die Quellen der germanischen Mythologie

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Da du lebtest, lebte auch ich,
Da hÀttest du gerne gefangen mich.
Nun bist du tot, nun hast du mich,
Und daß ich sterbe, was hilft es dich?“

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische FĂŒrsten verlassen ihre schimmernden StadtpalĂ€ste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, SchĂ€tze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden TrĂŒmmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen BĂŒhne, den Wogen und Inseln und KĂŒsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und GemĂŒt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde UnglĂ€ubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkĂŒndeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und DĂ€monen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit Ă€rmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen ZaubersprĂŒchen, nordischen Götterliedern und islĂ€ndischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten BrĂ€uchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der GötterdĂ€mmerung singt, ist voller RĂ€tsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber ĂŒberall, wo er nicht zu stark verschĂŒttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspĂŒren.

Die wirre, zerstĂŒckelte Masse germanischer Glaubensurkunden ordnet sich in

1. Zeugnisse der Römerzeit von 50 v. Chr. bis 400 n. Chr.
2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der SĂŒdgermanen oder Deutschen und Angelsachsen von 400 bis 1000 n. Chr.
3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen oder Skandinavier von 800—1300 n. Chr.
4. NachklĂ€nge in der spĂ€teren Literatur und der VolksĂŒberlieferung.


1. Die Zeugnisse der Römerzeit lehren uns sofort, daß nicht nur im schönen Hellas und im weltbeherrschenden Italien, sondern auch in den Mooren und WĂ€ldern des armseligen germanischen Hirten- und Bauernlandes mit seinem trĂŒben Himmel mĂ€chtige Götter verehrt wurden. Aber nicht fĂŒhren uns heimische SĂ€nger mit stolzen HeldengesĂ€ngen in die deutsche Göttergesellschaft ein, sondern zwei fremde, unsem Altvordern noch dazu feindselig gesinnte Historiker gönnen ihr einige teilnahmlose kurze Worte, der Ă€ltere sogar gĂ€nzlich verstĂ€ndnislose. Freilich waren es zwei Römer ersten Ranges, der grĂ¶ĂŸte Römer aller Zeiten, Caesar, und ihr grĂ¶ĂŸter Geschichtsschreiber, Tacitus.

C. Julius Caesar war wohl der erste antike Mensch, dem die wesentliche Verschiedenheit der keltischen und der deutschen Nation, seiner großen auswĂ€rtigen Hauptfeinde, zum Bewußtsein kam, inmitten eines langen Kriegs, an der Völkerscheide des Rheins. Freilich ist seine Erkenntnis unselbstĂ€ndig und getrĂŒbt; denn seine auf die Germanen so eifersĂŒchtigen gallischen GewĂ€hrsmĂ€nner haben ihn ungĂŒnstig beeinflußt. So ĂŒbertrieb er in seinem Buch ĂŒber den gallischen Krieg (IV. 1) das Nomadentum der Germanen und weiterhin VI. 21 die RĂŒckstĂ€ndigkeit ihres Glaubens. „Die Germanen“, sagt er,

„haben keine Druiden (Priester), die den Gottesdienst verwalten, noch befleißigen sie sich der Opfer. Zu den Göttern rechnen sie nur diejenigen, die sie mit Augen sehen und durch deren KrĂ€fte sie offenkundig unterstĂŒtzt werden, nĂ€mlich Sol, die Sonne, Vulcanus, das Feuer, und Luna, den Mond. Von den andern haben sie nicht einmal durch die fama (d. h. die Sage, den Mythus) etwas vernommen“.

Der erste Satz ist nur insoweit richtig, als die Deutschen allerdings nicht, wie die Gallier in ihrer Druidenkaste, eine mĂ€chtige nationale Priesterhierarchie mit einem Oberpriester, Lehrpriestem und Priesterzöglingen besaßen, die auf einem alljĂ€hrlichen Konzil in Chartres die Dogmen hĂŒtete und festsetzte, ĂŒber ein geordnetes Schulwesen und ein blutiges Opfersystem, ĂŒber Bann und Interdikt verfĂŒgte und trotz ihrer Auflösung durch die römischen Kaiser noch Jahrhunderte lang ein hohes Ansehen behauptete. Aber Priester von nicht unbedeutendem Einfluß und Opfer, wenn auch von minderem Umfang und Prunk, hatten auch die Germanen. Noch mehr fĂŒhrt Caesar durch seine GegenĂŒberstellung der Mythologie beider Völker irre. Die Gallier verehrten nach ihm als höchsten Gott den Merkur, ferner Apoll, Mars, Jupiter und Minerva d. h. menschengestaltig gedachte und dargestellte Wesen, die nach der römischen Auslegung etwa diesen römischen Gottheiten entsprachen. Aus dem Mangel irgendwie auffĂ€lliger HeiligtĂŒmer und Bilder jenseits des Rheins schloss er auf die Anbetung bloßer unpersonifizierter NaturkrĂ€fte, und zwar des Sol, der Luna und des Vulcan. Ob er gerade auf diese drei verfiel, weil ihnen in Rom, als einfacheren sabinischen Gottheiten, der Sabinerkönig Titus Tatius AltĂ€re geweiht haben sollte? Oder ob er eigentĂŒmliche BrĂ€uche, wie sie seine vortrefflichen germanischen Reiter im römischen Lager geĂŒbt haben mögen, auf sie deutete? Rief doch der Ampsivarier Bojocalus die Sonne als Zeugin an. Noch ums Jahr 1000 verbeugte sich der angelsĂ€chsische Bauer vor dem ersten Pfluggange neunmal gegen Osten, um dann zu beten, und noch begrĂŒĂŸt hie und da das deutsche Volk die Ostersonne, wenn sie in der MorgenfrĂŒhe ĂŒber den Rand des Waldes oder den Kamm des Gebirgs heraufzutanzen scheint. Seine Toten bettete der deutsche Heide in die Erde mit dem Angesicht gegen Osten. Derlei alte BrĂ€uche ließen Caesar vorschnell an einen Sonnendienst denken. Ferner weckten die verschiedenen Mondphasen: die Wiederkehr der jungen Sichel, die Pracht des vollen und das ihorgenliche Verschwinden des abnehmenden Mondes auch bei den Germanen ungleiche Empfindungen und dem Caesar auffĂ€llige. Gerade vor seinem ersten Zusammenstoß mit den Deutschen, vor der Schlacht bei MĂŒlhausen (Besanon), vernahm er, daß die suebischen Frauen, nachdem sie das Los befragt, seinem Gegner Ariovist vom Kampfe vor dem Neumond abgeraten hĂ€tten. Die Opfer, die die auf den Neumond oder den Vollmond anberaumten großen Volksversammlungen einleiteten, konnten leicht mißverstĂ€ndlich auf den Mond bezogen werden.

Der LĂ€rm und das Geschrei, womit man bei Sonnen- und Mondfinsternissen die Ungeheuer, die dann den beiden Gestirnen nachstellen sollten, von ihnen abzuwehren suchte, konnte diese im Licht geliebter Gottheiten erscheinen lassen. Endlich war urgermanischer Brauch, zu gewissen Opferzwecken die Flamme nicht an einem beliebigen Herdfeuer zu entzĂŒnden, sondern aus zwei unter feierlichem Schweigen gedrehten oder an einander geriebenen Hölzern mĂŒhsam hervorzulocken. In Rom geschah dasselbe, wenn einmal das heilige Feuer der Vesta erloschen war oder zur Zeit des Jahresanfangs, am 1. MĂ€rz, erneuert wurde, oder auch, wenn die Hirten der Campagna am 21. April Bohnenstroh in Brand setzen wollten, um der Reinigung halber durch die Flamme zu springen. Außerdem nannten die Römer ein feierliches Sommerfeuer, in das der Familienvater Fische als Opfer warf, nach Vulcan die Vulcanalia. Sah Caesar mm auch die Germanen mehrmals im Jahr im Freien nach jenem alten mĂŒhsamen Brauch Festfeuer anzĂŒnden, die sie gleichfalls jauchzend ĂŒbersprangen und in die sie gleichfalls Opfer warfen, so mochte er auf den Einfall kommen, daß auch sie einen Feuergott, einen Vulcan, besonders hoch hielten.

Aber Caesars Charakteristik der allgemeinen Götterauffassung der Germanen geht ebenso fehl wie die ihrer einzelnen Gottheiten. Denn zahlreiche und oft sehr genaue Übereinstimmungen der deutschen und der skandinavischen Götter und Göttermythen lehren, daß die Deutschen schon vor ihrer Trennung von ihren nordischen BrĂŒdern, also viele Jahrhunderte vor Caesars gallischem Krieg, an wesentlich dieselben menschengestaltigen, mit Mythen ausgestatteten göttlichen Wesen, nicht an bloße NaturkrĂ€fte glaubten. Auch stimmt Caesars Ansicht nicht zu einer gleich zu erwĂ€hnenden Notiz des etwas jĂŒngeren Veile jus Paterculus und steht mit der des genau unterrichteten Tacitus in schroffstem Widerspruch. Dieser Widerspruch kann nicht etwa durch die Annahme eines inzwischen eingetretenen Fortschritts der germanischen Religion gelöst werden. Solche Revolutionen vollziehen sich nicht in der kurzen Frist von anderthalb Jahrhunderten, auch kann man weder eine tatsĂ€chliche Spur davon, noch auch nur einen in den VerhĂ€ltnissen begrĂŒndeten Anlaß dazu ausfindig machen. Ferner spricht kein sonstiges Zeugniß es deutlich aus, daß die Deutschen der Sonne, dem Mond und dem Feuer göttliche Verehrung erwiesen hĂ€tten. Jene Angaben Caesars sind also nur das Ergebniß flĂŒchtiger Wahrnehmungen und falscher SchlĂŒsse. Stammt wirklich eine Bemerkung des im 2. Jahrhundert n. Chr. lebenden Geschichtsschreibers Appian, daß Ariovists Leute auf ein anderes Leben nach dem Tode hofften, aus Caesars Zeit, so hĂ€tte dieser sogar diesen wichtigen religiösen Zug ĂŒbersehen oder verschwiegen. Und wie entschieden die Germanen sich ihre Götter von glĂ€nzendem menschlichem Aussehn dachten, erweist eine Anekdote eines Offiziers des Tiberius, jenes Vellejus Paterculus, der ein halbes Jahrhundert nach Caesar mit seinem Herrn an der Elbe stand. In einem Einbaum, erzĂ€hlt er, fuhr ein hoher fĂŒrstlich geschmĂŒckter Greis ĂŒber den Strom nach dem römischen Lager hinĂŒber, betrachtete lange schweigend Tiberius und brach dann in die Worte aus:

„Heute habe ich, o Caesar, die Götter gesehen, von denen ich frĂŒher nur gehört hatte.“

Unverwandten Blickes auf ihn zurĂŒckschauend fuhr er ĂŒber den Strom zu den Seinen zurĂŒck. Ein paar Jahre spĂ€ter brach diese römische Herrlichkeit in Germanien in der Varusschlacht zusammen, und in den um die Walstatt gelegenen Hainen wurden die fast vergötterten fremden Offiziere den heimischen Göttern hingeschlachtet.

Wiederum 100 Jahre darauf, um 100 n. Chr., schrieb Tacitus seine Germania. Wie hatte sich das VerhĂ€ltnis der Römer zu den Deutschen verĂ€ndert! Zahlreiche deutsche Söldner dienten im römischen Heer, namentlich in der kaiserlichen Leibgarde der Hauptstadt selbst. Römische Kaufleute durchzogen besonders des Bernsteins halber die deutschen Weiler bis an die Ostsee. Von ihren rheinischen Standquartieren aus beobachteten die fremden Offiziere scharf ihre schlimmsten Feinde. Eine Traumerscheinung des in Germanien umgekommenen Drusus bat ihrer einen, den Ă€lteren Plinius, sein Andenken zu verewigen, und so schrieb dieser, der bis in die tĂ€glich zweimal ĂŒberfluteten Marschen der Chauken vorgedrungen war, 20 BĂŒcher germanischer Kriege. Aus seinem mit nĂŒchternem, auf das Reale gerichtetem Sinn gesammelten Schatz von Beobachtungen hat Tacitus sicher manches uns erhalten. Einem andern unterrichteten GewĂ€hrsmann, der weit ĂŒber die römische EinflußsphĂ€re hinaus im fernen Nordosten wohl bewandert war, ist es zu verdanken, daß wir die ausgiebigsten und intimsten Götterkunden, die ĂŒber Nerthus, den semnonischen Allwalter und die dioskurenhaften Alcis, gerade aus den von der römischen Reichsgrenze entlegensten Strichen Germaniens empfangen. Tacitus selber scheint ĂŒbrigens auch einige Jahre in der rheinischen Armee gedient und unser Land mit eigenen Augen gesehen zu haben. Schon hatten die Römer viele Siege ĂŒber die Germanen errungen, aber auch durch den Cherusker Armin und den Bataver Claudius Civilis blutige Niederlagen erlitten. Sie hatten ihre Feinde nicht nur grĂŒndlicher kennen, sondern auch achten, ja fĂŒrchten gelernt, und gerade tieferblickende Menschen, wie Tacitus, sahen die schlimmste Gefahr nicht so sehr in deren Leibeskraft und Tapferkeit, als in deren Freiheitsliebe, Sittenreinheit und GlaubensstĂ€rke. Denn seine Römer fand er versunken in Knechtssinn, Unzucht und Un- oder Aberglauben. Obgleich ihm die Rauheit und Roheit des germanischen Lebens nicht entging, war es ihm doch auch von einem gewissen verklĂ€renden Schimmer umgeben, mit deiA Kulturvölker von sinkender Lebenskraft das Dasein von Naturvölkern zu idealisieren lieben.

So durchzieht seine Germania, die ursprĂŒnglich wohl nur auf eine geographische Skizze angelegt war, leise die weltgeschichtliche Ahnung, daß die idealste Richtung dieser zersplitterten armseligen Völklein, das Heldentum, noch dereinst den festgefugten reichen riesigen Soldatenstaat Roms zertrĂŒmmern werde. Schon als JĂŒngling sehnt sich Tacitus mit ganz modernem NaturgefĂŒhl aus der Gerichtshalle, dem Senatssaal, dem ehrerbietigen KlientengedrĂ€nge hinaus in die Haine und Forste zu jenen schuldlosen StĂ€tten und heiligen Ruhesitzen, wo das „secretum“ wohnt. Damit meint er nicht etwa einen heimlichen Musensitz, ein secretum museum, wie ihn der jĂŒngere Plinius in seiner Villa am Meer preist. Es ist vielmehr dasselbe „grande secretum“, von dem im 4. Jahrhundert der Verteidiger der Christen, der edle StadtprĂ€fekt von Rom, Symmachus, vermittelnd versicherte, mehr als ein Weg fĂŒhre zu diesem secretum, zu dem weltabgeschiedenen, unbekannten Gottheitsgeheimnis. Ebendieses secretum glaubt nun Tacitus in seinen Mannesjahren von den Germanen verehrt. Denn nach der Germania Kap. 9 scheine es ihnen der Erhabenheit der Himmlischen unangemessen, sie in WĂ€nde einzuschließen oder sie mit Menschenantlitz abzubĂŒden. Nur Haine und Forste weihten sie ihnen und bezeichneten mit der Götter Namen jenes „secretum“, das sie nur in ihrer „reverentia“, ihrer frommen Phantasie, sĂ€hen. Hier glaubten sie das große Unbekannte, Undarstellbare, die Gottheit waltend. Tacitus ist nahe daran, seine eigne weltflĂŒchtige, schwermutvolle Andacht in die Brust der derben deutschen JĂ€ger und Bauern zu verpflanzen, weil er, wie Caesar, keine ragenden Tempel und keine BildsĂ€ulen bei ihnen sieht. Allerdings im Sturmesrauschen des Waldes vernahmen sie den Jagdritt ihres Gottes Wodan, und ein geheimnisvoller Schauder mochte selbst sie in ihren mit blutigen Tier- und Menschenopfern behĂ€ngten Hainen ĂŒberkommen. Aber weder hat sich ihnen jemals die WaldesstĂŒle in einem Gotte verkörpert, noch hielt sie die Scheu vor dessen Erhabenheit davon ab, ihn durch Tempel oder Bild zu ehren. Wir wissen leider nur zu gut, daß sie dies aus ganz anderen GrĂŒnden unterließen, nĂ€mlich aus dem Unvermögen ihrer damaligen Baukunst und Bildnerei. Sobald sie, von Fremden unterrichtet, jene FĂ€higkeiten gewannen, errichteten sie wie andre Völker ihren Göttern Tempel und Bilder, nicht zur Erniedrigung, sondern zur Verherrlichung. Ja sie hatten sogar schon vor Tacitus’ Zeit nach seiner eigenen Aussage damit angefangen. Denn wenn man auch den Tempel der Nerthus Germ. Kap. 40 als heiligen Hain und ihr „innerstes Heiligtum“ als ihren Wagen, auf dem KĂŒhe im FrĂŒhling sie durch das Land ziehen, erklĂ€ren will, ihr im heiligen See gebadetes „numen“ d. i. wörtlich Gottheit, kann doch wohl nur ihr Bild bedeuten. Noch sicherer ist der Tempel der marsischen Göttin Tanfana in Westfalen ein Bauwerk gewesen, denn es wurde nach Tac. Ann. 1,51 dem Erdboden gleich gemacht. Unscheinbare Götterbilder und HeiligtĂŒmer, wenn auch bloße festungsartige RingwĂ€lle, sogenannte Burgen, wie sie noch bis heute erhalten sind, und dergleichen, mĂŒssen schon damals in Deutschland bestanden haben, und jedenfalls ist Tacitu’ obige Motivierung des Mangels falsch. Auch erwĂ€hnt er Symbole der Götter, wie z. B. das Schiff einer isisartigen Göttin, und Bilder ihnen heiliger Tiere, die, in den heiligen Hainen hangend, bei Kriegesanfang herabgenommen und dem Heere voran unter Schildgesang in die Schlacht getragen wurden. Denn die Gottheit wohnte dem Kriege bei und so auch deren Diener, der Priester. Im zauberischen Glanze der Mitternachtssonne aber sahen die Nordgermanen ihre Götter mit strahlenden HĂ€uptern.

Einen gewaltigen Fortschritt hat das VerstĂ€ndnis der einzelnen deutschen Götter bei den Römern gemacht! Die vorgebliche Göttertrias Caesars: Sol, Vulcanus, Lima löst sich vor der besser begrĂŒndeten des Tacitus in eitel Dunst auf. Der oberste Gott heißt bei ihm Mercur, die beiden andern Hercules und Mars Kap. 9, einer von diesen wird Kap. 39 von den Semnonen Allwalter genannt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit Mercur und Hercules die deutschen Götter Wodan und Donar gemeint seien, und wahrscheinlich soll Mars den Tiu oder Ziu, der auch wohl Saxnöt hieß, bezeichnen. Diesen Göttern fĂŒgt Tacitus einige Namen einer Göttin hinzu, den fremden der Isis und sogar zwei deutsche: Nerthus, die Mutter Erde, und Tanfana. Wahrscheinlich bedeuten alle drei eine und dieselbe Göttin der Fruchtbarkeit. So unvollkommen auch diese zweite, tadteische, Formel der römischen Auslegung deutscher Götter den Charakter derselben aussprechen mag, so ist doch darin zuerst die Hauptgruppe leibhaftiger Götter klar vor Augen gestellt, in denen die Germanen den höchsten Ausdruck ihres Glaubens gefunden haben. Die germanischen Gardereiter des Kaisers in Rom dankten bei ihrem Abschied auf ihren Votivsteinen im 2. Jahrhundert n. Chr. zunĂ€chst der kapitolinischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva, dann aber einer anderen, wahrscheinlich auf ihre heimischen Götter zu deutenden Trias: Mars, Hercules und Mercur, die also genau mit der tadteischen ĂŒbereinstimmt. Auch nach den spĂ€teren Zeugnissen haben drei große persönliche Götter und mindestens eine große persönliche Göttin von dem durch Tadtus wenigstens angedeuteten Charakter alle etwaigen andern Gottheiten, ferner die Riesen– und Zwergvölker, die SchwĂ€rme der Luft-, Wasser-, Wald- und Feldwesen und die uralten Ahnengeister in historischer Zeit hoch ĂŒberragt. Auf diesen vier Ecksteinen hat immerdar der Oberbau der germanischen Mythologie, die germanische Götterwelt, geruht. Außerhalb dieses Götterkreises kennt Tadtus noch ein jugendliches BrĂŒderpaar der Alcis oder Aid, von ihm mit Castor und Pollux verglichen, das jenseits des Riesengebirges der Stamm der Nahamavalen bildlos verehre. Einen Gott nennt er auch noch Kap. 2 den in alten Liedern gefeierten Tuisco, der selber aus der Erde hervorgekommen den Mannus d. i. Mensch zum Sohne hatte, den Vater der drei Ahnherren der drei germanischen StammverbĂ€nde der IngwĂ€onen, IstwĂ€onen und Herminonen. Diese Stammsage sollte die auch von Tadtus an derselben Stelle betonte Autochthonie der Germanen, ihre ErdwĂŒchsigkeit, beweisen, wie denn Ă€hnliche Stammsagen von erd-, stein- und baumentsprungenen VolksstĂ€mmen namentlich auch die Griechen in zahlreichen Varianten erfunden hatten.

