China und der Dreibund

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Als die Türken von Südosten anstürmten, als sie, zuerst 1408, das Adriatische Meer erreichten, als sie bis Krain und Laibach vordrangen, als sie endlich so ziemlich ganz Nordafrika für sich gewonnen (denn auch der Sultan von Marokko hatte wenigstens Tausende von türkischen Soldaten), da erbebte Europa. Die ganze Christenheit fühlte sich in ihren religiösen und staatlichen Lebensbedingungen bedroht. Trotzdem gewann es Frankreich über sich, mit den Erzfeinden der Christen Freundschaft zu schließen. Das war nicht gerade löblich. Allein Frankreich stand sich gut dabei, und das christliche Europa — lebt noch heute. Ähnlich wird es wohl mit der gelben Gefahr werden. Auch vor ihr zitterte Europa in seinen Grundfesten. Jetzt aber beginnen schon Bündnisse der Westmächte mit den ostasiatischen; Englands mit Japan, Nordamerikas mit China, und man beginnt einzusehen, daß auch bei den Gelben heißer gekocht wird als gegessen.

Mit Recht ist man davon abgekommen, die gelbe Gefahr in Bausch und Bogen heraufzubeschwören. Man zieht es jetzt vor, greifbare Tatsachen zu bringen, ohne weitgehende Folgerungen daran zu knüpfen.

Gegen die Gefährlichkeit der Gelben spricht besonders ihre Uneinigkeit. Der Krieg von 1894/95, die Japaner zuerst in Peking 1900, der Fall Tatsu-maru, der Boykott gegen die Japaner, der Streit um die Verwaltung der Mandschurei — das sind die Etappen in der Entwicklung des Verhältnisses der beiden Hauptmächte Ostasiens. Auch religiös besteht Feindschaft. Die Allbuddhisten Japans, die Anhänger des Fürstabts der Hungandji-Sekte, arbeiten in Lhassa und der Nord-Mongolei gegen den Buddhismus und den Lamaismus Chinas. Der Mikado ist der ferne Freund des Dalai-Lama gegen den nahen Bedränger, den Himmelssohn, wie einst Pippin den Papst gegen Byzan stützte. Rein territorial schon kann das Wirken Japans den Chinesen gar nicht anders als bedenklich erscheinen. Seit 1904 treiben japanische Agenten in der Mongolei und bei den russischen Burjaten ihr Wesen. Sie bewaffneten damals den Mongolenhäuptling Adachi und seine Zehntausend, sie vermochten Burjaten dazu, die sibirische Bahn zu zerstören. Sie sind jetzt daran, die mongolischen Fürsten mit der Gründung eines tibeto-mongolischen Großstaates vertraut zu machen. Vor zweihundert Jahren hat ein derartiger Pufferstaat zwischen Sibirien und dem himmlischen Reiche tatsächlich bestanden, das Kalmückenreich, das sich von Lhassa bis zum Baikal und Baikasch, von den Khalchi bis nach Fergana erstreckte. Es ist ein verwünscht gescheiter Gedanke der Japaner, den Wunsch der Wiedererweckung des Kalmückenreiches den noch von Dschingis-Khan träumenden „Bogenspannern des Nordens“ einzuflößen. Als Klienten des Mikados könnten sie gegen den Zaren wie den Himmelssohn verwendet werden.

Seit 1910 ging Japan zwar mit Rußland. Die Freundschaft richtete sich gegen China und Amerika. Also genau wie bei der einst alles zu überschwemmen drohenden Türkei entstehen Bündnisse und Gegenbündnisse. Die große Flut teilt sich und speist Kanäle. Die Überschwemmungswasser werden auf westliche Mühlen geleitet.

Statt das ganze Abendland zu erschüttern, fügt sich Ostasien in die Comity of nations, in den Rahmen des Völkerrechts und der Weltmächte, der Weltindustrie und des Welthandels ein und gliedert sich seinerseits in getrennte Nationen.

Allerneuestens freilich sind die Japaner wieder daran, mit China gegen Rußland zu gehen. Die Gelegenheit, den in Südosteuropa beschäftigten Zaren von der Mongolei abzudrängen, scheint günstig.

