die tiefere Ursache dieser neuen Völkerwanderung geißelte. Kein Geringerer als Fritz Reuter lieh in dem Versdrama „Kein HĂŒsung“ dem gleichen Problem ebenfalls erschĂŒtternden Ausdruck. So verlor Mecklenburg zwischen 1871 und 1914 ein volles Siebentel seiner Bevölkerung. In einzelnen besonders krassen FĂ€llen wie in Kowalz bei dem als ReaktionĂ€r verschrienen Landrat Josias v. PlĂŒskow verlangte die gesamte Gefolgschaft des Gutes den Auswanderungsschein. Einen Großteil der Auswanderer nahmen Nord-und SĂŒdamerika auf. Ihre Spur verlor sich zumeist rasch wie die jener Obdach- imd Erwerbslosen, welche man aus dem Landesarbeitshaus in GĂŒstrow und den stĂ€dtischen Asylen holte, um sie als Kolonisten und Soldaten nach dem damaligen Kaiserreich Brasilien zu verschicken, wo sie sich, zu deutschen Fremdenbataillonen zusammengestellt, im Kriege gegen Argentinien verbluteten. Und diese Auswanderer bildeten noch eine Ausnahme, denn in der Regel waren es die TĂŒchtigsten und Besten, die sich in die bestehenden engen VerhĂ€ltnisse nicht schicken mochten und der Heimat den RĂŒcken kehrten.

Einzig im Domanium unternahm man wĂ€hrend dieser Periode der allmĂ€hlichen Industrialisierung einen ernsthaften Versuch, den Abfluß wertvoller Bevölkerungsteile zu verhindern. 1846, unter der Regierung des Großherzogs Friedrich Franz II. (1842—1883), schuf man hier den Begriff des HĂ€uslers, um der untersten Schicht der auf dem Lande lebenden Bevölkerung, den sogenannten Einliegern, und den Tagelöhnern die Möglichkeit zu geben, sich einen eigenen kleinen Besitz zu schaffen und sie auf diese Weise vor der Abwanderung in die GroßstĂ€dte zu bewahren. Diese neue Form der HĂ€uslersiedlung, mit der Mecklenburg allen anderen deutschen LĂ€ndern voranging, war volkswirtschaftlich gesehen Ă€ußerst bedeutsam, da sie eine wichtige soziale Aufstiegsmöglichkeit darstellte. Indem sie die Liebe zur eigenen Scholle weckte, erhielt sie betrĂ€chtliche Mengen von tĂŒchtigen Landarbeitersöhnen und landlosen Bauernsöhnen dem Lande. Und in diesen Rahmen gehört auch die zweite Großtat der Regierungszeit Friedrich Franz II., die DurchfĂŒhrung der Vererbfachtung fĂŒr sĂ€mtliche Domanialbauern in den Jahren von 1865 bis 1875. Angeregt bereits 1773 durch eine Denkschrift Herzog Friedrich des Frommen und 1805 durch den Schwaaner Amtshauptmann Manecke, bewirkte diese Maßnahme jetzt endlich wieder die feste VerknĂŒpfung des Bauern mit seiner Scholle und weckte damit in ihm wieder den Besitzerstolz seiner Ahnen, so daß man ihre Bedeutung nicht hoch genug veranschlagen kann.

Unterdes hatte lĂ€ngst, wĂ€hrend diese Fragen die Allgemeinheit der Landwirte bewegten, jener Mann in Mecklenburg seine Wirksamkeit begonnen, der als echter RevolutionĂ€r der gesamten deutschen Landwirtschaft den Weg zu völlig neuen Lebens- und Wirtschaftsformen wies. 1810 hatte Johann Heinrich v. ThĂŒnen (1783—1850), einer der Klassiker der deutschen Volkswirtschaft, der Sohn einer ostfriesischen Adelsfamilie, das Gut Tellow bei Laage erworben. FĂŒr die Landwirtschaft ward er einer der grĂ¶ĂŸten Reformatoren aller Zeiten, gleich groß als Organisator wie als Volkswirt, als umfassend gebildeter Gelehrter wie als gĂŒtiger, hilfreicher und sozialdenkender Mensch. Tellow entwickelte sich rasch nicht nur zu einer Musterwirtschaft, sondern wurde auch fĂŒr Jahrzehnte die großartigste Versuchsstation fĂŒr sĂ€mtliche landwirtschaftlichen Betriebsfragen. Studierende aus aller Herren LĂ€ndern, Russen, Franzosen, Griechen, EnglĂ€nder suchten das Gut auf. ThĂŒnen wurde zum Wegweiser der IntensitĂ€tslehre in der Landwirtschaft und damit zum Vater jeglichen modernen Landbaues. Sein Hauptwerk „Der isolierte Staat“ wurde zum Standardwerk jeder betriebswissenschaftlichen Forschung. Dabei erwies er sich durch seine von geradezu sozialistischem Geist getragene Einstellung gegenĂŒber seiner Gefolgschaft als erster typisch deutscher Sozialökonom. Als einer der ersten erkannte er die grundlegende nationale Bedeutung einer gerechten Lösung der Arbeiterfrage. In seinem eigenen Betriebe fĂŒhrte er ein soziales Sparsystem ein. SĂ€mtliche Gefolgschaftsmitglieder wurden nach ihren Arbeitsleistungen an den ErtrĂ€gen des Gutes beteiligt, gemĂ€ĂŸ seiner Lehre vom „natĂŒrlichen Arbeitslohn“, welche besagte, daß bei steigendem Arbeitsertrag auch der Lohn zu steigen habe.

Alle diese Ideen eilten freilich der Zeit weit vorauf. In geistiger Hinsicht wurde ThĂŒnens Lebenswerk zunĂ€chst nicht fortgefĂŒhrt, wenn auch vor dem Weltkriege der jĂŒdische Volkswirtschaftler Professor Richard Ehrenberg in Rostock sich der ThĂŒnenschen Gedanken zu bemĂ€chtigen suchte. Aus diesem Umkreis gingen die betriebswissenschaftliche Vereinigung mecklenburgischer Landwirte sowie 1907 die Kommission fĂŒr Landarbeit und Kleinbesitz hervor, ferner der Verein fĂŒr lĂ€ndliche Wohlfahrtspflege, dessen Hauptbetreuer, ökonomierat Dr. h. c. Seemann-Breesen infolge seiner liberalistischen Grundhaltung freilich eine recht umstrittene Persönlichkeit war. Ebenso eine Schriftenreihe ĂŒber Fragen der Wirtschaftsforschung, das ThĂŒnenarchiv. Ihre Untersuchungen sind auch heute noch von großem Wert, denn Ehrenberg selbst setzte hier vielfach nur seinen Namen vor die Arbeiten einer Reihe der besten Köpfe der damaligen mecklenburgischen Landwirtschaft, darunter MĂ€nner wie Dr. Friedrich Dettweiler und DomĂ€nenrat Brödermann-Knegendorf.

Um so stĂ€rkere Beachtung verdient neben diesen theoretischen Betrachtungen der Versuch, den Anton v. BlĂŒcher (1843—1917) auf JĂŒrgenstorf bei Stavenhagen zur Verwirklichung der ThĂŒnenschen Gedanken machte. Nach der Übernahme des Gutes im Jahre 1869 beteiligte er nach dem Beispiel ThĂŒnens, wie es damals dessen Sohn in Tellow fortfĂŒhrte, sĂ€mtliche Arbeiter und Angestellten am Gewinn des Gutes, indem ihre Anteile in SparkassenbĂŒchern angelegt wurden. Gegebenenfalls vermochten diese sogar zu Eigenbesitz zu gelangen. Dieses Verfahren bewĂ€hrte sich jahrzehntelang vortrefflich, so daß 1917 heim Tode des alten BlĂŒcher der Sohn, Friedrich v. BlĂŒcher, es ĂŒbernahm, obwohl es dem Wirtschaftsdenken der Zeit weit vorauseilte. Erst durch die Inflation erfolgte der Zusammenbruch unter wĂŒsten Ausschreitungen der um ihr Geld gekommenen und von Kommunisten aufgehetzten Landarbeiter. Daß aber der Gedanke fortlebte, bewies die Wiederaufnahme Ă€hnlicher Bestrebungen durch den Besitzer von Hof-Malchow (dem heutigen N.S. Musterbetrieb), Burgwedel, im Jahre 1926. Und im Geiste ThĂŒnens, der von Anbeginn an fĂŒr eine gesunde Siedlungspolitik eingetreten war, handelte auch ein Mann wie Adolf v. d. LĂŒhe auf Rohlstorf, Hornstorf und Kalsow, als er nach dem Weltkriege seine GĂŒter zu Siedlungs-zwecken zur VerfĂŒgung stellte und als einer der ersten mecklenburgischen Nationalsozialisten sein Vermögen fĂŒr Deutschlands Wiederaufbau gab.