Und aus den Berichten des Tadtus darf man weiter entnehmen: zu bestimmter Zeit versammelten sich mehrere StÀmme jener grossen GermanenverbÀnde um ein gemeinsames Heiligtum, ingwÀonische an der Ostsee im Nerthushain, istwÀonische am Rhein um den Tanfanatempel und von den herminonischen die Sueben der Spreegegend im Walde des All Walters.

Tacitus widerlegt auch jenes absprechende Urteil Caesars ĂŒber das Priestertum und Opferwesen der Germanen. Zwar weiß auch er nichts von einem Priesterstande oder von priesterlichen Geschlechtern, aber er umschreibt mit sicherer Hand den Kreis seiner Gewalt, wie sie neben der fĂŒrstlichen oder königlichen bestand. Dem priesterlichen Rate folgen willig Volk und FĂŒrst, sie trauen aber auch gewissen Weibern, die aber darum nicht Priesterinnen sind, Sehergabe zu, deren AussprĂŒchen sie sich unterwerfen. Eine unter ihnen, Welöda, erlangte dadurch im Bataveraufstand ums Jahr 70 n. Chr. eine hohe geschichtliche Bedeutung.

Tacitus kĂŒmmert sich nur um die deutsche Götteraristokratie, nicht um das niedere Volk der DĂ€monen. Und doch schwĂ€rmten sie, ohne die die Götter, ihre spĂ€teren idealsten Mitglieder, undenkbar sind, schon damals vielgestaltig durch Berg und Wald und Feld und nisteten in den Hauswinkeln. Endlich ahnen wir kaum aus dem 27. Kapitel seiner Germania die Macht des deutschen Totenkultus.

Dennoch gebĂŒhrt Tacitus das Verdienst, die erste umfassende Skizze von der germanischen Religion, freilich hie und da mit fremder Farbe abgetönt, doch in den großen Linien treu und fest gezeichnet zu haben, die erste und — sagen wir es gleich — auch die letzte, die aus der Heidenzeit stammt. Denn die römischen und griechischen Schriftsteller des folgenden halben Jahrtausends erwĂ€hnen wohl gelegentlich eine Seherin oder einen Priester, ein Opfer und die Umfahrt eines Götterbildes, im ĂŒbrigen schweigen sie sich, allen VerstĂ€ndnisses fremder Eigenart und schĂ€rferer Beobachtungsgabe bar, ĂŒber den germanischen Glauben aus und ĂŒberlassen es den Steinen zu reden: durch die lateinischen Inschriften des Rheinlands und Britanniens. Steinmetzen römischer Schulung haben nĂ€mlich fĂŒr die ihren Göttern dankbaren Soldaten oder auch fĂŒr Kaufleute an den germanischen und britischen MilitĂ€rstationen zahlreiche Altar- und Votivsteine ausgemeißelt und mit römischen Skulpturen und Inschriften versehen, glĂŒcklicherweise auch fĂŒr deutsche Leute.

Nicht alle, wenn auch die meisten, waren römischen Gottheiten gewidmet, auf manchen Steinen aber ĂŒberraschen mitten im Latein Götternamen von halb oder ganz unlateinischem, barbarischem Klange, und die Stifter mehrerer dieser DenkmĂ€ler tragen gallische oder germanische Namen oder bekennen sich als Genossen eines gallischen oder germanischen Stammes. Es sind wertvolle Zeugen der hĂ€ufigeren Verschmelzung von römischem und keltischem und der seltneren von römischem und deutschem Religionswesen, die aber wegen der Schwierigkeit der Scheidung der zwei oder gar drei verschmolzenen Elemente mit Vorsicht benutzt werden mĂŒssen. So wurden frĂŒher die paar Dutzend lateinischen dem Hercules SaxĂ€nus gewidmeten Inschriften im Brohltal, aus dem die LegionĂ€re und die Pferde der römischen Reiterei die geschĂ€tzten Tuffsteinblöcke in die Schiffe der Rheinflotte herabholten, um daraus z. B. die Mauern des Trajanlagers bei Xanten am Niederrhein zu erbauen, auf einen germanischen Donar bezogen, der mit dem Sachs d. h. mit einem Messer oder kurzen Schwert bewaffnet gewesen sei. Aber Hercules ist hier der römische Gott mĂŒhseliger Arbei tund zwar als SaxĂ€nus, das vom lateinischen saxum Stein stammt, der Gott der schweren Steinbruchsarbeit. Darum votierte man ihm im 1. Jahrhundert n. Chr. Inschriftsteine auch in KalksteinbrĂŒchen bei Metz und in dem Steinbruch bei Tivoli, der fĂŒr die nahe Stadt Rom die ungeheuren, noch von uns angestaunten Travertinmassen des vespasianischen Kolosseums lieferte. Hier ragte auch ein Tempel des Hercules Saxanus hoch ĂŒber den schĂ€umenden WasserfĂ€llen. Auch der am Niederrhein verehrte Hercules Magusanus ist wohl seinem Kerne nach römisch und seinem Beinamen nach eher keltisch als deutsch. Man hat auch in den (drei) Matronen oder Matres, den MĂŒttern, denen namentlich im rheinischen Niedergermanien ein paar hundert Steine gesetzt worden sind, deutsche Schutzgöttinnen erkennen wollen, aber sie haben sich durchweg als keltische Ortsgöttinnen erwiesen, die allerdings spĂ€ter Germanen, insbesondere die kölnischen Ubier, in ihren Kultus hinĂŒbernahmen. — An der stĂŒrmischen KĂŒste der seelĂ€ndischen Insel Walcheren sind viele der Göttin Nehalennia gewidmete Steine durch Wind und Wellen bloßgespĂŒlt worden. Sie ist als Göttin des Fruchtsegens und der Schiffahrt dargestellt, im Matronengewand aufrechtstehend oder auf einem Thronsessel sitzend, Fruchtkörbe oder FrĂŒchte im Schoße oder im Arm, ihr zur Seite ein Hund. Auf einigen Steinen stellt sie den linken Fuß auf den Steven eines Schiffs und stĂŒtzt sich dabei auf ein Ruder. Auch werden ihr wohl Neptunus und Hercules beigesellt. Ein KreidehĂ€ndler dankt ihr fĂŒr den Schutz einer von Britannien herĂŒbergebrachten Ware, ein andrer HĂ€ndler fĂŒr den Aufschwung seines GeschĂ€fts, ein Vater fĂŒr die Rettung seines Sohnes. Aber diese wie die andern Dedikanten sind Römer oder Kelten, wie denn die ganze See- und Niederrheinschiffahrt wahrscheinlich damals in keltischer Hand lag, wenn auch die Römer fĂŒr ihre Rheinflotte gern germanische Bataver verwendeten. Jene Darstellung der Nehalennia ist genau nach der der römischen Isis zugeschnitten. Der dunkle Name, der nach deutschem Sprachgesetz schwerlich eine „Nachengöttin“ bedeuten kann, klingt mehr gallisch als deutsch. Dagegen ist auf vier Inschriftsteinen bei MĂŒnstereifel, bei Xanten, in Geldern und in Westfriesland eine echt deutsche Göttin Hludana entdeckt, der am letzten Orte FischereipĂ€chter einen Altar setzten. Dann sind zwei Inschriften am Hadrianswall bei Housesteads in Nordengland gefunden, die von römischen Soldaten friesischen Stammes aus Twenthe die eine dem Mars und den beiden Alaisiagen, die andre dem Thingsus und den beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena unter Kaiser Alexander Severus geweiht waren, d. h. wahrscheinlich dem Kriegs- und Volksversammlungsgotte und seinen beiden viktorienhaften Genossinnen. Diesen Soldatengöttinnen werden verwandt sein Hariasa die Verheererin (?), Hari-mella die HeerglĂ€nzende und Vihansa die Kriegsgöttin. Da die großen germanischen Göttinnen nie zusammengesetzte Namen fĂŒhren und nach allen spĂ€teren Nachrichten ein kriegerisches Wesen an ihnen kaum hervor tritt, so sind diese wohl nur walkĂŒrenhafte Idisi oder Siegweiber gewesen, welche, wie wir bald hören werden, sich auf das Schlachtfeld herabließen und die Feinde fesselten und angriffen, die gefangenen Freunde aber von den Banden befreiten. Doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie der fremden Kriegsgöttin Bellona oder Victoria, den angebeteten Lieblingen des römischen Lagers, nur nachgebildet und keine echt germanischen Wesen waren. Noch ein paar andre Namen, wie der Requalivahamus der im Dunkel Lebende oder dem Dunkel Überlassene, scheinen deutschen Ursprung zu beanspruchen. Aber auch sie halten sich meistens fĂŒr uns noch im Dunkel zurĂŒck, und eine ganz andre Macht als der römische MilitĂ€rstaat war dazu berufen, neues Licht ĂŒber die Geheimnisse des deutschen Heidenglaubens zu verbreiten, die christliche Kirche, deren Zeugnisse wir jetzt vernehmen mĂŒssen.


2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Deutschen und Angelsachsen. Die christliche Kirche war dazu berufen, dem deutschen Heidenglauben viel energischer zu Leibe zu gehen, als die römische Kaisermacht. Freilich beweisen ein paar hundert lateinische Lehnwörter der altgermanischen Sprache, wie viel die Germanen der rheinischen und britischen Römerkultur verdankten, Wein-, Obst- und GemĂŒsebau, manche neue Komart und manches neue AckergerĂ€t. Von ihr lernten sie das Steinhaus, Maß-und Gewichtswesen, eine genauere Jahreseinteilung, selbst die Namen der Wochentage und manche römische Sitten und BrĂ€uche. Unleugbar ging das Leben der rheinischen Germanen aus dieser BerĂŒhrung mit der fremden Zivilisation verschönert und bereichert hervor. Doch dĂŒrfen alle diese wirtschaftlichen und sonstigen Anleihen und die erwĂ€hnten Versuche einer AnnĂ€herung römischen und germanischen Glaubens ĂŒber die Tatsache nicht tĂ€uschen, daß die große Masse der deutschen Nation, zum schĂ€rfsten Unterschied von der gallischen, nicht nur die Herrschaft, sondern auch die Sprache und Kultur und insbesondere die Religion der Römer damals von sich abwies. Was in Gallien glĂŒckte, z. B. die VerknĂŒpfung des neuen Gauverbandes mit der göttlichen Verehrung des Kaisers am Augustusaltar zu Lyon und die Verschmelzung der vielen Götter beider Nationen, das schlug in Germanien fehl. Der Augustusaltar in Köln, die Ara Ubiorum, gewann nie grĂ¶ĂŸere Bedeutung, weil er unter den unsicheren Germanen des rechten Rheinufers nie ganz sichere Sprengel gewann. Und fast möchte man einen symbolischen Akt darin erkennen, daß Segests Sohn Segi-mund, ein Schwager Armins, der zum Priester jenes ubischen Altars ernannt war, bei der Nachricht von der befreienden Varusniederlage seine römischen Priesterbinden vom Kopf riß und zu seinen Cheruskern zurĂŒckfloh. Denn was irgend von fremdem Glauben die Germanen angenommen haben mochten, das warfen sie wieder von sich seit dem 3. Jahrhundert, wo sie immer tiefer und verwĂŒstender in die baufĂ€llige Römerwelt einbrachen. Langsamen Ganges schoben die BauemstĂ€mme der Franken, Alemannen und Hermunduren ihre Siedelungen ĂŒber den Rhein und die Donau vor. Zwischen ihnen hindurch und ĂŒber sie hinweg stĂŒrmten die noch in beweglichen Heerlagern lebenden WanderstĂ€mme der Burgunder, Sueven und Vandalen gewaltsamer sĂŒdwest wĂ€rts. Weiter ab auf beiden FlĂŒgeln dieses unwiderstehlichen Zentrums grĂŒndeten die Goten und spĂ€ter die Langobarden sĂŒdlich von den Alpen und den PyrenĂ€en, die Angelsachsen jenseits des Kanals ebenfalls auf römischem Reichsboden neue germanische Staaten. So fand sich der grĂ¶ĂŸte Teil unseres heidnischen rauhen Krieger- und Bauernvolkes aus unwegsamen WĂ€ldern und Weiden des Nordens in mildere Landschaften versetzt, deren Grenzen von TĂŒrmen und WĂ€llen beschirmt, deren Inneres mit Villen, BĂ€dern und Grabmonumenten, mit Tempeln, Theatern und Fabriken bedeckt wrar, deren treffliche Straßen uralte HandelsstĂ€dte mit einander bequem verbanden. Aber wie ihnen Berg und Tal fremd waren, waren ihnen die ummauerten, enggassigen StĂ€dte gleich TierkĂ€figen verhaßt, die sie am liebsten zerstörten, um sich außerhalb ihrer TrĂŒmmerstĂ€tten in Hof und Dorf niederzulassen. Das UnverstĂ€ndlichste hier in der Fremde war ihnen aber die jugendliche christliche Kirche mit ihrem Herrn und Meister, dem an einem Kreuze verblichenen und wiederauferstandenen Gott. Sollte auch dieser neurömische Glaube von ihnen scheinbar aufgenommen und alsbald wieder abgeschĂŒttelt werden, wie der altrömische von den rheinischen Germanen? Oder wie wollte sich das germanische Heidentum mit dem Christentum abfinden? Die Ă€ußere und innere Lage dieser Germanen war doch eine ganz andere als dort am Rhein. Nicht als ob sie, wie ihnen so oft nachgerĂŒhmt wird, der christlichen Lehre ein besonders offenes und tiefes VerstĂ€ndnis entgegengebracht hĂ€tten. Aber erstens erleichterte gewiß die Versetzung vom heimischen Boden und Leben in ein fremdes und noch dazu meistens schon christianisiertes Land die Entwurzelung ihres Heidenglaubens. Zweitens traf die großartige christliche Gottesidee, die sich im ganzen Weltall von Ewigkeit zu Ewigkeit und wiederum in dem tief lyrischen Epos des Lebens Jesu kundtat, ob auch nur teilweise verstanden, die eigene zersplitterte, vergĂ€ngliche und nicht durchweg erbauliche Götter- und DĂ€monenwelt mit viel wuchtigeren StĂ¶ĂŸen, als es der bunte zerfahrene römische Polytheismus vermocht hatte. Dazu trat ein drittes, mehr politisches Moment, das die Wendung entschied. Die unter den Romanen schon einflußreich gewordene christliche Geistlichkeit forderte von den FĂŒhrern der StĂ€mme auf ihrer gefahrvollen Wanderung durch das meist schon bekehrte Römerreich gebieterisch Unterwerfung oder drohte mit ihrer Feindschaft. Die germanischen FĂŒrsten nahmen gewöhnlich unter solchem Zwange die Taufe und, indem sich ihnen ihre Getreuen anschlossen, erschien diesen auch Christus mit seinen JĂŒngern wie ein von Getreuen dicht umgebener Gefolgsherr. Mit Belohnungen und Drohungen lockten und schreckten die Christen wie die Heiden. Religiöse Bewegungen, die still und insgeheim das GemĂŒt ergreifen, entziehen sich freilich oft schon dem Auge der Gegenwart, wie viel öfter den Blicken der spĂ€ten Nachwelt. Doch darf man behaupten, daß eine wachsende Sehnsucht nach der erlösenden, beseligenden Gewalt des Heilands, oder eine plötzliche Erleuchtung ĂŒber die eigene SĂŒndenschuld auf germanischem Gebiete sich selten kundgab. Selbst nach der Annahme der Taufe drang nicht einmal die Überzeugung von der völligen Nichtigkeit der Götter durch. In der Regel entschied die allmĂ€hlich und kĂŒhl gewonnene Ansicht, daß denn doch Christus und der allschaffende Gott stĂ€rker sein mĂŒĂŸten als Wodan und Donar, und das Heidentum wucherte meist noch Jahrhunderte unter dem Kreuze Christi weiter.

Indem nun die Welt- und Klostergeistlichkeit die Taten der Bekehrer der sĂŒdgermanischen StĂ€mme erzĂ€hlte, in ihren Predigten den alten Göttern Christus gegenĂŒberstellte, auf ihren Synoden und in ihren BußbĂŒchern den Götzendienst mit harten Strafen belegte und sogar ZaubersprĂŒche ver-zeichnete, erschloß sie uns eine Reihe neuer, allerdings oft stark getrĂŒbter Quellen der Erkenntnis des germanischen Heidenglaubens.

Zuerst regte sich christliches Wesen bei den Westgoten an der unteren Donau. Ihr König Athanarich verfolgte im Jahre 348 die Christen seines Volkes grimmig, indem er auf einem Wagen ein Götterbild vor jede TĂŒr fahren ließ. Weigerte sich der Bewohner, diesem zu opfern, so wurde ihm das Haus ĂŒber dem Kopf angezĂŒndet. Doch Wulfila, ein Kappadocier, fĂŒhrte die bedrĂ€ngten Christen wie ein zweiter Moses ĂŒber die Donau in die schĂŒtzenden BalkantĂ€ler und ĂŒbertrug das Wort Gottes zum erstenmale in eine germanische Sprache. Ein anderer Gote, Radagais, der mit Hunderttausenden wilder Germanen ums Jahr 400 in Italien eingebrochen war, gelobte das Blut des ganzen römischen Volkes seinen Göttern, und schon flĂŒchteten die Einwohner Roms, an der Macht des Christengottes verzweifelnd, aus den Kirchen zu den verlassenen GötzenaltĂ€ren. Da zog die feindliche Wetterwolke vorĂŒber. Lange bĂ€umte sich der harte Frankenkönig Chlodovech gegen den Glauben an den milden FriedensfĂŒrsten Jesus, bis dieser ihm als der stĂ€rkste Schirmherr seines Reiches erschien oder, wie die Sage das bald ausdrĂŒckte, auf sein Gebet seiner schwankenden Schlachtreihe Halt und Sieg ĂŒber die Alemannen verlieh. In seiner Taufe zu Rheims 496 vollzog sich der folgenreichste Akt der ganzen germanischen, ja abendlĂ€ndischen Bekehrungsgeschichte. Von hier aus drang die christliche Lehre in Deutschland ein, oft durch Wunder unterstĂŒtzt, selbst durch das gewiss schwer empfundene einer plötzlichen Bierentziehung. Dem König Chlothar I, dem Sohne Chlodovechs, und seinem Gefolge veranstaltete der Franke Hozin ein Gelage mit BierkrĂŒgen fĂŒr die Christen und fĂŒr die Heiden. Weil die der letzteren nach Heidenbrauch geweiht waren, wurden sie durch ein Wunder des hl. Vedastus ihres dĂ€monischen Inhalts beraubt. Die Missionare des hl. Hilarius von Poitiers, des hl. Remigius von Rheims und am krĂ€ftigsten die des hl. Martin von Tours drangen seit der völligen Unterwerfung der Alemannen unter die Franken in den „Königsboden“, das vom Frankenkönig beanspruchte Krongut, ein. Da gab es einen Bischof neben dem Herzog, bekehrte Alemannen waren Pfarrer. Überall noch ein seltsames Gemisch desAlten-Heidnischen und des Neuen-Christlichen.