Die RĂĽstungen der Russen an ihrer Westgrenze dauerten bis zum März in unverminderter Kraft fort. Man rechnete, daĂź bereits 700 000 Mann dm Armeebezirke Warschau unter den Waffen waren. EigentĂĽmlich war dabei wieder einmal die gegenseitige Förderung militärischer Gegner durch die Industrie. Auch gegen die deutsche Grenze sind bedeutsame MaĂźregeln ergriffen worden. Trotzdem haben wir dem Zarenstaate dreihundert Lastautomohile und 12 000 Wagen preuĂźischer Kohle fĂĽr Kriegszwecke geliefert. Kein Zweifel: trotz gelegentlicher Entgegnung und AbrĂĽstung verschärft sich die Lage zwischen dem Dreibund und RuĂźland. Da wäre nun ein Staat, an den man wenig denkt, geeignet, eine Ablenkung zu unseren Gunsten herbeizufĂĽhren: China. Der Dreibund sollte mit dem Reich der Mitte Zusammengehen. Den Chinesen ist vor Jahresfrist die Mongolei entrissen worden. Dem äuĂźeren Anschein nach hat sich die Mongolei fĂĽr unabhängig erklärt; tatsächlich ist sie zu diesem Schritte von Petersburg aus veranlaĂźt worden. Tatsächlich ist die Mongolei eine Vasallin RuĂźlands. Nun haben die Chinesen den Verlust ihres Nordterritoriums, das an drei Millionen Geviertkilometer groĂź ist, sehr schmerzlich empfunden und wollen sich keineswegs darein schicken. Die Erklärung des Geghen von Urga, auch nach seinem Titel „Hutuktu“ genannt, daĂź er hinfort nicht nur der geistliche, sondern auch der weltliche Herr der Mongolei sein werde, hat, wie die Kundgebung des Dalai-Lama, durch die er sich auch zum weltlichen Herrscher Tibets aufwarf, in Peking nicht nur keine Anerkennung gefunden, sondern sie ist auf ernstlichen Widerstand gestoĂźen. Sofort nach den beiden Pronunciamentos setzten sich chinesische Truppen gegen Urga und Lhassa in Bewegung. Allein die inneren Unruhen, die noch andauern, haben ein entschiedenes Vorgehn verhindert. Inzwischen ist Urga, das schon zweimal, 1871 und 1900 bis 1902 von russischen und burjatischen Kosaken besetzt war, neuerdings von Soldaten des Zaren eingenommen worden, und in den letzten Wochen haben sich russische Abteilungen gegen Uljassutai, den Hauptplatz der Westmongolei gewandt. Das hat mit Recht den Zorn der Chinesen auf äuĂźerste erregt. Ăśberall im Lande fanden vaterländische Versammlungen statt, der Nationalkrieg gegen RuĂźland wurde gefordert. Yuanschikai schwankte zuerst. Er lieĂź einige alJzu laute Patrioten verhaften, und zur selben Zeit gab er dem Amban in Mukden Befehl, zu einem Feldzuge gegen Urga zu rĂĽsten. SchlieĂźlich lieĂź er sich durch die steigende FĂĽlle und Entschiedenheit von Provinzial- wie Residenzkundgebungen bestimmen, tatkräftig in der mongolischen Sache einzuschreiten. Den Russen blieb es nicht verborgen, daĂź der Schritt sich gegen sie richtete. Es war gerade eine Teilzahlung der Boxerentschädigung fällig; China aber wollte nicht mit Metall herausrĂĽcken und bat um Stundung. Da man in Peking das Geld fĂĽr einen Krieg mit der Mongolei besitze, werde man auch das Geld fĂĽr die Entschädigung flĂĽssig machen können. Auch schickte RuĂźland größere Truppenmassen nach der asiatischen Grenze, und noch in letzter Zeit hat es viele polnische Regimenter, dazu einige polnische Offiziere, die in russischen Verbänden dienten, nach dem fernen Osten abgeschoben. Dann brachte es die groĂźe chinesische Anleihe von 1200 Millionen Mark zum Scheitern, denn der Einspruch Frankreichs gegen den AbschluĂź der Anleihe soll auf Betreiben Petersburgs erfolgt sein. In den letzten Tagen hat sich die Spannung weiter verschärft. Yuanschikai bot 40 000 Mann auf, die in diesen Wochen nach der Mongolei marschieren sollen. AuĂźerdem sollen 500000 Mann auf der zweiten Aufmarschldnie bereitgestellt werden. Der Wunsch zum Losschlagen ist also vorhanden.