Die Gestalt ThĂŒnens steht in der Mitte jener Reihe bedeutender MĂ€nner, die im 19. Jahrhundert das Antlitz der modernen mecklenburgischen Landwirtschaft prĂ€gten. Sie beginnt mit Lorenz Karsten und schließt ab mit dem Professor fĂŒr Landwirtschaft an der UniversitĂ€t Rostock A r m i n Grafen zur Lippe-Weißenfeld (1825—1899). Geboren zu OberlĂ¶ĂŸnitz bei Dresden, hatte dieser die Landwirtschaft erlernt und in Jena Land- und Volkswirtschaft studiert. Als Besitzer des Gutes Thum bei Dresden hatte er bereits in Sachsen an dem dort blĂŒhenden landwirtschaftlichen Vereinswesen lebhaften Anteil genommen und sich durch eine Reihe von Veröffentlichungen ĂŒber landwirtschaftliche BuchfĂŒhrung und andere Berufsfragen einen geachteten Namen erworben. Als er daher 1872 einen Ruf als Professor fĂŒr Landwirtschaft nach Rostock erhielt, faßte er hier sogleich den Plan, die selbstĂ€ndigen Bauern und die ErbpĂ€chter, also die große Masse der mecklenburgischen Landwirte, zu Vereinen zusammenzufassen, da er erkannte, daß nur durch die Schaffung einer Grundlage fĂŒr eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit die EinfĂŒhrung wissenschaftlicher Betriebsmethoden und eine intensive WirtschaftsfĂŒhrung zu erreichen waren. Der Patriotische Verein hatte es als Vertreter des Großgrundbesitzes niemals fĂŒr notwendig befunden, sich auch die Betreuung der kleinen Landwirte angelegen sein zu lassen. Und der Gedanke der Bauernversammlungen Friedrich Pogges hatte vor 1848 angesichts der Junkerherrschaft nicht Wurzel fassen können. Erst spĂ€t war jetzt die Möglichkeit einer Sammlung aller Landwirte gegeben. Am 12, Dezember 1872 rief Graf Lippe in Warin die erste Vereinigung kleiner Landwirte ins Leben, der zwei Tage spĂ€ter die GrĂŒndung eines Ă€hnlichen Vereins fĂŒr Rostock und Umgegend folgte. Rund 80 weitere Vereine schlossen sich an diese GrĂŒndungen an, ein Zeichen, wie sehr diese einem lĂ€ngst empfundenen BedĂŒrfnis entsprachen. Der Gedanke, der ihren Schöpfer leitete, war der, daß alle Mitglieder sich als Teile eines Großen Ganzen fĂŒhlen sollten, zu dessen Gedeihen der Einzelne nach KrĂ€ften beizutragen hatte. Die Mittel zur Verwirklichung dieses Strebens erblickte er vor allem in gegenseitigem Meinungsaustausch, öffentlichen LehrvortrĂ€gen fĂŒr Landwirte zur beruflichen Schulung und Leistungsschauen fĂŒr alle betrieblichen Erzeugnisse. 1873 rief er auch eine Fachzeitschrift fĂŒr Kleinlandwirte, das „Landwirtschaftliche Vereinsblatt“, ins Leben. Zwei Jahre darauf, 1875, brachte er eine Planung zur AusfĂŒhrung, mit der sich der Patriotische Verein schon lange vergeblich beschĂ€ftigt hatte, die Schaffung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Rostock.

Die Quertreibereien des Patriotischen Vereins, dem die neue Bewegung der Kleinlandwirte natĂŒrlich ein Dorn im Auge war, sowie gesundheitliche RĂŒcksichten ließen ihn freilich seines Lebens in Rostock nicht froh werden und zwangen ihn dazu, 1879 der Stadt und Mecklenburg ĂŒberhaupt fĂŒr immer den RĂŒcken zu kehren und sich auf sein schlesisches Gut zurĂŒckzuziehen. An der Table d’höte im Hotel de Russie in Rostock fertigte ein bekannter adeliger Großgrundbesitzer sein Schaffen mit der arroganten Bemerkung ab, ganz soviel Schaden, wie er es befĂŒrchtet habe, habe der Graf Lippe doch nicht angerichtet. Um so höher aber hielten seine SchĂŒler und Verehrer unter den kleineren Landwirten sein Andenken. Aus seiner Schule ging eine Reihe der tĂŒchtigsten mecklenburgischen Landwirte hervor. So vor allem der Rostocker StadtgutspĂ€chter Ritter-Damerow, Lippes Nachfolger in der FĂŒhrung des Landwirtschaftlichen Vereins; weiter der Hofbesitzer Beutin-Biestow, der als erster auf den Rat Graf Lippes im Rostocker Kreis in großem Maßstabe Kartoffeln anbaute. Ferner der Hofbesitzer Matthes in Broderstorf, der die erste Molkereigenossenschaft in Rostock grĂŒndete und damit zum Vater des mecklenburgischen Genossenschaftswesens wurde, und endlich der ökonomierat Ohloff -Kösterbeck, einer der GrĂŒnder der Rostocker Aktien -Zuckerfabrik, der 1910 als erster Bauer vom Großherzog wegen seiner hervorragenden Verdienste um die mecklenburgische Landwirtschaft zum ökonomierat ernannt wurde und nach dem Weltkriege PrĂ€sident der 1916 gegrĂŒndeten mecklenburgischen Landwirtschaftskammer wurde.

Die TĂ€tigkeit des Grafen zur Lippe, die landwirtschaftliche Versuchsstation sowie die gleichfalls auf Anregung des Grafen Lippe ins Leben gerufene landwirtschaftliche Fachschule in Rostock, das ThĂŒneninstitut, bildeten die Grundlage fĂŒr die Modernisierung der BetriebsfĂŒhrung innerhalb der heimischen Landwirtschaft. Das Hauptkennzeichen der ferneren Entwicklung wird jetzt die starke Vermehrung des Anbaues von HackfrĂŒchten und die steigende Verwendung von Maschinen. Auf Grund der ersten Tatsache vollzieht sich allmĂ€hlich der Übergang von der Schlagwirtschaft zur reinen Fruchtwechselwirtschaft, der vollkommensten Form geregelter Bodenbewirtschaftung, die wir kennen, welche den regelmĂ€ĂŸigen Wechsel zwischen samenerzeugenden und anderweitigen Nutzpflanzen zur Voraussetzung hat. Die Kartoffel hatte bereits der Rostocker Professor Peter Lauremberg (1585—1639) in seinem botanischen Garten angepflanzt. Ihre Kultur in grĂ¶ĂŸerem Umfange war durch einen mecklenburgischen Adeligen, der sie als Offizier eines im englischen Solde stehenden dĂ€nischen Regiments in Schottland kennengelernt hatte, zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufgekommen, wĂ€hrend der feldmĂ€ĂŸige Anbau auf das Jahr 1765 zurĂŒckgeht, wo der GutspĂ€chter PĂŒtt in Kl. Belitz die ersten SchlĂ€ge mit Kartoffeln bestellte. Seit 1867 trat eine weitere neue Kultur hinzu, die der ZuckerrĂŒbe. 1875 grĂŒndet der Malchiner StadtgutpĂ€chter Conrad Wilbrandt-Pisede, ein Bruder des berĂŒhmten Dichters Adolf Wilbrandt, in Dahmen am Malchiner See die erste Zuckerfabrik in Mecklenburg, nachdem bereits 1831 ein Versuch des Gutsbesitzers Röhl-Kölzow, auf seinem Gute im Fabrikbetriebe Zucker aus RĂŒben zu gewinnen, an der damaligen imvernĂŒnftigen GewerbebeschrĂ€nkung gescheitert war. Weitere Pioniere auf diesem Gebiet werden Anton v. BlĂŒcher-JĂŒrgenstorf, der die Zuckerfabrik in Stavenhagen grĂŒndet und ökonomierat Ohloff-Kösterbeck.

Graf Lippe-Weißenfeld, der große Mentor aller mecklenburgischen Landwirte, ist auch als BegrĂŒnder des rasch aufblĂŒhenden Molkereiwesens in Mecklenburg anzusehen. Auf seine Anregung hin stellte 1876 der Graf Schlieffen-SchĂŒeffenberg sein bei Laiendorf gelegenes Gut Raden dem Schöpfer der modernen Molkereiwissenschaft, Professor Fleischmann, als Versuchs- und ForschungsstĂ€tte zur VerfĂŒgung. In der Folge entstand hier die erste Milchkontrollstation Deutschlands. Von noch grĂ¶ĂŸerer Bedeutung aber wurde die Tatsache, daß Graf Lippe 1875 den spĂ€teren Geheimen ökonomierat Professor Reinhold Heinrich (1845—1917) auf Grund seiner Arbeiten ĂŒber DĂŒngemittel als Leiter der .Landwirtschaftlichen Versuchsstation nach Rostock zog. Wenn auch der Lehrstuhl eines ordentlichen Professors der Landwirtschaft nach Lippes Fortgang einstweilen bezeichnenderweise nicht wieder besetzt wurde, so ward Professor Heinrich doch als Leiter der Versuchsstation dessen wĂŒrdiger Nachfolger. Sein Hauptforschungsgebiet wurde die Pflanzenzucht. 1880 begann er den nach ihm benannten Prof.-Heinrich-Roggen zu zĂŒchten, eine Zucht, welche spĂ€ter ein bĂ€uerlicher Besitzer aus Mönchhagen, Wilhelm Brandt, fortfĂŒhrte und als DomĂ€nenpĂ€chter in Toitenwinkel bei Rostock zur Hochzucht weiterentwickelte. Heute zĂ€hlt Toitenwinkel, das einstige Stammgut der Ahnen Hellmut v. Moltkes, des gewaltigen Schlachtenlenkers, infolgedessen zu den bekanntesten Saatgutwirtschaften des Reiches. Neben Brandt-Toitenwinkel, der 1902 in Gemeinschaft mit Professor Heinrich eine Saatzuchtgenossenschaft ins Leben gerufen hatte, beschĂ€ftigte sich seit 1897 auch ein anderer fĂŒhrender Kopf der mecklenburgischen Landwirtschaft, Dr. h. c. Hans Lembke in Malchow auf Poel mit pflanzenzĂŒchterischen Problemen. Aus einem alten bĂ€uerlichen Geschlecht stammend, das seit dem Jahre 1600 auf Poel ansĂ€ssig war, wurde er dank seiner Versuche mit der bislang nur in England betriebenen GrĂ€serzucht zum Vater der deutschen GrĂ€serzuchtwirtschaft. Und diese sowie andere ZĂŒchtungen von Raps, RĂŒbsen.