Die eigentliche Missionsarbeit auf deutschem Boden durchlief drei Stadien. Sie wurde begonnen in SĂŒddeutschland von irischen Mönchen und fand hier wenig Widerstand, doch war sie oft ohne dauernden Erfolg, da die Glaubensboten ohne festeren Zusammenhang unter sich und ohne den RĂŒckhalt eines stĂ€rkeren Kirchenwesens w irkten. Aber die von ihnen gegrĂŒndeten Klöster blieben meist als wichtige PflanzstĂ€tten der Bildung bestehen. Am Schluß dieser ersten Periode griffen auch wieder frĂ€nkische Bischöfe in die sĂŒddeutsche Mission bis Regensburg ein. In der zweiten Periode, dem 8. Jahrhundert, ordnet sich die Bekehrungsarbeit der geschulteren und weltklĂŒgeren Angelsachsen der frĂ€nkischen und somit der römischen Kirche unter, ihre Hauptgebiete sind Hessen, ThĂŒringen und Friesland. Dort herrscht lange ein bedenklicher christlich-heidnischer Mischglaube, hier kommt es wiederholt zu blutigen AufstĂ€nden. In der dritten Periode stellt Karl der Große die KrĂ€fte eines geordneten Staatswesens der Mission zur VerfĂŒgung, zumal die MilitĂ€r- und die Polizeigewalt; nur diese können die Sachsen bezwingen, die nicht nur fĂŒr ihr Land, sondern auch fĂŒr ihren Glauben streiten. Daß der Widerstand vom SĂŒden nach Norden wuchs, lag zum Teil im Stammcharakter, in dem bei den Sachsen die rauhe Abgeschlossenheit hervorgehoben wurde, zum grĂ¶ĂŸeren Teil in der geschichtlichen Lage. Im SĂŒden hatte die römische Kultur schon viel Einheimisches zersetzt, und die beweglicheren StĂ€mme hatten ihren Verband mit den alten LandesheiligtĂŒmem lĂ€ngst aufgegeben, wĂ€hrend die Sachsen, unberĂŒhrt von fremdem Wesen, auf ihrer Scholle sitzen blieben und sich zu Angriff oder Abwehr kampflustig um ihre alten Göttertempel scharten.

Der erste Missionar, der tiefer in deutsches Heidenvolk vordrang, war Columban. Er kam aus Irland, einer von der Völkerwanderung unberĂŒhrten StĂ€tte des Friedens und christlicher und antiker Wissenschaft. Als er im Frankenlande das Unheil des Goldes kennen lernte, trug er kein Bedenken, dasselbe durch lauter heidnische Mythen in Versen zu bekĂ€mpfen. Den Becher, in dem man ihm am Hofe der lasterhaften Frankenkönigin Brunhild Wein reichte, zerschlug er voll Zorns, ein furchtloser, unbequemer Bußprediger. Verjagt aus einem Vogesenkloster, fĂŒhrte er mit der neuen Heilslehre klösterliches Heiligkeitsleben in das entlegenere Alemannengebiet. Auf einer Wanderschaft am ZĂŒricher See traf er auf Christen und Heiden, wie sie um eine riesige Bierkufe beim Wodansopfer zechten, und sein SchĂŒler Gallus stĂŒrzte bei Bregenz drei in eine Kirche eingemauerte Götzenbilder in den Bodensee. Der Stifter des Klosters Reichenau im Untersee, der Abt Pirmin oder vielmehr Pr im in, fand im Anfang des 8. Jahrhunderts nur getaufte Alemannen, fĂŒr die er eine Art Musterpredigt, die Dicta abbatis Priminii, ausarbeitete, die dann Jahrhunderte hindurch mit mannigfachen Änderungen den germanischen Gemeinden immer wieder gehalten wurde, da sowohl ihr einer Teil, die Heilsgeschichte der Welt, gleichsam ein Mythus edelster gewaltigster Art, als auch ihr anderer, der in einer KriegserklĂ€rung gegen den alten Glauben gipfelte, einen tiefen Eindruck auf die germanischen GemĂŒter nicht verfehlen konnte:

Gott schuf Himmel und Erde und im Himmel die Engel. Doch diejenigen Engel, die sich gegen ihn erhoben unter der FĂŒhrung des ersten Erzengels, welcher Gott gleich sein wollte, stĂŒrzte er in den Luftraum hinab, wo sie Teufel und DĂ€monen wurden. Erst nach dem Engelsturz schuf Gott den Menschen, der sich vom neidischen Teufel zum Ungehorsam gegen Gott verleiten ließ. Adam und Eva taten den SĂŒndenfall, ihre Nachkommenschaft versank immer wieder in SĂŒnden trotz der großen Flut, der zehn Gebote und der Propheten, bis Gott Jesus schickte, der fĂŒr die Menschen gekreuzigt wurde und durch das Blut und das Wasser, das aus seiner Seite floß, SĂŒndenvergebung und Taufe verlieh. Dann fuhr er zur Hölle, um Adam, die ErzvĂ€ter und Propheten ihr zu entreißen, den Teufel aber darin zu binden. Auferstanden entsandte er die zwölf Apostel und fuhr auf gen Himmel. Die Zwölf setzten das Glaubensbekenntnis fest. Nun wird die Bedeutung der Taufe und der feierlichen Abschwörung alles Teufelsglaubens in die Erinnerung gerufen, die ganze Reihe der SĂŒnden zieht auf, zuletzt die Götzenanbetung, mag sie mm an Steinen, unter BĂ€umen, an Quellen, auf Kreuzwegen stattfinden. Auch an die Spruch- und Loszauberer, die Wahrsager, die Vorzeichen und bösen Geister soll man nicht glauben. Auch nicht heidnische Festzeiten, die Vulcanalien und Kalenden, beobachten, noch die Tische bereiten, Lorbeer anbringen, ĂŒber einen Baumklotz Kornfrucht und Wein ausgießen und Brot ins Wasser werfen, beim Weben eine Göttin (Minerva) anrufen, bestimmte Tage fĂŒr die Hochzeit und die Reise wĂ€hlen, Zauberzettel und -krĂ€uter und Bernstein anhĂ€ngen, Wettermacherinnen und Leuten, die, auf das Dach gestiegen, die Zukunft aus dem Feuer, etwa einem brennenden Scheit weissagen, Glauben schenken. Endlich verbot Primin NeujahrsaufzĂŒge in Hirsch-und Kuh Verkleidung, AufzĂŒge der Weiber in MĂ€nnertracht und umgekehrt. Auch sollen aus Holz gemachte Glieder nicht an Kreuzwege und auf BĂ€ume, um Heilung zu erlangen, gelegt, die Mondfinsternis nicht angeschrieen werden. Teufelsspiele und -scherze, -tĂ€nze und -lieder sind ĂŒberall zu vermeiden. Aber der Kirche sind Weihrauch, Wachs und Öl zu opfern, man soll Zehnten von Frucht und Vieh bringen, ferner Almosen spenden, die Sonn- und Feiertage beobachten, eifrig Messen hören und in die Beichte gehen. So muß der alte Adam ausgezogen werden, damit die Auferstehung zum Gericht, die ein jeder in der vollen Kraft eines DreißigjĂ€hrigen erleben wird, zum Paradiese fĂŒhre und nicht zum ewigen Feuer.

Der von Primin angegriffene Aberglaube ist nur teilweise echt alemannisch, wie z. B. das Steigen des Weissagers aufs Dach, meistens aber entweder ganz fremd, aus Ă€lteren kanonischen BĂŒchern zusammengetragen, wie das Vulcanalienfest, oder wie die Kalendenfeier mit dem julianischen Kalender erst neuerdings im sĂŒdwestlichen Deutschland eingebĂŒrgert.

Das mĂ€chtige Thema der Heilslehre aber, das die irischen Missionare um 700 in Schwaben und Baiern verkĂŒndeten, stellten dann auch ihre angelsĂ€chsischen Nachfolger in den Mittelpunkt ihrer Predigt, und Karl der Grosse schĂ€rfte eine Ă€hnliche Musterpredigt seiner Geistlichkeit ein. Im Norden diente sie der Völuspa zum Vorbild.

Über die ZustĂ€nde des englischen Heidentums und die AnfĂ€nge des Christentums belehrt uns am besten Beda (gestorben735) in seiner Kirchengeschichte Englands und in anderen Schriften. Nach ihm und spĂ€teren Chronisten brachten die Angelsachsen die StammbĂ€ume und Stammsagen ihrer vornehmsten Geschlechter nach der britischen Insel aus Deutschland mit herĂŒber. Der Gott Woden bildet darin den lebendigen Mittelpunkt, von dem in den verschiedenen 7 oder 8 angelsĂ€chsischen Reichen verschiedene Götter oder doch vergötterte Helden als Ahnen auf- und als Nachkommen bis zur Gegenwart absteigen. Die Bekehrer versuchten dann diese edlen Heidengeschlechter an Adam und Noah zu knĂŒpfen. Diese Genealogien zerlegen oft den Inhalt eines Mythus in seine einzelnen Momente und verteilen sie auf mehrere Personen. So wird in der Reihe SkeĂ€f, Skeldwa und BeĂ€w, die von der Garbe, dem Schilde und dem Anbau ihren Namen haben, die EinfĂŒhrung des Ackerbaues, des Kriegswesens und der weiter um sich greifenden Kultur wiedergegeben. In den angelsĂ€chsischen Chroniken treibt auf einem steuerlosen Schiffe der neugeborene SkeĂ€f, bald auf einem StrohbĂŒndel liegend, bald von Waffen umgeben, schlafend an die KĂŒste von Angeln in Schleswig und wird von den Einwohnern freudig aufgenommen. Der Verfasser des Epos vom Beowulf, der dem Beda etwa gleichaltrig ist, schiebt diesen Mythus von SkeĂ€f auf dessen Sohn Skyld ab, und Beowulf tritt an BeĂ€ws Stelle. MĂ€chtig kommt dieser als Hauptheros aus dem dunklen Hintergrund seiner Ahnenwelt hervor und schlĂ€gt, ein Schutzheros seines Volkes, den Sumpfunhold Grendel samt dessen Mutter und einen Feuerdrachen. Vielleicht liefert das angelsĂ€chsische Runenlied noch eine andere Spielart jenes Kulturmythus; es weiß von einem göttlichen Helden Ing, der zuerst bei den OstdĂ€nen war und dessen Wagen ĂŒber das Meer ihm nachfuhr. Kein Zweifel, bei keinem anderen Germanenstamme zeigt sich eine so vielgestaltige, die Menschheit mit der Gottheit verbindende Heroenwelt, wie bei den Völkern der norddeutschen Halbinsel.

Doch auch diese stolzen Wodenssöhne konnten sich nicht des GefĂŒhls der Nichtigkeit ihres Glaubens erwehren, wie uns Beda erzĂ€hlt. Im Jahre 627 saß eines Abends König Edwin von Northumberland in seiner erleuchteten Halle. Ein Sperling schlĂŒpfte zur TĂŒr herein und flatterte scheu durch den hellen, warmen Raum hin, um durch eine andere TĂŒr in der Winternacht wieder zu verschwinden. Bei diesem Anblick rief ein Hofmann aus:

„So rasch wie dieser Sperlingsflug durch die Halle vergeht das menschliche Leben mit seiner Lust. Was diesem aber vorangegangen sei und was ihm folgen werde, ist uns so dunkel, wie die Nacht dorten vor den beiden TĂŒren. Darum, o König, nimm die neue Lehre der Christen an, die uns ĂŒber unsere Zukunft nach dem Tode Sicherheit gibt.“

Der König befolgte den Rat, und der bereits fĂŒr die neue Religion gewonnene heidnische Oberpriester schleuderte, auf des Königs Streithengst sitzend, einen Speer durch den Zaun in den großen Göttertempel bei York, um seinem Herrn die Ohnmacht der Heidengötter recht augenscheinlich zu machen, und das alte Heiligtum wurde mit allen seinen Höfen durch Feuer vernichtet.

Als die Bekehrung der Angelsachsen etwa um 650 vollendet war, zogen manche ihrer Mönche nach dem Vorbild der irischen ins Ausland, und ihre Mission erstreckte sich ĂŒber den grĂ¶ĂŸten Teil Deutschlands von den friesischen Inseln bis zu den Alpen. Ihre HauptfĂŒhrer waren Willibrord, der Apostel der Friesen, dann Winfried, den man ĂŒbertreibend den Apostel der Deutschen nennt, und spĂ€ter Liudger. Auf seiner RĂŒckfahrt von DĂ€nemark ums Jahr 700, wohin Willibrord kĂŒhn vorgedrungen war, taufte dieser auf einer von den nordischen Seefahrern dem Gotte Fosete geweihten Insel, Helgoland, die Heiden in einem heiligen Quell, aus dem sie nur schweigend Wasser zu schöpfen wagten. Um diesen Frevel zu rĂ€chen, fĂŒhrten ihn die Unge-tauften vor den wilden Friesenkönig Ratbod (fries. Redbad), aber das dreimal ĂŒber ihn geworfene Los traf ihn nicht: die Götter wollten seinen Tod nicht. Denen diente man dort in schatzreichen Tempeln, deren Beraubung ein schmerzhafter Tod an der Stelle des Meeresstrandes bĂŒĂŸte, wo ihn die Flut tĂ€glich zweimal ĂŒberströmte. Willibrord entkam. Aber die Götter forderten spĂ€ter ein grĂ¶ĂŸeres Opfer. Das war jener Winfried oder Bonifacius, der Organisator der frĂ€nkisch-römischen Kirche. Er begann 716 in Friesland zu predigen, wandte sich dann namentlich ThĂŒringen und Hessen zu, wo bereits Brittenmissionare, die Nachfolger jener irischen Mönche, und ketzerische Priester, die der Unzucht, Trunksucht und Jagdlust ergeben waren, das Evangelium in unsauberer Weise verkĂŒndet hatten, wo sie auf heidnischen OpferplĂ€tzen unter großem Zulauf des Volkes christlichen Gottesdienst hielten und Donarspriester christliche Taufen vollzogen. Auch brachten die Bekehrten nach heidnischer Sitte den Toten eifrig Opfer dar, und diese deutschen „Dummköpfe“ verwiesen noch 742 die entrĂŒsteten Missionare trotzig auf die ebenso ausgelassene und schwelgerische Feier der Januarkalenden, die in Rom selber vor der St. Peterskirche betrieben wĂŒrde. Aber Bonifacius wußte nicht nur durch die Predigt des Evangeliums das GemĂŒt zu ergreifen, sondern auch nach der ausfĂŒhrlichen Direktive des Bischofs Daniel von Win ton durch VemunftgrĂŒnde den Verstand zu gewinnen. Die Existenz der falschen Götter soll der Missionar nicht bestreiten, wohl aber deren echt göttliche Natur, da sie doch nach ihren eigenen Angaben geboren und erzeugt seien ganz nach Menschenart. Wenn also die Götter einen Anfang haben, so soll er fragen, ob auch diese Welt einen Anfang oder ohne Anfang immer bestanden habe. Im ersten Falle: wer die Welt geschaffen, da doch ohne Zweifel vor der Erschaffung fĂŒr die noch nicht geborenen Götter ein Wohnort nicht gefunden werden könne. Behaupten die Heiden aber, die Welt habe immer bestanden, so forsche weiter, wer denn ĂŒber die Welt vor den geborenen Göttern geherrscht und wie diese spĂ€ter die eigenmĂ€chtige Welt ihrer Herrschaft unterworfen hĂ€tten. Noch durch manche andere Fragen nach der Herkunft und Geburtszeit der Götter, nach dem zeitlichen oder ewigen Sinn und Nutzen der Opfer, deren die Gottheit doch nicht bedĂŒrfe, und warum denn die Götter trotz der Opfer den Christen die fruchtbaren LĂ€nder ließen, ihren heidnischen Verehrern die kalten LĂ€nder der Erde zugewiesen, möge Bonifacius sie weniger zur Erbitterung, als zur Scham ĂŒber ihren törichten Glauben bringen. Der kluge Bischof hatte die wunden Stellen des Heidenglaubens wohl erkannt. Er wußte wohl, daß auch die gebildetsten Heiden auf diesem dogmatischen Gebiete sofort in die Enge getrieben werden mußten, weil ihrem lockeren Polytheismus eine Schöpfungslehre, ĂŒberhaupt eine begrĂŒndete und zusammenhĂ€ngende Weltanschauung völlig abging. Und mit der heiligen Donarseiche, die Bonifacius bei Geismar fĂ€llte, krachte auch dieser Polytheismus zusammen, und aus ihrem Holz wurde eine christliche Kapelle gezimmert. Vom gewaltigen Werk der Reorganisation der verkommenen frĂ€nkischen Kirche, aus der Pracht seines Mainzer Erzbistums sehnte sich Bonifaz hinweg nach Friesland, um dort Willibrords und seiner eigenen Jugend Arbeit wieder aufzunehmen. Hier wurde er im Jahre 755 am Flusse Borne bei Dokkum wĂ€hrend der Firmung Neubekehrter von den Heiden erschlagen, indem er vergeblich sein Haupt gegen das Schwert im Tode mit dem schĂŒtzte, was ihm im Leben die schönste Erquickung geboten, mit dem Evangelienbuch. Aber nicht lange darauf wurde an der StĂ€tte, wo sein Blut vergossen wurde, nach dem Beschluß der Gemeinde und eines großen Teils des friesischen Volkes ein hoher Erd wall als Schutz gegen die EinbrĂŒche des Meeres errichtet und auf diesem eine Kirche erbaut. Und wie der FriesenfĂŒrst Abba den neuen Bau besichtigte, wurde plötzlich eine Quelle sĂŒĂŸen Wassers entdeckt. Dennoch wucherte noch zu Karls des Großen Zeit der heidnische Glaube im Friesenvolke wieder ĂŒppig empor, doch der beliebte, alte, blinde SĂ€nger Bemlef, der in den Dörfern des Hunsegaues die KĂ€mpfe der Friesen-könige zum Saitenspiele sang, wußte dabei die Zuversicht zum Heiland bei seinen Zuhörern lebendig zu erhalten. Um das Jahr 786 taufte Liudger ohne Hindernis aus dem heiligen Quell auf Helgoland und ließ auf der verwĂŒsteten OpferstĂ€tte des Gottes Fosete christliche Kapellen zurĂŒck. Doch SeerĂ€uber verjagten bald wieder die christlichen Einwohner und fingen die christlichen Kauffahrer ab, und erst im 11. Jahrhundert wurde die Insel dauernd dem Christentum gewonnen, nicht frĂŒher als das ferne Island.

Den zĂ€hesten Widerstand in Deutschland leisteten die benachbarten Sachsen. Bei ihnen lag das heidnische Priestertum in der Hand eines hochangesehenen Adels, und so stark war der Wille der Götter ĂŒber sie, daß ohne deren Befragung nichts unternommen wurde. Stimmten diese aber zu, so sammelte sich sofort ein kampflustiger Heerbann in den heiligsten Bezirken, den Grenzbezirken, in deren einem der rohe Baumstamm der IrminsĂ€ule ragte und die Eresburg, doch wohl der Sitz eines Gottes, als Ausfallstor diente. Aber den sĂ€chsischen Heiden war der gewaltigste Christ zum Zuchtmeister bestimmt, der Franke Karl der Große. Ihre AufstĂ€nde schlug er einen nach dem andern nieder — vergebens! Mehr als viertausend ihm ausgelieferte Sachsen vernichtete er durch die blutige Massenhinrichtung bei Verden a. d. Aller im Jahre 782 — vergebens! Endlich unterwarf sich 785 Widukind der Taufe auf der königlichen Pfalz zu Attigny. Karls Capitulatio de partibus Saxoniae, ein Glaubensgesetz vom Jahre 787 oder 788, bestimmte die hĂ€rtesten Strafen fĂŒr Hexen- und Leichenverbrennung, die nicht auf dem Kirchhof, sondern draußen auf der Heide vollzogene HĂŒgelbestattung der Toten, die Quellen-und Baum Verehrung und die Menschenopfer. Den Königsboten, die als Aufseher durch den Gau ritten, und den Missionaren wurde ein 30 Nummern starkes Verzeichnis der aberglĂ€ubischen BrĂ€uche, ein Indiculus superstitionum etwa vom Jahre 800, mitgegeben, auf die sie im Sachsenlande ganz besonders achten sollten. Das ist nun alles echt germanisch und nicht aus fremden BußbĂŒchem herĂŒbergeholt, und wir sehen hier zuerst die großen Glaubensgruppen rein hervorsteigen: den Seelenglauben mit seinen Totenopfern und Totenzauberliedern (dadsisas), den Elfenglauben mit seiner Verehrung der Quellen und WĂ€lder (nimidas), vereint mit dem Glauben an die mĂ€chtigsten Götter Jupiter und Mercurius d. i. Donar und Wodan. Das Notfeuer wird (bei Seuchen) angezĂŒndet, ein Yrias d. h. ein Umzug in zerrissenen Kleidern und Schuhen (zur Vertreibung des Winters) durch das Dorf unternommen und Unwetter durch Blasen in Hörner und Muscheln verscheucht. Nach einer dritten ungefĂ€hr gleichzeitigen Schrift, einem wahrscheinlich ostfĂ€lischen Taufgelöbnis, mußte der TĂ€ufling dem Teufel und aller Teufelsgilde und allen Teufelswerken und -Worten: Thunaer, Woden und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind, feierlich absagen. Diese drei Schriften zusammengefaßt bestĂ€tigen also einerseits die Meldung des Tacitus von den drei Hauptgöttem und ergĂ€nzen andererseits durch ihre Hinweise auf das mythologische Kleinleben seine in dieser Beziehung so mangelhafte Auskunft.