Es ist durchaus möglich, daß man eine halbe Million Streiter aufbringt, freilich wie am Balkan, wo Irreguläre, Bandenkämpfer und sogar Landsturmleute, die noch nie einen Schuß aus einer Flinte getan haben, in weitestem Umfang Verwendung finden. An richtig ausgebildeten Truppen wird in China kaum mehr als eine Viertelmillion vorhanden sein. Und auch die stehn nicht auf der Höhe europäischer Truppen, was man freilich auch von den Kosacken nicht behaupten wird. Immerhin könnte die Wut eines Nationalkrieges eine Ievee en masse wie zu Zeiten Carnots aus dem Boden stampfen. Jedenfalls arbeitet man auf militärischem Gebiete in China eifrig. Im Sommer und Herbst 1912 sind Kadettenschulen und Kriegsschulen für Offiziere eingerichtet worden. Bemerkenswert ist, daß bei den Militärärzten Deutsch die Hauptsprache ist und daß auch in den Schulen das Deutsche eine hervorragende Stellung einnimmt. Bei den Kadetten lehren zwei deutsche Offiziere, Major Dinkelmann und Major Kleihöffer. Das sind freilich nur Anfänge. Wenn es Mann an Mann geht, müssen die Chinesen es machen wie die alten Germanen, von denen Tacitus rühmend sagt: durch die Schlacht lernen sie fechten. Daß ein Massenaufgebot Chinas auf keinen Fall eine quantite negligeable darstellt, haben die Russen schon 1880 gespürt. Ja, man kann sogar vermuten, daß der chinesische Aufmarsch in der Mongolei Deutschland wesentlich genützt hat. Im Herbst 1879 drohte der Bruch mit Rußland. Bismarck sprach in Gastein von mobilisieren. Er trat ebendort mit Andrassy in Verbindung und verabredete mit ihm den Zweibund, den er dann, dem Grafen Andrassy nach Wien nachreisend, zum Abschluß brachte. Kaiser Wilhelm war so loyal, lebte noch so in der Idee der russischen Freundschaft, daß er es nicht übers Herz brachte, das neue Bündnis vor Alexander II. geheimzuhalten. Nachdem er nicht ohne Mühe vom Fürsten Bismarck die Zustimmung erlangt, setzte er sich mit dem Zaren im November persönlich ins Benehmen. Die Zusammenkunft geschah auf einem Jagdschloß nahe an der ostpreußischen Grenze. Die Urkunden über die dortigen Verhandlungen sind im Briefwechsel Kaiser Wilhelms abgedruckt. Man hätte denken sollen, daß die Vorstellungen des alten Kaisers und die Gefahr, die den Russen von einem geeinigten Mitteleuropa drohte, auf den Zaren Eindruck gemacht hätten. Aber was geschah ? Die Rüstungen wurden russischerseits fortgeführt, und die Truppen wurden an der Grenze gehäuft, als ob gar keine Aussprache zwischen den verwandten Herrschern stattgefunden hätte.

Im Jahre 1871 hatten die Russen das Iligebiet besetzt und trotz allem Einspruch aus Peking behauptet. Die Besetzung hing mit allgemeinen Unruhen in Ostturkestan zusammen, bei denen Jacub Khan die Hauptrolle spielte. Der Usurpator Jacub wurde 1876 ermordet. Das benutzten die Chinesen, um Ostturkestan zurĂĽckerobern. Nachdem dort die chinesische Macht wieder vollkommen hergestellt war, verlangte das Tsungli-Yamen, daĂź die Russen ihr Versprechen einlösten, nach Wiederkehr der Ruhe Ili (das nicht eigentlich zu Turkestan gehört) zurĂĽckzugeben. In Petersburg wollte man nicht, ebensowenig wie später die Engländer ihr Versprechen in Ă„gypten einlösen wollten. Da entschloĂź sich Li-hungtschang, der ebenso wie heute Yuanschikai zugleich General und Staatsmann war, zu einer umfassenden Mobilisation. Dadurch wurde RuĂźland genötigt, groĂźe Massen nach dem Osten zu werfen. Der rheinische Weltreisende Joest berichtet in seiner Rede durch Sibirien, wie sehr er durch diese MaĂźregeln in seinem Fortkommen behindert wurde, daĂź Dutzende von MilitärzĂĽgen ostwärts dem Ural zurollten. Auf der andern Seite haben wir das Zeugnis des Majors von Bothmer (freilich an einer recht abgelegenen Stelle, in einer Besprechung meiner ,,Geschichte Sabinens“), daĂź nach seinen Erkundungen — er ist selbst im Tarimbecken gereist — die militärische Stellung der Chinesen bei Kaschgar und Uljassutai so stark war, daĂź allein daraufhin das Petersburger Kabinett sich zur RĂĽckgabe Ilis entschloĂź. Aus alledem geht hervor, daĂź die drohende Haltung Chinas zum Erfolge des Zweibundes (der erst drei Jahre später zum Dreibunde erweitert wurde) in gewissem MaĂźe beitrug. Heute ist die Lage der von 1879/80 auĂźerordentlich1 ähnlich. Auch heute könnte ein Vormarsch der Chinesen die Heere Mitteleuropas teilweise entlasten. Schon längst ist ĂĽbrigens der Vater der chinesischen Verfassung, Sunyatsen, fĂĽr ein BĂĽndnis mit Deutschland eingetreten. Nachdem einmal ungeschickt erweise die japanische Freundschaft verpfuscht ist, wäre ein enger ZusammenschluĂź mit China ohne Zweifel das Gegebene.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen TĂĽrkei