Rotklee, Weizen und Kartoffeln reihten auch Malchow in die Zahl der bekanntesten deutschen Saatgutwirtschaften ein.

Die hohe Tradition der Versuchsstation fĂŒhrte als Nachfolger Professor Heinrichs Professor Franz Honcamp (1875—1934) fort, nĂ€chst dem Grafen Lippe unstreitig einer der bedeutendsten Förderer moderner Betriebsmethoden innerhalb der mecklenburgischen Landwirtschaft. Seine Untersuchungen galten vor allem der DĂŒngungsweise und der Futtermittelfrage, und die von ihm aufgestellte DĂŒngetabelle gilt noch heute als vorbildlich in ganz Deutschland.

Alle diese MĂ€nner wurden zu Pionieren nicht nur der heimischen sondern auch der gesamtdeutschen Landwirtschaft. Ihre Verdienste sind um so höher zu veranschlagen, als die Jahre von 1885 bis 1905 nach dem Hochstand der Getreidepreise i,n den 70er Jahren infolge der auslĂ€ndischen Konkurrenz eine neue schwere Krise fĂŒr die heimische Landwirtschaft brachten. Erst mit der EinfĂŒhrung von Schutzzöllen fand sie allmĂ€hlich ihr Ende. Einer der VĂ€ter des Zollgedankens war der FĂŒhrer der mecklenburgischen Landwirtschaft im Reichstage, DomĂ€nenrat Meno Rettich (1839—1918), der Sohn eines angesehenen Gutsbesitzers auf Rosenhagen bei Dassow und Bruder des bekannten Landschaftsmalers Karl Rettich. Als HauptsekretĂ€r des Patriotischen Vereins galt er als eines der angesehensten Reichstagsmitglieder. Außer ihm, der bis 1893 auch das vĂ€terliche Gut Rosenhagen bewirtschaftete und dort eine berĂŒhmte StammschĂ€ferei fĂŒr Oxfordshire-Böcke anlegte, dem Saatzuchtforscher Professor Paul Hillmann(1867—1927) und dem bekannten Wirtschaftspolitiker Professor Heinrich Dade (1866—1923), der wĂ€hrend des Weltkrieges als GeneralsekretĂ€r des deutschen Landwirtschaftsrates einer der fĂŒhrenden MĂ€nner der deutschen ErnĂ€hrungswirtschaft war, sind in diesen Jahren besonders noch zwei MĂ€nner zu nennen, die zu den FĂŒhrern der mecklenburgischen Landwirtschaft zĂ€hlten: Zum ersten der große SchafzĂŒchter und Theoretiker DomĂ€nenrat Ernst August Brödermann in Knegendorf und zum zweiten DomĂ€nenrat Karl Pae-tow in Laiendorf. Vor allem der letztere wurde um 1900 zum Vorbild eines neuen Typus des mecklenburgischen Landwirts. Unter reichlicher Verwendung von Maschinen und leider auch von fremden Wanderarbeitern bewirtschaftete er seinen Besitz fast wie ein industrieller Unternehmer und verstand es auf diese Weise trotz der schlechten Zeiten fĂŒr seine Erzeugnisse enorm hohe Absatzpreise zu erzielen.

Handelte es sich bei Karl Paetow noch um einen gebĂŒrtigen Mecklenburger aus alter Landfamilie, so verkörperte er doch schon gleichsam die nun aufkommende Generation der „Industrie-Gutsbesitzer“. Westdeutsche Industrielle wie die Thyssen und spĂ€ter der ölmagnat Sir Henry Deterding sowie die hamburgischen und bremischen Patrizierfamilien, die Sloman, Kulenkampff, Gildemeister begannen in den Jahrzehnten vor dem Weltkrieg in zunehmendem Maße mecklenburgischen GĂŒterbesitz zu erwerben und vielfach nach den neuesten und rationellsten Methoden zu bewirtschaften. Ein Mann wie Sloman-Bellin erwarb sich durch sein soziales VerantwortungsgefĂŒhl, das ihn als erstes den Bau gesunder menschenwĂŒrdiger Landarbeiterwohnungen betreiben ließ, einen bleibenden Platz in der Geschichte der mecklenburgischen Landwirtschaft. Und ein anderer dieser MĂ€nner, Gildemeister-Dummerstorf, ist aufs engste mit der Entwicklung der heimischen Tierzucht verknĂŒpft. Gemeinsam mit dem ersten mecklenburgischen Landestierzuchtinspektor, Dr. Friedrich Dettweiler, begann er planmĂ€ĂŸig deren Verbesserung in Angriff zu nehmen. Durch die Kreuzung sĂŒdamerikanischer Schafe, welche er von seinen brasilianischen Besitzungen einfĂŒhrte, mit heimischen SchlĂ€gen zĂŒchtete er in Dummerstorf ein wetterfestes Schaf von hervorragender QualitĂ€t. Auch die Schweinezucht erfuhr durch die Zucht des sogenannten „Lockenschweins“ einen grundlegenden Auftrieb. Und weiterhin wurde Dr. Dettweiler der Schöpfer des schwarzweißen mecklenburgischen Herdbuchviehes und somit der NeubegrĂŒnder der mecklenburgischen Rinderzucht, die bislang stets das Stiefkind der heimischen Landwirtschaft gewesen war. 1920 von Kommunisten als aufrechter und national denkender Mann furchtbar mißhandelt, verließ er Deutschland und ging anfangs nach Bulgarien, wo er das sogenannte Balkanrind zĂŒchtete und spĂ€ter nach Kleinasien, wo er zum Reformator der tĂŒrkischen Viehzucht wurde. Dank seinem Wirken aber wurde Dummerstorf zu einer der hervorragendsten HeimstĂ€tten der deutschen Tierzucht, so daß Mecklenburg nicht nur zwei der bekanntesten Saatgutwirtschaften birgt, sondern auch in Gestalt der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fĂŒr Tierzuchtforschung, der heutigen Besitzerin von Dummerstorf, die hervorragendste tierzĂŒchterische ForschungsstĂ€tte.

Diese Entwicklung leitet bereits hinĂŒber in die Jahre nach dem Weltkrieg, bis zur MachtĂŒbernahme im Jahre 1933 vielleicht die trĂŒbste und schwerste Zeit, welche die mecklenburgische Landwirtschaft jemals erlebt hat. Wohl wurde jetzt bereits die Korrektur des ungesunden Besitzstandes der Vergangenheit in Angriff genommen. 34 DomĂ€nen und 76 ritterschaftliche LandgĂŒter wurden bis 1932 auf geteilt, zumeist solche Betriebe, die der Schuldenlast der furchtbaren Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen waren. Aber die Siedler, die hier angesetzt wurden, waren vielfach schlecht gewĂ€hlt und untauglich, die Absatzkrise sowie die Reparationen verhinderten jeglichen Aufstieg und das Grundproblem der Landflucht, der Bau von Arbeiterwohnungen und die allgemeine kulturelle und soziale Förderung der landarbeitenden Schichten wurde ĂŒberhaupt nicht in Angriff genommen, da es den marxistischen Regierungsgewaltigen und Gewerkschaftsbonzen gar nicht darauf ankam, wirkliche Zufriedenheit und einen bestĂ€ndigen Arbeitsfrieden zu erzeugen, so daß die Lösung all dieser schwierigen Fragen dem Nationalsozialismus Vorbehalten blieb.

Mecklenburg – UniversitĂ€t und geistiges Leben

Dem soeben geschilderten wirtschaftlichen Wiederaufstieg wĂ€hrend des 19. Jahrhunderts parallel laufend entfaltete sich auch auf anderen Gebieten ein neues Leben, das sich vor allem in der NeublĂŒte der UniversitĂ€t spiegelte. Die Grundlage dafĂŒr bildete zunĂ€chst die Wiedervereinigung der BĂŒtzower mit der Rostocker Hochschule im Jahre 1789. Doch der eigentliche Aufschwung war das Verdienst eines einzelnen Mannes von seltener Bildung des Herzens wie des Geistes, des Vizekanzlers Karl Friedrich v. Both (1789—1875), eines der besten und hervorragendsten Vertreter des mecklenburgischen Adels ĂŒberhaupt. 1820 auf Grund der Karlsbader BeschlĂŒsse vom Großherzog zum RegierungsbevollmĂ€htigten der UniversitĂ€t ernannt, sollte seine Aufgabe darin bestehen, die freiheitlichen GelĂŒste innerhalb der studentischen Jugend auszurotten. Er selbst freilich sah seine Aufgabe weit weniger darin, den Polizeiherrn zu spielen als vielmehr der arg darniederliegenden Hochschule zu neuem Leben zu verhelfen und der studierenden Jugend ein vĂ€terlicher Freund und BeschĂŒtzer zu sein. Ohne Zweifel war es nur ihm zu verdanken, daß die UniversitĂ€t ĂŒberhaupt bestehen blieb, da er als einziger den PlĂ€nen des Schweriner Ministeriums, diese in eine landwirtschaftliche und polytechnische Fachschule umzuwandeln, wirksam entgegentrat. Unter seiner Aegide vollzog sich 1827 auch die Aufhebung der teilweise stĂ€dtischen UniversitĂ€t und die ÜberfĂŒhrung sĂ€mtlicher Professoren in den Staatsdienst. Dank ihm wurde ein regelrechter Etat aufgestellt und die UniversitĂ€tsstatuten in eine neue Fassung gebracht. Am deutlichsten kam nach außen der Aufschwung des Hochschullebens in der stĂ€ndig steigenden Studentenzahl zum Ausdruck. Nachdem das Jahr 1833 mit nur 70 Studenten einen Tiefstand gebracht hatte, der nur noch von den schlimmsten Zeiten der BĂŒtzower Spaltung ĂŒbertroffen wurde, zĂ€hlte man 1864 wieder 150 Studierende, 1900: 514, 1914: 1098 und 1919 nach dem Weltkrieg 2050.