Trotz allen Maßregeln Karls und seiner Nachfolger dauerte der Heidenglaube in den abgelegenen Marschen noch im Beginn des 11. Jahrhunderts fort, wo Erzbischof Unwan von Bremen dort die heiligen Haine umhauen ließ, und jenseits der Elbe lebte der holsteinische Adel noch im 12. Jahrhundert in Vielweiberei und Verachtung der Fasten und des Klerus dahin, und das Volk verehrte Haine und Quellen.

Dieser mehrhundertjĂ€hrige Kampf des fremden Christengottes mit den nationalen Göttern, in dem so viele plötzliche Scheinbekehrungen und noch mehr wirkliche schwere RĂŒckfĂ€lle vorkamen, lehrt uns, wie der ReligionsWechsel des deutschen Volkes sich nicht mit der Raschheit einer jĂ€h aufleuchtenden Damaskusvision, sondern in langsamen und oft stockenden ÜbergĂ€ngen der Meinungeh und der Stimmungen vollzog. Im Gegensatz zu wenigen Einzelnen, die mit dem neuen Glauben ein neues Leben anfingen, brach die Mehrzahl der Getauften den Verkehr mit den verlassenen Göttern keineswegs ganz ab. Sogar die christlichen Geistlichen, in der kirchlichen DĂ€monenlehre aufgezogen, leugneten den Bestand dieser Götter nicht, sie galten ihnen fĂŒr Teufel und böse Geister, gegen die sie mit ihren Exorcismen zu Felde zogen. Dem Volke aber blieben die Götter noch lange die altvertrauten Freunde, die im Hause und draußen in Feld und Wald ĂŒber Wind und Wetter mehr Gewalt hatten, als der ferne vornehme Kirchengott in der Stadt. Der heilige Martin von Tours schlug sich mit Jupiter, Mercur, Venus und Minerva, die er fĂŒr Teufel hielt, Ă€hnlich derb wie sein großer Namensgenosse Martin Luther mit dem leibhaftigen Teufel auf der Wartburg herum. Dies geschah allerdings auf wesentlich romanischem Keltengebiet. Aber wir hörten soeben, wie in Hessen christliche Geistliche nicht vor Wuotanopfem zurĂŒckscheuten, und der heilige Liudger sah doch auch mit eignen Augen auf Helgoland die Heidengötter, wie sie vor dem emporgestreckten Kreuz gleich einem Nebel dahinfuhren. Das Volk aber blieb auch nach seiner Bekehrung dabei, daß seine FĂŒrsten von den Göttern oder doch ĂŒberirdischen Geistern abstammten. Jordanes nennt die Vorfahren des berĂŒhmten ostgotischen Königsgeschlechts der Amaler Anses d.h. Halbgötter. Die Herrscher der verschiedenen angelsĂ€chsischen Reiche leiteten sich auf ihren ausfĂŒhrlichen Stammtafeln von Woden ab, sogar Friedrich Barbarossas Zeitgenosse König Heinrich II. von England hielt noch im 12. Jahrhundert an dieser Herkunft fest. Nach einer Frankengeschichte aus dem 7. Jahrhundert hatte Merowech, der Ahnherr der Merowinger, einen dĂ€monischen Ursprung; sein Vater war ein plötzlich aus der Meerflut aufgestiegener Stier des Neptunus, also ein germanisches Wasserwesen. Anmutig erzĂ€hlt der Lango-barde Paulus Diaconus im 8. Jahrhundert, daß Wodan den Winilern, wie ein Vater seinem neugeborenen Sohne, den Namen „LangbĂ€rte“ und mit dem Namen auch eine Gabe, nĂ€mlich den Sieg, verlieh.

Obgleich nun auch noch das christliche Volk die Götter fĂŒr die Ahnherren seiner Könige hielt und sich mancherlei Gaben von ihnen versah, war doch der Glaube an sie nicht das widerstandsfĂ€higste Element des sĂŒdgermanischen Heidentums. Denn sie zeigten sich doch zu deutlich dem neuen Gottesideal, der Christengottheit, nicht gewachsen. Und wenn die drei schwersten kanonischen Verbrechen, fĂŒr die die Kirche Beichte und Buße verlangte, in frĂŒherer Zeit Mord, Unzucht und Götzendienst waren, so meinte man mit dem letzten nicht gerade vorzugsweise die Verehrung der großen Heidengötter, sondern vielmehr die der vielartigen Elfen, die tĂ€glich die Menschen umspielten, und die der Seelen, die doch noch immer mit den Hinterbliebenen verkehrten. Die einfachen, aber eifrigen Kulte dieser Wesen vermochte man nicht aus dem Leben des gemeinen Mannes herauszureißen; mit jeder neuen Jahreszeit, mit jeder neuen Weide-, Feld- und Waldarbeit erneuerten sich unausrottbar die alten feierlichen oder heiteren FestgebrĂ€uche wie die Blumen auf den Wiesen. Dem Götzendienst solcher Art trat nun die Geistlichkeit durchaus nicht immer streng strafend entgegen, sondern schlug den verhĂ€ngnisvollen Weg des Kompromisses ein, der streng genommen bis auf den heutigen Tag von ihr, namentlich vom katholischen Klerus, nicht verlassen worden ist. So lebt denn noch heute gar manches Heidentum auch unter dem Schutze der Kirche fort und ist sogar in ihr Inneres eingedrungen. In den SynodalbeschlĂŒssen der Geistlichen, in den BußbĂŒchern der alten irischen Mönche, wie der jĂŒngeren angelsĂ€chsischen und frĂ€nkischen Bischöfe und in denStraf Satzungen der Könige, insbesondere Karls des Großen, ĂŒberwog die Strenge, bis zu dem letzten großen Bußbuch des gelehrtesten Kanonisten seiner Zeit, des Bischofs Burchard von Worms (gestorben 1025). Mit dieser Richtung kreuzte sich aber eine andere milde, versöhnliche, die schon um 600 Papst Gregor der Große in seinem bekannten Briefe an den Abt Mellitus einschlug. Um die Angelsachsen leichter zum Christentum zu bekehren, rĂ€t er, solle man wohl ihre Götzenbilder, nicht aber ihre Tempel zerstören, diese vielmehr mit Weihwasser besprengen und mit AltĂ€ren und Reliquien versehen. An den gewohnten StĂ€tten, die nun Gott geweiht sind, werde die Menge sich gemĂŒtlicher fĂŒhlen und sich LaubhĂŒtten um diese Kirchen machen, um darin fröhlich die frĂŒher zu Opfern bestimmten Rinder zu verzehren. Das Ă€lteste heidnisch-christliche Kirchweihbild! Seitdem suchte man unabhĂ€ngig viele nationale BrĂ€uche und Vorstellungen mit den Riten und Dogmen der allumfassenden katholischen Kirche möglichst zu verschmelzen: das lehrt außer dem ganzen Festwesen namentlich der DĂ€monenglaube und das Segnen und Beschwören.

Ob nun gehegt, geduldet oder verfolgt und gefĂ€hrdet, das Heidentum umstrickte im FrĂŒhmittelalter das ganze Leben der schon christianisierten Sueven in Gallizien, der Burgunder und Westgoten im Rhonetal und in SĂŒdfrankreich, der Franken im ĂŒbrigen Frankreich, wie die im 5. und 6. Jahrhundert gehaltenen Synoden von Bracara, Arles, Auxerre und andere feststellten. Dem Heidentum dieser Völker waren aber manche nichtgermanische Elemente beigemischt, auch sprach die Hauptanklagen ein Kanon dem anderen nach, doch meist wohl nicht ohne Grund, weil der alte gleiche Aberglaube ĂŒberall fest haftete. Aus den einigermaßen als echt beglaubigten Mitteilungen dieser bis zu jenem Burchard von Worms reichenden Literatur setzt sich etwa das folgende umfassende Bild zusammen, das eine freilich jĂŒngere höchst willkommene ErgĂ€nzung zu dem Ă€lteren Glaubensbilde des Tacitus liefert.

Drei große Götter stehen, wenigstens im Sachsenlande, noch voran: Thunaer, Woden, Saxnot. Der Indiculus bekĂ€mpft die Opfer an den Tagen der beiden ersten, die er Jupiter und Mercur nennt, und Burchard noch die Donnerstagfeier. An diesen Tagen werden die Menschen geschlachtet sein, auf deren Opferung Karl der Grosse Todesstrafe setzte, und werden sich die zum Götterdienst zugehörigen ReigentĂ€nze auch noch in die christlichen Kirchen gedrĂ€ngt haben. Neben jenen zwei oder drei Göttern gedenken Primin von Reichenau und SpĂ€tere einer Minerva, die man beim Weben anrief, was an den spĂ€teren Anruf der Holda oder Bertha beim Spinnen erinnern könnte. Wie man diese deutsche Göttin sausend durch die Luft fahren hörte, so ritten auch nach Burchard Weiber in der Nacht mit einer Holda oder Frigaholda durch die Luft. Aber noch beliebter scheint bei den meisten StĂ€mmen der Dienst jener Unholde gewesen zu sein, die jenes Taufgelöbnis die Genossen der Götter nennt, die in (gute) Hulden und (böse) Unhulden geschieden werden. Auf die verschiedenartigen Elfen mĂŒssen sich auch die so oft erwĂ€hnten Opfer und GelĂŒbde beziehen, die an alten BĂ€umen, frischen Quellen, mĂ€chtigen Steinen und auf Kreuzwegen dargebracht werden, wobei man Mahlzeiten hielt, Lichter anzĂŒndete und aus Holz nachgebildete Glieder aufhĂ€ngte. In kleinen LaubhĂŒtten betete man um den Schutz der Flur und trug segnende Bilder ĂŒber sie hin. Den brennenden Holzklotz auf dem Herde beschĂŒttete man, um seine Asche zu befruchten, mit FrĂŒchten und Wein. Den Hof umzog man nach wohl schon indogermanischem Brauch mit einer Furche, wie es scheint, gegen Hexen, und man bereitete Schicksalsschwestem und Hausgeistern trank- und speisebesetzte Tische oder legte diesen Spielzeug und Schuhe hin. Zu Beginn des Jahres jagte man eine Hindin oder eine Kalbe unter lĂ€rmendem Unfug durchs Dorf; schon gegen Ende Februar klopfte man den Winter mit seinen Molchen, MĂ€usen und Motten aus den TĂŒrpfosten. Mondfinsternis verscheuchte man durch KĂŒbel- und Kesselschlagen, Hagelschauer durch Hornblasen. Das fiebernde oder neugeborene Kind wurde auf den Herd gesetzt und mit Wasser aus siedendem Kessel begossen, Vieh gegen Krankheit durch einen hohlen Baum oder ein Erdloch gezogen. Man legte Zauberbinden und Halsamulette an und gewann fĂŒr nicht genauer bezeichnete Zwecke durch Hölzerreibung das Nied- oder Nodfeuer. In der Nacht, zumal in der Neujahrsnacht stieg ein Weib, oder feierlicher ein schwertumgĂŒrteter Mann aufs Dach, die Zukunft zu erspĂ€hen, die man ebenfalls nachts auch auf dem Kreuzweg zu ergrĂŒnden suchte. Man achtete auf Vogelflug, Pferdegewieher und Niesen, hörte gern Wahrsagern und Wahrsagerinnen und traute Hexen die Kraft des Wettermachens zu. Jedermann aber sprach Zauberformeln ĂŒber KrĂ€utertrĂ€nke und Trinkhörner und bei zahlreichen anderen AnlĂ€ssen. Den Toten zu Ehren sang man die ,dadsisas‘, lange Totenzauberlieder, und hielt SchmĂ€use an ihren in der Heide fern abgelegenen GrabhĂŒgeln. Leichen von Kindbetterinnen und ungetauften Kindern durchstieß man mit einem Pfahl, daß sie zu den Lebenden nicht wieder zurĂŒckkehren könnten. Aber man verehrte auch nach dem Indiculus die Ahnen wie Heilige, wie göttliche SchutzmĂ€chte.

Die Kirche nahm sich als Verwalterin und Spenderin allen Segens und aller Beschwörung gern der alten Zauberformeln und -brĂ€uche an, die sie schwĂ€cher oder stĂ€rker umĂ€nderte. Ihr Anteil an der Ausbildung der Segensformeln ist noch keineswegs genĂŒgend beachtet: er erstreckt sich bis in die neueren noch heute gangbaren ZauberbĂŒcher, wie z. B. den Wahren Geistlichen Schild, ein Sammelsurium von Gebeten an die Heiligen und altheidnischen Formeln. Benediktionen sprach der Priester ĂŒber BrĂ€utigam und Braut, ĂŒber die Wöchnerinnen bei ihrem ersten Kirchgang, ĂŒber Kranke, ĂŒber Haus und Brunnen, Brot und Salz. Der kirchliche Segen schĂŒtzte das Kornfeld und den Obstgarten und weihte Banner und Schwert vor dem Kampf. Zu Ostern stellte man Speck und Brot, Eier und KĂ€se auf den Altar wider Unwetter. Vom Getreide schnitt man zu Himmelfahrt einige Halme und trug sie zur Segnung um den Altar; dasselbe geschah zu Jakobi (25. Juli) mit dem Obst, zu St. Sixt mit den Trauben. Durch die Synode von Cloveshoe, die Erzbischof Cuthbert von Canterbury 747 berief, erfahren wir, daß die schon lĂ€nger ĂŒbliche römische Litanei der drei Tage vor Himmelfahrt, wobei die Heiligenreliquien vorangetragen wurden, mit Spielen, Pferderennen und Mahlzeiten ausgestattet war, wie sie wahrscheinlich bei der Umfahrt einer alten Flurgöttin, wie der Nerthus, gebrĂ€uchlich waren. Christliches, Römisches und Germanisches durchdringt viele der angefĂŒhrten BrĂ€uche.

Aus diesem Kreise hohen und niederen Heidenglaubens, den die lateinischen Aufzeichnungen beschreiben, schlagen nun zum erstenmale ein paar ureigene Brusttöne, echt germanische KlĂ€nge, in einem Dutzend altdeutscher und angelsĂ€chsischer Segen und Zauber SprĂŒche an unser Ohr.

Höchst eigenartig tragen sie zunĂ€chst ganz episch einen typischen Fall vor, in welchem sich der Spruch gleichsam zum erstenmale wirksam gezeigt hat, dann erst die eigentliche Zauberformel. Die Ă€ltesten sind die beiden nach ihrem Fundort sogenannten Merseburger ZaubersprĂŒche, zwei in nicht immer genauem Stabreim verfaßte, im 10. Jahrhundert aufgezeichnete Gedichte, die seltsam genug einem Missale vorangestellt sind. Den einen spricht ein Kriegsgefangener, der erzĂ€hlt, wie von drei Haufen zur Schlacht herabgeflogener Idisi d. h. göttlicher Weiber der eine hinter dem Heer der Landsleute die gefangenen Feinde fesselt, der zweite sich dem feindlichen Heer entgegenwirft und der dritte hinter diesem Heer ihn selber entfesselt und ihm zuruft: „Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden!“ Nach dem zweiten Segen, der ĂŒber ein lahmes Pferd gesprochen wurde, verrenkte auf einem Ritt Phols und Wodans zum Walde das junge Tier Balders (d. i Phols?) seinen Fuß, worauf vier offenbar göttliche Weiber Sinthgunt und Sunna, Fria und Volla und endlich der zauberkundige Wodan mit einer alten indogermanischen Formel Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu Gliede erfolgreich besprachen. Die ungefĂ€hr gleichzeitigen angelsĂ€chsischen Zauberlieder sind zum Teil von ausfĂŒhrlichen Anweisungen in Prosa umgeben. Das eine fleht die Siegweiber an, nicht zum Walde fortzufliegen, sondern sich zur Erde herabzulassen. Nach einem andern ritten mĂ€chtige Frauen, Hexen, ĂŒber den Berg und sandten gellende Speere, Götter-, Elben- und Hexengeschosse, die in den Körper des Beschworenen gedrungen ihn (durch Milzstiche?) krank gemacht haben. Der Beschwörer hat ihnen einst, als sie ihn bedrohten, ein Messer entgegengeworfen, er fleht, das Hexengeschoß solle schmelzen, die Zauberin in die Wildnis fliehen. Der Herr möge helfen!

Auch war die Kirche bereit, heidnische Beschwörungen mit ihren christlichen Exorzismen zu verschmelzen. So bannte sie z. B. die DĂ€monen nach altdeutscher Weise gern in das Meer, und es ist möglich, daß sie schon im FrĂŒhmittelalter die seit dem 12. Jahrhundert bezeugten Tiermalediktionen und -exkommunikationen vorbereitete, welche, wie aus dem 2. Kapitel deutlicher werden wird, den Heidenglauben an die in gewissen schĂ€dlichen Tiergattungen wohnenden Menschenseelen oder DĂ€monen vorauszusetzen scheinen. Das erste umfassendere Beispiel der Verschmelzung heidnischer und christlicher, beziehungsweise antiker Vorstellungen liefert die große angelsĂ€chsische Ackerbuße ums Jahr 1000, die einen unfruchtbaren, verhexten Acker bessern soll. Die Kirche erkennt darin die heidnische Heiligung des ersten Pflugganges, die den indogermanischen Völkern gemeinsam war, dadurch gern an, daß sie diese, aber nur teilweise, verchristlicht. Gott und Maria werden neben (den Göttinnen?) Erke und Folde in einem „gealdor“ Zauberspruch angerufen. Mit dem Weihrauch und den Weiheformeln der Kirche mischt sich der Duft heiliger indogermanischer Ackerpoesie. Der NeunkrĂ€utersegen, der ĂŒber jedem der neun empfohlenen HeilkrĂ€uter dreimal gesungen wird, bevor dem Kranken die daraus gefertigte Salbe aufgestrichen wird, schwelgt in echt angelsĂ€chsischer breiter Ausmalung, ohne römische Gelehrsamkeit und christlichen Einfluß zu verleugnen.

Nicht so weit ist dieser Verschmelzungsprozeß in der deutschen und englischen Poesie gediehen. Doch schlĂŒpften nicht nur in ihre christlichen Epen einzelne heidnische ZĂŒge, sondern auch umgekehrt in die Mythen und Sagen ihrer Heldendichtung manche christliche ZĂŒge ein.

Christlichen Einfluß in dem schon angefĂŒhrten angelsĂ€chsischen Epos Beowulf verraten namentlich die Reden, die eine weiche, fast unheroische Stimmung durchzieht. Umgekehrt nĂ€hern sich im etwas spĂ€teren Heliand, der altsĂ€chsischen Messiade vom Jahre 830, Christus und sein Gefolge deutscher Weise. An den Himmel und die Engel des Evangeliums setzt sich ein leiser deutscher Duft; von der grĂŒnen Gottesaue rauschen die Engel in vollen Federhemden herab. Altheidnisch heißt das Schicksal Wurd oder auch Metodo Giscapu die BeschlĂŒsse der Messenden. Noch ums Jahr 1200 ĂŒbertönt all die christlichen Hymnen und Legenden, all die innigen und sinnigen Minnelieder und all die feinen und tiefen Ritterepen das Nibelungenlied vermöge der ĂŒberwĂ€ltigenden heidnischen Leidenschaft einer uralten Heroensage. Zwar das einstige Hauptthema, der Drachenkampf, ist zu einem eindruckslosen Nebenmotiv eingeschrumpft, die Riesen und Zwerge sind zurĂŒckgedrĂ€ngt und BrĂŒnhild hat ihren WalkĂŒrenglanz eingebĂŒĂŸt. Aber die heidnische Blutrache durchzuckt noch mit furchtbarem Leben das Ganze, und eine der schönsten Scenen des Gedichts atmet noch das volle frische heidnische NaturgefĂŒhl. Es sind doch noch zwei echte Idisi, die der grimme Hagen an der Donau belauscht, wie sie sich in einem stillen Waldquell kĂŒhlen, gleich Vögeln auf der Flut schwebend. Da spricht die eine listig, um ihr von ihm geraubtes Gewand wieder zu bekommen, daß die Burgunder in Etzels Land zu großen Ehren reiten; da spricht die andere wahrhaftiger und fliegt mit dem wiedergewonnenen Kleide davon —:

„Ihr habt alle den Tod an der Hand!“

Ein letztes MeisterstĂŒck deutschheidnischer Poesie mitten im Mittelalter! Doch zahlreichere und noch vollere suchen wir nun im germanischen Norden auf.


3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen von 800—1300. Gerade um das Jahr 800, als die Bekehrung der Deutschen mit der Taufe der letzten Friesen und Sachsen einen gewissen Abschluss gefunden hatte, tat sich den christlichen Glaubensboten eine neue, bis dahin kaum bekannte germanische Heidenwelt auf. Die dĂ€nischen BuchenwĂ€lder, die schwedischen Seenplatten, die tief eingeschnittenen norwegischen Felsenfjorde waren seit unvordenklicher Zeit von germanischen Bauern und Schiffern besiedelt, und ihre kĂŒhnen Fahrzeuge beherrschten frĂŒh die Ostsee und dann auch die Nordsee. Um 800 begannen die Wikinger in dichteren Geschwadern in die mitteleuropĂ€ischen Kulturstaaten einzudringen.

Damit treten sie ins historische Licht. Aus der vorangegangenen, der rein heidnischen, Zeit wissen wir fast nichts. Selbst die Inschriften der Runensteine, deren Ă€lteste bei den Norwegern wohl erst nach ihrer BerĂŒhruug mit den Briten Vorkommen, liefern nur spĂ€rlichste Nachrichten ĂŒber das nordische Heidentum. Wir lesen von diesen Grabsteinen keine Hoffnung auf ein Jenseits ab, nur selten mehr als den Namen des Runenritzers und den des Begrabenen. Doch sind einige unter Thors des Donnergottes Schutz gestellt nicht nur durch ein Abbild seines Hammers, sondern auch durch den Heilsspruch:

„Thor weihe diese Runen“,

oder

„Thor weihe diesen HĂŒgel“,

wie denn ein „Weihe, Thonar“ auch auf eine deutsche zu Nordendorf bei Augsburg gefundene goldene Spange eingeritzt ist. Kleine silberne ThorshĂ€mmer, die wie die christlichen Kreuze an einer Halskette getragen wurden, sind hĂ€ufig gefunden w orden. Schon im 9. Jahrhundert aber rĂŒhmt sich der dĂ€nische König Harald BlĂ„tand auf einem Grabstein, den er bei Jellinge in der Mitte JĂŒtlands seinen Eltern, Gorm und Thyra, errichtet hatte, daß er sich ganz DĂ€nemark und Norwegen unterworfen und die DĂ€nen zu Christen gemacht habe. Und wie ein heiliger Zeuge breitet auf dem Stein das Bild des Heilands seine mit BĂ€nderschmuck umschlungenen Arme aus. Die heidnische Skulptur hatte auch bei den Nordgermanen nur ein kurzes Leben!

Die Zeugnisse der nordischen Literatur sind erst viel spĂ€ter auf gezeichnet, jedoch zum Teil noch in der Heidenzeit oder in der Bekehrungszeit, also im 10. und 11. Jahrhundert, entstanden und seitdem durch mĂŒndliche Überlieferung mehr oder minder treu bewahrt. Unsere Überraschung darĂŒber, daß wir aus ihren drei Hauptgruppen, der islĂ€ndischen Saga, der norwegisch-islĂ€ndischen Skaldendichtung, der dĂ€nischen Geschichtschreibung des Saxo Grammaticus, von dem untergehenden Heidenglauben keineswegs ein einheitliches Bild gewinnen, wird schwinden, wenn wir der historischen Entwicklung des Nordens gedenken.

Vor dem ĂŒberwĂ€ltigenden Eintritt der Nordgermanen in die Weltgeschichte war ihr Heidentum zwar in seinem Kerne dem deutschen Ă€hnlich, doch nicht mehr gleich. Namentlich seine alten Riesenmythen verraten, daß es in einer durchweg wilderen und großartigeren Natur als das deutsche, mitten unter Felsen und auf Meeren, groß geworden ist. Die starken GegensĂ€tze zwischen der dĂŒsteren Schroffheit und der lachenden Freundlichkeit dortiger Landschaften mögen auch den Gegensatz des unterweltlichen und des himmlischen Jenseits gesteigert haben. Auch hatten die Skandinavier fast ein halbes Jahrtausend lĂ€nger als die Deutschen Zeit, ihre Götterwelt, bevor der Christenglaube zerstörend in sie hineinfuhr, feiner und personenreicher auszugestalten. Dazu gewann oder behauptete in DĂ€nemark Odin, der deutsche Wodan, dagegen in Norwegen und Island Thor, der deutsche Thunar, und in Schweden, wie es scheint, Frey(r), ein den Deutschen unbekannter Gott, die Obergewalt. Auch war die zwar vielnamige, aber doch gleichartige Hauptgöttin der Deutschen im Norden in zwei verschiedene Göttinnen, Frigg und Freyja, gespalten. Die drei großen Ereignisse aber, welche die nordischen StĂ€mme in die Weltgeschichte einfĂŒhrten, lenkten nun auch ihre Mythologie in neue Bahnen. Die Eroberung des weiten LĂ€nderringes der Nordsee machte sie namentlich in Irland und Großbritannien mit den dortigen heimischen oder fremden Mythen, Sagen und Dichtungen bekannt, von denen sie manche in ihren alten Mythenbestand herĂŒbernahmen. Das ums Jahr 900 stolz sich erhebende Reichskönigtum Harald Schönhaars, das alle die kleinen norwegischen FĂŒrstentĂŒmer verschlang, umgab sich mit vornehmen, streng geschulten Skalden oder Hofdichtern, die den alten Volksglauben immer mehr in freie und dazu oft sehr gekĂŒnstelte Poesie verwandelten. Endlich griff schon im 9. Jahrhundert der Christenglaube das nordische Heidentum an, das denn auch ums Jahr 1000 fast ĂŒberall erlag oder sich scheu in die Verborgenheit zurĂŒckzog.

Von den Sagen oder Sögur sind die wichtigsten die sogenannten Fornaldarsögur Nordrlanda die alten Sagen der Nordlande und die Aettarsögur die Geschlechtersagen, von denen jene von den nordischen Königsgeschlechtern vor Harald Schönhaar, diese meistens von den Schicksalen islĂ€ndischer Familien um das Jahr 1000 erzĂ€hlen. Beide sind aber erst etwa zwischen 1200 und 1500 aufgezeichnet. Die alten Nordlandssagen, die aus noch Ă€lteren Liedern entsprangen, beginnen gern mit der RĂ€chung des Todes des Vaters durch seinen heldenhaften Sohn, fahren dann mit dessen Werbungsabenteuem fort, um mit seinem Tode als tragischem Hauptereignis zu schließen. Von ĂŒbernatĂŒrlichem Wesen tritt fast nur Odin auf, um sein menschliches Lieblingsgeschlecht zu seinem Ziel zu fĂŒhren. Die Völsungasaga, die wir gewöhnlich die Nibelungensage nennen, ist das großartigste Beispiel. In den spĂ€teren Nordlandssagen wird der mit dem Tode spielende Wiking das Königsideal, dessen Leben aus einer ununterbrochenen wilden Heerfahrt besteht. Nicht nur Menschen bald in der Schlacht, bald im Zweikampf erlegt der Held, sondern auch Riesen. Immer mehr wird die Sage zum MĂ€rchen, das immer mehr erstarkende Motiv der Liebe macht sie zum Roman, so die berĂŒhmte Fridthiofssage. Aber noch ragt hie und da das mythische Element hinein: der Held bringt einen Teil seiner Jugend bei Riesen zu, und sein Vertrauen auf eigne Kraft und StĂ€rke versagt oft gegenĂŒber den höheren MĂ€chten. Die spĂ€testen Heldensagen sind „LĂŒgensagen“, die uns bis nach Indien zu allen möglichen Ungeheuern fĂŒhren.

Weit wichtiger und noch weit weniger von fremdem Einfluß berĂŒhrt ist die islĂ€ndische Familiensage. Sie entstand aus den Ahnengeschichten, mit denen man sich auf den einsamen Höfen die langen Winterabende vertrieb. Sie reifte zur Kunst heran, wenn sie bei Hochzeiten, ErbmĂ€hlem und in den hellen MittsommernĂ€chten auf dem Althing, in der großen Volksversammlung, die Menge ergötzte. Diese aus der islĂ€ndischen Gesamtsaga hervorgehobene Geschlechtersaga drehte sich um das Jahr 1000, das Jahr der Bekehrung, als Angelpunkt, um die Schicksale der ersten Ansiedler und ihrer Familien. Das Sterbemotiv der alten Heldendichtung kehrt in ihr oft als Grundzug wieder. Von einem Geschlecht dem andern mĂŒndlich ĂŒberliefert, wurden die Sögur, wenigstens die meisten, wahrscheinlich von christlichen Geistlichen bearbeitet und niedergeschrieben, aber nicht von fremden, sondern aus dem heimischen Adel entsprossenen Geistlichen. Daher die staunenswerte Unparteilichkeit, mit der der heidnische Glaube und Brauch behandelt wird, daher das tiefe VerstĂ€ndnis der vielen so eigenartigen Charaktere der Saga, und endlich die nur aus langer Schulung erklĂ€rbare Darstellungskunst. So entwerfen diese ausfĂŒhrlichen historischen Prosaromane ein Bild jener leidenschaftlichen, gewalttĂ€tigen Ahnenzeit auf dem HintergrĂŒnde des sinkenden Götterglaubens. Es wird gleichsam von den Seiten her beleuchtet, namentlich durch zwei große Geschichtswerke, die Landnamabok, das Buch von der Besitznahme Islands, und durch die Heimskringla, den Weltkreis Snorre Sturlusons im 13. Jahrhundert, die einen Cyklus meist Ă€lterer norwegischer Königssagen enthĂ€lt.

Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts suchten viele Nordleute, meist vornehmen Geschlechts, die entweder durch Harald Schönhaars Druck aus Norwegen oder durch die Übermacht der Kelten aus Irland vertrieben waren, das ferne Island auf. Beim Abschied von der Heimat brach der HĂ€uptling aus seinem „Hof“, dem Tempel seines stĂ€rksten Gottes, des Donnergottes Thor, die heiligsten Balken heraus und trug sie samt einiger Tempelerde und dem Hochsitz, dem Ehrenstuhl des Hausherrn, in sein Schiff. Kam dann nach etwa achttĂ€giger Fahrt die islĂ€ndische KĂŒste in Sicht, so warf er die mit Thors Schnitzbild verzierten Stuhlpfeiler ĂŒber Bord. Wo sie antrieben, wies ihnen der Gott die neue HeimstĂ€tte an. Mit einem Feuerbrand umlief der Hausherr möglichst viel Weideland fĂŒr Pferd, Rind und Schaf. Das war nun sein Eigen. Neben den Wohn- und WirtschaftsgebĂ€uden zimmerte er einen neuen „Hof“, in , dem er als Gode d. h. Priester, Richter und Gesetzgeber in einer Person den Dienst besorgte, und fĂŒr dessen Benutzung er von seinen Freunden und Nachbarn einen Zoll erhob. Aus 39 solcher Godengemeinden bildete sich ums Jahr 930 der islĂ€ndische Freistaat. Diese heidnische Grundlage des Staats wurde aber bald bedroht. Schon unter den LandnahmemĂ€nnem gab es einige Freidenker, die nicht auf die Götter, sondern nur auf ihre eigene Kraft vertrauten. Hjörleif, der Pflegebruder Ingolfs, des Entdeckers der Insel, wurde von seinen eigenen Knechten erschlagen, wobei Ingolf ausrief:

„So mag es jedem ergehen, der den Göttern nicht opfern will!“

Aber auch Christen begegnen schon in dieser ersten Landnahmezeit, Christen oft sonderbarer Art. Helgi, der Magre, ein Enkel des Irenkönigs Kjarval, glaubte an Christus, aber vor dem Kampf oder der Seereise rief er Thor an. Die reiche Christin Audr wurde spĂ€ter von ihren Nachkommen, die wieder ins Heidentum zurĂŒckgefallen waren, wie eine Göttin durch Opfer geehrt. Der blutbefleckte Vigastyrr ließ, ohne seine Gesinnung zu Ă€ndern, eine Kirche bauen: so viele darin Platz fanden, so viele konnte ein Kirchenstifter zum Himmelreich kiesen. Erst im Jahre 1000 vollzog sich das allgemeine ,sidaskipti‘, der Sitten- oder Glaubenswechsel, auf Island. Auf dem Althing dieses Jahres ging der Gesetzsprecher Thorgeir, der höchste Beamte des Freistaats, dem die Entscheidung ĂŒber diesen Wechsel ĂŒbertragen war, in sein Zelt, legte sich auf den Boden nieder und verharrte so, ein großes Tuch ĂŒber sein Haupt gebreitet, schweigend darin einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Dann aber sprach er vom Gesetzberg des Thingfeldes herab:

„Mir scheint es ein UnglĂŒck, wenn die MĂ€nner hier im Lande nicht ein und dasselbe Gesetz haben, denn wenn wir das zerreißen, so zerreißen wir den Frieden.“

Darum schlug er den Vergleich vor: Alle IslĂ€nder empfangen die Taufe. Aber nach wie vor ist erlaubt die Kinderaussetzung — die in der Not ahgewendet wurde —, ferner der zumal beim Götteropfer ĂŒbliche Genuß des Pferdefleisches und drittens sogar das Götteropfer selber, falls es insgeheim geschieht. Die Annahme dieses seltsamen Vergleichs rettete das Land vor dem BĂŒrgerkrieg. Im Dom zu Bremen weihte ein halbes Jahrhundert spĂ€ter, 1056, der gewaltige Erzbischof Adalbert den IslĂ€nder Isleif zum ersten Bischof der Insel.

In diesen bewegten Zeiten spielen die meisten wichtigsten islĂ€ndischen Sögur oder Sagen. Sie haben durchweg keinen streng geschichtlichen Charakter. Aber indem sie die Schicksale von Königen, HĂ€uptlingen, Goden, Skalden und hervorragenden Bauern, deren RechtshĂ€ndel, Fehden und Liebschaften, Gilden- und ThingrĂ€nke, BlutsbrĂŒderschaften, Blutrachen und Brandlegungen, Bekehrungen und TreubrĂŒche mit oft ĂŒberraschender Seelenkunde und Realistik und einem ĂŒber dem oft so dunklen Grunde schwebenden grausamen Humor erzĂ€hlen, geben sie uns ein unvergleichlich wahres Kulturbild. Sie stellen uns mitten in die scharfe Luft des Nordens, auf seinen harten Boden, mitten in das rauhe Treiben und Glauben seines Volkes. Die durch heiligen Frieden geschirmten Tempelhöfe stehen jetzt in klarem Umriß vor uns mit ihren Götterbildern, eisenbeschlagenen AltĂ€ren, Eidringen, Kesseln, um die sich zu mancherlei Opfern die Gemeinde unter ihrem Goden in der hohen Holzhalle versammelt. Vor dem Tempel lag wohl auch ein blutbesudelter Stein des Gottes Thor, der Thorstein, auf dessen Kante dem zum Opfer bestimmten Verbrecher das RĂŒckgrat zerbrochen wurde. Von HeiligtĂŒmern Odins, den wir doch als Wodan an der Spitze der deutschen Götter fanden, ist kaum die Rede, aber ĂŒberall von Thorshöfen, Thorsbildern, Thorsfesten und nach Thor genannten Örtern und Personen. Ein Thorshof war der berĂŒhmteste norwegische Tempel zu Maeri in Throndheim, wie denn auch in Norwegen von allen Heidengöttem der Bauerngott Thor am stĂ€rksten den Bekehrern widerstand; auf Island war der Thorshof der Mittelpunkt fast aller Godengemeinden. Thor heißt der ,Meist-Ausgezeichnete‘, auch kurzweg der As d. i. Gott oder der Landesgott, der allmĂ€chtige Gott, der AsenfĂŒrst. In den Götteranrufen bei SchwĂŒren, FlĂŒchen und MinnetrinksprĂŒchen fehlt Thor am seltensten. In Not und Gefahr wendete man sich am liebsten an seinen starken und raschen Beistand, in Ungewißheit ĂŒber die Zukunft an sein Orakel. Ein Thorsbild trug man gern bei sich in der Tasche oder umging mit diesem das Land, um WiderwĂ€rtigkeiten davon wegzuscheuchen. Nicht einmal die zweite Stelle wurde Odin zuteil, sondern jenem, den Deutschen unbekannten Gotte Frey(r). Dieser galt fĂŒr den Ahnherrn des berĂŒhmten nordischen Königshauses der Ynglinger. Namentlich auf der Wintergilde wurde er begrĂŒĂŸt; ihm fielen Stieropfer. Auf Island war sein leidenschaftlichster Verehrer der Gode Hrafnkel, der ihm all sein Bestes, seine Waffen und seinen stolzen Schecken, den Freysfaxi, weihte. Da er aber trotzdem in UnglĂŒck gestĂŒrzt wurde, verzweifelte er an allen Göttern. Auch Freys Vater Njörd(r) wurde gefeiert; auch Freys Bildchen hatte man gern bei sich.

Höchstens in der Heimskringla tritt neben Thor und Frey Odin bedeutender hervor. Nach volkstĂŒmlicher Art findet er sich hier als ein einĂ€ugiger Greis zu nĂ€chtlichem GesprĂ€ch beim christlichen König Olaf Tryggvason ein, um im Morgengrauen, ein Bild hinschwindenden Heidentums, plötzlich spurlos zu entweichen. Daneben wird er von Snorre nach der damals beliebten euhemeristischen Auffassung, die in den alten Göttern bloße ungewöhnlich begabte Menschen der Vorzeit sah, in das falsche Licht eines großen Zauberers und Oberkönigs gerĂŒckt, der die andern Götter zu seinen Hofpriestern einsetzt. Älter ist wieder, wenn er in einigen Sagen den todweihenden Speer oder Rohrstengel ĂŒber die Feinde wirft. Vom Gotte Balder, der in der Skaldenpoesie eine so wichtige Rolle spielt, weiß diese ganze reiche Sagenliteratur nichts, ausgenommen die junge und willkĂŒrlich erfundene Fridthiofssage des 13. oder 14. Jahrhunderts, die auch zum erstenmal die Liebe in den Mittelpunkt stellt. Sie weiß somit auch nichts von dem geheimnisvollen Bunde des Vaters Odin und seines Sohnes Balder, um den sich in der Skaldenpoesie das Schicksal der Götter, ja der ganzen Welt dreht. Die OdinsbrĂŒder Hoenir und Lodur und vollends Vili und VĂ©, sowie die BalderbrĂŒder Höd(r), VĂ€li und Vidar sind unbekannt, aber auch Heimdall und Loki.

Von Göttinnen verlautet auch nicht viel, doch speisen nach der Egilssage die verstorbenen Weiber bei der Göttin Freyja, die auch öfter in Schwurformeln vorkommt. DafĂŒr ist der Glaube an halbgöttliche Weiber, die Disir, deren Opfer mehrfach erwĂ€hnt wird, stark entwickelt. In der Njalssage weben die WalkĂŒren unter grausigem Gesang das bluttriefende Gewebe des Schicksals. Thorgerd und Irpa, zwei Begleiterinnen Thors, schleudern walkĂŒrenhaft aus jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihres SchĂŒtzlings entgegen. Luft und Erde wimmeln von Geistern oder Wichtem, die dem Menschen viel Böses zufĂŒgen, aber auch als Landwichter die Heimat schĂŒtzen, sowie von mannigfachen Alfen Elfen, denen man gern opfert, denn sie haben auch hilfreiche GemĂŒtsart. Unholdinnen und Hexen, Abendreiterinnen (Kveldridur) genannt, fahren im Dunkel daher. Zauberer bewirken durch Schwingen eines Ziegenfells schweres Unwetter, umziehende Wahrsagerinnen (Völur) kĂŒnden die Zukunft, die sie draußen sitzend auf Kreuzwegen erfahren haben. Tiefer noch greifen ins persönliche Dasein die Fylgjur oder Hamingjur, die weiblichen Folge- oder Schutzgeister, ein und die schwarzen und weißen Traumweiber.

Mehrere Helden sind Halbtrolle oder Halbriesen oder deren Nachkommen, manche MĂ€nner können Tiergestalt annehmen oder sind Berserker. Zu betonen ist, daß die Toten nicht nach Walhall, sondern in die Berge fahren und in deren Schoße Gelage halten. Leidenschaftliche oder wĂ€hrend ihres Lebens zu kurz gekommene oder ermordete Menschen stehen aus ihrem Grabe auf, um sich als unheilstiftende WiedergĂ€nger zu rĂ€chen, von denen namentlich die Eyrbyggjasaga und die Grettissaga grausige Beispiele zu erzĂ€hlen wissen.