Unter den Gelehrten finden sich jetzt wieder wie im 16. und 17. Jahrhundert eine FĂŒlle glĂ€nzender Erscheinungen des deutschen Geisteslebens. Schon am Beginn des Jahrhunderts zieren drei bedeutende Köpfe die UniversitĂ€t, der Botaniker Heinrich Friedrich Link (1767— 1851), der in Rostock eine Naturaliensammlung anlegte und eine Reihe von Grundlehren ĂŒber die Anatomie und Physiologie der Pflanzen auf stellte; der Philosoph Jakob Sigismund Beck (1761—1840), ein SchĂŒler Kants und der Jurist Rudolf v. Jhering (1818—1892), einer der einflußreichsten deutschen Juristen des 19. Jahrhunderts und einer der GrĂŒnder der jĂŒngeren Historischen Rechtsschule, die den praktischen Endzweck aller Rechtswissenschaft wieder betonte. Kurze Jahre lehrte in Rostock auch ein anderer höchst bedeutsamer und vielseitiger Mann, der Arzt, Philologe, Journalist, Reiseschriftsteller und Volkswirtschaftler Victor Aimee Huber (1800—1869), der als der Be-grĂŒnder der modernen Sozialreform anzusehen ist. Als einer der ersten erhob er in Deutschland seine Stimme gegen die unwĂŒrdige Lage der arbeitenden Schichten des Volkes und forderte den Bau gesunder Arbeiterwohnungen und die Schaffung von Arbeitersiedlungen. Weiter sei in diesem ZusammenhĂ€nge des Rechtshistorikers Hugo Böhlau (1833 —1887), des Germanisten und Romanisten Karl Bartsch (1832—1888), des Mathematikers Hermann Karsten (1809—1877), eines Enkels Lorenz Karstens, des Musikforschers Hermann Kretzschmar (1848—1924), der in Rostock das erste musikwissenschaftliche UniversitĂ€tsinstitut ins Leben rief, und des Geologen Eugen Geinitz (1854—1925) gedacht. Endlich noch zweier heute noch unter uns Weilenden, des bekannten Chemikers Paul Waiden (geh. 1863), des einstigen Direktors des Chemischen Laboratoriums der Kaiserlich Russischen Akademie der Wissenschaften in Petersburg, dessen Untersuchungen auf den Gebieten der Stereochemie, Elektrochemie und Entwicklungsgeschichte der Chemie ihm Weltruf verschafften und des berĂŒhmten Germanisten und Wagnerforschers Geheimrat Wolfgang Golther (geh. 1863).

Am grĂ¶ĂŸten aber ist die Zahl der bedeutenden Ärzte, der hohen Tradition der medizinischen FakultĂ€t entsprechend. Um 1800 besitzt Mecklenburg in Dr. Samuel Gottlieb Vogel (1750—1837) einen der bedeutendsten Kliniker der Zeit, einen zweiten Hufeland. Auf ihn geht die GrĂŒndung des Seebades Doberan—Heiligendamm im Jahre 1793 zurĂŒck, des ersten Seebades in Deutschland ĂŒberhaupt. FĂŒr Jahrzehnte ward es rasch zu einem der Treffpunkte der großen Welt ganz1 Europas, berĂŒhmt durch seine BĂ€der so gut wie seine Pferderennen, seine Spielbank und das vorzĂŒgliche Theater, an dem die ersten KĂŒnstler der Zeit auftraten, die SĂ€ngerin Madame Catalani, die TĂ€nzerin Maria Taglioni und der Schauspieler Ludwig Devrient.

Die Reihe der großen medizinischen Forscher eröffnet der Anatom und Chirurg Carl Friedrich Quittenbaum (1793—1852), der sich als ĂŒberaus kĂŒhner Operateur einen Namen machte und dem 1836 nach mĂŒhsamen Tierversuchen zum ersten Male die Entfernung der Milz beim Menschen gelang. Dank der UnterstĂŒtzung des Vizekanzlers v. Both wurde nunmehr die GrĂŒndung zahlreicher neuer UniversitĂ€tsinstitute möglich. Der Mecklenburger Johann Strempel (1800—1872) sorgte fĂŒr die EinfĂŒhrung regelrechten klinischen Unterrichts am Krankenbett. Der berĂŒhmte Physiologe Hermann Stannius (1808—1883), ein gebĂŒrtiger Hamburger, dessen Stannius’scher Versuch grundlegend fĂŒr unsere Kenntnis von der Funktion des Herzens geworden ist, begrĂŒndete in Rostock eines der ersten physiologischen Institute in Deutschland und das erste zootomisch-physiologische Institut, in dem Vivisektionen vorgenommen wurden, ĂŒberhaupt. Unstreitig gehört er zu den bedeutendsten MitbegrĂŒndern der neueren Medizin. Um so tragischer wirkt sein Lebensende, da er in geistige Umnachtung verfiel und die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens in einer Irrenanstalt verbrachte. Als Chirurg wurde Gustav Simon (1824—1876) fast noch berĂŒhmter als Quittenbaum. Als erster fĂŒhrte er eine große Zahl besonders schwieriger Operationen aus, nahm zum ersten Mal beim Menschen die Entfernung der Niere vor und wirkte ĂŒberhaupt bahnbrechend auf dem Gebiet der Nierenchirurgie.

Es folgen weiter die Anatomen Friedrich Merkel, Albert Thierfelder, Dietrich Barfurth und Gustav Schwalbe, bekannt als fĂŒhrender Anthropologe sowohl wie durch sein mannhaftes Sterben in Deutschlands dĂŒstersten Tagen. Ferner Chirurgen wie Trendelenburg und endlich die großen Kliniker, voran der Geheime Obermedizinalrat Professor Dr. Theodor Thierfelder (1824—1904)-, der Ă€ltere Bruder Albert Thierfelders, dessen Name der UniversitĂ€t neuen Glanz lieh, und sein Nachfolger Friedrich Martius (1850—1923), der als einer der ersten den maßgebenden Einfluß der Erblichkeit auf alles biologische Geschehen vertritt und ein Ă€rztlicher Denker großen Stiles wird. Im Institutswesen bleibt Rostock auch weiterhin fĂŒhrend. Otto Körner (1858—1935), dessen Untersuchungen ĂŒber den Einfluß von Erkrankungen der Gehörorgane auf das Gehirn Weltruf erlangen, richtet 1899 die erste neuzeitliche Klinik fĂŒr Ohren- und Kehlkopfkrank-heiten in Rostock ein, Johannes Reinmöller zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste Klinik fĂŒr Mund- und Zahnkrankheiten mit eigener Krankenstation in Deutschland. Und in diesem Zusammenhang sei auch noch einer anderen Großtat gedacht, der fĂŒr ganz Deutschland vorbildlichen Neuordnung des Taubstummenwesens durch Professor Lemcke.