Dieser Gesamtglaube der Saga stimmt genau zu dem der historischen Nachrichten des Nordens, weil er aus dem echt nationalen Seelenleben der Ostskandinavier quillt, und deshalb klingt er auch in mehreren HauptzĂŒgen mit dem von Tacitus und den karolingischen KirchenmĂ€nnem geschilderten Glauben der SĂŒdgermanen zusammen. Freundlichere ZĂŒge sind mit schrecklicheren untermischt, und das dumpfe Grausen aller Ă€lteren DĂ€monenverehrung scheint im Volke noch der hingebungsvollen Andacht des Götterdienstes die Wage zu halten. Nur hin und wieder ist ein Zug des christlichen Glaubens eingeschlĂŒpft, und vielleicht ist der Brauch, an gehobenen oder dramatischen Stellen den Fluß der Prosa durch metrische Monologe oder Dialoge zu unterbrechen, der Fremde entlehnt, da die gesamte Literatur der ĂŒbrigen Germanen kein derartiges Beispiel darbietet, wohl aber die irische SagenerzĂ€hlung denselben eigentĂŒmlichen Wechsel kennt.

Weit stĂ€rkere EinflĂŒsse der irischen und der angelsĂ€chsischen Kultur zeigt die Skaldendichtung. Schon im 7. Jahrhundert wurde eine Wikingerflotte nach Irland verschlagen, schon um 725 zogen sich die irischen Einsiedler vor den nordischen SeerĂ€ubern von den FĂ€röern zurĂŒck. Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts, dem Beginn der eigentlichen Wikingerzeit, standen namentlich Norweger in bald friedlichem, bald feindlichem Verkehr mit dem irischen Volk, dessen leicht entzĂŒndlicher Geist schon im 5. Jahrhundert den christlichen Glauben feurig ergriffen hatte. Die gelehrten SĂ€nger an den Höfen seiner Teilkönige und die Mönche seiner ĂŒberaus zahlreichen Klöster hatten bereits in der vor 800 liegenden 200 jĂ€hrigen Periode eine nationale und daneben eine christliche-klassische Literatur unter Virgils und Ovids Einfluß zur BlĂŒte gebracht. Irland war damals der Zentralherd des abendlĂ€ndischen Geisteslebens, dessen Flamme auch die Nordleute erwĂ€rmte. Denn da diese die grĂŒne Insel nicht bloß verheerten, sondern auch besiedelten und Reiche auf ihr grĂŒndeten, mit der einen irischen Partei sich gegen die andere oder auch gegen ihre dĂ€nischen Stammverwandten verbrĂŒderten und hĂ€ufig Ehen mit irischen Weibern schlossen, so daß schon um 850 zahlreiche Mischlinge, die Gall-Gaedil d. h. Wikingeriren, dort lebten, so mußten sie mit der damals aller andern abendlĂ€ndischen weit ĂŒberlegenen Kultur Irlands genau vertraut werden. Gewiß bereicherten auch die Skandinavier des 9. und 10. Jahrhunderts den irischen Heldencyklus mit einzelnen heroischen ZĂŒgen, die irische Sprache mit manchen AusdrĂŒcken der Bewaffnung, der Schiffahrt und des Gelages. Aber deutlicher und bedeutender war jedenfalls der entgegengesetzte Einfluß, den die Kelten auf ihre normannischen Mitbewohner ĂŒbten. Die normannische Kleidertracht wurde nach der irischen umgewandelt, der Ă€ltere Stil der Ornamentik der trefflichen irischen Metallarbeiten drang bis nach der Insel Gotland vor, und der jĂŒngere beherrschte den ganzen Norden. Auch der Aufschwung der altnordischen Holzbaukunst wurde durch irische Muster geweckt. Olaf der Pfau ließ um 1000 durch irische Handwerker einen Palast auffĂŒhren, dessen bunt bemalte Schnitzereien u. a. den Fischzug des Thor und den Leichenbrand Balders darstellten. Konnte es da ausbleiben, daß Sprache, Dichtung, ĂŒberhaupt die innere Welt der Skandinavier ebenfalls die Gewalt dieser ĂŒberlegenen Bildung verspĂŒrte? Neben manchen angelsĂ€chsischen Wörtern finden wir einzelne kulturbedeutsame irische nicht nur in der alten nordischen Kunstpoesie, sondern auch noch in den heutigen norwegischen Mundarten. Irische Namen bĂŒrgerten sich bei Nordleuten ein, und Kormak z. B. ist ein berĂŒhmter irischer SĂ€nger, ein File, und zugleich ein berĂŒhmter islĂ€ndischer Skalde. Eine der sĂŒdlĂ€ndischen Schwanjungfrauen im eddischen Wielandslied heißt Tochter König Kjars von Walland d. i. des 887 verstorbenen sĂŒdirischen Königs Kjarvals, der die Wikinger bald heranrief, bald bekĂ€mpfte. Aber was wichtiger ist: an den irischen Höfen hatten vor Alters sorgfĂ€ltig geschulte und besoldete Dichter eine kĂŒnstliche Lob- und Preispoesie auf ihre FĂŒrsten ausgeklĂŒgelt. Das Emporkommen solcher höfischen Dichtung wurde gewiß auch in Norwegen durch des Einwaldi oder Monarchen Harald Schönhaar prunkenden Hofstaat befördert. Die nordische Skaldenpoesie wĂ€re an sich auch ohne fremden Einfluß begreiflich. Aber wenn nun diese Skalden, auch die Ă€ltesten, nicht in schlichten germanischen Volksweisen die Helden der Vorzeit besingen, sondern wie die irischen gelehrten Dichter, die File, in gekĂŒnstelten, nicht nur mit dem Stab-, sondern auch dem End- und Binnenreim geschmĂŒckten Versmaßen den lebenden FĂŒrsten, von dessen Freigebigkeit auch sie lebten, und wenn sie diesen FĂŒrsten auch wie die irischen den MĂ€ster der Wölfe nennen und ihn mit dem wohl in Irland, nicht aber im Norden heimischen Eber vergleichen, so fĂ€llt es schwer, die Annahme einer starken Einwirkung der Ă€lteren irischen Hofpoesie auf die jĂŒngere ihrer Landesfreunde und Landesgenossen abzuweisen. KĂŒhne Bilder und Umschreibungen liebte auch der altgermanische, namentlich der angelsĂ€chsische Dichter. Aber die Gewaltsamkeit und Übertriebenheit des Ausdrucks, zu der allerdings alle Hofpoesie drĂ€ngt, mochten die Skalden wohl von den in Schwulst schwelgenden irischen File gelernt haben, vielleicht auch die Sucht, auf bekannte oder entlegene Mythen anzuspielen. Unleugbar: die Technik, der Stil, die Tendenz der skandinavischen Skaldendichtung ist keiner andern, auch keiner germanischen Dichtart so nahe verwandt wie der Kirnst der irischen File.

„Irische Gedichte aus dem 10. Jahrhundert und noch frĂŒherer Zeit stimmen nach Form und Inhalt so genau mit einem der Ă€ltesten skaldischen Gedichte, dem YnglingatĂ€l, daß sie geradezu als Vorbilder desselben betrachtet werden mĂŒssen.“

Schon die Ă€ltesten Skalden des 9., geschweige denn die weitumgetriebenen und in der Fremde geehrten Skalden des 10. Jahrhunderts, konnten nicht ohne alle Kunde von der neuen Religion Christi bleiben, der die von ihnen gefeierten Könige ergeben waren. Im 9. Jahrhundert nĂ€herte sich aber auch schon Harald Schönhaar dem Christentum, als dessen gewaltigste VorkĂ€mpfer dann die beiden norwegischen Könige Olaf Tryggvason und Olaf der Heilige auftraten. Alle drei waren von den berĂŒhmtesten Skalden umgeben. Die Haraldsskalden waren noch ausnahmsweise Norweger, nicht IslĂ€nder. Sie zehrten noch ausschließlich vom alten Mythus und stellten die Taten ihrer FĂŒrsten auf den Hintergrund der Drachen- und RiesenkĂ€mpfe Thors, und das Königshaus der Ynglinger leiteten sie vom Gotte Freyfr ab. Also beherrschte sie noch der volkstĂŒmliche Sagaglaube. Das Ă€nderte sich alsbald mit dem Übergang der Skaldenkunst auf die islĂ€ndischen, in der Fremde bewanderten SĂ€nger. Diesen wurde im Gegensatz zum heimischen Volksglauben Odin der höchste Gott, wie er es schon lĂ€nger den Angelsachsen gewesen, den in England angesiedelten DĂ€nen noch war. Er wurde das Skaldenideal, ein Gott der Dichtkunst, und ein Wikingerideal, ein Gott des Kriegs. Aber zugleich begann der Glaube an den Gekreuzigten das VerhĂ€ltnis zu den heimischen Göttern erst leise ins Wanken zu bringen, um es dann im Innersten zu erschĂŒttern. Egil, der Sohn Skallagrims, geboren auf Island ums Jahr 900, eine volle Dichternatur, ist der erste germanische Heide, der uns in sein haß- und liebeheißes GemĂŒt einen tieferen Einblick vergönnt. Am Hofe des angelsĂ€chsischen Königs Äthelstan empfing er zwar nicht die Taufe, doch die Kreuzbezeichnung (prfmsigning), die ihm eine bequeme Mittelstellung zwischen Christen und Heiden verschaffte. Aber seine barbarische Wildheit blieb. Wie ein Tier biß er einem niedergeworfenen Berserker die Kehle durch, erschlug erbarmungslos in einer Fehde mit dem norwegischen König Erich Blutaxt dessen blutjungen Sohn und pflanzte darnach auf einer Felsklippe eine Haselstange mit einem Pferdehaupt als Neid-oder Schimpfstange auf, indem er sprach:

„Ich schneide diese Neidrunen gegen die Landgeister, daß sie alle fahren wilde Wege und keiner sein Heim finde, bevor sie nicht König Erich und seine Gemahlin aus dem Land vertreiben“.

Sein Fluch erfĂŒllte sich; aber auch ihn traf das furchtbare Geschick, dem verjagten, aber in Northumberland zum König erhobenen Erich in die HĂ€nde zu fallen. Hier feierte die Dichtkunst einen ihrer höchsten Triumphe, indem Egil durch ein Loblied auf Erich, „die Hauptlösung“, sein wolfsgraues Haupt aus der Todesnot löste. Er durfte nach Island entweichen. Da traf den SechzigjĂ€hrigen der Verlust zweier Söhne; der zweite war ein Raub der Meereswellen. Im Lied vom „Verlust der Söhne“ (Sonatorrek) stimmt er eine ergreifende Klage an: sein Geschlecht ist wie ein vom Sturm zerschlagener Wald. Er wĂŒtet, daß er nicht mit dem Schwert am Meerriesen sich rĂ€chen kann, ja er kĂŒndigt Odin die Freundschaft auf. Da gedenkt er reumĂŒtig der „Hauptlösung“, der Odinsgabe des Gesanges, des Balsams allen Leides, und ruhig sieht er der Hel, der Herrin der Unterwelt, entgegen, die draußen auf einem Eiland, wo er seinen Vater und seinen Sohn begraben hat, auf ihn wartet.

Schon mehr Gewalt gewann der neue Glaube ĂŒber den etwas jĂŒngeren im Jahre 1014 verstorbenen IslĂ€nder Hallfred Vandraedaskald. Als dieser an der KĂŒste Norwegens vernahm, der glaubenseifrige Christ Olaf Tryggvason sei hier König geworden, gelobte er Geld und drei Eimer Bier dem Frey, falls ihn gĂŒnstige Winde nach Schweden, und dem Thor und Odin, falls sie ihn nach Island dem verhaßten Christentum entfĂŒhrten. Aber durch Gegenwind zurĂŒck-gehalten, empfing er bald darauf aus des Königs eigner Hand die Taufe, behielt indes fĂŒr den Notfall ein kleines Thorsbild in der Tasche. Denn er gestand, nur widerwillig die lieben Götter zu verlassen und zu Christus, dem einen Vater und Gott, zu beten. SpĂ€ter dichtete er sein berĂŒhmtestes Lied auf Christi Auferstehung. Bis an sein Ende dauerten diese religiösen Schwankungen fort. Sterbenskrank sah er ein hohes gepanzertes Weib ĂŒber die Wogen hinter seinem Schiffe herschreiten, seine Fylgja, den weiblichen Folgeoder Schutzgeist, der den nordischen Heiden unsichtbar durchs Leben begleitet, um ihm in der Todesstunde plötzlich sichtbar zu werden. Und doch war, unter dem Schatten dieser tiefheidnischen Vorstellung, sein letztes Gedicht ein christliches Sterbegebet.

Die Hallfredssaga erkennt noch, der Wirklichkeit des Lebens entsprechend, neben oder ĂŒber Odin die Götter Thor und Frey(r) an; in der Hallfredsdichtung aber, wie ĂŒberhaupt in der Skaldenpoesie des 10. Jahrhunderts, steigt das Ansehen Odins ĂŒber das Thors immer höher hinauf und zugleich mit ihm der Einfluß des Christentums. Zwei schöne Gedichte zeigen damals besonders klar, wie Odins Machtkreis immer prĂ€chtiger ausgebildet wird. In den von unbekannter Hand um 950 verfaßten EireksmĂĄl empfangen Odin und bereits ein zweiter Gott der Dichtkunst, Bragi, und die Helden Sigmund und Sinfiötli feierlich jenen Gegner Egils, den in der Schlacht gefallenen König Erich Blutaxt, in Walhall, einen christlichen König. In einer Nachbildung, den HakonarmĂ€l des Skalden Eyvind, holen auf Odins Befehl zwei WalkĂŒren den verstorbenen frommen Christen Hakon zu den grĂŒnen Welten der Götter ein, aus deren Tor ihm Bragi und Hermod höflich entgegenschreiten. Wie König Erich sich Walhall nĂ€hert, krachen darin die BĂ€nke, als ob Gott Balder zu Odins Saal zurĂŒckkehrte. Zum erstenmal tritt hier Balder hervor und zwar in der höchst auffĂ€lligen Eigenschaft eines machtvoll zum Himmel heimkehrenden Gottes. Zum erstenmal wird außerdem in beiden Gedichten die Furcht vor einem grĂ€ulichen Wolfe laut, der, noch in der Hölle gefesselt, dereinst losgebunden ĂŒber Himmel und Hölle herfallen wird. Woher diese Neuerungen, diese unerhörten Gedanken? Wie man sich nicht scheute, jene Christenkönige als freudig erwartete Freunde Odins in das heidnische Heldenparadies einziehen zu lassen, scheute man sich auch nicht andererseits, christliche Vorstellungen z. B. von Christi Himmelfahrt und dem Weltuntergang mit heidnischen Figuren zu verquicken. Eilif Gudrunssohn nennt ums Jahr 1000 in einem Gedicht auf Christus den Heiland den starken Besieger der Bergriesen, als ob er Gott Thor selber wĂ€re, und weist ihm einen Wohnsitz am Urdarbrunnen an, also am Brunnen der heidnischen Schicksalsgöttinnen, der Nornen, deren vornehmste Urd hieß.

Ums Jahr 1000 etwa gabelte sich die Skaldenpoesie in zwei HauptĂ€ste. Der eine trieb wie der alte Stamm auch noch fernerhin höfische Preislieder hervor, die sich jedoch aus RĂŒcksicht auf die immer strengere christliche Richtung der FĂŒrsten immer mehr der MythenerzĂ€hlung, wenn auch nicht völlig der Mythenanspielung entĂ€ußerten. Schönere FrĂŒchte trug nun der zweite neue Ast, zum Teil erhalten in der sogenannten Älteren Edda, die mit Unrecht Edda d. h. Poetik heißt. Sie ist keine Poetik, sondern eine Liedersammlung, welche Gedichte dreier Jahrhunderte, des 10., 11. und 12. enthĂ€lt. Sie liegt uns in zwei ums Jahr 1300 aufgezeichneten Pergamenthandschriften vor. Die Verfasser sind unbekannt, die Heimat der meisten wird auf Island und in Norwegen zu suchen sein, ein paar stammen nachweisbar aus Grönland und vielleicht von den Orkneys. Da es ihnen nicht um FĂŒrstenruhm zu tun war, konnten sie den aller Hofpoesie anhaftenden Schwulst mĂ€ĂŸigen, anspruchslosere Versmaße wĂ€hlen und sich ihrer Hauptaufgabe, der Mythen- und SagenerzĂ€hlung, die von den Hofdichtem bereits fallen gelassen wurde, um so freier hingeben. Es wuchs in ihnen noch die Liebhaberei der Hofskalden des 10. Jahrhunderts, die alten Stoffe durch freie Erfindungen oder fremde erst seit dem 10. Jahrhundert eingewanderte novellistische und MĂ€rchenmotive zu verschönern und zu vertiefen, oder auch wohl mal zu verderben. Auch christliche Gedanken werden reichlicher aufgenommen, ja ein ganzes christliches Ideensystem, wie die von der Kirche ausgebildete Heilsgeschichte, wird in die mythologische Sprache der nordischen Dichtkunst umstilisiert. Überhaupt wissen diese Dichter auch dem Fremdesten vermöge ihrer alten nationalen KunstĂŒbung einen echt nordischen Charakter aufzuprĂ€gen. Die Mythen flĂ¶ĂŸen ihnen nicht mehr reine, glĂ€ubige Andacht ein, sie sind ihnen ĂŒberwiegend interessante Kunstobjekte poetischer Natur. Doch macht sich hie und da noch wirkliche NordlandsreligiösitĂ€t Luft. Durchweg werden die Götter wie schöne, mit Kraft und Geist reich ausgestattete Menschen aufgefaßt, oft sogar mit Humor behandelt. Das mag auch noch Heiden anstehen. Aber man kritisiert sie auch, und in einzelnen Gedichten verachtet man sie mit fast lukianischer Keckheit, wie nur Leute es vermögen, die sich bereits anderen Glaubensidealen zugewandt haben. Eifrig ist man bemĂŒht, die ĂŒberlieferte Mythenweisheit in katechismusartigen Dialogen, die ein Gott mit einem Riesen, Zwerg oder König fĂŒhrt, darzutun. Und selbst diesen lehrhaften Gedichten gibt man eine lebensvolle Einfassung und kunstvolle dramatische Steigerung. Die Verschmelzung verschiedener Mythen ist nicht immer gelungen, wie z. B. in der Hymiskvida nicht. Aber wie manche Gedichte stehen einzig in ihrer Art da, so die Hammerholung Thors, und welche weihevolle Stimmung ist ĂŒber die Völuspa gebreitet!

Die Gedichte der Ă€lteren Edda zerfallen in Götter- und Heldenlieder. Durch die Götterliedergruppe geht ein tiefer Riß, auf der einen Seite preisen sie die Körperkraft in ihrem HaupttrĂ€ger, dem Gotte Thor, auf der anderen die Geisteskraft in ihrem HaupttrĂ€ger Odin.