Wie aus der FĂŒlle der Rostocker Gelehrten nur die bedeutendsten Namen genannt werden konnten, so gilt das noch mehr fĂŒr jene MĂ€nner, die sich als Forscher in der Fremde Ruhm erwarben. Als erste gehören in diese Reihe zwei Mitglieder der Gelehrtenfamilie Karsten: Karl Karsten (1782—1853), ein Sohn Lorenz Karstens, der als Oberbergrat in preußischen Diensten der RegrĂŒnder der schlesischen Zinldndustrie wie der wissenschaftlichen Metallurgie ĂŒberhaupt wird, und Dietrich Karsten (1768 —1810), ein Neffe Lorenz Karstens, welcher als Mineraloge die Grundlagen fĂŒr die allgemeine und vergleichende Geognosie lieferte. Nach Ubersee, und zwar nach dem fernen Australien verschlug das Schicksal einen anderen berĂŒhmten Rostocker, Sir Ferdinand von Mueller (1825—1896), den Sohn eines armen Strandvogtes vom Mönchentor. In Kiel zum Botaniker ausgebildet, erwarb er sich als Erforscher der australischen Pflanzenwelt Weltruhm. Der König von WĂŒrttemberg erhob ihn zum Baron, die Königin Viktoria von England zum Knight (Ritter). Ein Fluß in Queensland, eine Bergkette in Neu-Guinea und ein Gletscher in Neuseeland tragen noch heute seinen Namen. Rostocker- Kind, der Sohn eines Rechtsanwaltes, war auch der bedeutende Kirchenrechtslehrer Rudolf Sohm (1841 —1917), ferner der große Physiologe Albrecht Kos-sel (1853—1927), der 1910 fĂŒr seine Eiweißforschungen den Nobelpreis fĂŒr Medizin erhielt. Sein Vater Konsul Albrecht Kossel rechnete als Schiffsreeder und spĂ€ter als Direktor der Rostocker Bank unter die FĂŒhrer des mecklenburgischen wirtschaftlichen Lebens. Aus LĂŒbtheen, wo er als Sohn armer MĂŒllersleute das Licht der Welt erblickt hatte, stammte der weltberĂŒhmte HĂ€ndelforscher Friedrich Chrysander (1826—1901), der Pionier aller modernen Musikwissenschaft. Aus Wismar kommt Friedrich Christian Dahlmann (1785—1860), der berĂŒhmte Göttinger Historiker und liberale Politiker der Revolution von 1848. Endlich gehört hierher der bekannteste und unvergeßlichste von allen, Heinrich Schliemann (1822 —1890), der Erforscher der StĂ€tten der Ilias und einer der grĂ¶ĂŸten deutschen ArchĂ€ologen aller Zeiten, dessen Lebenswerk, von Emil Ludwig (Cohn) verzerrt und mißdeutet, erst heute dank nationalsozialistischer Forschungsarbeit die ihm gebĂŒhrende WĂŒrdigung erfĂ€hrt.

Diesem Reichtum entsprach auch das sich reich entfaltende literarische Leben der Zeit. In Fritz Reuter (1810—1874) schenkte Mecklenburg dem deutschen Volke seinen grĂ¶ĂŸten Humoristen. Er schilderte in seinen Werken das Wertvollste, was das Land besaß, sein niederdeutsches Menschentum mit seiner still verhaltenen Art und prĂ€gte fĂŒr das Reich die Vorstellung vom Mecklenburger. Neben Reuter war der Rostocker KapitĂ€nssohn John Brinclern an (1814—1870) der hervorragendste Vertreter der niederdeutschen Bewegung. 1855 erschien sein misterblich gewordener „Kasper Ohm un ick“, der beste plattdeutsche Roman. In „Vagei Grip“, seinem reifsten Werk, lieh er dem Sinnen und Trachten des mecklenburgischen Landvolkes Ausdruck und verkĂŒndete von neuem Mecklenburgs Sendung als altes deutsches Bauernland.

Lag der Schwerpunkt des literarischen Schaffens, das außer Reuter und Brinckman vor allem durch die Namen des plattdeutschen Dramatikers Fritz Stavenhagen (1876—1906) und des Rostocker Dichters Felix Stillfried (d. i. Adolf Brandt, 1851—1910) gekennzeichnet wurde, der Eigenart des mecklenburgischen Menschen entsprechend somit auf niederdeutschem Gebiet, so fehlte es doch auch der hochdeutschen Sprache nicht an bedeutsamen Vertretern. Ida GrĂ€fin Hahn-Hahn (1805—1880),eine Tochter des durch seine Theaterleidenschaft bekannten Grafen Karl Hahn-Neuhaus, erwarb sich mit ihren Romanen als Schilderin des aristokratischen Lebens einen heute freilich verblichenen Ruhm. Ein Aristokrat im besten Sinne des Wortes war der mecklenburgische DiplomatAdolfFried-rich Graf Schack (1815—1894), bekannt durch seine Übersetzung des persischen Dichters Firdusi wie durch seine Arbeiten ĂŒber die Geschichte der Araber in Spanien und seine Übertragungen aus den SchĂ€tzen der altindischen Literatur. MĂŒnchen verdankt ihm zudem eine große GemĂ€ldegalerie, und als MĂ€zen bekannter Maler wie Spitzweg, Böcklin, Lenbach, Schwind, Marees und Feuerbach rechnet er zu den bedeutendsten Förderern des deutschen Kunstlebens. Deutschen Ruf als feinsinniger Schilderer mecklenburgischer Landschaft und Menschen erwarb sich auch Heinrich Seidel (1842—1906). Johannes Gillhoff (1861—1930), spĂ€ter der erste Herausgeber der nach dem Weltkrieg begrĂŒndeten „Mecklenburgischen Monatshefte“, gestaltete mit meisterhafter Hand in seinem „JĂŒrn-jacob Swehn, der Amerikafahrer“ das alte Problem der mecklenburgischen Auswanderer. Den grĂ¶ĂŸten Ruhm aber errang der Rostocker Adolf Wilbrandt (1837—1911) als Leiter des Wiener Burgtheaters. Geboren als Sohn des Professors fĂŒr neuere Literatur Christian Wilbrandt, eines der FĂŒhrer der mecklenburgischen Liberalen im Revolutionsjahr von 1848, begann er als Biograph Heinrich v. Kleists und schrieb spĂ€ter zahlreiche Dramen, Romane und Novellen von außerordentlich starker Wirkung. Endlich muß an dieser Stelle noch Richard Wossidlos (1859—1939) gedacht werden, des bekannten Volkstumsforschers, der fĂŒr Mecklenburg und darĂŒber hinaus auch fĂŒr andere LĂ€nder bahnbrechend auf diesem Gebiet gewirkt hat.

Auch die mecklenburgische Malerei erhielt im 19. Jahrhundert durch KĂŒnstler wie den GĂŒstrower Georg Friedrich Kersting (1785—1847), einen SchĂŒler Caspar David Friedrichs, Karl Rettich (1841—1904) und KarlMal-chin (1838—1923) ihr eigenes Gesicht. Vor allem Rettich und Malchin liehen dem Erlebnis der mecklenburgischen Landschaft mit ihrer herben Schönheit und verhaltenen Schwermut in ihren Schöpfungen wundervollen Ausdruck. FĂŒr die Schauspielkunst blieb das Schweriner Hoftheater, das vor allem durch den Großherzog Paul Friedrich (1837 —1842), den Urenkel Katharina d. Gr., eine großzĂŒgige Förderung erfuhr, wie im 18. Jahrhundert der Mittelpunkt. Unter Intendanten wie dem Komponisten Friedrich v. Flotow (1812—1883), dessen Opern „Martha“ und „Alessandro Stradella“ Weltruf erlangten, wurde es gewissermaßen zu einer nationalen Theaterakademie, zur Pflanzschule erstklassiger schauspielerischer KrĂ€fte. Als eine der ersten deutschen RĂŒhnen begann man hier schon frĂŒh sich fĂŒr das Schaffen eines Richard Wagner einzusetzen. Opern wie „TannhĂ€user“ erlebten liier in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre ersten bahnbrechenden Erfolge, und der Intendant Baron Alfred v. Wolzogen gestaltete die WagnerauffĂŒhrungen schließlich zu Festtagen aus, zu denen SonderzĂŒge aus Hamburg und Berlin Tausende von Wagnerverehrern nach Schwerin brachten. Des Meisters Wort, daß in Deutschland wahrhaftig produktiv nur der Winkel, nicht aber die Großstadt sei, gewann so seine schönste BestĂ€tigung.

Mecklenburg – Schiffahrt und Industrie

Eng verknĂŒpft mit der Landwirtschaft als dem Grundstock des mecklenburgischen Wirtschaftslebens sind Entwicklung, BlĂŒte und RĂŒckgang eines anderen Wirtschaftszweiges, der im 19. Jahrhundert zu den Glanzpunkten der heimischen Wirtschaft gehörte, der Segelschiffahrt. Mit dem Niedergang der Hanse, dem Schwedenzoll wĂ€hrend des 30jĂ€hrigen Krieges und dem Übergang der Seestadt Wismar in schwedischen Besitz hatte die mecklenburgische Schiffahrt eine fast hundert Jahre wĂ€hrende schwere Krise durchgemacht, die sie fast dem Erlöschen nahegebracht hatte. Allein die Lage der mecklenburgischen SeestĂ€dte im wirtschaftlichen Raum war so natĂŒrlich, daß selbst die schwierigsten VerhĂ€ltnisse die von der Natur vorgezeichneten Entwicklungsrichtungen ihres Wirtschaftslebens nicht umzustoßen vermochten. Wismar freilich blieb infolge seiner Zugehörigkeit zu Schweden von dieser Entwicklung ausgeschlossen, um so stĂ€rker aber zeigte sich am Beispiel Rostocks und des benachbarten Fischlandes, wie der mecklenburgische Raum seine eigenen unabĂ€nderlichen wirtschaftlichen Gesetze besaß, zumal sich die Seestadt Rostock auch innerpolitisch eine gewisse UnabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber dem Junkerregiment mit seinen törichten gewerblichen BeschrĂ€nkungen zu wahren wußte.