Der starke Hauptgott der islĂ€ndischen Sagendichtung, der in den eddischen Heldenliedern gar keine, in den Götter-liedem eine nicht immer wĂŒrdige Rolle spielt, holt in seinem vielleicht Ă€ltesten Lied, der einfach epischen, plastisch schönen Thrymskvida, seinen Hammer von Thrym heim und zwar als Freyja verkleidet. So ist er mehr eine lustige, groteske, als eine gewaltige Figur, und schon erscheint hier in Loki ein tĂŒckischer Gott der LĂŒge. Im skaldisch ĂŒberladenen Hymislied, in dem der Donnergott mit dem aus

dem Meer grausig auftauchenden Midgardswurm streitet und dem Riesen Hymir, den durstigen Göttern zur Labe, einen Braukessel entfĂŒhrt, schwankt er zwischen MajestĂ€t und Komik. Im Alvislied fĂ€llt er aus seiner Rolle; er wird hier nach Odins Muster als ein ĂŒberlegener Geist in einem GesprĂ€che mit dem Zwerge Alvis ĂŒber die Geheimnamen, die die Weltdinge bei Göttern, Riesen, Wanen, Alfen und Zwergen fĂŒhren, dargestellt. In der Lokasenna d. h. Loki’s LĂ€sterrede stĂ¶ĂŸt er mit Loki, im Harbardslied mit Odin zusammen. Dort erwirbt sich Thor das Verdienst, dem Loki, der die um jenen Hymirkessel zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen mit den ehrenrĂŒhrigsten SchmĂ€hungen ĂŒberhĂ€uft, durch Androhung körperlicher Strafe das Maul zu stopfen. Hier wird er von Odin, dem blasierten Frauenbesieger, wie ein dummer Junge mit dem schlimmsten Spott heimgeschickt. — Von Odin werden hier und im Havamal zwar auch einige leichtfertige Liebesabenteuer, ein mißlungenes und ein frivol geglĂŒcktes, erzĂ€hlt, aber durchweg ist er ein erhabenes weises Wesen. Im Havamal, dem Lied des Hohen, gibt er eine lange Reihe von Reise- und Umgangsregeln, die noch die verstĂ€ndige heidnische Moral atmen und das LebensglĂŒck im guten Wissen suchen. Jedoch in einem Teil dieser Dichtung, im Runatal d. h. Runenverzeichnis, scheint er sich selber als ein Abbild des am Kreuzgalgen gemarterten, dann sich selber opfernden und zu neuem Leben mit Gott erwachten Gottessohns darzustellen. Auch in den ĂŒbrigen, didaktischen Odinsliedern, die die alte RĂ€tselfreude verraten, sind mehrfach heidnische Motive mit christlichen Vorstellungen von Schöpfung, Verschuldung, Tod eines lichten Gottessohns, Erlösung und Weltuntergang frei verschmolzen. In Vafthrud-nismal und in Grimnismal ĂŒberschaut der höchste Gott alle Wesen Himmels und der Erden, alle RĂ€ume und Zeiten, das ganze Schicksal der Welt, von ihrem Anbeginn bis zu ihrem Untergang. In den Baldrsdraum, den BalderstrĂ€umen, holt sich Odin, von seines Sohnes Balder schweren TrĂ€umen beunruhigt, aus der Hel, der Hölle selber, Auskunft ĂŒber dessen nahen Tod und den fernen Weltuntergang. Weit großartiger faßt die Völuspa, der Seherin Weissagung, die gesamte christliche Heilslehre, von der Schöpfung an durch die Leidens- und Todesgeschichte des Herrn hin bis zum jĂŒngsten Gericht, in eine Prophezeihung heidnischen Stils zusammen. Das kĂŒhnste RĂ€tselgebilde der so rĂ€tselreichen Skaldenkunst! In zwei Gedichten ist weder Thor, noch Odin, sondern Frey und Heimdall die Hauptperson. In das schon einen sentimental-romantischen Ton anschlĂ€gt, wirbt Frey, oder vielmehr dessen Diener Skirnir fĂŒr seinen Herrn, erfolgreich um die schöne Riesentochter Gerd und gewinnt sie durch seine Runenkunde. Nach der grĂŒndete Heimdall, der sich mit dem keltischen Titel „Rigr“ König nennt, auf seiner Erdenwanderschaft die drei StĂ€nde der Knechte, Bauern und Adligen, aus denen dann der König hervorgeht. Im Hyndlulied gibt die Riesin Hyndla der Freyja und deren GĂŒnstling Ottar Auskunft ĂŒber seine Vorfahren.

Die eddischen Heldenlieder, namentlich die wichtigsten und zahlreichsten, die Nibelungenlieder, haben einen viel reicheren mythologischen Hintergrund als das deutsche Epos. Aber ihre Sage stammt zum grĂ¶ĂŸten Teil aus der Fremde, und der Mythus ist spĂ€ter hinzugefĂŒgt. Die Hauptpersonen des Ă€ltesten Heldenliedes, der kvida des Wielandliedes, der zauberkundige Schmied und die Schwanjungfrau sind echt mythisch, jedoch aus angelsĂ€chsischer oder norddeutscher Sage herĂŒbergenommen. In den Nibelungenliedern und noch mehr in deren vollstĂ€ndigerer Prosadarstellung, der Völsungasaga, greift Odin als Schicksalsmeister mehrmals in die Handlung ein; die Heldinnen Svava, Sigrun, Sigrdrifa-Brunhild haben ganz walktirisches Wesen. Wie ein alter Mythus wirkt die Versenkung der letzten in todesartigen Schlaf durch einen Domstich und ihre Umwallung durch die Waberlohe. Aber der Leichenbrand, der Sigurd und seine Geliebte verzehrt, und der Höllenritt Brunhilds scheinen Scenen des spĂ€ten Baldermythus nachgebildet zu sein. Noch sicherer ist, daß erst die Eddaskalden die Vorgeschichte des verfluchten Nibelungenhorts in die Götterwelt hintibergespielt und Sigurd und Brunhild verwandtschaftlich mit Odin verbunden haben. In den Hclgiliedern, die der heimischen Sage angehören, gibt die herrlichste von den neun daherreitenden WalkĂŒren dem stummen, namenlosen Helden seinen Namen. Er erschlĂ€gt den Riesen Hati, seine Flotte wird von dessen Tochter bedroht. Nomen knĂŒpfen die SchicksalsfĂ€den, WalkĂŒren sprengen ĂŒber das Schlachtfeld, das Götterpaar Aegir und Ran haust im Meer, Odin, der Walter des Verderbens, bringt Streitrunen zwischen die Verwandten und bietet seltsamer Weise dem Helgi an, mit ihm in Walhall ĂŒber alles zu herrschen. Reiten die Einherier von dort herab, so glaubt man die GötterdĂ€mmerung hereinbrechen zu sehen. So unbekĂŒmmert tasten die Dichter dieser eddischen Heldenlieder den alten deutschen oder heimischen Sagengehalt an oder setzen sich in Widerspruch mit dem neuen Glauben, nur um ihr skaldisches GelĂŒste nach mythologischem Ausputz zu befriedigen.

So hat denn auf Kunst, Sage, Mythus und Glauben der Eddaskalden in der letzten Zeit des Heidentums und in der ersten Zeit des Christentums die Fremde bald schwĂ€cher, bald stĂ€rker eingewirkt, und eine gedanken-und sinnreichere, von tieferen ethischen GegensĂ€tzen bewegte, aber kĂŒnstliche, widerspruchsvolle Mythenwelt geschaffen. Ihren Elementen nach zum Teil unnordisch, ist sie ihrer Gesamtkomposition nach völlig nordisch. Mehr Poesie als Mythologie, schwebt sie ĂŒber der volkstĂŒmlichen Mythenwelt des Sagaglaubens wie eine schöne, aber flĂŒchtige Fata Morgana, der freie Dichtertraum einer religiösen Übergangszeit, die das Alte noch nicht abgeschĂŒttelt hat und das Neue nicht abzuwehren vermag.

Vorzugsweise aus diesen eddischen und vielen andern skaldischen Gedichten stellte dann spĂ€ter Snorre Sturluson , gestorben 1241, selber Skalde und Verfasser jener norwegischen Königsgeschichte Heimskringla, die eigentliche und einzige Edda, die sogenannte jĂŒngere Edda d. h. eine Poetik, ein Handbuch fĂŒr angehende Skalden, zusammen. Es enthĂ€lt unter anderm einen Überblick ĂŒber den gesamten nordischen Skaldenmythus in Prosa. Dieser grĂ¶ĂŸte IslĂ€nder, in dem die wissenschaftlichen, dichterischen und politischen Bestrebungen seiner Insel gipfelten, wußte der Vergangenheit ebenso energisch zu leben wie seiner Gegenwart. UnablĂ€ssig auf Ehre, Macht und Reichtum mit mehr Klugheit, als Tapferkeit bedacht, fĂŒhlte er doch die MĂ€chte der Vorzeit, seine norwegischen königlichen Ahnen und selbst noch die alten Götter ĂŒber und um sich. War er als Gesetzsprecher mit tausend Mann im Gefolge von seinem burgartigen Haus Reykjaholt zum Althing hinĂŒbergeritten, so ließ er hier eine Bude fĂŒr sich und die Seinigen aufschlagen, der er den stolzen Namen Walhall gab. Auch er hielt die Götter fĂŒr einst wirkliche Persönlichkeiten, zu deren Ehren denn auch er nach herkömmlicher Skaldenmanier die nordischen Mythen mit allerlei fremder Weisheit vermischte.

Gleich im Eingang der Edda erteilen im Götterheim Asgard von einem dreistufigen Hochsitz herab der Hohe, der Gleichhohe und der Dritte, mit welchen Namen in der mittelalterlichen Theologie auch die drei Personen der heiligen Dreieinigkeit benannt wurden, dem wißbegierigen Schwedenkönig Gylfi ihren mythologischen Unterricht. Darin ist das oben angedeutete geschlossene Ideensystem der Völuspa zu einem weitsperrigen GerĂŒst auseinander gedehnt und in dessen FĂ€cher und LĂŒcken der nordische Göttermythus, so gut es gehen wollte, hineingebaut. Bei solcher Anlage wĂ€re die Edda nie ein fertiger, harmonischer Bau geworden, auch wenn Snorre nicht mitten in seiner Arbeit ermordet worden wĂ€re. Die Konsequenzen der skaldischen Mythenbehandlung treten nun ins grellste Licht. Nur Thor und Frey haben einen Ă€lteren Mythenkranz bewahrt, die Odinsgeschichten tragen einen stark gemischten Charakter, und gar der Mythus von Balder und Loki ist bis in die Wurzel hinein christianisiert. Ein anderes fremdes Element, das mĂ€rchenhafte Beiwerk, das schon in der Liederedda benutzt wird, drĂ€ngt sich viel stĂ€rker vor. Von dem Kultus der Götter, von dem das Volk so tief bewegenden Seelen-und Geisterglauben, von den zahlreichen reizvollen Elfensagen berichtet der letzte große Skalde, wie Hunderte seiner VorgĂ€nger, nichts oder fast nichts. Dennoch birgt diese Edda manches kostbare, auch Ă€ltere Schatzsttick, das wir in der sogenannten Liederedda vermissen.

Snorres Ă€lterer Zeitgenosse war Saxo Grammaticus, der um 1200 in seiner DĂ€nischen Geschichte, wie vor ihm Galfrid von Monmouth in seiner brittischen Chronik, ein nationales Werk in lateinischer Sprache schuf, das zugleich Chronik und Roman, ein Lehrbuch und ein Ritterepos sein sollte. Er ist ruhmrediger Patriot, kĂŒhler Rationalist und dabei in schwĂ€rmerischer, fast sentimentaler Romantik befangen. Seine lateinische Prosa sucht die seines römischen Vorbildes Justin an Redeschmuck zu ĂŒberbieten, und seine antiken Strophen, aus denen noch deutlich die altnordische Skaldenpoesie zu uns herĂŒberklingt, wollen es den horazischen Versen gleich tun. Den Sagenreichtum der IslĂ€nder, den er ausdrĂŒcklich bewundert, verbindet er mit den norwegischen SchiffermĂ€ren, den einfacheren dĂ€nischen Lokalsagen und allerlei weitgewanderten MĂ€rchen. Er mischt antike und moderne Motive ein, aber er vermeidet die Verschmelzung heidnischer und christlicher Mythen. Dem alten Götterglauben steht er ferner als Snorre. Wie dieser faßt er die Götter und auch die von ihnen verdrĂ€ngten Riesen und die Zwerge als Menschen der Vorzeit und zwar als sogenannte Mathematiker d. h. Zauberer auf. Aber er geht weiter: sie haben Liebschaften mit sterblichen Weibern und kĂ€mpfen auf Erden mitten unter Menschen und werden von diesen sogar in die Flucht getrieben. Ja Odin, der oft in altsagenhafter Verkleidung und unter einem Beinamen auftritt, erkennt er durchaus nicht immer als solchen, und den nĂ€chtlichen Besuch, den die WalkĂŒren ihren bedrohten Helden machen, findet er dreist. Dennoch ist ihm, dem DĂ€nen, Odin der Hauptgott. Freilich erscheint er nur einmal seinem SchĂŒtzling, dem Helden der Sage, mit seinem eignen Namen und mit „göttlicher Kraft“. Aber oft steht er wie ein stets wacher Heldenschutzgeist unter anderen Namen, als bloßer unermĂŒdlicher Wanderer in Hut und Mantel, als einĂ€ugiger, bĂ€rtiger Alter im entscheidenden Augenblick plötzlich da, seltener fliegt er als Reiter durch die Luft, obgleich ihn so die dĂ€nische Volkssage kennt. Seine Gattin und er wahren sich gegenseitig ihre Treue nicht. Die WalkĂŒren stehen zu ihm in keiner Beziehung.

Vollends von seiner Himmelsburg Walhalla finden wir keine Spur. Dagegen liegt jenseits des Ozeans ein gartenartiges Paradies mit herrlichen Speisen und verlockenden MĂ€dchen, die dem eingedrungenen Sterblichen verderblich werden, und dicht daneben eine von Schmutz starrende Hölle, beide von je einem Riesen beherrscht. Auch in Saxos Haddingssage stoßen diese beiden Welten, ein finstres Nebelreich und ein sonniges Gefilde, unter der Erde an einander, und jenseits eines Speere wĂ€lzenden Flusses setzen zwei KĂ€mpferscharen ihr irdisches Kriegerleben fort. Hier scheinen germanische und antike Vorstellungen in einander zu spielen, wie denn Saxo an einer anderen Stelle das Elysium, den Phlegethon, Pluto’s Reich das Ziel der Helden nennt, die trotz ihrer Todeswunde lachend fallen. Auch von Odins Dichtungstranke, seiner kosmischen Allweisheit, einem durch ihn und seinen Sohn Balder bedingten Götterschicksal, vom Weltuntergang hören wir nichts, obgleich die Gelegenheit, davon zu reden, sich wiederholt darbot. Allerdings ist Balder auch bei Saxo ein Sohn Odins, aber im Gegensatz zu dem schuldlosen, reinen und durch seinen Tod die Weltkatastrophe herbeifĂŒhrenden Gotte der Skalden ein liebeskranker, wollĂŒstiger JĂŒngling, dessen Tod nichts bedeutet. Thor kommt selten zur Geltung und nicht immer gĂŒnstig. Außer WalkĂŒren und WaldmĂ€dchen, dem WaldschrĂ€tel Miming und dem heilkundigen Witolf spielen Riesen und Riesinnen eine wichtigere Rolle. Im Krachen der an die islĂ€ndische FelskĂŒste anprallenden Eisschollen glaubt man den Jammer verstorbener Verbrecher zu vernehmen. Ein Toter kann durch Zauber zum Reden und, falls er sich zu Untaten aus dem Grabe erhebt, durch Köpfen und PfĂ€hlen seines Körpers zur Ruhe gebracht werden.

Der mythologische Gesichtskreis ist in der islĂ€ndischen Familiensage ein wesentlich andrer als in der Skaldendichtung und der alten Heldensage und wiederum als in Saxo’s Geschichte. Nicht so sehr die Verschiedenheit der Darstellungsform, als der Unterschied der StĂ€nde und StĂ€mme, denen die Verfasser angehörten, hat dies verursacht. Die ErzĂ€hler der einfachen Familiensaga hielten an der altvaterischen volkstĂŒmlichen Tradition ihrer abgelegenen Insel fest, die meistens an christlichen Höfen verkehrenden Skalden und die gelehrten eddischen Dichter hatten andere Ideale, die Helden und ihren Heldengott Odin, und wurden stĂ€rker von der christlichen Bilder- und Ideenwelt Mitteleuropas ergriffen. Der dĂ€nische Geistliche benĂŒtzt die Mythologie mehr zur bloßen Verzierung.

Nur wer eine allmĂ€hliche Verschmelzung christlicher und heidnischer Gedanken bis etwa zum Jahre 1000 und eine darauf folgende durchgreifendere Verarbeitung der-delben vermittelst des altmythologischen Skaldenstils anerkennt, wird begreifen, wie sich ein ganz neuer Ideenstaat in dem Ă€lteren Mythenorganismus einnisten konnte, neu und christlich seinem Wesen, alt und heidnisch der Form nach. Da in Deutschland und England einerseits die Bekehrung zum neuen Glauben von vornherein planmĂ€ĂŸiger, direkter und priesterlicher war, andererseits die Dichtkunst den hohen Grad der Technik, insbesondere auch die WiderstandsfĂ€higkeit der mythologischen Darstellungsform, der nordischen Skaldenpoesie nicht erreicht hatte, so konnte hier ein so merkwĂŒrdiges Mischprodukt, wie z. B. die Völuspa, nicht zustande kommen. Begreiflich wird erst dadurch auch die andre merkwĂŒrdige Erscheinung, daß der nordische Volksmythus trotz seiner verschiedenen skandinavischen Eigenheiten dem fernen deutschen Mythus nĂ€her steht als dem Kunstmythus seines eigenen Landes, und daß er mit jenem alle wesentlichen ZĂŒge des Götter-, Geister- und Seelenglaubens teilt und wie jener auch der leisesten AnklĂ€nge an die durch den Kunstmythus pulsierenden sittlichen und metaphysischen Hauptideen bar ist, die dieser wieder mit der mittelalterlichen Kirchenlehre gemein hat. Auch in ihrem Schicksal weichen jene beiden Überlieferungsarten ĂŒbereinstimmend vom Kunstmythus ab: wĂ€hrend dieser nach einigen Jahrhunderten seines Bestandes in der gebildeten Welt, auf die er beschrĂ€nkt bleibt, abgestorben ist, lebt der Volksglaube ununterbrochen, wenn auch immer zerrissener und gedrĂŒckter, bis auf den heutigen Teig weiter. So treten wir denn jetzt an diese vierte, noch heute fließende Quelle unserer germanischen Mythologie heran.


4. Die VolksĂŒberlieferung der Germanen vom Jahre 1200 bis zur Gegenwart. Im Hochsommer des Mittelalters leuchtete noch – einmal ein Abglanz des alten Heidentums auf: in Saxos dĂ€nischer Geschichte, in Snorres islĂ€ndischer Edda, sowie in gewissem Sinne im deutschen Nibelungenliede. Noch einmal wurde der heimische Mythen-und Sagenschatz um das Jahr 1200 im Mittelpunkt der germanischen großen Literatur weithin sichtbar. Seitdem sank er langsam in die Tiefe, die hohen Götter- und Heldengestalten wichen nun ĂŒberall den Rittern und Klosterleuten mit ihren neuen, streng kirchlichen oder ketzerischen Idealen, und in den neugegrĂŒndeten StĂ€dten kam bĂŒrgerliche, freiere gelehrte Bildung auf. Schon mit dem Ende des 11. Jahrhunderts wurde die Lust an MĂ€rchen, Fabeln und ErzĂ€hlungen, die schon vor der Kreuzzugszeit immer massenhafter aus dem Morgenland ins Abendland, bis in den hohen Norden drangen, unstillbar, ihre bunten FĂ€den wurden vielfach in das einfachere Gewebe der heimischen Mythen geschlungen. Aber viel stĂ€rker und bedenklicher als frĂŒher wurde nun die Vermischung des altgermanischen Aberglaubens mit orientalischem, griechischem und römischem. Er bemĂ€chtigte sich auch der christlichen Vorstellungen und BrĂ€uche, er mißbrauchte selbst die Sakramente der Taufe und der Kommunion zur Zauberei, er ahmte die kirchlichen Benediktionen und Beschwörungen frevelhaft nach. Die sogenannten Mordbeter, die noch heute Vorkommen, konnten durch ein Gebet jemandem Schaden zufĂŒgen. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war der Aberglaube, wie Bertholds von Regensburg Predigten zeigen, mitten auf dieser verhĂ€ngnisvollen Bahn, die spĂ€ter zu dem furchtbaren Akt der Kirche, zum „Hexenhammer“ vom Jahre 1489, fĂŒhrte. Das quĂ€lende Schauspiel, wie die Kirche seit der Bekehrung der Germanen zum Christentum immer wieder den heidnischen Aberglauben mit strengen Strafen verbietet und ihm in der Beichte eifrigst nachstellt und ihm doch wieder durch ihre eigene DĂ€monenlehrer und ihre Benediktionen und Exorzismen stĂ€rkt, setzt sich in großem, oft grausigem Stile fort. Gar mancher Geistliche machte selber das Volk mit aberglĂ€ubischen Formeln und BrĂ€uchen bekannt, und der Pariser Kanzler Gerson fand mit seinen Versuchen, aberglĂ€ubische Übungen aus den Kirchen zu verdrĂ€ngen, gerade beim Klerus den hartnĂ€ckigsten Widerstand und wurde von ihm ausgezischt. Nach Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst 1456 waren selbst Könige und Erzbischöfe solchem Wahn ergeben. Es mußte zu einer Katastrophe kommen.