Der neuerliche Aufschwung der Segelschiffahrt setzte ein, als infolge der EinfĂŒhrung der holsteinischen Koppelwirtschaft sich die ErtrĂ€ge der Landwirtschaft bestĂ€ndig steigerten, so daß sich ein regelmĂ€ĂŸiger jĂ€hrlicher Überschuß ergab, da das Wachstum der Bevölkerung als des natĂŒrlichen Verbrauchers keineswegs prozentual mit der Getreideerzeugung Schritt hielt. Die ersten, welche seit 1760 darangingen, aus dem notwendig werdenden Getreideexport ihren Nutzen zu ziehen, waren die FischlĂ€nder Schiffer, die alsbald den Getreidehandel mit Preußen, Holland, den skandinavischen LĂ€ndern und Rußland im Großen betrieben. Auch die ÜberschĂŒsse der heimischen Obsternte vor allem an Äpfeln wurden jetzt regelmĂ€ĂŸig nach Rußland exportiert, so daß beispielsweise eine Stadt wie Petersburg jahrzehntelang ihren Bedarf an Äpfeln aus Mecklenburg bezog. 1832 zĂ€hlte die FischlĂ€nder Flotte 96 Schiffe, 1857 erreichte sie ihren Höchststand mit 220 Schiffen.

Die Form der Reederei war dabei wie auch in Rostock infolge der herkömmlichen Kapitalarmut des Landes die Partenreederei, d. h. die genossenschaftliche Vereinigung mehrerer Personen zum Bau und zur Infahrtsetzung eines Handelsschiffes. NĂ€chst dem KapitĂ€n war die wichtigste Person dabei der sogenannte Korrespondentreeder, zumeist ein GetreidegroßhĂ€ndler, dem die geschĂ€ftliche Leitung des Unternehmens oblag. Rostock erlebte wĂ€hrend der landwirtschaftlichen Hochkonjunktur am Ausgange des 18. Jahrhunderts den ersten Wiederaufstieg seiner Schiffahrt. Deren eigentliche BlĂŒtezeit aber begann erst nach den napoleoni-schen Kriegen und der Agrarkrise der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts, und zwar merkwĂŒrdigerweise zĂŒ einem Zeitpunkt, als sich infolge des Aufkommens der Eisenbahnen die Absatzwege fĂŒr den Getreideexport bereits zu verlagern begannen und das heimische ExportgeschĂ€ft zurĂŒckging. Die Folge war nicht etwa eine Verminderung der Schiffszahl, sondern die Loslösung der Schiffahrt vom Rostocker Hafen mit seiner letzten Endes doch stets engen Begrenzung. Es war, wie wenn ein lĂ€stiger Damm plötzlich gebrochen war. Das Weltmeer wurde jetzt fĂŒr Jahrzehnte zum Tummelplatz der Schiffe mit der Greifenflagge, das Mittelmeer so gut wie die GewĂ€sser SĂŒdamerikas, Chinas und Ostsibiriens. Es kam vor,, daß Rostocker Schiffe jahrelang nicht in ihren Heimathafen zurĂŒckkehrten. Die Hochzeit der Rostocker Segelschiffahrt begann.

Hatte die Rostocker Flotte als stĂ€rkste Ostseeflotte bereits im Jahre 1849 275 Schiffe gezĂ€hlt, meist Briggs, Schoner und Barken mit einer DurchschnittsgrĂ¶ĂŸe von 250 tons, so stieg ihre Schiffszahl bis zum Jahre 1867 auf 394 Schiffe. Damit wurde sie die zweitstĂ€rkste Flotte Deutschlands ĂŒberhaupt. In diesen Jahren erleben die großen Rostocker Segelschiffsreedereien, Firmen wie Ernst Brockelmann, Johann Neuendorff und Wilhelm Maack mit oft mehr als 30 Schiffen ihre schönste Entfaltung. Ihre schönen reichen PatrizierhĂ€user in der Koßfelder- und Mönchenstraße werden Axisdruck eines Zeitalters bĂŒrgerlicher Macht und TĂŒchtigkeit. Auch das Werftwesen nimmt einen gewaltigen Aufschwung. Zwischen 1849 und 1853 entstanden allein 9 neue Werften in Rostock. Rostocker Briggs und Barken galten lange Zeit bei den Seeleuten der ganzen Welt fĂŒr vorbildlich. Der Krimkrieg, bei dem Rostocker Schiffe unbekĂŒmmert fĂŒr beide kriegfĂŒhrenden Parteien fuhren, erbrachte hohe Gewinne, noch höhere ErtrĂ€ge erzielte die chinesische KĂŒstenschiffahrt.

Freilich trug diese Entwicklung lĂ€ngst ihren Todeskeim in sich, da das Segelschiff keineswegs den technischen Fortschritten der Zeit entsprach und gegenĂŒber dem aufkommenden Dampfschiff auf die Dauer nicht konkurrenzfĂ€hig bleiben konnte. Gewiß fehlte es nicht an Versuchen, sich dem Fortschritt anzupassen. Ein Rostocker Unter nehmen, die ehemals Tischbein’sche und heutige Neptunwerft, erbaute 1851 den ersten Schraubendampfer in Deutschland, und die Jahre zwischen 1847 und 1874 sahen mannigfache AnsĂ€tze zur GrĂŒndung von Dampfschiffahrtsgesellschaften. Doch nun erwies sich wieder die Armut des heimischen Kapitalmarktes als das stĂ€rkste Hindernis. Ein Dampfschiff hĂ€tte ein Kapital von 10 und mehr Segelschiffen erfordert, und zur Aufbringung derartiger Summen waren die einzelnen Partenreedereien nicht leistungsfĂ€llig genug, zumal auch die beschrĂ€nkten Rostocker HafenverhĂ€ltnisse die Indienststellung großer Dampfer als höchst gewagt erscheinen ließen. Und der Versuch zur Zusammenfassung aller großen Segelschiffsreedereien zur gemeinsamen GrĂŒndung einer Dampfschiffahrtsgesellschaft erfolgte zu spĂ€t in einem Augenblick, in dem die meisten Reeder praktisch bereits bankrott waren und sich daher scheuten, ihre traurige und verzweifelte Lage offen darzulegen.

So erfolgte in den Jahren nach 1880 ein furchtbarer Zusammenbruch. Bereits Ende der 70er Jahre war die Reederei und Getreidegroßhandlung N. H. Witte mit 22 Schiffen zusammengebrochen. In den Jahren 1883 und 1884 verschwanden 14 kleinere Reedereien, bis 1888 kamen 9 weitere mit 52 Schiffen unter den Hammer. 1895 zĂ€hlte die Rostocker Flotte noch 141 Schiffe, 1900 nur mehr noch 54! Die Folge war eine ungeheure Arbeitslosigkeit, so daß man seitens der Stadt VolkskĂŒchen zur Speisung der Erwerbslosen einrichten mußte. Erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich langsam der Wiederaufbau der Flotte nach modernen GrundsĂ€tzen. Die Reedereien F. W. Fischer, die 1900 bereits ĂŒber 6 Schraubendampfer verfĂŒgt, August Cords und Otto Zelck werden die Schöpfer der neuen Rostocker Dampfer flotte. Bei Ausbruch des Weltkrieges fahren fĂŒr Konsul Fischer wieder 22 Dampfer, fĂŒr Konsul Zelck 15 Dampfer. Insgesamt zĂ€hlte die Rostocker Flotte damals wieder 71 Dampfer, ein Zeichen fĂŒr die zĂ€he BodenstĂ€ndigkeit dieses Wirtschaftszweiges. Der Weltkrieg und das Versailler Diktat schlugen ihr freilich neue schwere Wunden. 17 Dampfer fielen in Feindeshand, 3 wurden versenkt und 28 bei Kriegsende ausgeliefert oder verkauft. 1921 besaß Rostock noch 18 Schiffe. Doch die Pioniere der Rostocker Dampfschiffahrt, August Cords und Konsul Zelck gingen auch jetzt unverdrossen wieder an den Neuaufbau der Flotte. 1927 zĂ€hlte diese wieder 46 Schiffe. Infolge der schweren Wirtschaftskrise, der auch eine Reederei wie die Zelck’sche zum Opfer fiel, erfolgte ein abermaliges Absinken auf 40 Schiffe, von denen viele auflagen, aber der Stern der ruhmreichen jahrhundertealten Rostocker Schifffahrt erlosch doch auch in diesen trĂŒben Zeiten nicht vollstĂ€ndig, sondern bewahrte sich seine Lebenskraft fĂŒr die nahe bessere Zukunft.

Hatte die Schiffahrt bei ihrer Entwicklung stets mit der Kapitalarmut des damals noch rein agrarischen Wirtschaftsraumes zu kĂ€mpfen gehabt, so galt dies in noch weit stĂ€rkerem Maße fĂŒr die mecklenburgische Industrie. Bis ĂŒber die Mitte des 19. Jahrhunderts hhiaus fehlten in Mecklenburg fĂŒr einen regen gewerblichen Aufschwung selbst die elementarsten Vorbedingungen. Das Verkehrswesen, Chausseen sowohl wie Eisenbahnen, stak dank dem Eigensinn der Ritterschaft, die das Land absichtlich in einem Dornröschenschlaf erhalten wollte und dem Anschluß des heimischen Verkehrsnetzes an die großen hamburgischen und preußischen Linien bewußt ablehnend gegenĂŒberstand, noch in den Kinderschuhen. Zoll- wie SteuerverhĂ€ltnisse waren völlig veraltet. Bis zum Beitritt Mecklenburg zum Zollverein im Jahre 1867 bestand das System der Binnenzölle noch fort, und das unvernĂŒnftige Verbot der GewerbeausĂŒbung auf dem platten Lande stand jeglichem regem wirtschaftlichem Lehen hemmend im Wege. Auch das Kreditwesen war kaum entwickelt. Erst 1850 erfolgte auf Betreiben der Rostocker Kaufmannskompanie die GrĂŒndung der Rostocker Bank als erster regelrechter Notenbank, an die sich dann 1852, 1868 und 1871 Bankinstitute in Schwerin und Wismar anschlossen.

Um so mehr ist es zu bewundern, daß auf der EigenstĂ€ndigkeit dieses Wirtschaftsraumes fußend, das gewerbliche Leben auch in den trĂŒbsten und dunkelsten Jahrhunderten mecklenburgischer Geschichte niemals völlig verkĂŒmmerte. Im Mittelalter hatten die auch heute noch blĂŒhende Ziegelindustrie, die Gerbereien, die aus dem Waldreichtum erwachsenden Glasbrennereien und PapiermĂŒhlen, die auf der Getreideerzeugung ruhende Brauindustrie, die berĂŒhmte, heute völlig verschwundene Rostocker Seilerindu-strie, sowie die auf den Wollreichtum der heimischen Schafherden sich grĂŒndende Tuchindustrie vorwiegend das gewerbliche Leben des Landes bestimmt. Das Kniesenacker Bier aus GĂŒstrow erwarb sich in ganz Norddeutschland BerĂŒhmtheit, und Wismar, das im 15. Jahrhundert mein BrauhĂ€user als LĂŒbeck zĂ€hlte, fĂŒhrte sein Bier schließlich bis nach Frankreich, Holland, England und Ostindien aus.

Im Zeitalter des Feudalismus freilich verringerte sich, die gewerbliche Unternehmungslust betrĂ€chtlich. Was sich erhielt, war nur die Industrie, die unmittelbar mit der Landwirtschaft verknĂŒpft war, und auf dieser Grundlage vollzog sich auch zunĂ€chst das Wiederaufleben gewerblicher Regsamkeit im Laufe des 19. Jahrhunderts. In diesen Bereich gehören vor allem die Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen und Feldbahnen, Zucker-, StĂ€rke-, Kartoffelflockenfabriken, Dampfmolkereien, Kornhrennereien, Flachsund Leinrösten. Besondere Bedeutung erhielt die seit 1890 in Waren emporblĂŒhende Dauermilchindustrie, deren Grundlage das gesunde, selten tuberkulöse mecklenburgische Rind bildete und deren Erzeugnisse bis nach Afrika, Ostasien und Indien gingen. Einen fĂŒr ein Agrarland besonders wichtigen Gewerbezweig stellte auch die Wagenfett- und Maschinenölindustrie dar, welche der Rostocker Kommerzienrat Scheel in Mecklenburg einfĂŒhrte, sowie die Herstellung von Dachpappe, mit der sich seit 1842 die Riedel’sche Dachpappenfabrik in Rostock befaßte, das Ă€lteste Unternehmen dieser Art in Mecklenburg. Eine andere Industrie, die Parchimer Cichorienfabrik, verdankte der Kontinentalsperre ihre Entstehung.

Daneben entwickelten sich allmĂ€hlich allen Hindernissen zum Trotz auf Grund der natĂŒrlichen Lage dieses Wirtschaftsraumes auch wieder selbstĂ€ndige Gewerbezweige. Schwerin wurde in den Jahren zwischen 1870 und 1914 bekannt fĂŒr seine Korken- und Klavierfabrikation mit teilweise weltweitem Export bis nach Australien. Malchow erwarb sich durch seine Tuchindustrie den Ruf eines „mecklenburgischen Manchester“. Dömitz wurde fĂŒr seine Plattenfabriken bekannt. In Rostock blĂŒhte nicht nur dem hohen Stand der Schiffahrt gemĂ€ĂŸ die Werftindustrie, sondern siedelte sich auch in der 1856 begrĂŒndeten Firma Friedrich Witte eine bedeutende chemische und pharmazeutische Industrie an, gewissermaßen auf gewerblichem Gebiet die TrĂ€gerin der hohen naturwissenschaftlichen Tradition der alten Rostocker medizinischen FakultĂ€t. Infolge der Tatsache, daß der große Bakteriologe Robert Koch das von der Firma hergestellte Witte-Pepton bei seinen Forschungen als Grundlage fĂŒr die Schaffung von NĂ€hrböden fĂŒr Bakterienkulturen benutzte, erlangten die Erzeugnisse des Unternehmens alsbald Weltruf.

Bedeutsamer noch aber wurde ein anderer Industriezweig, dem es zunĂ€chst fĂŒr sein AufblĂŒhen an allen naturgegebenen Bedingungen zu fehlen schien, da er hinsichtlich der zur Verarbeitung gelangenden Rohstoffe auf weit entlegene Gebiete des Reiches angewiesen war: die Eisen- und Stahlgießerei, deren Ursprung in Mecklenburg in dem BedĂŒrfnis nach landwirtschaftlichen Maschinen zu suchen war. Ihr BegrĂŒnder ist in Mecklenburg der Neubrandenburger Pastorensohn Dr. Ernst Alban (1791—1856), von Haus anfangs Theologe, dann Privatdozent fĂŒr Augenheilkunde an der UniversitĂ€t Rostock, unstreitig der grĂ¶ĂŸte Pionier der mecklenburgischen Industrie ĂŒberhaupt. 1830 legt er in Kl. Wehnendorf die erste Maschinenfabrik in Mecklenburg an, nachdem er vergeblich sich bemĂŒht hatte, seine Erfindung einer Hochdruckdampfmaschine in England durchzusetzen. Vorwiegend befaßte er sich zunĂ€chst mit der Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen, wobei er die Breit-sĂ€emaschine erfand. SpĂ€ter verlegte er den Sitz seines Werkes nach Plau, wo ihn von neuem der Bau von Dampfmaschinen, die EinfĂŒhrung einer direkt wirkenden Dampfpumpe und die Konstruktion von Wasserrohrkesseln mit Wasserkammern und Dampfsammlern beschĂ€ftigten, die das Vorbild vieler neuzeitlicher Röhrenkessel wurden. Eine von ihm fĂŒr die Plauer stĂ€dtische Tuchfabrik gelieferte 30pfer-dige Dampfmaschine galt fĂŒr eine der leistungsfĂ€lligsten Maschinen der Zeit und hat heute im Deutschen Museum in MĂŒnchen Aufstellung gefunden. Sein Werk ĂŒber die Hochdruckdampfmaschine erregte selbst in Amerika Aufsehen, seine landwirtschaftlichen Maschinen fanden vor allem in Rußland so großen Absatz, daß sich schließlich Zar Nikolaus I. bemĂŒhte, ihn zur Übersiedlung nach Petersburg zu veranlassen.

Auf seinen Leistungen ruht im Grunde das Wirken aller anderen VorkĂ€mpfer der jungen mecklenburgischen Stahlindustrie. Mit Alban zusammen arbeitete zeitweilig der Rostocker Bildhauer Anderssen, der 1836 in GĂŒstrow eine Eisengießerei grĂŒndete, die Keimzelle der heutigen GĂŒst-rower Stahlwerke. Und auf der Pionierarbeit eines Alban fußt in ĂŒbertragenem Sinne schließlich auch die 1850 in Wismar von Schulze und Kalderack begrĂŒndete Eisengießerei, welche 1879 in den Besitz des Kommerzienrates Heinrich Podeus ĂŒberging, nĂ€chst Alban imzweifelhaft der bedeutendste mecklenburgische IndustriefĂŒhrer des 19. Jahrhunderts. Die Podeus’schen Unternehmungen, zu denen sich neben einer Holzbearbeitungsfabrik bald eine Reederei gesellte, welche als erste mittels großer Dampfer die Kohleneinfuhr aus England im großen Stile betrieb und seit 1894 ferner eine Waggonfabrik, die zeitweilig den Großteil des Waggonbedarfs der dĂ€nischen Staatseisenbahnen deckte, bezeichneten eine erste BlĂŒteperiode des heimischen Großgewerbes. Kommerzienrat Podeus’ Söhne, die Vizekonsuln Heinrich und Paul Podeus, bauten die vĂ€terlichen Unternehmungen noch weiter aus. 1907 gliederten sie ihnen eine Automobilfabrik an, welche die ersten Raupenschlepper fĂŒr landwirtschaftliche Zwecke in Deutschland und die ersten MotorpflĂŒge anstelle der bisherigen DampfpflĂŒge baute und wĂ€hrend des Weltkrieges unter die wichtigsten ErzeugungsstĂ€tten der deutschen Kraftfahrzeugindustrie rechnete. Auch in sozialer Hinsicht suchten die BrĂŒder Podeus vorbildlich zu wirken, indem sie es bereits unternahmen, den ThĂŒnen’schen Gedanken der Gewinnbeteiligung in die Tat umzusetzen — ein Experiment, das freilich in krassem Widerspruch zu dem liberalistischen Wirtschaftsdenken der Zeit stand und deshalb schließlich im Verein mit der Inflation zum Zusammenbruch der gesamten Unternehmungen fĂŒhrte. Einzig die Waggonfabrik ĂŒberdauerte unter anderer Firmenbezeichnung die Katastrophe und an ihrer Stelle siedelte sich spĂ€ter die Luftfahrtindustrie Wismars an.

ZĂ€her als Podeus noch erwies sich trotz all der zahlreichen FehlschlĂ€ge ihrer mehr als hundertjĂ€hrigen Geschichte die GĂŒstrower Stahlindustrie. Ausgangs des 19. Jahrhunderts richteten belgische Ingenieure hier nach dem neuen französischen Bessemerverfahren die erste Bessemerstahlgießerei auf deutschem Boden ein. Eigentlichen Aufschwung aber nahm das Unternehmen erst, als 1910 Richard van Tongel die Firma ĂŒbernahm, der er 1918 auch die ehemals KĂ€hler’sche Maschinenfabrik angliederte. Dieser Aufstieg ist um so mehr zu bewundern, als man vor dem Weltkrieg auf amtlicher Seite durchaus einer Industrialisierung GĂŒstrows ablehnend gegenĂŒberstand und in satter böotischer Selbstzufriedenheit dem alten van Tongel erklĂ€rte, man sĂ€he es lieber, wenn an Stelle eines Industriellen von Unternehmungsgeist und neuen PlĂ€nen ein Rentier mit großem Vermögen sich in GĂŒstrow niederlassen wĂŒrde.

Wenn sich die van Tongelschen Stahlwerke trotzdem in schwieriger Zeit zu behaupten verstanden, so hatten sie das einmal ihren qualitativ hochstehenden Erzeugnissen zu verdanken, deren Absatzgebiet bis nach Nordamerika und Ostasien reichte, und zum anderen der Tatsache, daß der Weltkrieg endlich auch in Mecklenburg die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer nach neuzeitlichen Methoden arbeitenden Industrie weckte. Nach dem Weltkriege baute die Firma eine Zeitlang den Tongel-Rohölmotor, der Absatz in Deutschland, den BalkanlĂ€ndern und der TĂŒrkei fand, bis er gegenĂŒber dem Dieselmotor zurĂŒcktrat. SpĂ€ter stellte sie sich auf Hohlguß um, und fĂŒr das Jahr 1941 ist die Aufstellung einer Hochfrequenz-Ofenanlage geplant, die es ermöglichen soll, in noch grĂ¶ĂŸerem Maßstabe als bisher hochwertigen Guß fĂŒr Sonderaufgaben zu liefern, vor allem fĂŒr den Flugzeug- und Schiffbau, so daß sich auf diesem Gebiet die Ă€lteste und die jĂŒngste Industrie Mecklenburgs vortrefflich ergĂ€nzen.

Dieser Ausblick leitet ĂŒber zu Mecklenburgs jĂŒngster und bedeutsamster Industrie: dem Flugzeugbau. Auch hier reichen die Wurzeln weiter zurĂŒck, als die meisten Menschen in unserer schnellebigen Zeit sich noch bewußt sind. Das Jahr 1913 ist nicht nur das GrĂŒndungsjahr der ersten mecklenburgischen Luftfahrtvereinigung, des Rostocker Aeroklubs, sondern in diesem Jahre begrĂŒndete auch bereits der in NiederlĂ€ndiseh-Indien geborene, damals dreiundzwanzig-jĂ€hrige Flugzeugkonstrukteur Antoni H. G. Fokker die erste Flugzeugfabrik auf mecklenburgischem Boden in Schwerin. Der Weltkrieg brachte fĂŒr das Werk einen enormen Aufschwung, Schwerin wurde eine der PflanzstĂ€tten der deutschen Luftfahrtindustrie, die besten Flieger Deutschlands, Boelcke und Immelmann, flogen Fokker-Jagd- und Kampfeinsitzer; der berĂŒhmte, durch glĂ€nzende Steigleistungen sich auszeichnende Fokker D VII konnte fĂŒr einen der besten Apparate der damaligen deutschen Luftwaffe gelten. Gleichzeitig wurde noch wĂ€hrend des Weltkrieges im Jahre 1916 in WarnemĂŒnde der Grund zu einer weiteren Flugzeugfabrik, den heutigen Aradowerken, gelegt, die damals von der Dornier-Flugbootwerft in Friedrichshafen als Montagewerk fĂŒr Flugzeuge eingerichtet wurden, da sich in WarnemĂŒnde der Sitz des Seeflugzeug-Versuchskommandos befand. Der Zusammenbruch des Jahres 1918 unterbrach zunĂ€chst die Entwicklung. Fokker flĂŒchtete unter abenteuerlichen UmstĂ€nden aus Schwerin und siedelte nach Amsterdam ĂŒber; aus dem Montagewerk der Domierwerft entstand eine Fabrik fĂŒr Fischkutter und Motorboote, und nur die kleine Flugzeuggesellschaft Sa-blatnig und die fĂŒr den Luftverkehr nach Skandinavien tĂ€tige Lloyd-Luftreederei fĂŒhrten in WarnemĂŒnde kĂŒmmerlich die Überlieferung fort. Diese VerhĂ€ltnisse Ă€nderten sich erst, als der schon aus dem Weltkrieg rĂŒhmlich bekannte Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel 1922 die beiden letzteren Betriebe ĂŒbernahm und zu einer neuen Flugzeugfabrik ausbaute. Schon vier Jahre spĂ€ter, 1926, stellte seine He 5 als erstes deutsches Flugzeug nach dem Weltkrieg wieder Weltrekorde auf. Mit der Konstruktion der He 70 im Jahre 1932, dem ersten europĂ€ischen Verkehrsflugzeug, das die 300-Kilometer-Grenze ĂŒberschritt, ĂŒbernahmen die Heinkel-Werke die FĂŒhrung in der Entwicklung des Schnellflugzeugbaues in Europa. Abnehmer der neuen Heinkel-maschinen war zunĂ€chst vorwiegend das Ausland, bis mit dem Jahre 1933 der Wiederaufstieg Deutschlands die Schaffung einer eigenen machtvollen Luftwaffe nach sich zog und damit die Basis fĂŒr das AufblĂŒhen der Heinkel-werke wie der mecklenburgischen Luftfahrtindustrie in Wismar und Ribnitz lieferte, so daß Mecklenburg neben seiner Bedeutung fĂŒr die deutsche ErnĂ€hrungswirtschaft nun auch eine zunehmende Bedeutung fĂŒr die Erringung der deutschen Wirtschafts- und Wehrfreiheit erlangte.

Damit stehen wir an der Schwelle des großen Geschehens der Gegenwart, das dank der nationalsozialistischen Erhebung nach der furchtbaren Krise der Jahre bis 1932, in denen dank dem Unverstand der damaligen Machthaber die mecklenburgische Wirtschaft, vor allem die Landwirtschaft als RĂŒckgrat des Landes, am Rande ihrer KrĂ€fte angelangt war, auch fĂŒr Mecklenburg neues Leben auf allen Gebieten entstehen ließ. Jene Probleme, die aus der geschichtlichen Entwicklung des Landes sich ergeben hatten, wurden jetzt endlich entschlossen angepackt, wenn auch der uns von England aufgezwungene Krieg ihre endgĂŒltige Lösung teilweise noch hinausgeschoben hat. Die Grundfrage blieb die Korrektur des ungesunden landwirtschaftlichen BesitzverhĂ€ltnisses der Vergangenheit, das durch das schrankenlose Übergewicht einer bevorrechteten Schicht entstanden war. In engem Zusammenhang damit stehen zwei andere Fragen, die BekĂ€mpfung der Landflucht, fĂŒr die das enorme Anwachsen gerade des heimischen Großgewerbes nach der MachtĂŒbernahme zunĂ€chst eine neue Verlockung bildete sowie der Bau gesunder Arbeiterwohnungen sowohl fĂŒr die land- wie fĂŒr die stadtarbeitende Bevölkerung, d. h. also die Auswertung aller materiellen wie kulturellen Errungenschaften der Nation fĂŒr die arbeitenden Schichten des Volkes. Durch die Verlagerung lebenswichtiger Industrien nach Mecklenburg infolge der neuen strategisch bedeutungsvollen Lage dieses Raumes und dem dadurch bedingten Menschenzuwachs erhĂ€lt diese Frage ein doppeltes Gewicht. Gleichzeitig aber bedingt diese Verlagerung die FortfĂŒhrung einer gesunden Industrialisierung, vor allem hinsichtlich der Schaffung einer Verbraucher- und Zubringerindustrie, so daß endlich der volkswirtschaftlich gebotene harmonische Ausgleich zwischen Landwirtschaft und Gewerbe auch in diesem Raum hergestellt wird. Die vielleicht wichtigste Etappe auf diesem Wege wirtschaftlicher Neugestaltung aber bildet die Verwirklichung der alten bereits von Johann Albrecht I. und Wallenstein gehegten PlĂ€ne eines Ostsee und Elbe miteinander verbindenden Kanalbaues, der Mecklenburg die Möglichkeit geben wĂŒrde, seine Rolle als Mittlerin zwischen dem mitteldeutschen Industrieraum und dem Norden voll zu erfĂŒllen, eine Rolle, die ihre eigentliche Bedeutung zweifelsohne erst mit der Neuordnung der VerhĂ€ltnisse im Ostseeraum nach dem Kriege erhalten dĂŒrfte. Es gibt heute innerhalb Deutschlands keine unabhĂ€ngigen TeilrĂ€ume mehr, sondern jeder Gau, jede einstige Landschaft ist zu einem unlösbaren Bestandteil des großen Ganzen geworden und alles Streben und Planen hat nur dieser großen Gemeinschaft zu dienen, aber gerade eine Betrachtung wie diese mag zeigen, wie auch der mecklenburgische Gau bestrebt ist, sein Bestes innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft zu leisten.

Text aus dem Buch: Des Reiches unbekanntes Land Mecklenburg, Author: Goerlitz, Walter.

TextĂŒbersetzung aus dem Kunstmuseum Hamburg