Ein noch ziemlich harmloses, aber doch dumpfiges Buch ist CĂ€sarius’ von Heist er bach Dialogus miraculorum, ein „geistlicher Novellenschatz“ aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, der auch fĂŒr weibliche Leser bestimmt war. Was fĂŒr geschmacklose Spukgebilde gingen aus der schönen buchenumrauschten Abtei im Siebengebirge hervor! Man erkennt in manchen Teufelsgestalten den alten Wodan und die Riesen, in den abgefallenen Engeln die Elfen wieder. Und noch bis ins 15. Jahrhundert werden diese Geistergeschichten zu ergötzlicher Erbauung der Cisterzienser-mönche bei der Mahlzeit vorgelesen. Um dieselbe Zeit verfaßte Gervasius von Tilbury seine „Kaiserlichen Mußestunden“ (Otia imperialia), die Kaiser Otto IV in seiner Harzburger Verborgenheit mit allerlei Anekdoten und KuriositĂ€ten, darunter manchen Zwerg- und Wichtelsagen, unterhalten sollten. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber wettert der gewaltige Franziskaner Landprediger, Bruder Berthold von Regensburg (gestorben 1272), oft von einer Linde herab gegen all das Götzentum. Zwar glaubt er selber an Werwölfe, und die alten Götter hĂ€lt er fĂŒr einst wirkliche heroische Menschen oder fĂŒr noch wirkliche DĂ€monen. Zu den alten bayrischen Götzen rechnet er eine Astaroth, als ob er mit diesem hebrĂ€ischen Namen eine deutsche Ostara meinte. Bei seiner Deutung der Wochentagsnamen ahnt er aber nichts mehr von einem Zusammenhang eines Teils derselben mit deutschheidnischen Götternamen. Den Glauben an die Nachtfahren,

Truten und Maren und an die „felices dominae“, die seligen FrĂ€ulein, an den Angang, an Vorzeichen u. dgl. verdammt er, und schrill ertönt sein Pfi! ĂŒber die vielartigsten Zauberer und Zauberinnen. Dann plaudert er wieder kindlich vom Spiegelberg, dem Glasberg des MĂ€rchens, und denkt sich, daß die kleinen Kindlein im Sternbild des Wagens auf gen Himmel fahren.

Der Volksaberglaube war nur ein Gebiet, das der Reform bedurfte, die anderen waren besonders seit dem Schisma das pĂ€pstliche Regiment und die geistige und die sittliche Verkommenheit des Klerus. Nicht so sehr die amtierende Geistlichkeit, als die wissenschaftliche Theologie ergriff nun die Waffen gegen MißstĂ€nde aller Art. Namentlich aus den ersten deutschen UniversitĂ€ten: Prag (1348), Wien (1365) und Heidelberg (1386) ging eine Reihe streitbarer Magister hervor, die bald das SĂŒndenleben im eigenen Lager beleuchteten, bald gegen die Wiclefiten und Hussiten, die Juden und die Vehmrichter und vor allem auch gegen den im ganzen Volk verbreiteten Aberglauben kĂ€mpften. Der Ă€lteste dieser Widersacher des deutschen Aberglaubens war wohl Nicolaus von Jauer (1355—1435), der kein Bedenken trug, die Verbrennung eines Ketzers mitzubewirken, der aber auch 1417 vor den KonzilsvĂ€tern in Konstanz Besserung der Sitten des Klerus forderte. An den Prozeß, der im Jahre 1405 dem Klosterlektor Werner von Freiburg in Heidelberg wegen seiner Predigten und imerlaubten Besegnungen gemacht wurde, schloß Nicolaus seine Schrift de superstitionibus 1405. Aber diese wie die verwandten Schriften seiner Zeitgenossen MatthĂ€us von Krakau, Johannes von Frankfurt, Nicolaus von DinkelspĂŒhel und Thomas von Haselbach sind mit Vorsicht fĂŒr die Beurteilung des heimischen Glaubens zu benutzen, denn sie stehen alle unter dem Einfluß eines fremden DĂ€monologen, des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne (gestorben 1249), dessen Schriften „de uni verso“ und „de fide et legibus“ alle möglichen aberglĂ€ubischen BrĂ€uche besprechen. Wilhelm ist sogar noch eine HauptautoritĂ€t fĂŒr die Verfasser des Hexenhammers. So tief fand auch Nicolaus den Aberglauben in der Kirche eingenistet, daß er fast mehr auf dessen Ausrottung in den GotteshĂ€usern als im Volke drang. Denn dort wurden die alten Segen und Beschwörungen immer mehr christianisiert, die Götter nicht allein durch Christus, die Dreieinigkeit, Maria, die vier Evangelisten und die Apostel, sondern nun auch durch die hl. drei Könige, die vier Patriarchen, den ersten Blutzeugen Stephan und die spĂ€teren Heiligen ersetzt. Im Norden schweißte man noch in neuerer Zeit noch naiver heidnische und christliche Namen der Gottheit aneinander. In einem jĂŒtischen Segen wirken Frau Frey und Maria mit Christus und in einem neuislĂ€ndischen Christus und Thor zusammen. Aus dem ekelhaften Gemenge des heidnischen Alpdruck- und Zauberglaubens mit dem kirchlichen Glauben an einen persönlichen Verkehr des Teufels mit Ketzern und aus den herabwĂŒrdigenden mönchischen Vorstellungen vom weiblichen Geschlecht schoß immer ĂŒppiger der Hexenwahn empor. Einst von den langobardischen Königen und den Karolingern als Vernunft- und gottwidrig geĂ€chtet, wurde er durch die Bulle Innocenz’ VIII1484 und den Hexenhammer (Malleus maleficarum) 1489 kirchlich anerkannt, um wie kaum eine andre Geistesverwirrung Leib und Seele der germanischen Völker zu verwĂŒsten, bis weit ĂŒber die Reformation hinaus, ja bis in unsre Tage hinein.

Der heidnische Mythus hinterließ aber auch freundlichere Spuren, namentlich in der Poesie, in den Fastnachtsspielen und den Volksliedern, die in Deutschland ungefĂ€hr gleichzeitig im 14. Jahrhundert aufkamen. Die 40 tĂ€gige Fastenzeit vor der Passion des Herrn hatte die altgermanische Lenzfeier in zwei Feiern weit auseinander gesprengt. Die eine fiel nun schon in den Schluß des Februars, die andre auf Ostern oder den ersten Mai oder gar erst auf Pfingsten. Zu der frĂŒhen Lenzfeier gehörte der heidnische Mummenschanz, das BĂ€renumfĂŒhren, das Hahnschlagen, der Schwerttanz, das PflugumfĂŒhren durch eingespannte MĂ€dchen und vor allem der unter Spruch und Lied ausgefochtene Kampf des Winters und des Sommers, aus dem sich das Fastnachtsspiel entwickelt hat. HolzmĂ€nner und -weiber kommen aus ihrer Waldeinsamkeit auf die BĂŒhne, böse Weiber rauben dem Teufel das Vieh, das der Hirt Gumprecht vor der Hölle hĂŒten muß, der aber lieber mit dem Teufel Pinkepank in dessen Taverne zecht und wĂŒrfelt. Hinter der Hölle liegt ein Stein, der von keinem Sonnen- oder Mondstrahl, keinem Wind, keinem Glockenklang erreicht wird. Hört man, daß sich junge Paare, eng umfaßt, vom Heuboden bis zur Tenne hinabwĂ€lzen, so gedenkt man des Rollens junger Paare von einem HĂŒgel herab, wie es in England und Deutschland im FrĂŒhjahr, spĂ€ter auch zur Erntezeit stattfand.

In der Balladengruppe des deutschen Volkslieds tauchen der wilde Mann und der Wassermann aus Wald und Fluß plötzlich schreckhaft auf, im englischen das MeermĂ€dchen. Möglicherweise steckt auch in dem englischen Wilderer Robin Hood einer der vielen Hood oder Hoody genannten neckischen Waldgeister und im zauberisch singenden Ritter Ulinger ein alter Elf, wie er denn in den Niederlanden Halewyn (Elfenfreund!) und in England Elfknight Elfenritter hieß. Frau Venus, eine latinisierte Elfin, lockt den TanhĂ€user in den Berg. Den Deutschen, wie den EnglĂ€ndern ist der WiedergĂ€nger, der seine Geliebte ins Grab holt, bekannt, den BĂŒrgers Lenore spĂ€ter verklĂ€rt hat. Noch frischeres Heidentum atmet der nordische Volksgesang, der in DĂ€nemark schon in Saxos Zeit, um 1200, sich regt. Die „Trollenweisen“ zeigen uns das ganze alte DĂ€monenpersonal: Trolle, Riesen, Zwerge, Necke und Nixen, MeermĂ€nner und -frauen, auch Werwölfe, am hĂ€ufigsten aber Elfen, deren Freundschaft verlockend, aber gefĂ€hrlich ist, deren Geschoß tötet und deren Sang bezaubert. Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts tanzten schwedische Bauern nach dem „Elfenleich“, einer sommernĂ€chtlichen Elfenreigenmelodie. Im Norden sind der hammerholende Gott Thor und der Held Fjölsvinn als Tord und Jung Svendal aus der eddischen Kunstpoesie ins Volkslied geraten, noch in den fĂ€röischen Liedern erscheinen die Götter hie und da auf Erden, und die Riesen haben, wie in den islĂ€ndischen und norwegischen Volksweisen, abenteuerliche VerhĂ€ltnisse zu den Menschen.

Einige sinnvollere deutsche Sagen wurden um das Ende des Mittelalters abgerundet, so die nationale vom KyffhĂ€user, die die byzantinische Legende vom Kampf eines Kaisers gegen den Antichrist am Ölberg mit dem Mythus von Wodan, der aus Bergesschoß mit seinem Heere herausstĂŒrmt, wirkungsvoll verknĂŒpft. Auch die Sage vom Faust und die fremde vom ewigen Juden raffen einige altdeutsche Mythenelemente an sich, jene die Mantelfahrt durch die Luft, diese den Sturm der wilden Jagd. Überhaupt werden viele alte Rollen mit modernen Figuren besetzt: die Zwerge verwandeln sich in Bergmönche und Venediger, Götter und DĂ€monen in Jesuiten und Freimaurer, der alte Fritz, Napoleon und selbst Bismarck schreiten durch unsere heidnische Sagenwelt.

Das Mittelalter wird abgeschlossen durch die Reformation, die Entdeckung einer neuen Welt, neuer LĂ€nder und Völker und durch den Humanismus. Alle diese Ereignisse wirken auf den Aberglauben und dessen Auffassung ein, aber keines durchgreifend. Namentlich wird der Hexenwahn und die ganze Wut der Hexenverfolgung von der alten Kirche auch der neuen eingeimpft, auch die Protestantenwelt wird von den HexenbrĂ€nden ĂŒberall unheimlich beleuchtet. Der Reformator selber, Martin Luther, der doch heißer als alle anderen nach einem reinen Christentum rang, konnte sich nicht von diesem in seiner Kindheit eingesogenen kirchlichen Heidentum frei machen. Seine Mutter hatte dem Knaben viel Schreckliches von Hexen und Alben erzĂ€hlt, und vom Teufel meinte er, voll alten Nixenglaubens, er zöge MĂ€dchen ins Wasser und zeugte mit ihnen Wechselkinder oder Kielkröpfe, die er dann zur Plage der Leute an der rechten Kinder Statt legte. Und wenn er dem FĂŒrsten von Anhalt rĂ€t, Kinder solcher Zucht zu ersĂ€ufen, so brach die heidnische HĂ€rte des altnorwegischen Frostathingsgesetzes, das das mißgeformte Kind an der Teufelsbucht, wo weder Mann, noch Vieh geht, einzugraben empfiehlt, mitleidslos aus dem großen Reformator hervor. So nistete neben Gott, seiner festen Burg, das hĂ€ĂŸlichste DĂ€monengezĂŒcht. Aber er glaubte auch noch ganz altkirchlich und im Gegensatz zur spĂ€teren protestantischen Lehre an Schutzengel. Jeder besĂ€ĂŸe je nach seinem großen oder geringen Stande oder GeschĂ€fte einen demgemĂ€ĂŸ starken Engel, der dem Teufel wehre. Und wie innig empfindet er auch wieder den liebreichen Zauber der alten MĂ€rchen:

„Ich möcht mich der wundersamen Historien, so ich aus zarter Kindheit herĂŒbergenommen, oder auch wie sie mir vorgekommen sind in meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Gold!“

Im Gottesdienst aber rĂ€umten die ernsten lutherischen Kirchenordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts ziemlich grĂŒndlich mit den zahlreichen BrĂ€uchen des Festjahres auf, so mit den „heiligen Gottestrachten“, den Hagelfeuem, den kirchlichen Weihen von Wasser, Salz, Fleisch, Eiern, KĂ€se u. s. w. und mit den TotengedĂ€chtnisfesten. Nur Erntepredigten, Emtebitt- und -dankfeste blieben ĂŒbrig und einzelne Totensonntage, und die Kirchweihfeste ĂŒberdauerten alle Konfessionsstreitigkeiten und kriege, obgleich Luther sie ganz austilgen wollte. Noch hĂ€rter traf das ausschließliche strenge Luthertum der skandinavischen Lande die alte kirchliche Festherrlichkeit und am hĂ€rtesten der kunst-und schmuckscheue Kalvinismus in Holland, in England und in der Schweiz. Die wechselvolle britische Reformationsgeschichte spiegelt sich im wechselvollen Schicksal des Maifestes wider. Schon 1566 verbot das schottische Parlament die Maispiele, und unter der Regierung der Königin Elisabeth verfolgten die englischen Puritaner die Maikönigin, die Maid Marian, als die leibhaftige babylonische Buhlerin. Das von ihnen gestĂŒrzte Sinnbild des Old merry England, den Maibaum, richteten die Stuarts wieder auf; aber eine Ordonnanz des langen Parlaments 1864 warf ihn wieder ĂŒberall nieder. Cromwells „HexenfindergenerĂ€le“ verbrannten Hexen und MaibĂ€ume mit einander. Nach der Restauration der Stuarts aber standen sie fröhlich wieder auf und prangten mit ihren bunten BĂ€ndern und Laubgewinden bis ins 19. Jahrhundert, wo ihrer einen Washington Irving bei Chester freudig begrĂŒĂŸte.

Durch die geo- und ethnographischen Entdeckungen der Reformationszeit wurde das Interesse an fremden Völkern lebendig, und man wandte sogar dem Leben des eigenen Volkes seine Aufmerksamkeit zu, nicht ohne kirchliche oder humanistische Tendenzen. So Joannes Boemus Aubanus (von Aub im WĂŒrzburgischen), ein Deutschordenspriester, in seinem Buch ,Omnium gentium mores, leges et ritus‘ 1520, das im 16. Jahrhundert eine LieblingslektĂŒre in fast ganz Europa war. Ihn schrieben aus der WiedertĂ€ufer Sebastian Frank in seinem Weltbuch 1534 und vor allen der lutherische Pfarrer Naogeorgus oder Kirchmaier in seinem Regnum papisticum 1553. Alle drei fĂŒhlten wohl das Heidnische aus vielen beliebten FestbrĂ€uchen heraus, alle drei verglichen z. B. den Tanz, den man in Franken um das auf den Altar gebettete hölzerne Christkindlein zu Weihnachten auffĂŒhrte, mit dem wilden Reigen der Korybanten um den neugeborenen Jupiter auf dem Ida, freilich ohne zu ahnen, daß darin germanische, nicht antike Festfreude sich Luft machte.

Eine vom Aberglauben ungetrĂŒbte wissenschaftliche Auffassung war im 16. Jahrhundert den Germanen noch schwer. Im Reformator der Naturwissenschaft, Theophrastus Paracelsus, wogte wie in Luther altes und neues durcheinander. Er entriß die Naturforschung den Scholastikern und legte sie den Medizinern in die HĂ€nde. Aber in seiner »Verborgenen Philosophia4 begegnen Berggeister im Schoß der Erde dem Bergmann freundlich oder ĂŒbel, oder sie verkĂŒnden ihm den Tod. Er erzĂ€hlt auch das liebliche UndinenmĂ€rchen. Auch die Geschichtsschreibung konnte sich oft noch immer nicht des alten Heidenglaubens erwehren, die Zimmernsche Chronik von 1566 ist voll davon. Das Geschlecht der Freiherren von Zimmern selber hatte unter seinen Ahnfrauen eine „Meerfai“. Vielerorts spuken ErdwichtelmĂ€nnchen und Schutz- und Hausgeister, wie der geheimnisvolle Zwergkönig Goldemar auf dem Hardenstein an der Ruhr, und das NebelmĂ€nnchen der Bodmans am Bodensee. Das Wutesheer braust durch die Luft, und der Glaube an Zauberwesen und Zauberschlösser und allerhand altheidnischer Brauch ist auch bei Gebildeten an der Tagesordnung. Wie es aber erst in den dumpfen Spinnstuben dieser Zeit aussah, das lĂ€ĂŸt „Der Alten Weiber Philosoph ey“ 1612 und (I. G. Schmidts) Gestriegelte Rockenphilosophie 1705, 1709 ahnen. Jetzt wurden aber auch die Regierungen, protestantische wie katholische, besorgt. Zahlreiche Verordnungen wurden gegen den gelehrten, wie gegen den volkstĂŒmlichen Aberglauben erlassen, die umfassendste war wohl das Landgebot des Herzogs Maximilian in Bayern 1611. Der dreißigjĂ€hrige Krieg schreckte aber unser unglĂŒckliches Volk nur immer tiefer in den wĂŒsten Aberglauben hinein. Das beweisen uns die satirischen Schriften des AltmĂ€rkers Johannes Praetorius 1630—1680, insbesondere seine »Neue Weltbeschreibung von AlpmĂ€nnern, Schröteln, NachtmĂ€hren« u. s. w. 1666, 1667. Seinen Aussagen ist aber nicht immer zu trauen, da er selber ganz offen gesteht, daß er vieles darunter »erdichtet und fingieret* habe. Auch werden von ihm bereits und dann von jener Gestriegelten Rockenphilosophie die Vorstellungen und BrĂ€uche der verschiedenen deutschen Landschaften durch einander gemischt, so daß man nicht mehr ein reines Bild eines landschaftlich begrenzten Glaubenszustandes gewinnen kann.

Da nahte die AufklĂ€rung des 18. Jahrhunderts, und gleich ihr erster großer WortfĂŒhrer Thomasius drang auf Abschaffung der Hexenprozesse, so daß seitdem, wie Friedrich der Grosse rĂŒhmte, das weibliche Geschlecht in Frieden alt werden und sterben konnte. Doch nicht ĂŒberall! Noch 1775 wurde im Stift Kempten eine Taglöhnerin als Hexe verbrannt, 1783 in Glarus der letzte Hexenprozeß gefĂŒhrt. Aus den Kreisen der Gebildeten wich der alte Glaube mehr und mehr, das Volk aber hielt dessen GrundzĂŒge noch weiter fest, und unsre Dichter erweckten die alten Gestalten in der Lenore, dem wilden JĂ€ger, dem Erlkönig, dem Fischer, dem getreuen Eckart zu neuem, wenn auch nur poetischem Scheinleben. Jedoch erst mit dem 19. Jahrhundert retteten die beiden edelsten Romantiker, die BrĂŒder Grimm, durch ihre MĂ€rchen- und Sagensammlung unsem nationalen Glauben aus der Vergessenheit, dessen ganzen Reichtum dann der Ă€ltere, Jakob, in seiner Deutschen Mythologie 1835 (*1844, *1854, *1875—78) den erstaunten Blicken erschloß. In jeder Landschaft rĂŒhrten sich nun zahlreiche HĂ€nde, kundige wie unkundige, um bei der Ernte der VolkstĂŒberlieferungen zu helfen und der Nachwelt die letzten Urkunden des versinkenden germanischen Heidentums zu ĂŒbergeben. Die sich anschließende Volkskunde der Gegenwart zeigte, daß die Spannkraft des alten Glaubens noch immer nicht ganz erlahmt war, und enthĂŒllte die alte Gliederung der heidnischen Glaubenswelt in bestimmte Vorstellungsgruppen, in vielen StĂŒcken vollstĂ€ndiger und sicherer als die altnordische Literatur. Von dieser gleichsam doppelt bezeugten Gliederung habe ich mich bei der Anordnung dieses Buches leiten lassen, nicht von einer Systemsucht.

Endlich tat sich noch ein neues weites Quellgebiet außerhalb der Grenzen unsere NationalitĂ€t auf, die Mythologie der stammverwandten Indogermanen, d. h. der Inder, Perser, Griechen, Römer, Kelten, Letten und Slaven. Der vergleichenden Mythologie gebĂŒhrt trotz mancher Verirrungen und Fehlgriffe das bleibende Verdienst, dargetan zu haben, daß das mythische Wurzelwerk, der Glaube an die niederen DĂ€monen, in wesentlich denselben Formen allen jenen Völkern gemeinsam war und daß selbst der daraus aufgestiegene Stamm, der Göttermythus, dieselben oder Ă€hnliche HauptĂ€ste ĂŒber sie ausbreitete. Erst dieser große Zusammenhang weist unsrer oft so lĂŒckenhaften und imverstĂ€ndlichen Überlieferung die richtige Stelle an.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der MĂŒtter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – MythenansĂ€tze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – MythenansĂ€tze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – WalkĂŒren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im tĂ€glichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt